08.10.2001

AUSSTELLUNGENNachtsicht auf Stadtlandschaft

Wenn sich der New Yorker Maler und Fotograf David Deutsch demnächst mal wieder auf Motivsuche begibt, könnte er Probleme bekommen. Denn gern steigt er nachts mit einem Helikopter, an dem ein Suchscheinwerfer installiert ist, in den amerikanischen Luftraum auf - und der dürfte nach den Terroranschlägen vom 11. September selbst für unverdächtige Künstler erst einmal gesperrt bleiben. Deutschs Aufnahmen von menschenleeren Stadtlandschaften, von Häusern, Hinterhöfen und Gärten sind unheimlich: Die Flutlicht-Helligkeit des Scheinwerfers lässt die verschwommenen Helldunkelbilder wie brisante Dokumente einer Großfahndung wirken. Zu sehen sind die Bilder des Observators Deutsch in der Ausstellung "Rhetorik der Überwachung", die am kommenden Wochenende im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe eröffnet wird (bis 24. Februar) - ebenso wie Aufnahmen des Düsseldorfer Fotografen Thomas Ruff, die gleichfalls an einen realen Thriller erinnern: Die Ruff-Serie von "Nachtaufnahmen" ist mit Hilfe eines Restlichtverstärkers entstanden. Das Gerät macht die Nacht zum grünlich aufgehellten Tag, so hell, dass nichts verborgen bleibt. Vorbereitet wurde die Karlsruher Kunst- und Kontrollschau von dem New Yorker Kultur- und Medienwissenschaftler Thomas Levin, und zwar schon seit Monaten. Nach den Anschlägen in den USA aber könnten Levins Prophezeiungen schneller als erwartet Realität werden, vor allem die, dass die totale Bespitzelung zu einer gern akzeptierten Selbstverständlichkeit wird - über die sich womöglich nur noch Künstler ärgern. Längst werden in einigen Stadtteilen Londons öffentliche Plätze über Videokameras kontrolliert. In den USA, so Levin, habe es vor den Attentaten noch kritische Stimmen gegen die permanente Überwachung gegeben - "jetzt aber ist fast jeder Amerikaner bereit, im Namen der Sicherheit seine Privatsphäre preiszugeben". Oder die der anderen. Im Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten darf jeder, der dafür ein paar tausend Dollar bezahlt, übers Internet ein Foto von fast jedem beliebigen Ort der Welt ordern. Die Künstlerin Laura Kurgan hat am Tag der Anschläge Satellitenaufnahmen vom Ort des Schreckens in Manhattan bestellt - und sie längst erhalten.

DER SPIEGEL 41/2001
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