08.10.2001

BOTHO STRAUSS: DER SCHLAG

Für einen Moment ist die Welt, wie sie war, bei vollem Lauf in sich zusammengesackt, als die Türme von Manhattan, die beiden Schwurfinger des Geldes, mit einem fürchterlichen Schlag abgehackt wurden.
Ein Schlag, der durch alle Köpfe, Kassen und Kanäle ging; wahrscheinlich am wenigsten durch gläubige Herzen. Wer von den Betroffenen und Betroffenheitsrepräsentanten hat einen Anschlag auf den eigenen Glauben empfunden und sagte: Niemals wird der Islam bis in mein Herz dringen, denn es verteidigt seine christlichen Trümmer? "Unser Glaube ist der an die Vernunft und die Werte der Zivilisation" (Tony Blair). Dieser "Glaube" ist lediglich unser Pragmatismus. Er hat die Welt nachhaltiger missioniert als jede Religion. Auf die Blinden des Glaubenskriegs wird kein noch so pathetisches Selbstbekenntnis der Ungläubigen Eindruck machen. Die ganze große Kommunikationsmaschine wird von diesem einen Korn der Nichtverständigung gestört - und läuft in den Teilen, die für die Verständigung unter schon Verständigten sorgen, doppelt leer und heiß.
Unsere höchsten Werte der Zivilisation? Stammen sie nicht aus einer "Gesellschaft", die diesen Namen noch nicht benutzte und weit davon entfernt war, "offen" zu sein? Wie viel Politik ließ sich von Machtphantasien verleiten! Welche aber ließe Ohnmachtsphantasien zu und wüsste sich dennoch zu helfen?
Es gibt keinen Krieg, wo ein Friedensschluss nicht verhandelbar ist. Nur einen langen Abtausch von Überfällen. Ein panislamisches Reich vom Sudan bis nach China: Hätten wir es schon! Ein kalter Krieg wäre wieder möglich. Bedrohungspotenziale. Waffenruhe.
Die Bereitschaft zum Event ist unter medialen Verhältnissen besonders hoch entwickelt - für den Einschlag war die Welt sehr empfänglich. Er traf uns nicht aus heiterem Himmel, sondern aus einem zunehmend bedrückenden. Und mit einer Spitzensymbolik, die kaum je zu übertreffen sein wird. Gleichwohl werden zäh wiederkehrende Attacken von der Ausdauer und der Beständigkeit des Unverhofften zeugen, das der Epoche einen neuen Zeittakt gibt und den leeren Beschleunigungen etwas in die Quere stellt. Attentionismus, das "Achtung!"-Leben, die Erwartungswachheit werden an die Stelle des geschäftigen Schlafs treten.
Der Schlag schreckte kurz den Hedonisten auf - er verdrückte die sprichwörtlichen Krokodilstränen und sank in das Seine zurück. Lust auf Metanoia? Der Schlag ist wie ein fremder Akzent, der in ein allzu abgegriffenes Wort drang und es spaltete. Der Einzige, der schweigt, ist der Mann, der das Unheil schickte. Der Weltgegner.
Der Kampf der Bösen gegen die Bösen. Die Amerikaner wissen, wer die Bösen sind. Die Glaubenskrieger wissen, wer der Große und der Kleine Satan sind.
Wundert es, dass ein Land, das seine Zukunftssorge immer nach seinen Vergangenheitsbelastungen ausgerichtet hat, die sichersten Ausbildungsstätten bot für die Zukunftsarchaiker des Islam?
Denn nichts wird mehr sein, wie es war ... Das möchte man erleben! Nur was tiefer ist als das, was war, könnte dann sein. Wäre es jetzt also für immer vorbei mit unserer Aufklärungshegemonie: Ich bin ein Produkt der Emanzipation, und es ist unsere Pflicht, auch die Frauen des Islam zu einem frauenwürdigen Leben zu befreien?
Im mittelalterlichen Persien fielen die islamischen Assassinen, die berüchtigte Mördersekte des "Alten vom Berge", erst dem Mongolensturm zum Opfer. Man spürt auf einmal ihre Gegenwart, die mit unserer nicht übereinstimmt. Die kuriose Mängelrüge, der Islam habe seit langem keine neuen Ideen hervorgebracht (Enzensberger), entspricht einem Zeitgefühl, das vor Innovationen taumelt und die Macht der Tiefenzeit nicht mehr kennt. Die Blindheit der Glaubenskrieger und die metaphysische Blindheit der westlichen Intelligenz scheinen einander auf verhängnisvolle Weise zu bedingen.

DER SPIEGEL 41/2001
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