08.10.2001

ROBERT MENASSE

Mein Verhältnis zu New York, besonders zu Manhattan ist gespalten, extrem ambivalent. Nur sehr naive oder beschränkte Menschen sind von New York total beeindruckt oder völlig unbeeindruckt. New York zerstört das Gefühl für menschliches Maß - dadurch ist diese Stadt unmenschlich, aber just dadurch erst auch wirklich menschlich, Ausdruck dessen, was Menschen vermögen: als einzige Gattung sich selbst zu übersteigern und sich zu verlassen. Der Horizont als natürliche Orientierungslinie ist in Manhattan ersetzt durch die radikale Vertikale. Das nimmt dem Blick zunächst die Orientierung, das Vertraute und das Vertrauen, und ermöglicht einem dadurch das Neue, das immer Kühnere, das Hochhinauswollen, die Freiheit. Es gibt keinen beschränkten Horizont, weil es keinen Horizont gibt - das ist das Geheimnis von New York. Das kann auch ganz schön depressiv machen - wenn man aus deutschromantischen Landen kommt und immer wieder hören musste: "Wir werden schon dafür sorgen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen!" Nicht einmal die Bäume ...
Ich bin in meiner Lebenszeit Zeitzeuge geworden vom 9. 11. und vom 11. 9. - und dazwischen das schönste Jahrzehnt in der Geschichte seit dem Biedermeier. Am 9. 11. 1989 wurde uns die Freiheit versprochen und am 11. 9. 2001 die Selbstreflexion der Freiheit, die nun wieder zurückgenommen wird. Dies, als Verankerung der Phantasie in der historischen Realität, reicht für ein Lebenswerk.
Ich habe fünf Jahre an meinem Roman "Die Vertreibung aus der Hölle" gearbeitet, eine Erzählung über den Fundamentalismus, eine Parabel über das Mörderische an jeglichem Messianismus, da haben die Türme noch scheinbar unverbrüchlich gestanden. Ihr Brennen kann den Roman in kein anderes Licht setzen, sondern nur erst recht in dieses Licht.

DER SPIEGEL 41/2001
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