08.10.2001

Belletristik: Die SPIEGEL-Redaktion empfiehlt Romane und Erzählungen aus der Herbstproduktion: verzwickte Familiendramen, melancholische Verlustbilanzen und Beschwörungen historischer Kriminalfälle - Unterhaltsames, Spannendes und Anspruchsvolles für die Zeit nach dem Messetrubel.WEHMÜTIGE BILANZEN

Lebensklug-melancholische Erzählungen der Israelin Judith Katzir.
Angesichts seiner bevorstehenden Frühpensionierung führt sich der Anwalt Reuven sein Leben vor Augen, erzählt es sich Kapitel für Kapitel, berichtet aber einiges auch seinem Sohn Ofer, der ihn währenddessen mit der Kamera aufnimmt. Reuven denkt über sich, über seine gescheiterte Ehe, das Verhältnis zu seinen Kindern nach. Er besieht sich Fotos in der Wohnung seines Sohnes. "Ein ganzes Leben, sann er, als er das Album zuklappte, das schwer auf seinen Knien wog, ein ganzes Leben, und wie so oft in der Vergangheit fühlte er sich wie jemand, der aus seiner Familie verbannt worden war, die ihm ein anderer geraubt hatte, doch zum ersten Mal schlich sich der Gedanke ein, dass er sich auch selbst in eine Verbannung von seinem Sohn begeben hatte, und gleichermaßen von seiner Stadt."
Voller Wehmut, Lebensklugheit und Melancholie sind die neuen Erzählungen der israelischen Erfolgsautorin Judith Katzir, 38, die in Tel Aviv lebt. Die zweite Geschichte erzählt von einer Frau, die hofft, schwanger zu sein, und an den Ort ihrer Jugend zurückkehrt, eine weitere lässt Großmutter Moria ihrer unseligen Liebe gedenken. Immer ziehen Katzirs Helden Bilanz - es geht um Lebensträume und Glücksverlangen, um versäumte Gelegenheiten und verratene Freundschaften, um die Sehnsucht, Kinder zu gebären, um Todeshoffnung, weil man des Altseins müde ist. Gleichzeitig lässt Judith Katzir das moderne Israel lebendig werden, erzählt von Kinobesuchen und Ausstellungen - und der alltäglichen Furcht vor Terroranschlägen. Diese Geschichten faszinieren durch ihren gleichmäßig strömenden, poetischen Erzählfluss, ihre virtuos konstruierten Rückblenden, ihre Bildhaftigkeit und Wärme. Und selten vermag eine Autorin besser zu zeigen, wie der Ablauf der Zeit alles verändert: Sie lässt das Scheitern von Liebe und von Lebensentwürfen in einem neuen, manchmal milden Licht erscheinen. ANGELA GATTERBURG
Von Angela Gatterburg

DER SPIEGEL 41/2001
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