08.10.2001

Belletristik: Die SPIEGEL-Redaktion empfiehlt Romane und Erzählungen aus der Herbstproduktion: verzwickte Familiendramen, melancholische Verlustbilanzen und Beschwörungen historischer Kriminalfälle - Unterhaltsames, Spannendes und Anspruchsvolles für die Zeit nach dem Messetrubel.EINER SPIELT FALSCH

Der Ungar Sándor Márai brilliert mit einem melodramatischen Kindheitsabschied.
Die Vielvölkerwelt der k. u. k. Provinz blitzt im 1929 verfassten, nun erst ins Deutsche übersetzten Frühwerk "Die jungen Rebellen" von Sándor Márai (1900 bis 1989) wie unter gewittrigem Abendlicht auf. Der Romancier, Ungar mit deutschen Ahnen, Exilant über Jahrzehnte und jüngst wiederentdecktes Erzählgenie, hat Jugenderinnerungen an seine Heimatstadt Kaschau (heute slowakisch Kosice) zu einer schillernden Untergangsvision ausphantasiert: Gegen Ende des Ersten Weltkriegs, während die Väter im Felde stehen, findet sich eine vierköpfige Abiturienten-Clique, dazu ein einarmig und verstört von der Front heimgekehrter älterer Bruder, in einem wirr-verzweifelten Komplott gegen die Erwachsenenwelt zusammen. Haben die nicht sogar den Krieg nur als "eine Form der Knechtschaft und Demütigung erfunden", um "die Schwächeren zu quälen"? Die Verschwörer häufen Plunder und Schätze aus ihren Elternhäusern in ein Versteck, einer versetzt das Familiensilber.
Márai brilliert als Virtuose suggestiver Stimmungsmalerei und melodramatischer Theatercoups. Am Rand der Szene wimmeln gespenstische Figuren aus der Bürgerwelt. Doch erotische Spannungen und soziale Brüche unterminieren auch den Geheimbund der Rebellen. Einer von ihnen hat falsch gespielt, nicht nur am Kartentisch. Er zahlt dafür mit dem Leben. JÜRGEN HOHMEYER
Von Jürgen Hohmeyer

DER SPIEGEL 41/2001
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