08.10.2001

Belletristik: Die SPIEGEL-Redaktion empfiehlt Romane und Erzählungen aus der Herbstproduktion: verzwickte Familiendramen, melancholische Verlustbilanzen und Beschwörungen historischer Kriminalfälle - Unterhaltsames, Spannendes und Anspruchsvolles für die Zeit nach dem Messetrubel.SEITENSPRUNG ZUM TOD

Der Frankfurter Thomas Hettche macht aus einem realen Kriminalfall einen Krimi.
Dieses Buch zu loben heißt fast zwangsläufig, in die Rolle des fröhlichen Reaktionärs zu verfallen, der einen wild-abstrakten Maler dafür preist, dass er endlich mal ein hübsch gegenständliches Genrebild gepinselt hat. Egal: Thomas Hettche, 36, ist geradezu berüchtigt als Verfasser neunmalgescheiter, kaum lesbarer und bloß so genannter Avantgarde-Literatur.
Nun hat er einen, wie schon das Cover stolz verkündet, "Kriminalroman" geschrieben - und tatsächlich wird hier schlicht, mitunter fast täppisch erzählt (alle Protagonisten nicken andauernd: "Er nickte ihr zu", "Nun nickte auch Katja", "der Richter nickte" und so fort), dafür aber durchaus spannend. Der "Fall Arbogast", den Hettche da verhandelt, beruht in vielem auf den Fakten eines historischen Justizirrtums: 1953 nimmt ein verheirateter Handlungsreisender aus dem Badischen eine junge Flüchtlingsfrau im Auto mit, bei einem Halt in freier Natur kommt es zum Sex und die Frau zu Tode. Die Polizei verhaftet den vorbestraften Mann, die Justiz verurteilt ihn auf Grund eines dubiosen medizinischen Gutachtens wegen "Lustmords". Erst 1969 kommt der Mann frei: auf Grund eines brillanten Gegengutachtens, das vom Chef der Gerichtsmedizin im Ost-Berliner Krankenhaus Charité verfasst wurde und beweist, dass das Opfer eines natürlichen Todes starb. Hettches Buch beschwört akribisch das Zeitkolorit (und die Verklemmtheit) der Nachkriegsjahre, nebenbei verwurstet es auch allerhand Geistreiches zu Haft, Tod und Sexus von Foucault und Konsorten: Insgesamt aber ist "Der Fall Arbogast" ein altmodischer, oft fast irritierend gemütlicher Roman - und ein echtes Lehrstück: Nicht unbedingt vom Zuchthaus (die gibt's nicht mehr), aber von der Verdammnis sind wir alle nur einen Schritt (oder einen Sexualakt) weit entfernt. Um es mal so abstrakt zu formulieren. WOLFGANG HÖBEL
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 41/2001
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