08.10.2001

Belletristik: Die SPIEGEL-Redaktion empfiehlt Romane und Erzählungen aus der Herbstproduktion: verzwickte Familiendramen, melancholische Verlustbilanzen und Beschwörungen historischer Kriminalfälle - Unterhaltsames, Spannendes und Anspruchsvolles für die Zeit nach dem Messetrubel.MELANCHOLISCHES MEERSTÜCK

Der Norweger Jon Fosse überrascht mit einem zarten Lebensabschiedsroman.
Nanu? Der alte Mann fühlt sich, als er aus dem Haus tritt, so ungewohnt leicht und beweglich ... Ist er vielleicht heute früh nach dem Erwachen noch einen Augenblick unter der Decke liegen geblieben und hat sich nur vorgestellt, wie es sein wird, wenn er, wie jeden Tag, in die Küche geht, den Pott Kaffee aufsetzt und sich die Frühstückszigarette dreht? Der einsame alte Johannes, Fischer im Ruhestand auf einer norwegischen Insel, blickt über den Fjord hinaus. "Wenn das Wetter nicht zu schlimm ist, kann er vielleicht auch ein bisschen rausfahren, ein bisschen angeln, ja das könnte er eigentlich tun, denkt Johannes, und sofort denkt er, das denkt er jeden Morgen, jeden einzelnen Morgen denkt er genau dasselbe, denkt Johannes, und was sollte er sonst auch denken?"
Und während solche Überlegungen immer so weiter - nicht ohne Kommas, doch ohne Punkt - durch das Bewusstsein des Alten dahinfließen und so langsam wie unwiderstehlich, durch Repetition und Variation den Sog einer lyrischen Minimal Music gewinnend, den Leser in Trance versetzen, dämmert ihm: Der Mann ist tot, doch der Dichter lässt seinem Geist einen schönen letzten Tag lang Zeit, den engen Raum seines Lebens noch einmal abzuschreiten. Jon Fosse, 42, sonst gern als depressiver Düsterling etikettiert, feiert in diesem zarten Erzählkunststück den Tod als Augenblick der endlichen Versöhnung mit dem Leben. URS JENNY
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 41/2001
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