08.10.2001

Sachbücher: Die SPIEGEL-Redaktion empfiehlt Essays, Porträts und intellektuelle Studien aus der Herbstproduktion: Biografien und historische Werke, spannende Kunst-Deutungen, Beiträge zur Zukunft Deutschlands und zur aktuellen Bioethik-Debatte.DATEN FÜR DEN DURCHBLICK

Wolfgang Thierse wirbt klug um mehr Verständnis für die neuen Bundesländer.
Klar kann man sich über ihn ärgern. Dass er alles so verdammt genau nimmt. Dass für ihn Politik noch mit Kultur und Kultur noch mit Moral zu tun hat. Dass er aussieht wie ein Spaßverderber - und wohl mit heimlicher Freude an dieser Rolle auch so redet.
Wolfgang Thierse, Berufspolitiker seit dem Zusammenbruch der DDR, amtiert seit drei Jahren als Bundestagspräsident. So ist der promovierte Germanist nun der Ostdeutsche mit dem höchsten Staatsamt, also schon institutionell ein Mann des Wortes, denn große Macht hat er ja nicht auf seinem erhöhten Sitz unter dem Bundesadler.
Aber Ärger machen kann er, dass es eine Freude ist. "Ostdeutschland steht auf der Kippe", verkündete der Sozialdemokrat zu Beginn des Jahres. Die Genossen, die unter seiner parlamentarischen Leitung regieren, waren hellauf empört. Was malte da einer schwarz, wo doch der Kanzler den Aufbau Ost zu seiner Chefsache erklärt hatte? Gerhard Schröder stempelte Thierse prompt zum Jammer-Ossi, der "Empfindungen, aber keine Daten" ventiliert habe.
Saß das? Vielleicht. Immerhin hat sich die Replik des Gescholtenen auf 160 Seiten ausgewachsen, samt einigen Tabellen (Daten!), mit denen Thierse den Osten nicht bloß erklären, sondern auch verändern will. Wer sich wirklich für die Länder interessiert, die wohl noch lange die neuen heißen werden, muss das lesen.
Nur, wer interessiert sich noch? "Achselzuckende oder vorwurfsvolle Resignation" präge den Blick der Wessis gen Osten, klagt er. Mag sein. Allzu häufig erscheint die ehemalige DDR als Ödnis, in der Milliarden spurlos versickern und nur rechte Parolen blühen. Als Chefsache kommt sie nicht vor.
Die Daten sind ja auch trostlos genug. "Nach heutiger Prognose wird der Osten noch über zwei Jahrzehnte seine Aufgaben nicht aus eigener Kraft lösen können", schreibt Thierse, und wer wollte da widersprechen? Um so dringlicher also, mit Hilfe des Autors zu überlegen, wie es anders werden könnte. Damit Ossis keine frustrierten Bittsteller bleiben - und Wessis sich allerhand ersparen können. DIETMAR PIEPER
Von Dietmar Pieper

DER SPIEGEL 41/2001
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