08.10.2001

KINOHunger nach Intimität

Der Österreicher Michael Haneke hat Elfriede Jelineks Roman „Die Klavierspielerin“ verfilmt - und erzählt kühl und ergreifend von Lust und Macht.
Kleine Kragen und ein schlanker Hals. Feine Blusen, hoch geschlossen, und eine Ledertasche dazu, in der die ernsten Noten liegen: Beethoven, Schumann, Schubert, die armen Kranken der Musikgeschichte, die untröstlichen Genies, Opfer ihrer eigenen Umnachtung.
Isabelle Huppert spielt die Frau, die Klavierstunden gibt - am Konservatorium, bitte schön - und auf sich hält, im Stechschritt durch ihr dürres Leben geht, mit ihrer Unerbittlichkeit die Schüler quält, und, wenn man sie je draußen trifft, eigentlich immer auf dem Weg nach Hause ist: nach Hause, zur Mama.
Sie wartet schon, die energische alte Frau, von Annie Girardot in eine Lederhaut gefasst; lauernd und gefährlich wie ein Krokodil, gefräßig, verschlingend, ein Ungeheuer so genannter Mutterliebe - sie
wartet schon in der großen, düsteren Wiener Altbauwohnung, achter Bezirk, und hat ein Gulasch gekocht für ihre vergötterte, gedemütigte Tochter.
Der Fernseher läuft im Hintergrund, erzählt von fremden Welten, die sie nicht interessieren; sie ist mit der ihren zufrieden,
die ihr noch jedes Schauspiel bietet, das ihre Seele braucht: Sehnsucht und Erfüllung, Liebe und Schmerz, ängstliche Eifersucht und die Lust der Macht.
Und dann ist da Benoît Magimel, der den begabten Studenten gibt: geschmeidig, charmant und heldenblond, ein erprobter Verführer, der es diesmal vielleicht sogar ernst meint - zumindest treffen sich sportlicher Ehrgeiz und tief berührte Hingabe in seinem werbenden Antlitz, zumindest verwirrt er die herbe, strenge Frau Professor mit der Ausdauer seiner Minne und, wer weiß, auch mit seiner Jugend, seiner kraftvollen, tierhaften, noch nicht vollkommen bewussten Anmut.
Ein Kammerspiel der tiefsten Leidenschaft nimmt seinen traurigen Lauf, treibt die innerste Not nach außen, zeigt alles und beschönigt nichts und bleibt doch, seltsam, diskret. Diese Literaturverfilmung ist ganz und gar das Gegenteil dessen, was man gewöhnt ist und für unausweichlich hielt.
Wo Elfriede Jelineks Roman**, vor nunmehr 18 Jahren ein literarisches Ereignis, mit seiner imponierend gewalttätigen Prosa, mahlend und fräsend, schulmeisternd und erbarmungslos, jeden pathologischen Abgrund seiner Figuren ausleuchtet und ausbuchstabiert, wo jede Perversion (und derer gibt es viele) beschrieben und gerichtet wird - da bleibt Michael Hanekes Film verwirrend und zugleich ergreifend kühl, dezent, sich jedes Urteils enthaltend.
Vielleicht ist es der Vorzug der Jahre. Denn was Anfang der Achtziger noch eines Traktates bedurfte - und das ist Jelineks Roman -, das scheint uns heute geläufig zu sein: die Einsicht, dass geordnete Verhältnisse nicht vor der inneren Wildnis schützen und dass der Mensch ein Mangelwesen ist, getrieben von Bedürfnissen, die, wenn er sie nicht beachtet und gestaltet, sich ihre eigenen Wege suchen.
Die Ungeheuer, welche die Klavierspielerin, ihre Mutter sowie ihr Liebhaber wurden, sind Monstren der inneren Not, nicht weit genug gekommen in der schwarzen Kunst, sich selber zu anästhesieren - und andererseits unfähig, ihren Hunger nach Intimität anders zu erleben als durch Kontrolle und Peinigung, Abhängigkeit und Inszenierung.
Wie eigentümlich und wie überraschend, dass ein solcher Film - genau und beinahe nüchtern in seinem Blick, auch von akustischer Trockenheit (es gibt keine Musik außer der exerzierten in den Stunden, den Prüfungen, einem Konzert) - ein großes Mitgefühl für seine Figuren wie beiläufig erzwingt.
Beim Filmfestival in Cannes wurde Hanekes Werk in diesem Jahr mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, die beiden Hauptdarsteller erhielten jeweils eine Silberne Palme.
Die Ergriffenheit, die sich einstellt, beruht wohl auf der Genauigkeit des Zeigens und einer Aufmerksamkeit, die sich nur auf Beschreibung verlässt. In diesem einen Fall - ich jedenfalls kenne keinen anderen - hat die Übersetzung der Schrift in die Sprache des Kinos kein hinreichendes Flankenstück geschaffen, keine "glänzende Adaption", kein "kongeniales Werk" und wie dergleichen Tröstungen lauten. Der Film ist besser als das Buch. ELKE SCHMITTER
* Nach der Preisverleihung in Cannes im Mai. ** Elfriede Jelinek: "Die Klavierspielerin", Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 288 Seiten; 17,41 Mark.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 41/2001
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