08.10.2001

Belletristik: Die SPIEGEL-Redaktion empfiehlt Romane und Erzählungen aus der Herbstproduktion: verzwickte Familiendramen, melancholische Verlustbilanzen und Beschwörungen historischer Kriminalfälle - Unterhaltsames, Spannendes und Anspruchsvolles für die Zeit nach dem Messetrubel.SEX SCHAFFT VERSÖHNUNG

Eine Anthologie klärt die Frage, warum Sex für Juden besonders wichtig ist.
Es ist ein altes Klischee, aber es stimmt trotzdem. Juden interessieren sich vor allem für Essen und Sex, dann erst für Nebensächliches wie Politik und Umweltschutz. Für Nichtjuden gilt das Gleiche, denn Essen und Sex sind die primären Dinge des Lebens, aber weil Juden seit 2000 Jahren unter meist widrigen Umständen das Überleben üben, konzentrieren sie sich eben noch entschiedener auf die wichtigsten Überlebensmittel: Erhalt und Fortpflanzung.
Es gibt zahllose Bücher über jüdische Küche und koscheres Kochen. Was fehlte, war ein Buch über jüdischen Sex oder Sex aus jüdischer Sicht. Jetzt ist es endlich da: eine 500-Seiten-Anthologie mit Beiträgen von 28 Autoren, bekannten wie Woody Allen, Erica Jong und Philip Roth, und etlichen literarischen No-names wie Steve Stern, der über sich selbst sagt, dass er "besonders gerne Mondlicht, gutes Essen und die jüdische Selbstverachtung" mag und "eine athletische Frau" sucht, die ihn "davon abbringt, Franz Kafka nachzueifern". Da muss man nicht lange rätseln, warum der Herausgeber der Anthologie den Titel "Neurotica" gegeben hat. Melvin Jules Bukiet, Kind osteuropäischer Juden, 1953 in New York geboren, Autor viel beachteter Romane, spricht von einem "Drahtseilakt zwischen Trieb und Bildung", den jeder der Autoren vollführt, "vom sozialen Realismus der Slums bis zum magischen Realismus des Himmels".
Er will zeigen, dass Religion und Sex "keine gegensätzlichen Bestrebungen des Menschen" sind, sondern "analog" funktionieren: "Der Sex ist, wie die Religion, eine versöhnliche Macht, die soziale Ungerechtigkeiten ausgleicht." Manchmal macht sie einen Dichter zum Sexprotz: Harold Brodkey beschreibt auf über 30 Seiten einen einzigen Akt, Binnie Kirshenbaum wehrt einen Bewunderer ab, dessen Erektion sie an ein Bajonett erinnert. "Juden tun es auch", sagt Herausgeber Bukiet. Sie tun es, wie es Katholiken, Vegetarier und Bergsteiger tun: laut und leise, heimlich und hysterisch, allein und mit anderen. Der Unterschied liegt im Nachspiel: Während die einen ermattet daliegen, erzählen die Juden gleich, wie es war. Und essen was dabei, um Kraft zu schöpfen. HENRYK M. BRODER
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 41/2001
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