08.10.2001

USAHilfe vom Roten Prinzen

Trotz seiner Verantwortung für das Münchner Olympia-Massaker beschäftigte die CIA den palästinensischen Top-Terroristen Ali Hassan Salameh.
Am 5. September 1972, kurz nach 4.30 Uhr morgens, wurden die Athleten im Olympischen Dorf in München von Schüssen geweckt. Acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September" waren in das Quartier der israelischen Mannschaft eingedrungen, hatten zwei Sportler getötet und neun andere als Geiseln genommen. Die Angreifer forderten die Freigabe von 234 Insassen israelischer Gefängnisse, die Entlassung der "RAF-Führungskader Andreas Baader und Ulrike Meinhof" aus deutscher Haft sowie freien Abzug.
Nach einem Feuergefecht mit Polizisten auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck waren alle Geiseln, fünf Terroristen und ein Polizeibeamter tot. Aus ihrer Zelle in Köln-Ossendorf feierte Ulrike Meinhof das Massaker als "Akt der Befreiung im Akt der Vernichtung".
Drahtzieher des Anschlags war ein alter Bekannter der deutschen Terroristin, bei dem sie zwei Jahre zuvor ihre Guerrillaausbildung erhalten hatte: der Operationschef des Schwarzen September Ali Hassan Salameh oder, wie ihn die Geheimdienstler des israelischen Mossad nannten, der Rote Prinz.
Den Platz an der Spitze der Terror-Aristokratie verdiente Salameh zu Recht. Lange war er den Häschern des jüdischen Staats "ein Rätsel, ein Geheimnis. Noch nie hatten sie mit einem solchen Feind zu tun gehabt", schilderten israelische Experten die "Jagd auf den wohl mörderischsten, meist gesuchten Terroristen"**.
Als "intelligent, verschlagen, brutal und schwer fassbar" galt er in Mossad-Kreisen. Salameh, weltgewandt, mehrsprachig und charmant, den der britische Schriftsteller John le Carré in seinem Agententhriller "Die Libelle" als vielschichtigen PLO-Kämpfer "Khalil" verewigte, war dabei ein Mann, "der genug Brutalität besaß, um die übelsten und hemmungslosesten Bosheiten auszuhecken; zugleich besaß er aber
auch die richtige Intuition und das nötige Durchstehvermögen, um solche Anschläge durchzuführen".
Und dennoch war der Top-Terrorist über Jahre heimlicher Gesprächspartner der CIA. Sie führte ihn unter dem Codenamen MJTRUST/2 und arbeitete fast ein Jahrzehnt mit Salameh zusammen - von 1973 an in voller Kenntnis seiner Verantwortung für das Olympia-Attentat -, wie Duane Clarridge, ein ehemaliger hochrangiger CIA-Mann für Geheimaktionen, offenbarte.
Ali Hassan Salameh war der Sohn des legendären Scheichs Hassan Salameh. Der seit dem Araberaufstand gegen die Briten in den Jahren 1936 bis 1939 als Volksheld verehrte Vater fiel 1948 im Kampf gegen Israel. Ali war damals sechs Jahre alt. Nach dem Studium an der American University in Beirut und nach der Niederlage der Araber im Sechstagekrieg im Juni 1967 trat Ali der palästinensischen Guerrillaorganisation al-Fatah bei. Deren Chef Jassir Arafat förderte den jungen Mann aus berühmter Familie und machte ihn zu einem der Führer des Geheimdienstes Dschihas al-Rasd.
Als Vertrauter Arafats weckte Salameh das Interesse der CIA, die damals nach gemäßigten palästinensischen Gesprächspartnern suchte. Kontaktmann war der fließend Arabisch sprechende Agent Robert C. Ames. Getarnt als Diplomat, nahm er 1969 in Beirut erstmals Verbindung zu Salameh auf.
Was Ames anbot, war auch für die Palästinenserorganisation PLO von höchstem Interesse: einen vertraulichen Kanal zu Sicherheitsberater Henry Kissinger. Außerdem vereinbarten die beiden Geheimdienstler, sich künftig gegenseitig über drohende Gefahren für ihre Sicherheitsbelange zu informieren. Die Zusammenarbeit funktionierte so gut, dass sich die CIA 1970 sogar zu einem Anwerbeversuch verleiten ließ. Drei Millionen Dollar bot sie Salameh für seine Dienste an. Der palästinensische Nationalist wies das Ansinnen empört zurück und brach den Kontakt ab.
Im September 1970 wurden Arafats Fatah-Kämpfer von König Husseins Beduinentruppen aus Jordanien verjagt. Tausende Tote blieben zurück. Es war der schwärzeste Monat in der Geschichte der PLO. Zugleich verstärkte die Volksfront zur Befreiung Palästinas unter Georges Habasch ihre Mordaktivitäten in aller Welt. Um Arafats Führungsrolle nicht an den radikaleren Konkurrenten zu verlieren, gründete al-Fatah die Terrororganisation Schwarzer September. Eine ihrer Schlüsselfiguren war Ali Hassan Salameh.
Arafat kontrollierte die Schrecken verbreitende Truppe und konnte sich von ihren Aktionen doch - politisch korrekt - distanzieren. Attentate, Sabotageakte, Flugzeugentführungen, Geiselnahmen, Botschaftsbesetzungen und Massaker auf Flughäfen gingen auf das Konto des Schwarzen September. Die blutige Spur zog sich von Kairo bis Washington und von Athen bis nach Paris. Auch der Einsatz entführter Passagierflugzeuge als Kamikaze-Bomber gegen Tel Aviv wurde damals schon angedroht. Doch den Höhepunkt der terroristischen Aktivitäten bildete der Olympia-Anschlag.
Wegen seiner Rolle als Planer des Münchner Terrorakts unterließ die CIA zunächst alle Versuche, erneut mit Salameh in Kontakt zu treten. Dies änderte sich erst, nachdem im März 1973 zwei US-Diplomaten in der sudanesischen Hauptstadt Khartum vom Schwarzen September ermordet worden waren. "Meine Firma ist immer noch daran interessiert", schrieb CIA-Mann Ames an die Palästinenser, "mit Alis Firma in Verbindung zu treten."
Ein erstes hochkarätiges Geheimtreffen kam am 3. November 1973 in Marokko zu Stande. Kissinger entsandte den stellvertretenden CIA-Chef Vernon Walters "allein und unbewaffnet" nach Rabat; Salameh, inzwischen einer der meistgesuchten Terroristen der Welt, vertrat die PLO.
Auch von jährlichen CIA-Zahlungen an die Palästinenser für den Schutz der US-Botschaft in Beirut und anderer amerikanischer Einrichtungen im Nahen Osten war die Rede. Zudem lieferte Salameh Hinweise auf geplante Attentate gegen Kissinger und den US-Botschafter in Ägypten. Doch während Kissinger in seinen Memoiren behauptet, der Anfang des amerikanisch-palästinensischen Dialogs sei auch zugleich sein Ende gewesen, wurde der Salameh-Kontakt heimlich weitergeführt.
Im Herbst 1974 hielt Arafat "mit einem Olivenzweig und dem Revolver des Freiheitskämpfers", wie er damals sagte, seine erste Rede vor der Uno-Vollversammlung in New York. Zur gleichen Zeit traf sich Salameh erneut mit Ames in einer luxuriösen Suite im Waldorf Astoria Hotel.
Arafat ging es um die Anerkennung der PLO als "einziger legitimer Repräsentantin des palästinensischen Volkes" durch die Amerikaner. Dafür versprach Salameh, die Fatah werde in Zukunft auch versuchen, andere Gruppierungen innerhalb der PLO von Anschlägen abzuhalten.
Außerdem hatte der Schwarze September seine Operationen inzwischen stillschweigend eingestellt. Der Terrorist Salameh übernahm eine respektablere Funktion. Arafat übertrug ihm die Führung seiner neuen Leibwächtertruppe "Force 17".
Am spektakulärsten arbeitete die CIA mit dem Terroristen 1976 auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs im Libanon zusammen. Für amerikanische Diplomaten erwies sich der Aufenthalt in Beirut damals als lebensgefährlich. US-Botschafter Francis Meloy und seine beiden Begleiter wurden auf einer Dienstfahrt ermordet.
Präsident Gerald Ford ordnete eine dramatische Evakuierungsaktion für US-Bürger aus dem Libanon an. Der Beiruter Flughafen lag unter Beschuss, Freischärler bedrohten die Straßen nach Syrien. Briten und Franzosen organisierten trotzdem Konvois nach Damaskus. Die Amerikaner zogen den Einsatz der Sechsten Flotte vor.
Während ein Landungsboot der U. S. Navy die Flüchtlinge aufnahm, sicherten Salamehs schwer bewaffnete Männer den Strand. Der damalige CIA-Chef und spätere Präsident George Bush verfolgte das Unternehmen im Lagezentrum in Langley. Ford dankte Arafat öffentlich,
Kissinger schickte ein Dankschreiben. Die CIA war nicht weniger dankbar. Sie spendierte Salameh und seiner Verlobten Georgina Risak, einer libanesischen Schönheitskönigin und ehemaligen Miss Universum, eine Reise in die USA. New Orleans und Hawaii standen auf dem Programm, gefolgt von einem Abstecher nach Langley.
Doch sein gutes Verhältnis zur CIA nutzte Salameh letzten Endes wenig. Gleich nach dem Münchner Olympia-Anschlag hatten Agenten des Mossad die Jagd auf den Roten Prinzen aufgenommen. Im norwegischen Wintersportort Lillehammer hatte dies 1973 bereits zur irrtümlichen Exekution eines marokkanischen Kellners durch die Israelis geführt.
Am 22. Januar 1979 trafen sie dagegen den Richtigen. Mit einer ferngezündeten Bombe sprengten sie Salameh mitsamt seinem Auto in Beirut auf offener Straße in die Luft. Verbittert bemerkte ein hochrangiger CIA-Mann: "Ich denke, es waren die Israelis; das liegt an ihrer Auge-um-Auge-Ethik und an ihrem langen Gedächtnis. Sie wussten aber auch, dass er uns geholfen hat und dass wir ihm verpflichtet waren."
David Ignatius, Chefredakteur der "International Herald Tribune", meint, die Verbindung Ames/Salameh habe den Osloer Friedensvereinbarungen den Weg geebnet. Doch das ist fraglich. Ames kam 1983 ums Leben, als eine Autobombe die US-Botschaft in Beirut teilweise zerstörte, und weiterhin betätigt sich die Familie Salameh mit tödlichem Erfolg im Terror-Business.
Der erste Verdächtige, der 1993 nach dem Bombenanschlag auf das World Trade Center verhaftet wurde, hieß Mohammed Salameh. "Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass es sich um einen Verwandten Ali Hassan Salamehs handelt", stellte der PLO-Experte David Halevy fest. "Die Salamehs kommen alle aus derselben Gegend, und alle sind sie miteinander verwandt." Ein New Yorker Gericht verurteilte Mohammed Salameh zu 240 Jahren Gefängnis. AXEL FROHN
* Beim Geiseldrama während der Olympischen Spiele in München 1972. ** Michael Bar-Zohar, Eitan Haber: "The Quest for the Red Prince". William Morrow & Co., New York 1983; 232 Seiten. * Mit Jassir Arafat (Kreis).
Von Axel Frohn

DER SPIEGEL 41/2001
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