08.10.2001

FRANKFURTER BUCHMESSEMesseschwerpunkt „Griechen lieben Gedichte“

Der griechische Autor Petros Markaris über das diesjährige Schwerpunktland der Buchmesse, den Glanz der Athener Nächte und die Macht der Frauen im griechischen Alltagsleben
SPIEGEL: Herr Markaris, in Ihrem aktuellen Krimi "Nachtfalter" muss sich ein tapferer, überarbeiteter Kommissar aus Athen mit Mord, Totschlag und Korruption herumschlagen. Können Sie nach dem Terror vom 11. September noch solch alltägliche Fälle zu Papier bringen?
Markaris: Ich glaube, dass jetzt kein Schriftsteller oder Filmemacher, kein Künstler so weitermachen kann wie bisher. Allerdings, so fürchte ich, wird die Realität die Literatur und den Film immer übertreffen. Was passiert ist, hat sich niemand ausmalen können. Schriftsteller und Filmemacher müssen sich überlegen, wie sie nun in ihren Werken auf den Terror reagieren wollen.
SPIEGEL: Was wird sich in Ihren Büchern ändern?
Markaris: Ich bin seit jenem Dienstag genau mit dieser Frage beschäftigt.
SPIEGEL: Griechenland, das diesjährige Gastland der Buchmesse, wird es angesichts der Weltlage schwer haben, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Woran liegt es, dass die neuere griechische Literatur bei uns bislang fast unbekannt ist?
Markaris: Vielleicht daran, dass die Griechen sich lange Zeit literarisch zum Balkan zugehörig fühlten. Aber mittlerweile empfinden wir uns eindeutig als westeuropäische Literaten.
Spiegel: Wie kam es dazu?
Markaris: Unsere Literatur wurde lange von der Lyrik bestimmt. Wir Griechen lieben Gedichte und rezitieren sie sogar im Alltag. Deshalb sind unsere Lyriker auch bekannter als die Prosaautoren. Denken Sie nur an unsere beiden Nobelpreisträger Giorgos Seferis und Odysseas Elytis. Deshalb war in unseren Romanen nicht die Handlung das Entscheidende, sondern die Sprache. Das hat sich in den letzten zehn Jahren drastisch verändert. Jetzt gibt es Autoren, die kraftvoll erzählen können und die Handlung im Griff haben. Etwa Nikos Themelis in seinem Buch "Jenseits von Epirus", einem wirklich europäischen Roman.
SPIEGEL: Sie pflegen schon lange den Kontakt zur Weltliteratur, übersetzen deutsche Dramatiker von Goethe bis Brecht. Wie findet ein Grieche zu "Faust"?
Markaris: Ich bin eine seltsame Mischung. Mein Vater war Armenier, meine Mutter Griechin, und ich bin in Istanbul aufgewachsen. Das Abitur machte ich dort auf einem österreichischen Realgymnasium. Danach ging ich nach Wien und später noch für ein Jahr nach Stuttgart. Ich habe eine deutsche und keine griechische Kultur - zu 90 Prozent.
SPIEGEL: Und dennoch schreiben Sie auf Griechisch, warum?
Markaris: Weil es meine Muttersprache ist. Ich schreibe aber auch auf Türkisch und Deutsch.
SPIEGEL: Was unterscheidet diese drei Sprachen voneinander?
Markaris: Das Türkische verfällt immer wieder ins Literarische. Es gibt keinen großen Unterschied zwischen der Alltags- und der literarischen Sprache. Die Griechen dagegen haben eine weit ausschweifende Sprache. Man kann keine kurzen Sätze bauen. Als ich die "Mutter Courage" von Brecht übersetzte, stand ich vor enormen Problemen. "Das Frühjahr kommt. Wach auf, du Christ!", das sind nur sieben Wörter in dieser Liedzeile, das kann man unmöglich knapp übersetzen.
SPIEGEL: Wie haben Sie das Problem gelöst?
Markaris: Ich habe einfach etwas weggelassen, damit die Silbenzahl stimmte. Beim Deutschen bin ich immer wieder überrascht über die Möglichkeiten. Die scheinen mir manchmal unbegrenzt zu sein.
SPIEGEL: Dennoch beschreiben Sie die Fälle Ihres Kommissars Kostas Charitos auf Griechisch. In Ihrem jüngsten Krimi "Nachtfalter" wird der meist missgelaunte Leiter der Athener Mordkommission bei einer Schießerei am Ende schwer verletzt. Wird er überleben?
Markaris: Ich habe mich neulich noch einmal im Krankenhaus nach ihm erkundigt. Es hieß, er sei noch im Koma. Solange er lebt, gebe ich die Hoffnung nicht auf.
SPIEGEL: Ihr Geschöpf scheint zäh zu sein. Ist er der Prototyp des griechischen Machos?
Markaris: Er ist der durchschnittliche Kleinbürger. Er ist so gebildet wie jeder griechische Polizist. Man ging ja früher in Griechenland zur Polizei, weil das ein sozial sicherer Job war.
SPIEGEL: Ihr Kommissar hat vielleicht keine Bildung, aber Charakter. Er ermittelt unbeirrt von Drohungen auf riskantem Terrain. Einflussreiche Politiker behindern seine Arbeit im Athener Nachtclub-Milieu. Ist Charitos eine löbliche Ausnahme im Polizeiapparat?
Markaris: Dass er seine Meinung nicht für sich behält und alles kommentiert, ist typisch für einen griechischen Bullen, dass er so mutig ist, macht ihn allerdings zur Ausnahme. Er möchte gern in der Vergangenheit leben, im Athen der sechziger Jahre.
SPIEGEL: Die Hauptstadt erscheint in Ihren Romanen als ungemütlicher, von Verkehrsstaus verstopfter Moloch, dessen Bewohner nach sauberer Luft lechzen.
Markaris: Die Stadt ist kein Paradies. Die Athener leben den ganzen Tag über in der Hölle, um das Recht zu erwerben, nachts einige Stunden im Paradies zu verbringen. Denn in der Nacht ist es wirklich herrlich in Athen - wenn man das Nachtleben mag.
SPIEGEL: Ist die Ehe Ihres Helden Charitos, der ziemlich unter dem Pantoffel seiner Frau Adriani steht, typisch für das Geschlechterverhältnis im heutigen Griechenland?
Markaris: Ja. Bei meinen Eltern war es genauso. Meine Mutter hat auch immer getan, was sie wollte, und mein Vater hat klein beigegeben. Dabei bildet sich der griechische Mann ein, er sei Herr des Hauses. Jetzt, wo sich auch in Griechenland die sozialen Verhältnisse ändern und es immer mehr Familien gibt, in denen Mann und Frau arbeiten, ändern sich auch die häuslichen Machtstrukturen.
INTERVIEW: JOACHIM KRONSBEIN
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 41/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 41/2001
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FRANKFURTER BUCHMESSE:
Messeschwerpunkt „Griechen lieben Gedichte“

  • Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach
  • Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge
  • Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg