08.10.2001

POPSpaziergang ohne Ziel

Laurie Anderson gilt als New Yorker Vorzeigekünstlerin - nach langer Schaffenspause kommt die Musikerin nun mit neuen Songs auf Deutschland-Tournee.
Berühmt wurde sie Anfang der achtziger Jahre mit einer merkwürdig dahingehauchten, elektronisch verfremdeten Ton- und Gesangs-Collage, die "Oh Superman" hieß, und seither ist die Performerin mit der verstrubbelten Koboldfrisur eine Art Galionsfigur der fortschrittlichen Popkunst.
Nicht erst, seit sie mit dem legendären New Yorker Rocker Lou Reed liiert ist, wird Laurie Anderson, 54, zudem verehrt als Inbegriff des coolen New York - diesem Ruhm wohl hat sie es zu verdanken, dass jüngst die Herausgeber der ehrwürdigen "Encyclopedia Britannica" bei ihr anfragten, ob sie für die aktuelle Ausgabe des Nachschlagewerks den Eintrag über die Weltmetropole am Hudson River verfassen könne - gut möglich, dass Andersons Aufsatz nun etwas düsterer ausfällt als geplant.
Während andere US-Musiker wie Janet Jackson nach den Terrorangriffen vom 11. September ihre geplanten Europa-Tourneen absagten, kommt Laurie Anderson in dieser Woche trotzdem zu fünf Konzerten nach Deutschland - und präsentiert sich in gewisser Weise als Bekehrte. Nach sieben Jahren Schaffenspause hat sie ihr neues Album "Life on a String" fertig gestellt, und dessen einzige Vorgabe habe darin bestanden, so berichtet Anderson, "so wenig Elektronik wie möglich zu verwenden".
Früher habe sie den Fortschritt der Computertechnik begrüßt und davon geträumt, "dass eines schönen Tages alle Menschen ganz einfach Musik machen könnten". Heute sei ihr Wunsch fast Realität, und die lasse sie erschauern: "Neulich hat mir die fünfjährige Tochter einer Freundin ihre CD in die Hand gedrückt", sagt sie, das am Computer im Kinderzimmer gebrannte Werk habe "perfekt, aber absolut grauenhaft" geklungen: "Wo kommen wir hin, wenn selbst Kinder schon das Bedürfnis haben, diesen Schrott der Welt zu präsentieren?"
Laurie Anderson selbst hat sich, so scheint es, diesmal besonders ins Zeug gelegt, um zu beweisen, wie Musik klingen kann, die nicht ideenfrei am Heimcomputer zusammengeschustert wurde: Zu spartanischen Arrangements, meistens mit Cello und Violine, aber auch dem einen oder anderen Sample und Drumcomputer-Beat, trägt sie mit ihrer geheimnisvollen Märchenerzähler-Stimme kunstvolle Balladen über weiße Wale, dunkle Engel und verlorene Liebschaften vor.
Einen "schönen Spaziergang ohne Ziel" nennt sie das neue Album. Äußerlich hat sich Anderson kaum verändert: das Haar kurz, die Kleidung dunkel, schlicht und streng. Anders als ihr als humorloser Grantler berüchtigter Lebensgefährte Lou Reed aber erzählt sie von ihrem Künstlerleben und von ihren vielen krausen Ideen mit Charme und Witz; und dieser Sinn für skurrile Späße prägt auch - dezenter als früher - ihre Musik. Einst hat sie eine Symphonie für Autohupen ersponnen oder mit in Eisblöcken eingefrorenen Rollschuhen Geige gespielt. Nebenbei aber bewies sie stets einen feinen Sinn für gefälligere Popmoden, ließ sich etwa vom legendären Disco-Profi Nile Rodgers ein Album produzieren und war auch mal mit Peter Gabriel im Studio.
Lieber als über ihre Musik aber spricht Laurie Anderson von ihren natürlich immer leicht exzentrischen Ausflügen in die wirkliche Welt: So habe sie sich kürzlich für ein paar Tage im McDonald's-Restaurant bei ihr um die Ecke anstellen lassen; auch auf einer Farm der auf moderne Technik verzichtenden Amish-Sekte hat sie sich eine Weile verdingt - als Feldarbeiterin: "Als sie mich um Ratschläge für Kindererziehung baten, bin ich geflohen."
Dass ihr Klassiker "Oh Superman" heute weltweit in vielen Clubs zu vorgerückter Stunde gedudelt und von ganz jungen Popfans verehrt wird, beeindruckt Laurie Anderson wenig.
So will sie auch ihre Ausflüge ins amerikanische Alltagsleben als Teil einer großen Expedition verstanden wissen: "Ich suche nach neuen Perspektiven. Aber ich habe keine Ahnung, nach welchen."
CHRISTOPH DALLACH
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 41/2001
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