08.10.2001

PAKISTANDie Rekruten von Peschawar

Im Norden werben die Taliban junge Krieger für den Dschihad. Sie locken mit Drogengeldern.
Seit Tagen findet Mohammed Abdullah, ein Teppichhändler vom Khyber-Markt, keine Ruhe mehr in seinem Haus. Auch wenn er sich auf das Dach seines sechsstöckigen Anwesens in der Altstadt von Peschawar flüchtet, um die internationale Aufregung, die sich auf sein Land und seine Stadt gelegt hat, mit ein paar blauweißen Wölkchen aus der Opiumpfeife zu vertreiben, wird er nicht gelassener. Der durch Lautsprecher verstärkte Redefluss des Mullahs dringt in jede Ecke seines Heims.
Von Abdullahs Terrasse sieht man Koranschüler im Hof einer Moschee knien. Sie beugen regelmäßig die Körper und rufen Allah an. Von weitem sieht das aus wie eine Exerzierübung.
Ein Jahr lang haben diese jungen Männer, es mögen 500 sein, den Koran studiert. Heute bekommen sie ihren Turban und werden damit zu Mullahs gemacht. "Ich mag sie nicht", sagt Abdullah, "sie wollen den Dschihad. Ich aber liebe den Frieden." Der 55-jährige bärtige Mann betrachtet deprimiert sein prall gefülltes Teppich-Depot. Seit Wochen hat er nichts mehr verkauft. "Krieg ist schlecht fürs Geschäft, keine Touristen", sagt er bündig.
Die Stimme des Mullahs hebt sich wieder. "Er sagt: Vertraut dem Wort des Propheten, und kämpft gegen die USA", übersetzt Abdullah. Viele junge Männer melden sich bei den Taliban, die in Peschawar ein Büro unterhalten und Kontakt-Telefonnummern an Häuserwände sprühen. Über 6000 freiwillige Kämpfer, meist aus Pakistan, seien bereits in Kabul eingetroffen, meldet eine Zeitung. Die Zahl mag übertrieben sein, aber Hunderte sind es gewiss.
Wer jetzt nach Afghanistan aufbricht, um in den Heiligen Krieg zu ziehen, den treibt nicht nur religiöses Empfinden. "Die Taliban zahlen viel Geld", sagt Raschid, der am Khyber-Markt in einem Internet-Café arbeitet und Englisch mit betont amerikanischem Akzent spricht. "Vielleicht gehe ich auch. Dann werde ich reich", fügt der 17-Jährige hinzu.
Vor ein paar Tagen hat er sich bei einem Onkel, der mit den Taliban sympathisiert, nach dem Sold erkundigt. Am besten verdienen die Kämpfer in der vordersten Reihe, diejenigen, die den ersten Ansturm der Kreuzritter aufhalten sollen. "Viele werden sterben. Aber was soll passieren? Wer überlebt, braucht nie mehr zu arbeiten, wer stirbt, kommt ins Paradies."
Glaubt er wirklich, dass das mit dem Paradies so sicher ist? "Ja, weil der Islam die wahre Religion ist", erwidert der junge Mann empört und bedient verärgert den nächsten Kunden, der die neueste Windows-Version verlangt. Raschid hat einen ganzen Stapel Raubkopien. Die Amerikaner mag er nicht, ihre Produkte schon: Selbst die T-Shirts mit Osama Bin Laden werden in Peschawar jetzt mit zusätzlichem Nike-Aufdruck verkauft.
In der Millionenstadt der North West Frontier Province, nur 30 Kilometer von der Grenze entfernt, leben Hunderttausende Afghanen. Sie halten zu den Taliban oder zur oppositionellen Nordallianz; oder sie wollen ihre Ruhe haben wie Mohammed Abdullah. In den vergangenen Tagen hat die pakistanische Polizei die Viertel durchkämmt und die Personalien junger Männer überprüft. Wer keine Aufenthaltserlaubnis hatte, wurde abgeschoben. "Damit hilft Pakistan den Taliban, denn die Männer werden hinter der Grenze sofort zum Kriegsdienst eingezogen", schimpft Hassan, ein 40-jähriger Afghane.
"Die Stimmung im Viertel wird immer schlechter", sagt er. Früher war Hassan Kommandeur bei der Nordallianz. Trotzdem war er eben noch mit einigen Taliban in derselben Moschee, um zu beten. "Wenn die Amerikaner bomben, wird es auch hier Kämpfe zwischen den Taliban und den Anhängern des Nordens geben", prophezeit er. Bewaffnet sind Afghanen, wem immer sie die Treue halten, allemal.
In Darra, einer für Journalisten gesperrten Stadt südlich von Peschawar, werden von der Pistole bis zur Rakete alle Geräte hergestellt, die man bei Kriegen so braucht. Doch man muss nicht nach Darra fahren, um die Produktpalette zu betrachten, aus der sich die Taliban bis heute reichlich bedienen, um ihr Waffenarsenal aufzufüllen. Wer im Afghanerviertel nach Dschingis fragt, bekommt auch eine kleine Auswahl angeboten.
Die Kalaschnikows müsste Dschingis erst holen, aber Mauser-Pistolen und "Pen Pistols" hat er dabei. Dann demonstriert er, wie man einen Kugelschreiber in eine Schusswaffe verwandelt: Spitze abschrauben, Sechs-Millimeter-Patrone rein, zudrehen, per Druckknopf abfeuern. Wer auch immer demnächst ein Flugzeug entführen will: Dschingis ist der Händler seines Vertrauens.
Selbst kämpfen will er nicht. Der 20-Jährige träumt von einem Leben in Deutschland: "Da ist es schön." Sein Cousin, der in einer kleinen Kaschemme apfelgroße Haschischklumpen abwiegt und verkauft, hat seine Rauchhöhle mit bunten Alpenbildern tapeziert. Wenn die Clans in Peschawar sich demnächst den Krieg erklären, wird Dschingis hier sitzen, rauchen, ab und zu eine Pistole verkaufen oder eine AK-47 vermitteln. Und er wird mit großen Augen und benebelten Sinnen saftige grüne Almlandschaften anstarren. CLAUS CHRISTIAN MALZAHN
Von Claus Christian Malzahn

DER SPIEGEL 41/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 41/2001
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PAKISTAN:
Die Rekruten von Peschawar

Video 01:48

Indonesien Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen

  • Video "Stimme aus dem Sarg: Toter spricht auf seiner eigenen Beerdigung" Video 00:00
    Stimme aus dem Sarg: Toter spricht auf seiner eigenen Beerdigung
  • Video "Rituale im britischen Unterhaus: Lady Usher of the Black Rod" Video 01:41
    Rituale im britischen Unterhaus: "Lady Usher of the Black Rod"
  • Video "Englands Trainer nach rassistischen Vorfällen: Wir haben ein Statement abgeliefert" Video 03:19
    Englands Trainer nach rassistischen Vorfällen: "Wir haben ein Statement abgeliefert"
  • Video "Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend" Video 01:42
    Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Video "Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth" Video 00:50
    Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth
  • Video "Videoanalyse: Kurden schmieden Allianz mit Assad" Video 04:33
    Videoanalyse: Kurden schmieden Allianz mit Assad
  • Video "Proteste gegen Separatisten-Urteil: 50 Verletzte in Barcelona" Video 01:26
    Proteste gegen Separatisten-Urteil: 50 Verletzte in Barcelona
  • Video "Ex-Fußball-Torhüter: Petr Cech wird zum Eishockey-Helden" Video 01:31
    Ex-Fußball-Torhüter: Petr Cech wird zum Eishockey-Helden
  • Video "Wiedereröffnung des britischen Parlaments: Die Queen musste ein Tory-Wahlprogramm vorstellen" Video 03:41
    Wiedereröffnung des britischen Parlaments: "Die Queen musste ein Tory-Wahlprogramm vorstellen"
  • Video "Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne" Video 01:39
    Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne
  • Video "Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch" Video 05:57
    Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch
  • Video "Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören" Video 01:23
    Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören
  • Video "Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt" Video 04:00
    Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt
  • Video "Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen" Video 07:46
    Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen
  • Video "Indonesien: Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen" Video 01:48
    Indonesien: Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen