08.10.2001

Sachbücher: Die SPIEGEL-Redaktion empfiehlt Essays, Porträts und intellektuelle Studien aus der Herbstproduktion: Biografien und historische Werke, spannende Kunst-Deutungen, Beiträge zur Zukunft Deutschlands und zur aktuellen Bioethik-Debatte.MYSTERIUM MAUSEFALLE

Ein Hauptwerk der Kunstforschung erscheint jetzt endlich auf Deutsch.
Weshalb brachte der niederländische Maler Jan van Eyck 1434 im Hochzeitsbildnis des Ehepaars Arnolfini ein Selbstporträt unter? Warum hat er sich selbst sogar ins Zentrum des Bildes gemalt, auf die gewölbte Oberfläche eines Spiegels? Wozu ließen sich Braut und Bräutigam gleich neben dem Prunkbett zeigen, weswegen stehen mitten im Luxusschlafzimmer einfache Holzschuhe herum, und wieso brennt nur eine einzige Kerze im Kronleuchter?
Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky (1892 bis 1968) stellte sich im Laufe seiner Karriere Tausende solcher Fragen, er fahndete wie ein Kriminalist, der auf der Suche nach dem Tathergang und dem Motiv kein Detail übersehen will. Panofsky wollte immer die ganze Geschichte erfahren, die ein Gemälde oder eine Skulptur zu berichten hatte. Außer der handwerklichen Qualität faszinierte ihn vor allem die Ikonografie - was beispielsweise hat die Mausefalle auf einem Altarbild zu bedeuten? Aber auch sonst ging er jeder Spur nach: Wer war Auftraggeber des Werkes, mit wem konkurrierte der Künstler, von welchen Traditionen und welchem Gedankengut war er beeinflusst? An van Eyck etwa bewunderte er auch dessen grenzenlose Gier nach Wissen, nach theologischen und astronomischen Theorien ebenso wie kabbalistischer Geheimniskrämerei.
Aus einer Vorlesungsreihe an der Harvard University entstand 1953 eines seiner längst legendären Hauptwerke, "Early Netherlandish Painting", das erst jetzt in deutscher Sprache erschienen ist - in Panofskys Muttersprache. 1933 war der Kunsthistoriker von Hamburg aus in die USA emigriert. In beiden Ländern gehörte er zur wissenschaftlichen Avantgarde. Obgleich seine nun bei DuMont herausgegebene "Altniederländische Malerei" vor knapp 50 Jahren entstand und Panofskys Interpretationen von späteren Generationen abwechselnd glorifiziert und belächelt wurden: Seine Methode, aus möglichst vielen verfügbaren Informationen Schlussfolgerungen zu ziehen, ist nach wie vor die überzeugendste - und die spannendste. ULRIKE KNÖFEL
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 41/2001
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