08.10.2001

PALÄONTOLOGIESüchtige Sammler

Vor 200 Jahren stießen britische Hobbyforscher erstmals auf Überreste von Sauriern - und hielten sie für Geschöpfe Satans.
Mary Anning war zwölf Jahre alt, als sie im Jahr 1811 auf den Klippen der englischen Küstenstadt Lyme Regis eine ungewöhnliche Entdeckung machte. Aus dem Kalkstein schimmerte der Umriss eines Schädels. Das Mädchen, dessen Familie vom Verkauf von Versteinerungen lebte, zückte sein Hämmerchen. Knochen für Knochen löste es aus dem weißen Gestein, bis es das ganze Fossil freigelegt hatte: ein vollständig erhaltenes, fast sechs Meter langes Gerippe.
Der Fund machte das Kind zur Pionierin einer Wissenschaft, die es damals noch gar nicht gab - der Kunde von den Sauriern. Erst zehn Jahre später hatten die Gelehrten einen Namen für das ungeheuerliche Wesen gefunden, dessen Augenhöhlen so groß waren wie Untertassen: Ichthyosaurus - zu Deutsch: Fischechse.
Auf noch unerklärliche Weise vereinte es Fisch- und Reptilienmerkmale, ähnelte einem Krokodil und schürte, wie alle folgenden Saurierfunde, die Phantasie der Forscher: Aus was für einer Welt stammten diese Zwitterwesen? Wann hatten sie gelebt? Hatte gar Satan sie einst gesandt? Im biblischen Schöpfungsplan jedenfalls war von solch bizarren Kreaturen keine Rede.
Die Entdeckung der prähistorischen Riesen stellte das alte Weltbild auf den Kopf. Anfangs, so schreibt die BBC-Autorin Deborah Cadbury in ihrem Buch "Dinosaurierjäger", erlagen der Fossiliensucht vor allem skurrile Hobbyforscher: weltabgewandte Exzentriker, die ihre Wohnungen zu Weihestätten sorgfältig etikettierter Knochenreste machten und nichts lieber taten, als die Steinbrüche Großbritanniens in speziell verstärkten Reisekutschen abzufahren, um Wagenladungen voll Felsengeröll zu kaufen*.
Cadbury hat dem Leben der süchtigen Sammler in Tagebuchaufzeichnungen und Briefen nachgespürt - und kann deshalb erzählen, was in noch keinem Dinosaurierbuch stand: wie frustrierte Forschergattinen innerlich vertrockneten, weil der Mann plötzlich nur noch Augen für fossile Skelette hatte. Wie sich wunderliche Gelehrte zwischen selbst gebastelten Kerzenständern aus Saurierwirbeln zum Fünfuhrtee mit Mäusetoast und Krokodilhäppchen versammelten, um das Tierreich auch geschmacklich zu systematisieren. Und wie die Sonderlinge zu Ikonen einer neuen Zunft wurden, die im Wettstreit um Ruhm und Macht nur noch eines im Kopf hatten: sich gegenseitig zu bekämpfen.
Die Saurierforscher profitierten von der zunehmenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Überall in Großbritannien wurde die Erde für den Bau von Bahn-
linien und Kohlegruben umgepflügt und gab fast täglich rätselhafte Funde frei. Landadel wie Fußvolk waren fasziniert - und nannten sich die "Untergrundkundler".
Der neue Volkssport bot enorme Verdienstmöglichkeiten: Die Familie der kleinen Mary Anning etwa konnte allein vom Erlös ihres Riesenskeletts ein halbes Jahr lang leben. Geschäftstüchtigere Gauner bastelten mit Gips und Klebstoff zusätzliche Schwanzwirbel oder Nasenstachel an ordinäre Funde, um besonders hohe Preise zu erzielen.
Einer der bedeutendsten Dino-Forscher war der inzwischen weitgehend vergessene Landarzt Gideon Mantell. Tagsüber kurierte er seine Patienten in den Dörfern der Grafschaft Sussex, nachts klopfte er sich mit Leidenschaft durch Versteinerungen. Als er 1822 einen Zahn fand, der dem eines Krokodils glich, aber viel größer war und an der Oberfläche stumpf wie der eines Pflanzenfressers, hielt er etwas Unvorstellbares in der Hand: Vegetarische Riesenreptilien kamen in den Zoologie-Lehrbüchern so wenig vor wie die echsenartigen Oberschenkelfragmente von 62,5 Zentimeter Umfang, die Mantell in einem anderen Steinbruch entdeckt hatte.
Ungläubig rechnete der Arzt hoch: Konnte ein Herz Blut durch ein zehn bis zwölf Meter langes Wesen gepumpt haben? Welche Mengen hatten die titanischen Geschöpfe gefressen, um ihre Körper am Leben zu halten? "Wie Frankenstein war ich erschrocken von dem riesigen Ungeheuer, das meine Untersuchungen zum Leben erweckt hatten", schrieb er einem Freund.
Ähnlich erging es den anderen Wegbereitern der neuen Zunft. Niemand konnte den Ursprung der gigantischen Knochen erklären, die wie Hieroglyphen aus einer unbekannten Welt auftauchten. Doch die Phantasie gebar wilde Spekulationen: Eine Hypothese besagte, dass die Knochenreste zu Elefanten gehörten, auf denen Julius Caesar einst nach Großbritannien geritten war. Andere Forscher hielten sie für Überbleibsel sündiger Riesenbiester, die während der biblischen Sintflut keine Zuflucht in der Arche Noah gefunden hätten. Die fortschrittlichen Anhänger der noch jungen Evolutionstheorie wagten gar die ketzerische Vermutung, die Gerippe könnten von Vorfahren der Menschen stammen.
Bald verfügte Mantell, der als gefragter Redner und Korrespondenzpartner im Mittelpunkt der Saurierdebatten stand, über die größte systematische Fossiliensammlung des Landes - und die Royal Society, die ehrwürdige Versammlung britischer Wissenschaftler, nahm den Sohn eines Schuhmachers in ihre Reihen auf. Er erklärte sein Haus zum öffentlichen Museum, schwärmte von der "unübertroffenen Schönheit" des toten Getiers. Fortan drängelten sich prominente Schaulustige durch die mit miefigen Knochen voll gestopften Zimmer - seine Frau aber packte entnervt die Koffer und verließ Mann und Muff.
1842 traf ihn ein neuer Schicksalsschlag. Nicht er, sondern ein anderer gab den merkwürdigen Wesen ihren Sammelnamen: Dinosaurier, "Furcht einflößende Echse". Der ehrgeizige Anatom Richard Owen wollte sich unsterblich machen - sein Name, nicht der Mantells, sollte für immer mit der Saurierforschung verbunden bleiben. Nahezu wahnhaft setzte er alles daran, den Konkurrenten zu entmachten - mit Erfolg: 1853 beaufsichtigte der Anatom die ersten lebensnahen Rekonstruktionen von Sauriern für eine dauerhafte Ausstellung im Sydenhamer "Crystal Palace".
Mit großem Tamtam zelebrierte Owen in der Silvesternacht den Höhepunkt seiner Karriere: Inmitten halb vollendeter Saurierskelette, die von Flaschenzügen und Seilen gehalten wurden, empfing er die aufgetakelte viktorianische Gelehrtenschickeria im Bauch eines Dinos an weißen Damastdecken zum Mitternachtsdinner. Aus den Furcht einflößenden Echsen waren societyfähige Kultfiguren geworden.
Hobbyforscher Mantell war zuvor verstorben - ebenso verbittert wie Mary Anning, die ihr Leben lang die Zoologen mit geheimnisvollen Funden von Dorsets Klippen beliefert hatte. "Diese gelehrten Männer", klagte sie einer Freundin, "haben mein Gehirn ausgesogen und jede Menge davon profitiert, Werke zu veröffentlichen, deren Inhalt ich geliefert habe." KATJA THIMM
* Deborah Cadbury: "Dinosaurierjäger". Rowohlt Verlag, Reinbeck; 448 Seiten; 44,79 Mark.
Von Katja Thimm

DER SPIEGEL 41/2001
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