08.10.2001

Belletristik: Die SPIEGEL-Redaktion empfiehlt Romane und Erzählungen aus der Herbstproduktion: verzwickte Familiendramen, melancholische Verlustbilanzen und Beschwörungen historischer Kriminalfälle - Unterhaltsames, Spannendes und Anspruchsvolles für die Zeit nach dem Messetrubel.DIE MADONNA VOM BERG

Dem Deutschen Bernd Schroeder gelingt das kleine Wunderwerk einer italienischen Love-Story.
Kann das gut gehen? Ein junges Paar - Massimo und Severina, der Kühne und die Strenge - lebt in der bäuerlichen Idylle der italienischen Alpen; im Kamin der Almhütte knistert das Brennholz, Schafe und Ziegen müssen gefüttert werden, die notorisch mürrische Alte - Massimos Mutter - schnarcht; und bei klarem Wetter ist der Mailänder Dom zu sehen.
Plötzlich kommen Touristen aus der Stadt in die Bergeinsamkeit, man trinkt zusammen, Massimo verliebt sich in die kecke Renata, brennt mit ihr durch, kehrt aber, nach einem Jahr in der schmutzigen Großstadt, reumütig ins einfache Leben zurück. Severina verzeiht ihm, und wenn sie nicht gestorben sind ...
Erzählt wird diese Story aus der Deutschen liebstem Urlaubsland - und aus dem bewährten Musterbuch rührseliger Trennungs- und Versöhnungsgeschichten - von einem deutschen Städter, der gern nach Italien reist. Kann das wirklich gut gehen?
Es kann. Der in Köln lebende Erzähler ("Unter Brüdern", 1995), Drehbuchautor und TV-Regisseur Bernd Schroeder, 57, hat das kleine Wunderwerk vollbracht. Er dehnt die schlichte Geschichte, deren Happy-End schon auf Seite 11 naht, durch zahlreiche, raffiniert in den Fortgang der Ereignisse eingestreute Rückblenden. Etliche innere Monologe aus verschiedenen Perspektiven zeigen, wie kompliziert das Widerspiel von Entfernung und Wiederannäherung, Abenteuerlust und Heimkehr in Wahrheit ist. Selbst in jener holzgeschnitzten Gipfelwelt, deren landschaftliche Reize der Autor ungeniert auskostet.
Als Massimo sie verlassen hat, verstummt Severina und bleibt auch im Winter auf der Almhütte. Die eigentliche Geschichte, die Schroeder eindrucksvoll glaubhaft macht und dramaturgisch geschickt entwickelt, ist die Geschichte dieses Schweigens - und wie und warum die junge Frau eines Tages doch "wieder ein Mensch" wird und spricht. Ja doch: Severina, diese unglaublich trotzige, ein wenig todessüchtige "kleine Madonna" vom Berg, ist einfach unwiderstehlich.
MATHIAS SCHREIBER
Von Mathias Schreiber

DER SPIEGEL 41/2001
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