26.12.1951

DWINGERDer ungeklärte Fall Wlassow

700 DM muß ich monatlich allein für Löhnung ausgeben", stöhnt stilecht Bauer Edwin Erich Dwinger. Obwohl Dwinger im Hauptberuf Schriftsteller ist und sein neuestes Buch gerade jetzt im Kreuzfeuer der Kritik steht, überwiegen die Sorgen, die der 53jährige mit seinem Wiesengut Hedwigshof in Seeg im Allgäu hat.
Sein bäuerlicher Nebenberuf ist keine bloße Dichter-Marotte. Dwinger versteht etwas von der Landwirtschaft. Er hat nach der. Rückkehr aus seiner - in "Armee hinter Stacheldraht" beschriebenen - russischen Kriegsgefangenenzeit des ersten Weltkrieges regelrecht Bauer gelernt.
Vierzig Stück Vieh und eine weithin bekannte Zucht von Haflingern - kleinen, zähen Gebirgspferden - strömen bei einbrechender Dunkelheit in die musterhaft gepflegten Ställe seines Besitzes.
Den Hedwigshof - benannt nach seiner geschiedenen Frau, Tochter des Nobel-Preisträgers Professor Dr. Wien - verdankt Dwinger der Millionen-Auflage seiner in zwölf Sprachen übersetzten Bücher.
Seine ersten schriftstellerischen Versuche - "Korsakoff" (1926), "Das letzte Opfer" (1928) und "Die zwölf Räuber" (1932) - waren Romane. Der Durchbruch zum Welterfolg jedoch gelang ihm mit einem neuen Typ des schriftstellerischen Appells, von dem der Wiener Literaturhistoriker Nadler schreibt: "Die künstlerische Leistung heißt nicht Dichtung, sondern Bericht. Dieser Bericht wird mit dem Abstande so sachlicher Worte vorgetragen, daß sie desto kühler werden, je entsetzlicher die Dinge sind, von denen sie reden."
Berichte dieser Art sind "Armee hinter Stacheldraht" (1929), "Wir rufen Deutschland" (1932), "Die letzten Reiter" (1935) und vor allen Dingen "Zwischen Weiß und Rot" (1930). Dieses Buch machte Dwinger weit über den deutschen Sprachkreis hinaus berühmt. Mit brutaler Offenheit schildert er darin die Greuel des russischen Bürgerkrieges und den Untergang der Armee des weiß-russischen Admirals Koltschak.
Fast alle diese Berichte gehen von persönlichem Erleben Dwingers aus. 1915 war er an der Spitze seines Dragoner-Zuges verwundet von Kosaken gefangengenommen worden. Durch seine russische Mutter der Landessprache mächtig, nahm er auf weißer Seite an den Revolutionskämpfen teil, bis ihm schließlich 1921 die Flucht nach Deutschland gelang.
Das bolschewistische Rußland - im umfassenderen Sinne: der moderne Massenstaat östlicher Prägung - blieb Dwingers Lieblingsthema nach 1933 und 1945. So gehören auch die "Spanischen Silhouetten" (ein Bericht von der Legion Condor) und selbst "Der Tod in Polen" (ein Bericht von dem polnischen Massaker in Bromberg) sowie schließlich die 1950 erschienene Darstellung vom Untergang Ostpreußens, "Wenn die Dämme brechen" zu diesem Themenkreis.
Geographisch wie politisch nähert sich Dwinger seinem Gegenstand allerdings stets von der Peripherie her. Seine Berichterstatter-Position liegt jeweils außerhalb des eigentlichen Geschehens, also Sowjetrußlands. Sie verläßt niemals den Umkreis und die Atmosphäre der "abendländischen Dome". Das hat zur Folge, daß sein Bericht doch nicht, wie der Literaturhistoriker Nadler meinte, nur kühle Sachlichkeit, sondern immer zugleich der Versuch ist, zu protestieren und Gefühle der Abwehr und des Widerstandes wachzurufen. Das ist
auch der Fall in seinem jüngsten Werk: "Wlassow - Eine Tragodie unserer Zeit"*)
Vor der kleinen Jagdhütte in einem Waldstück seines Besitzes steht noch heute die Bank, auf der Dwinger im Frühjahr 1943 mit dem baumlangen, kriegsgefangenen russischen General Wlassow und Betreuer Hauptmann Wilfried Strik-Strikfeldt saß. Dwinger schildert die Szene in seinem Buch:
"Vor einer Jagdhütte machten sie Rast, setzten sich auf ein paar Baumstämme. Vor ihnen hob sich die zackige Kulisse der Zweitausender, an ihren Südhängen schmolz schon der Schnee, in ihren Klüften aber lag er noch mit dicken Kissen."
Dwinger nennt sich in seinem Wlassow-Buch "Schriftsteller Hollstein": "...ein nur mittelgroßer Mann, mit zurückgestrichenen Haaren, ungewöhnlich buschigen Augenbrauen, einem Paar auffallend lebhaften Augen." Bis auf die grauer gewordenen Haare und die etwas vollere Jockey-Figur stimmt diese Beschreibung noch heute auf Dwinger. Ebenso die des Hauptmanns Strannfeldt im Buche auf den heute in Gummersbach bei Köln wohnenden Strikfeldt: "...schob das schon ohnedies auffallende Kinn, das ihn einem Assyrer ähnlich gemacht, wenn es bebartet wäre, an diesem Morgen noch ein Stückchen weiter vor." Strikfeldt war es gewesen, der den Kontakt zwischen seinem Schützling Wlassow und Dwinger hergestellt hatte.
Dwinger hatte 1941 am Rußlandfeldzug als Offizier im Stabe einer Panzerdivision teilgenommen. Von hier aus begann er, die Führungsstellen der deutschen Rußland-Politik - insbesondere Alfred Rosenbergs Reichs-Ostministerium - mit Denkschriften zu beschießen, die den Irrsinn der damals noch offiziellen Hitler-These vom russischen "Untermenschen" zum Ziel hatten An eine dieser Denkschriften schrieb laut Dwinger Generalfeldmarschall von Brauchitsch die Marginalie: "Das ist das Rezept des Sieges."
Unabhängig voneinander korrigierten damals die Front, der Generalstab, die Wehrmacht - Propaganda und einzelne
Dienststellen der SS Hitlers russische General-Linie nach eigenen Bedürfnissen Die kämpfende Truppe schaffe sich die "Hiwis", um ihren Bedarf an Nachschub-Organisationen und rückwärtigen Sicherungsverbänden zu decken. Der SD-Sturmbannführer Gräfe stellte eine russische Truppe auf, aus der er Saboteure und Spione rekrutierte. Oberst Graf Stauffenberg faßte von seiner Position im Generalstab aus die Betreuung der Hiwi-Verbände organisatorisch zusammen, schuf die Dienststelle des "Generals der Freiwilligenverbände" und bezog schließlich die auf deutscher Seite kämpfenden Russen in seine gegenrevolutionären Pläne ein.
Die Offiziere der Abteilung WPr IV des OKW (Wehrmachtspropaganda Ost) - zum größten Teil ehemalige Rußland- und Baltendeutsche - revoltierten von Anfang an gegen die Untermenschentheorie. Sie wußten es aus eigener Erfahrung besser. Zun Beispiel der ehemalige zaristische Offizier Strikfeldt: "Intelligenzprüfungen an russischen Kriegsgefangenen haben einen ch westeuropäischen Unterlagen normalen Durchschnitt ergeben. Bei den Begabten lag der Durchschnitt sogar über dem des Westens."
Im Sommer 1942 stöberte Strikfeldt im Kriegsgefangenenlager Winnitza in der Ukraine den kurz zuvor am Wolchow gefangen genommenen sowjetrussischen General Wlassow auf. Er nahm ihn mit in ein vergittertes Zimmer der Dienststelle von Wpr IV in der Viktoriastraße in Berlin. Wlassow wurde der Hauptschlager der deutschen Zersetzungspropaganda gegen Stalins Divisionen.
Aber Strikfeldts Absichten gingen darüberhinaus. Er wollte Wlassow zum Haupt einer russischen Gegenregierung machen. Deutschland sollte mit dieser Regierung einen für Rußland tragbaren Frieden schließen. Rußlands Grenzen bis auf die 1939 und später vorgenommenen Korrekturen sollten erhalten bleiben.
Das widersprach diametral den Konzeptionen Hitlers, Himmlers und denen des Reichskommissars Erich Koch in der Ukraine. Aber auch den Auffassungen des Ostministers Rosenberg, dessen Plan die "nationale Dekomposition" Rußlands war. Er wollte die Bedrohung Europas durch den östlichen Koloß ein für allemal durch Aufteilung Rußlands in seine nationalen Bestandteile - Ukraine, Weißrußland, Kaukasus usw. - beseitigen.
Strikfeldt suchte Parteigänger. Einer von ihnen wurde der Reichskultursenator und von Himmler mit einem Ehrendienstgrad seiner SS bedachte Dwinger, dessen Mitarbeit im wesentlichen in der Abfassung von Pro-Wlassow-Denkschriften bestand.
In einer solchen Denkschrift formulierte Dwinger im Sommer 1943 unter "Streng vertraulich! Nur gegen Empfangsbestätigung":
"Da ein Zug bis Wladiwostok aber militärisch unmöglich ist, kann also Sowjetrußland letzten Endes nur politisch besiegt werden. Im Augenblick dieser Erkenntnis ist ein russischer General zu uns übergetreten, der einer der bedeutendsten jungen Sowjetgeneräle war, als Verteidiger Moskaus einen großen Namen im ganzen Volke genießt.
"Dieser General Wlassow ist als ehrlicher Antibolschewist bereit, sich ganz in den Dienst der Befreiung Rußlands von Stalin zu stellen. Man hat seine Dienste auch bereits angenommen, sich aber zu keiner Ganzheit entschließen können, so daß seine politische Schlagkraft ständig gehemmt ist."
Diese Beteiligung an dem Fall "Wlassow" hat Dwinger nunmehr zum Ausgangspunkt
seiner "Tragödie unserer Zeit" genommen. Sein Buch ist wie alle vorausgegangenen "Berichte" eine Mischung von Chronik und Dichtung. "Dichterisch überhöhte Wahrheit", wie er sich selber ausdrückt.
Die chronistische Absicht gilt der Gestalt und dem Schicksal Wlassows, des russischen "Quisling", die dichterische dem Auftreten des Menschen als Masse, seiner Halbbildung, seiner Existenzsicherung und -bedrohung durch die Technik und den modernen Staat.
Die erstere Absicht ist Dwinger nicht gelungen. Das ist das Urteil des ehemaligen Hauptmanns von Grote, wie Strik-Strikfeldt während des Krieges WPr IV-Offizier im OKW, heute Redakteur der Düsseldorfer Nachrichten. "In diesem Werk hat Dwinger so oft als Chronist versagt, daß von einer Chronik keine Rede sein kann", urteilt er über Dwingers Buch.
Darüber hinaus stellt Grote die Frage, "ob es gestattet ist, daß ein Dichter kaum verstorbene und viele lebende Personen nach Gutdünken reden und handeln läßt, und daß viele Personen in einem Licht erscheinen, das weder ihrer Einstellung noch ihrer damaligen Tätigkeit entspricht".
Dwinger ist sich der delikaten Seiten zeitnaher Dichtung durchaus bewußt. Er hat in der Auseinandersetzung mit diesen Problemen schmerzliche Erfahrungen gesammelt.
"Als ich", beklagte er sich, "in ''Wenn die Dämme brechen'' meinem alten Freund, dem General von Treskow, einem der führenden Männer des 20. Juli, ein Denkmal setzen wollte, indem ich eine der Hauptfiguren des Buches nach ihm benannte, protestierte dessen Witwe mit der Begründung, in der Familie ihres Mannes habe es niemals (wie in dem Buch) einen HJ-Führer gegeben. So mußte ich den Treskow in Pleskow umbenennen."
Hinter der Kritik an seinem "Wlassow" vermutet Dwinger aus diesen und anderen Erfahrungen heraus das Ressentiment von Mitakteuren, die entweder nach ihrem Geschmack nicht richtig oder überhaupt nicht erwähnt sind.
Dwingers dichterisch-großzügiger Umgang mit historischen Daten und Personen hat auch George Fischer, den New Yorker Mitarbeiter der Rußlandforschungsstelle der Harvard-Universität, alarmiert. Im Herbst 1951 schrieb er an deutsche Zeugen der Wlassow-Affäre, bei denen er Anfang desselben Jahres mit einem großen Karteikasten im Koffer persönlich Erkundigungen eingezogen hatte.
Fischer arbeitet an einem Buch - "Soviet Defection in World War II" (etwa: "Verrat bei den Sowjets im zweiten Weltkrieg"), das den politischen Strategen der USA für drohenden Weltkrieg III die Geschichte der russischen Kollaboration und die dabei auf deutscher Seite gesammelten Erfahrungen nutzbar machen will.
Auf diese brennend aktuelle Seite des Problems "Wlassow" spekuliert offenbar auch der amerikanische Verleger von Jürgen Thorwalds im nächsten Frühjahr erscheinenden Buch "Es gab einen Weg". Auch dieses ist ein Bericht von der russischen Kollaboration mit Wlassow im Mittelpunkt.
Thorwald hat schon früher in seinen "Ungeklärten Fällen" eine kurze Darstellung von Wlassows Werdegang und Schicksal gegeben. Heute will er von dieser Darstellung nicht mehr viel wissen: "Zum Teil ist sie historisch geradezu falsch. Etwa: die Geschichte von dem Uebertritt der 1. Wlassowschen Division am 6. Mai 1945 zu den tschechischen Aufständischen in Prag."
Den "Ungeklärten Fällen" zufolge geschah dieser zweite Stellungswechsel auf Weisung Wlassows in der Hoffnung, bei den
Amerikanern Verständnis für den Kampf gegen den Totalitarismus jeglicher Form - also auch den bolschew stischen - zu finden, und sich ihren Dank dafür zu erwerben, daß die ROA (Abkürzung für Wlassows "Russische Befreiungsarmee") Prag sowohl von den Deutschen befreit als auch vor der Besetzung durch die Heeresgruppe des sowjetischen Marschalls Konjew bewahrt habe. Die Amerikaner aber waren damals noch nicht so weit. Sie glaubten noch an "Old Joe" und Jalta. Sie überließen Prag den Sowjetrussen, obgleich sie es damals hätten haben können.
Thorwald glaubt nun, in seinem neuen Buch sich selber dahingehend berichtigen zu müssen, daß Wlassow von dieser Aktion seiner 1. Division nichts gewußt habe. Der Entschluß des Uebertritts zu den Tschechen sei von dem Kommandeur der in Beraun bei Prag liegenden Division General Bunitschenko allein gefaßt worden.
Dwingers Darstellung dieser Vorgänge aber stimmt zum Teil wörtlich mit Thorwalds Schilderung in den "Ungeklärten Fällen" überein. Die Szene, in der die Wlassow-Leute erfahren, daß ihr Einsatz vergeblich war, die Amerikaner entgegen ihrer Berechnung Prag nicht besetzen werden, lautet bei Thorwald:
"Als der russische Oberstleutnant in deutscher Uniform erschien, sah der Amerikaner sich im Kreise um: ''Was ist mit diesem Deutschen?'' sagte er. "Wünscht er zu kapitulieren?''"
Bei Dwinger: "Im Zimmer des Generals stand ein junger Kapitän in Khaki, wandte ihm sofort interessiert den jungenhaften Kopf zu. ''Was will dieser Deutsche'', fragte er, ''will er kapitulieren?''"
Der Quellennachweis zu Thorwalds Buch "Es gab einen Weg" umfaßt rund 1000 Titel. Strik-Strikfeldt hat es teilweise auf seine historische Zuverlässigkeit geprüft. Thorwald hat den Ehrgeiz, aus dem ungeklärten Fall Wlassow einen geklärten zu machen.
Das war von vornherein nicht die Absicht Dwingers. Gleich die erste Szene seines "Wlassow" ist eine bewußte Korrektur der Historie:
Dwinger verlegt den Zeitpunkt der Gefangennahme Wlassows vom Sommer 1942 auf den Frühling des gleichen Jahres. Dieser
Kunstgriff verschafft ihm den makabren, doch gleichzeitig von zarter Lenzstimmung durchwehten Hintergrund für den Entschluß Wlassows zum Bruch mit dem Sowjetsystem: der Sumpfwald des Wolchow, in dem die erste Frühlingssonne die Tausende von der Winterkälte konservierten Leichen gefallener und verhungerter Soldaten aufzutauen beginnt.
Dwingers Differenzen mit der historischen Wahrheit haben aber nicht immer überzeugende künstlerische Gründe. So etwa, wenn er den jetzt in Landsberg begnadigten Obergruppenführer Gottlob Berger als Chef des Reichssicherheitsamtes bezeichnet. Berger war niemals Leiter dieses Amtes.
Das Beruhigende an diesem Irrtum ist, daß Dwinger dies nach seinem Buch hätte eigentlich wissen müssen. Er will nämlich, wenn auch pseudonym als Schriftsteller Hollstein, laut "Wlassow" von dem "Chef des Reichssicherheitshauptamtes Berger" herbeibefohlen und angebrüllt worden sein.
Als "unerfreulich" merken ehemalige WPr IV-Offiziere an, daß Dwinger den Eindruck entstehen läßt, Hollstein - also er: Dwinger - habe durch einen Brief an den damaligen Chef des Generalstabes, Generaloberst Guderian, das erste Treffen zwischen Himmler und Wlassow am 26. September 1944 herbeigeführt und damit endlich die - allerdings viel zu spät erfolgende - Anerkennung der Wlassow-Bewegung seitens der deutschen Führung eingeleitet. Zum mindesten irrt Dwinger hier in einem Punkt: die Besprechung fand nicht in Himmlers Berliner Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße, sondern in dessen Feldquartier in Ostpreußen statt.*)
Der Inhalt der Besprechung ist nach dem Urteil von Grotes falsch dargestellt. Und die gravierendste Berichtigung: der bei der damals schon nahezu katastrophalen militärischen Lage Deutschlands im übrigen nicht überraschende Stellungswechsel Himmlers gegenüber Wlassow sei nicht durch Dwingers Brief an Guderian - sondern durch einen Erfahrungsbericht des Hauptschriftleiters des "Schwarzen Korps", Gunter d''Alquen, ausgelöst worden. D''Alquen habe nämlich auf einer Reise längs der Ostfront die Beobachtung gemacht, daß die wirksamste Zersetzungsparole im Propagandakrieg gegen die Sowjets die Propaganda mit Wlassow war.
Dwinger verteidigt sich: "Ich wurde einige Zeit nachdem ich den Brief an Guderian geschrieben hatte zu Himmler beordert. Als ich ankam, war Himmler nicht anwesend. Dafür empfing mich ein Obersturmbannführer. Er zeigte mir meinen Brief an Guderian mit einer Randnotiz Himmlers: ''Dwinger befragen''. Was ist näherliegend als die Annahme, daß mein Brief in dieser Sache eine gewichtige Rolle gespielt hat?"
In der Kritik der ehemaligen Offiziere von WPr IV an Dwingers "Wlassow" steckt ein Stück verletzter Liebe und Eifersucht. Die meisten waren Rußland- oder Baltikumdeutsche gewesen. Strikfeldt war während des 1. Weltkrieges zaristischer Offizier. Die Bewegung mit Wlassow war für sie ein großes Erlebnis, Noch einmal hatte sich ihnen die "jahrhundertealte Aufgabe" des Deutschtums in Osteuropa gestellt: die Vermittlung europäischer Kultur. Die gefühls- und traditions-
geladene Atmosphäre in dem deutschen Betreuer-Stab Wlassows hat Dwinger in seinem Buch durchaus gut getroffen. Man hat den Eindruck, daß er selbst von ihr stark infiziert war. Auch noch, als er den "Wlassow" schrieb.
Dwinger stopft in die Figur seines Wlassow Gedankengänge und Betrachtungen hinein, die dieser nach dem Urteil seiner damaligen deutschen Vertrauten niemals gehabt hat. Es ist Dwingers eigene gefühlsselige, elegische Philosophie, die er seinem Wlassow in den Mund legt. Etwa in der Szene, in der er Wlassow eine Ansprache an den Stallmeister der berühmten Wiener Lippizaner Dressur-Schule Podhajsky halten läßt:
"Aber ich sah durch diese hohe Kunst nicht weniger von Europa, als ich gestern noch durch seine historischen Schlösser sah! Das gestrige war museal, das heutige jedoch lebt noch. Wie über Jahrhunderte hinweg hat es mich angeweht, gleichfalls ein Stück seiner unersetzlichen Kultur! Auch dafür müssen wir kämpfen, meine Freunde, auch das müssen wir verteidigen! Was jetzt in den Menschenmassen aufsteigt, das will auch das mit vernichten - wird es mit Sicherheit vernichten, wenn wir es nicht bändigen können ..."
Wlassow war kein ungebildeter Mann. Er war von seinem Vater - einem Bauern und Dorfschneider in der Nähe von Nishni Nowgorod - für den Beruf eines Priesters vorgesehen, hatte eine entsprechende Schule besucht, war später längere Zeit im Ausland (als Militärberater Tschiang Kai-scheks in China) gewesen und hatte durchaus die Voraussetzungen, die künstlerische Bedeutung etwa der historischen Gebäude Wiens zu würdigen. Fern aber lag ihm die retrospektive Sentimentalität, die ihm hier unterstellt wird. Dazu war und blieb er zu sehr Funktionär.
Dwinger kommt dieser Erkenntnis oft nahe genug. Zum Beispiel in einem Gespräch, das er Wlassow mit dessen Propaganda-Chef, dem General Shilenkow - bis 1941 Parteisekretär von Moskau - führen läßt. Es geht in diesem Gespräch um die Regierungsform und -methoden, die Wlassow im Falle des Sieges seiner Sache in Rußland anzuwenden gedenkt. Shilenkows These ist, daß man schließlich
doch nicht um die Diktatur herumkommen werde:
"Ich werde das Gefühl nicht los, als ob sich hier eine Entwicklung anbahne . . . Als ob wir alle Werkzeuge wären, die gesamte Menschheitsentwicklung abbiege . . . Unsere frühere Gesellschaftsform war nur möglich, weil die Masse ohne jede Bildung war, die Oberschicht aber über echte Bildung verfügte. Beides ist grundsätzlich anders geworden, die Masse hat eine primitive Halbbildung bekommen, die schlimmer als gar keine ist, die Oberschicht aber hat die ihrige verloren. Daraus muß sich eine andere Lebensform entwickeln, dem wieder muß die Anonymität des einzelnen folgen. Mit anderen Worten: Der Termitenstaat!"
Dwingers Wlassow schweigt. Aber an anderen Stellen hat er Wort-Klischees zur Hand, die nicht die des historischen Wlassow sind. Diese Klischees sagen mehr über Dwingers Gedanken aus als über die Wlassows. Dwingers Protest gegen diese Welt der harten Tatsachen, gegen die Gesetzmäßigkeiten der Masse und der Technik, ist nicht echt.
So geht das eigentlich Erschütternde des "historischen" Wlassow verloren, das nur in einem "hartgesottenen" Rapport der Ereignisse hätte registriert werden können. Wlassows Uebertritt zu den Deutschen war faktisch nicht mehr als das Aufbäumen der gequälten Menschennatur gegen den Zwang des Massenstaates. Es war keine Alternative, von der ein neuer Anfang, ein grundsätzlicher Wandel hätte ausgehen können. Auch Wlassow wußte nicht zu sagen, wie man anders als mit den Mitteln des bolschewistischen Staates: Gewalt und Zwang die östlichen Massen führen, erziehen und in ihrer materiellen Existenz sichern sollte.
Dieser Wlassow war Dwinger nicht genug. Er versuchte, den russischen Frondeur zu "überhöhen". Das mußte mißlingen, denn auch Dwinger selbst weiß in Wirklichkeit keine überzeugende Alternative zu dem Massenstaat und seinen Gesetzen.
Er holt sich zwar auf den letzten Seiten seines Buches den Riesen Dostojewski zu Hilfe. Aber die Zitate aus den "Brüdern Karamasow" bleiben in der Umgebung Dwingerscher Prosa Fremdkörper. Die Alternativen
Dwingers zum Bolschewismus sind "abendländische Kultur", der "Stephans-Dom", "Notre Dame de Paris", Gott, Freiheit. Das alles sind bei ihm gefühlige Reminiszenzen, niemals Bekenntnisse von religiöser Wucht oder tödlichem Ernst. So verwandelt sich unter seinen Händen die Figur Wlassows in ein Gefährt Dwingerscher Sentiments.
Ein praktischer Mangel der sentimentalen Chronistik Dwingers ist, daß mit ihren Mitteln die rein sachlichen Motive der Politik nicht in den Griff zu bekommen sind. Die Gefühls-Akzente behindern die objektive Würdigung der Standpunkte zum Beispiel der deutschen Politik.
Freilich verdient Hitlers Untermenschentheorie über die Russen höchstens eine psychologische Studie ihres Urhebers. Welche rein sachliche Bedeutung aber zum Beispiel Rosenbergs "Dekompositionstheorie" gehabt hat, geht schon daraus hervor, daß ihre Gedankengänge heute in der US-amerikanischen Politik gegenüber den russischen Emigrantenvereinigungen nachweisbar sind: Als im August 1950 sich die fünf wichtigsten russischen Emigrantenverbände Westeuropas und der Vereinigten Staaten nach langem Hin und Her in Füssen auf eine temperiert groß-russische Formel einigten, mußten sie die Konzeption auf amerikanischen Druck wieder zurückziehen.
*) Edwin Erich Dwinger: "Wlassow", Dirkleiter Verlag, Frankfurt, 450 Seiten, 15,80 DM.
*) Noch im Herbst 1943 - 11 Monate vor dem 26. September 1944, an dem Himmler die Aufstellung von 10 Wlassow-Divisonen grundsätzlich genehmigte, - hatte der "Reichsführer" erklärt: "Wenn sich so ein dahergelaufener Russe - vorgestern vielleicht noch Schlächtergehilfe und gerade gestern von Herrn Stalin zum General gemacht - hinstellt und mit der für den Slawen typischen Einbildung Vorträge darüber hält, daß Rußland nur von Russen besiegt werden könne, dann kann ich nur sagen: dieser Satz allein beweist, was für ein Schwein er ist."

DER SPIEGEL 52/1951
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