08.10.2001

Sachbücher: Die SPIEGEL-Redaktion empfiehlt Essays, Porträts und intellektuelle Studien aus der Herbstproduktion: Biografien und historische Werke, spannende Kunst-Deutungen, Beiträge zur Zukunft Deutschlands und zur aktuellen Bioethik-Debatte.ENTE GUT, ALLES GUT

Eine neue Biografie würdigt Walt Disney - den Menschen und den Mythos.
Die Geschichte handelt von einer Ente, und sie klingt nach einer Ente: Ob Donald Duck sich nicht zum Luftschutzhelfer ausbilden lassen wolle, fragte die US-Regierung in einem Brief an den Disney-Konzern - ausgerechnet einen Tag vor dem Überraschungsangriff auf die USA. Ein Film über Donald als Luftschutzhelfer, so ein Beamter, würde nämlich "genauer abbilden, was heute im wirklichen Leben passiert". Am nächsten Morgen, dem 7. Dezember 1941, bombardierten die Japaner Pearl Harbor, und auch für die USA hatte nun der Zweite Weltkrieg begonnen.
Auch die Ente und ihre Erfinder zogen damals in den Krieg, zumindest an der Propagandafront. Dass Walter Elias Disney (1901 bis 1966) früher für Mussolini und Hitler geschwärmt hatte, war jetzt vergessen: "Wenn Sie mir ganz nahe in die Augen schauen könnten", verkündete er, "würden Sie in beiden die amerikanische Flagge wehen sehen." Also ließ Disney anstelle von "Dumbo", dem fliegenden Elefanten, in seinen Zeichentrickfilmen jetzt strategische Langstreckenbomber aufsteigen, zum Wohle des Vaterlandes und der Studiokasse. Durchhalte- und Lehrfilme wie "Victory Through Air Power", die er bis 1945 im Regierungsauftrag fertigte, sanierten sein nach einigen Flops in die Krise geratenes Unternehmen: Ente gut, alles gut.
In der 1998 erschienenen Firmenchronik "Work in Progress" des heutigen Disney-Chefs Michael Eisner werden solche historisch heiklen Details, wenn überhaupt, nur beiläufig abgehandelt; der Autor Andreas Platthaus hingegen stellt diese Episode in den Mittelpunkt seiner neuen Biografie "Die Welt des Walt Disney" - und holt so den mal märchenhaft-verklärten, mal sagenhaft-verteufelten Vater von Mickey Mouse und Donald Duck auf den Boden der Tatsachen zurück. Auch den eifersüchtig gepflegten Mythos, Walt Disney habe die Filme und Freizeitparks quasi im Alleingang geschaffen, konterkariert sein Biograf mit unendlicher Fleißarbeit: Platthaus, 35, im Hauptberuf Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen", würdigt einfach jeden wichtigen Mitarbeiter des Disney-Imperiums mit ein paar Zeilen, ohne damit das Lebenswerk des Zeichentrick-Tycoons beschädigen zu wollen. "Disney", schreibt Platthaus, "ist überall auf der Welt Alltag geworden" - Donald und Dumbo wohlgemerkt, nicht Disneys Langstreckenbomber. MARTIN WOLF
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 41/2001
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