08.10.2001

Sachbücher: Die SPIEGEL-Redaktion empfiehlt Essays, Porträts und intellektuelle Studien aus der Herbstproduktion: Biografien und historische Werke, spannende Kunst-Deutungen, Beiträge zur Zukunft Deutschlands und zur aktuellen Bioethik-Debatte.RISIKO DER FREIHEIT

Wie weit darf der freie Wille des Einzelnen reichen? Angesichts des fundamentalistischen Terrors rückt die Philosophen-Frage plötzlich ins allgemeine, brennend aktuelle Interesse.
Freiheit geht ihm über alles. Schon als Kind, erzählt Michel Onfray, 42, habe er bei der Schufterei in einer Fabrik gemerkt, dass er eine "anarchistische Ader" besitze. Jetzt macht der Philosophielehrer aus Caen richtig ernst.
In seinem neuesten Buch, programmatisch "Der Rebell" genannt, predigt er die "befreite Souveränität" des Einzelnen. Grundlage der ersehnten "Wiederverzauberung der Welt" sei Hass auf die "bürgerliche Ordnung", auf "die Kapitalisten" und andere Machthaber, die für Onfray letztlich nur Nazis im Schafspelz sind. Sein Revoluzzerpathos, "ästhetischer Voluntarismus" genannt, nimmt vor lauter Freiheitsgier auch Leichen in Kauf: "Der Übergang zur Tat impliziert Blut und Schießpulver."
Rhetorik? Irrwitz? Nach dem mörderischen Anschlag auf das World Trade Center in Manhattan klingen solche aufgewärmten Sponti-Sprüche einfach nur makaber und widerwärtig. Lange nicht mehr lagen ein Buch, sein Autor und sein deutscher Verlag derart peinlich daneben.
Zusammenzucken werden allerdings noch einige mehr. Denn die Lehre vom prinzipiell freien Einzelnen gilt bei den meisten Intellektuellen als Eckpfeiler ihres philosophischen Weltentwurfs. Wer immer sich als Erbe der Aufklärung empfindet, tritt auch für möglichst weit gehende Freiheitsrechte ein. Nahezu alle neueren Staatstheorien berufen sich auf das Modell vom Gesellschaftsvertrag zwischen unabhängigen Individuen.
Doch was ist diese ehrwürdige Aufklärer-Idee überhaupt noch wert, wenn Fanatiker, die an ihren Lohn im Jenseits glauben, sie in wenigen Sekunden torpedieren können? Reichen als Antwort auf die Schreckenstaten ein verzweifeltes "Dennoch" und der Hinweis, das seien bedauerliche Einzelfälle? Der aufgeklärte Optimismus hat es sich mit den Risiken der Freiheit offenbar zu leicht gemacht.
Schon Theodor W. Adorno, der Mitbegründer der "Frankfurter Schule", spürte das. "Im Prinzip sind alle, noch die Mächtigsten, Objekte", schrieb er vor 50 Jahren angesichts der materiellen und geistigen Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs. "Freiheit hat sich in die reine Negativität zusammengezogen."
Gerade sind Adornos "Minima Moralia", wo solche Diagnosen stehen, zum Jubiläum in Originalgestalt neu erschienen. Kaum ein Orakelsatz daraus klingt veraltet. Aber sollten heutige Philosophen nicht ein wenig über die Kahlschlag-Grübeleien von 1951 hinaus sein?
Bei postmodernen Autoren sind Leser das Achselzucken im Prinzipiellen längst gewohnt. Doch auch angelsächsische Denker stehen dem bestürzend realen Willen zum Bösen heute oft ratlos gegenüber. Soeben ist von Colin McGinn, 51, der ausgerechnet in Manhattan wohnt, ein neues Buch auf Deutsch erschienen. Verheißungsvoll lautet sein Titel "Das Gute, das Böse und das Schöne". Verlässliche Kennzeichen des Guten, Gründe der Bosheit oder gar Impfstoffe gegen sie hat der Begriffsmechaniker jedoch nicht zu bieten. Letztlich gibt McGinn, sprachanalytisch orientiert wie viele seiner US-Kollegen, bloß den vagen Rat, literarische Erfahrung stärke das "innere Moralvermögen" des Menschen. So weit waren die alten Griechen mit ihren Tragödien auch schon.
Substanzielleres kommt aus ganz anderer Richtung: aus Berlin. Peter Bieri, 57, Philosoph an der Freien Universität und nebenbei Erzähler ("Perlmanns Schweigen"), ist seit Jahren dabei, die uralte philosophische Zwickmühle der Willensfreiheit zu enträtseln. Nun hat er darüber ein kluges, spannendes Buch geschrieben, das nirgendwo in Fachchinesisch abgleitet und zudem, spätestens seit dem Terrorschock von New York, verblüffend aktuell ist.
Ruhig sortiert Bieri erst einmal Begriffe wie Tat, Willen und Entscheidung. Dann aber spitzt er die Fragen immer weiter zu: Können wir überhaupt je ganz frei entscheiden? Beruht der angeblich eigene, unabhängige Wille nicht stets auf verkappten Voraussetzungen?
Die scheinbar abgehobenen Überlegungen gewinnen Farbe, sobald es um Beispiele geht. Da ist der "gedankliche Mitläufer", dessen Urteilsvermögen ideologisch "zugeschüttet und verklebt" ist. Der unter Zwang Stehende, der wider sein besseres Wissen handelt. Oder der Erpresste, der zwischen zwei Übeln wählen muss. Die Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen der vergangenen Wochen drängt sich geradezu auf.
Natürlich schreibt Bieri aus dem Blickwinkel westlicher Vernunft. Doch seine Beweisführung könnte kein logisch Denkender beiseite schieben, auch Terroristen nicht. Immer wieder geht es um Raskolnikow aus Dostojewskis Roman "Verbrechen und Strafe". Auf viele Arten darf dieser Mörder seine Übeltat abstreiten. Jedes Mal führt Bieri dann vor, dass die Entschuldigungen haltlos bleiben.
Am Ende ist klar: Absolute Freiheit, Freiheit vielleicht auch zum Töten, kann es nicht einmal als Ausrede geben - ein folgenschweres Ergebnis, denn mit ihm ist auch der alte westliche Traum von immer weiterer Willensentfaltung als unsinnig, ja inhuman entlarvt. Auf Freiheit, so die Hauptthese des Buches, dürfte sich im Grunde sowieso niemand berufen. Sie ist vielmehr eine Aufgabe, ein "Handwerk", das von jedem Einzelnen Verantwortung, Selbstkritik und Phantasie verlangt, vor allem aber fortgesetzte Übung.
Bieris Buch ist selbst eine solche Übung; es macht Mut zur Weisheit des Möglichen. Damit hat er nicht nur ein Theorie-Problem gemeistert, sondern ganz nebenbei auch eine denkbar besonnene Antwort auf den Schrecken des 11. September gefunden. JOHANNES SALTZWEDEL
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 41/2001
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