15.10.2001

TERRORISTENAnschläge ohne Auftrag

Im Umfeld der Terrorpiloten aus Hamburg stoßen Fahnder auf eine gefährliche zweite Linie: Geschäftsleute mit Kontakt zu Osama Bin Laden, Kriminelle, trainierte Krieger. Abgehörte Telefonate zeigen, dass auch sie töten wollen - und können.
Es melden sich viele Verrückte in diesen Wochen, und mit einer Mischung aus Abscheu und Mitleid hören sich Deutschlands Polizeibeamte deren Geschichten an. Es gibt aber auch Momente, da werden die Beamten mit den müden Augen auf einmal ganz wach.
In der Wache 21 in der Mörkenstraße in Hamburg-Altona schaute am Sonntag vor zwei Wochen, gegen 18 Uhr, der Kosovo-Albaner Zeljko E., 31, vorbei. Nach ihm werde gefahndet, er wolle sich stellen, sagte er. Weil ihr EDV-System mal wieder ausgefallen war, sperrten ihn die Beamten ein, und eine halbe Stunde später wussten sie: Zeljko E. wurde wegen Einbruchs gesucht.
Gegen 20 Uhr drückte der Mann die Klingel und verlangte, jemanden vom Staatsschutz zu sprechen. Und als dann zwei Fahnder vom Bundeskriminalamt (BKA) in Altona erschienen, erzählte er, er habe bei einem Geschäftsmann eingebrochen und kiloweise Schriftstücke geklaut.
Kein Geld, keinen Schmuck, nur Papier, haufenweise Papier, ganze Dokumente in arabischer Sprache.
Der Einbrecher wollte wissen, was er da geraubt hatte. Also, so erzählte er den Beamten, habe er eine Reisetasche zu einem Freund geschleppt, der Arabisch spricht, und dort hätten sie mit Entsetzen festgestellt, dass die Dokumente etwas mit den Anschlägen in New York und Washington zu tun haben könnten.
Von der Wache aus rief der Einbrecher dann einen anderen Freund an, der die Akten vorbeibringen sollte; wieso, die habe er doch schon auf dem Polizeipräsidium abgegeben, sagte der Kumpel. Vergangenen Mittwoch kam der Mann noch einmal und stellte einen Koffer mit ähnlichen Unterlagen ab. Diesmal erzählte er, er komme im Auftrag einer Organisation zur Rettung des Weltfriedens.
Nun wurden die Papiere flink kopiert und an die Staatsschutzabteilung des BKA weitergeleitet. Eineinhalb Tage dauerte es, bis die 20 Kilogramm Papier kopiert waren. Die Auswertung wird Wochen dauern. Die Dokumente erzählen, so der erste Eindruck, eine Menge über die Geschäfte des aus Syrien stammenden Kaufmanns Mamoun Darkazanli, 43. Gegen den ermittelt die Bundesanwaltschaft seit Ende vorvergangener Woche wegen des Verdachts auf Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Darkazanli, so viel steht fest, kennt sie alle: jene Hamburger, die beteiligt waren, als am 11. September in New York, Washington und Pennsylvania etwa 5500 Menschen starben; und den in den USA im Gefängnis sitzenden Finanzchef Osama Bin Ladens, Mamduh Mahmud Salim. Fest steht bislang: Auch die Unterlagen über den Kauf eines Schiffs im Jahr 1994, für den sich US-Behörden seit Jahren interessieren, finden sich in dem Konvolut. Das Geld soll von Bin Ladens Organisation gekommen sein.
Ein ordinärer Einbrecher klaut zufällig Akten mit Material über den größten Terroranschlag der Geschichte? Und liefert sie dann auch noch brav bei der Polizei ab? Eine Szene wie aus einem schlechten Agententhriller. Davon glauben die Fahnder kein Wort. Nun rätseln sie, ob ihnen auf diesem seltsamen Weg ein Geheimdienst etwas zukommen lassen wollte. Aber welcher? Und wieso? Zwei Rätsel - von sehr vielen.
615 Männer und Frauen arbeiten in der "Besonderen Aufbauorganisation USA", wie sich die Sonderkommission des BKA getauft hat. 8500 Hinweisen aus der Bevölkerung müssen sie nachgehen und all den Spuren, die sie in den fünf Wochen seit dem 11. September selbst entdeckt haben. Und seit dem vorvergangenen Sonntag, seit die Amerikaner mit der Bombardierung Afghanistans begonnen haben, fragen sich die Fahnder vor allem: Welche Netzwerke des Terrors ziehen sich über das Land? Wie arbeiten sie? Oder, anders: Welche Gefahren drohen noch immer?
Die Fahnder fürchten nicht nur Schläfer wie den Hamburger Studenten Mohammed Atta, der sich unauffällig verhielt, bis er ins World Trade Center flog. Schon seit längerem wissen die Behörden um ein ebenso gefährliches Potenzial, das sich nicht an den Hochschulen finden lässt.
Es ist die nächste Ebene.
Diese Männer studieren nicht Elektrotechnik und bemühen sich erst gar nicht, wenig aufzufallen. Manche sind als Asylbewerber hier oder illegal, und viele sind den Behörden als gewöhnliche Kriminelle bekannt - mal geht es um Raub und Drogenschmuggel, fast immer um Urkundenfälschung und Kreditkartenbetrug. "Gruppen zweiter Qualität" nennen sie die Behörden.
Mit dem Bin-Laden-Netzwerk sind diese Leute oft nur lose verbunden - etliche von ihnen absolvierten einen Lehrgang in einem seiner afghanischen Lager. Aber eine klare Befehlsstruktur gibt es nach den Erkenntnissen der Fahnder nicht - einmal nach Europa zurückkehrt, beschließen die Gotteskrieger allein, wo sie zuschlagen wollen. "Völlig autonom und ohne eine Rücksprache an entscheidender Stelle zu führen, können sie über eigene Anschlagsziele entscheiden", schreibt das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV). "Geschäftsführung ohne Auftrag", nennt das Manfred Klink, der Leiter der BKA-Terrorismus-Sonderkommission.
Ein Gefahrenszenario jagt das andere. Falls Bin Laden getötet wird, stünden schwerste Gewalttaten in Deutschland bevor, prophezeit das BKA. Einerseits. Andererseits haben Sicherheitsexperten durchaus beruhigt die Verlautbarungen der Organisation al-Qaida gelesen: Dort war bloß vom Kampf gegen Amerika die Rede.
Zum Spagat zwischen internationaler Solidarität und innerer Sicherheit gehört, dass die Wahrscheinlichkeit von Anschlägen dann steigen wird, wenn die Bundeswehr in die Kämpfe eingreift. "Der Grad der jeweiligen Gefährdung wird wesentlich von Art und Umfang der militärischen Beteiligung abhängen", urteilt das BKA.
Denn schon jetzt ist Bin Laden ja der "Robin Hood der arabisch-muslimischen Welt" (so ein Papier des Bundesnachrichtendienstes), und immer mehr Radikale der islamistischen Szene schließen sich ihm an. Im Krieg der Welten sind diese Männer schnell zu mobilisieren, als Kommandosoldaten der Steinzeit-Islamisten um Osama Bin Laden versetzen sie die reiche, technisierte und deshalb so anfällige Erste Welt in Angst. Ausgebildet im Hindukusch - und in Deutschland schwer zu orten.
Die Internationale des Terrors, das bezweifelt inzwischen kein Fahnder mehr, ist auf dem Vormarsch. Verlässliche Zahlen allerdings gibt es kaum. Von etwa hundert arabischen Mudschahidin, die nach einer Ausbildung in Afghanistan nach Deutschland zurückgekehrt sind, sprach der nordrhein-westfälische Innenminister Fritz Behrens (SPD). Für diese vermeintliche Spekulation wurde er von Bundesinnenminister Otto Schily gemaßregelt - dabei stammt die Schätzung aus einem vertraulichen Dossier von Schilys BfV.
Als sicher gilt, dass jene Mudschahidin, die nach Deutschland zurückgekehrt sind, für eine weitere Radikalisierung der Islamistenszene sorgen. "Vorher musst du den Glauben aufbauen, die Religion. Und nachher kannst du den Samurai machen", hat ein Mudschahidin in einem abgehörten Telefonat die Strategie ausgeplaudert. Sie gelten als Idole - und sie können einen Trip in Ausbildungslager vermitteln.
Es geht im Kriminalfall World Trade Center um die Globalisierung des Terrors, und in diesem komplizierten Geflecht fallen natürlich die Zuordnungen von Verdächtigen schwer. Selbst die Aktionen jener Fanatiker, "die nicht in unmittelbarem Kontakt zu Bin Laden gestanden haben", müsse man "dennoch indirekt Bin Laden zuordnen", urteilt das BKA. "Al-Qaida betätigt sich als Servicestelle für den islamischen Terrorismus", schreibt das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz.
So fremd diese Welt auch ist, das Bundesamt für Verfassungsschutz hat die Verdächtigen in zwei Kategorien eingeteilt: "aligned", angebunden, oder eben "non-aligned", nicht angebunden. Auch die Mitglieder der zweiten Gruppe fühlen sich dem Heiligen Krieg verpflichtet, und oft genug haben sie mit Geld oder falschen Papieren die Gotteskrieger unterstützt.
Wer die Spuren des Terrors von Nord nach Süd verfolgt, stößt überall in Deutschland auf diese Sympathisanten.
Und manchmal auch auf mehr.
Hamburg: Das Zentrum des Terrors
Aus Hamburg kamen drei mutmaßliche Todesflieger, zwei mit Haftbefehl gesuchte Helfer und wohl auch etliche Unterstützer.
Mit den neuen Erkenntnissen über das Umfeld der Terrorpiloten spinnen sich die Hamburger Fäden zu einem immer dichteren Netz, und manchmal wird aus einem dünnen Faden auch ein Strick. So taucht etwa eine Visitenkarte des Libanesen Wadih El-Hage auf, den ein New Yorker Gericht im vergangenen Mai wegen der Anschläge 1998 auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam (263 Tote) verurteilt hat. Hages Firma Anhar Trading hat auch eine deutsche Geschäftsadresse: im feinen Uhlenhorster Weg 34, Hamburg. Das ist die Wohnadresse Darkazanlis. Auf der Visitenkarte Hages ist auch dessen Telefonanschluss eingedruckt. Darum überrascht die Theorie nicht mehr, dass aus Deutschland womöglich nicht nur ein Teil des Personals, sondern offenbar auch Kapital für die Anschläge in den USA kamen. Zweimal erhielt etwa Habib Zacarias Moussaoui in Norman (Oklahoma) Geld aus der Bundesrepublik: am 1. August 10 000 Mark und zwei Tage später noch einmal 20 000 Mark. Der Geldgeber nutzte dafür - am Hamburger und am Düsseldorfer Hauptbahnhof - den "Western Union Money Transfer", der damit wirbt, Summen sicher und schnell an jeden Ort der Erde zu bringen.
In Norman hatte Moussaoui bereits 57 Flugstunden an der Airman Flight School absolviert. Mit den 30 000 Mark aus Germany begann der Franzose algerischer Herkunft am 13. August an der Pan Am Flying Academy einen 8300 Dollar teuren Kursus, in dem er lernen sollte, große Jets zu fliegen. Ein Lehrer wunderte sich über den Schüler, der nur fliegen, nicht aber starten und landen lernen wollte, und informierte das FBI. Am 17. August wurde Moussaoui festgenommen - wegen Verstoßes gegen die Einreisebestimmungen.
Erst nach den Attentaten sahen sich die US-Ermittler die Computerfestplatte an, die bei Moussaoui sichergestellt worden war. Sie fanden Pläne für den Einsatz von Sprühflugzeugen, die zum Verteilen von biologischen oder chemischen Kampfstoffen missbraucht werden können.
Und solche Informationen schüren die Angst vor Anschlägen. Das Ziel der Terroristen, in der ganzen westlichen Welt Schrecken zu säen, ist längst erreicht. "Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen", mahnt Innenminister Otto Schily (SPD).
Aber es gibt ja sogar Gespräche und Telefonate, die abgehört und mitgeschnitten wurden, und die sind Furcht erregend. Einmal sprach ein Mann namens "Farid" mit seinem Kumpel "Khalid"*:
Farid: Warst du auch in der Ateta Operation?**
Khalid: Ja, ich war in verschiedenen Orten, es gibt keine Zone, wo ich nicht war. Es war ein wunderschöner Moment,
als der Befehl vom Emir kam, weil wir
davor die Struktur studiert haben, und danach mit Plastik ... bumm, und kurz danach krachte der Palast in Staub zusammen, und ein Feuer startete so, dass die Feinde von Gott verzehrt und verbrannt wurden.
Farid: Und es bleibt nichts übrig!
Khalid: Und dann kam der Befehl, die Bauernhöfe und die Apotheken zu zerstören.
Farid: Also habt ihr das ganze Dorf zerstört?
Khalid: Ungefähr.
Duisburg: Der Kopf der Killer?
Dass am Rande des Ruhrgebiets womöglich jahrelang ein Topmann des internationalen Terrorismus lebte, bekamen Ermittler durch puren Zufall heraus. Mitte Dezember 1999 reiste der Algerier Ahmed Ressam mit der Fähre vom kanadischen Victoria nach Port Angeles. Als Zöllner seinen Chrysler 300M kontrollierten, staunten sie: Im Kofferraum lagen Sprengstoffkomponenten, dazu vier Zünder.
Um aus den drohenden 130 Jahren Haft 27 Jahre zu machen, packte er aus. Ressam gestand, dass er mit Komplizen den Flughafen von Los Angeles in die Luft jagen sollte. Er gestand, ein Schläfer Bin Ladens zu sein, Deckname Benni Antoine Norris. Und er sagte, ein gewisser Ould Slahi habe ihn mit Geld und Papieren ausgestattet. Von Slahi habe er den Marschbefehl für das Attentat bekommen.
Wurde auch dieser Plan in Deutschland ausgeheckt? Denn Slahi, Vorname Mohamadou, Deckname Hubeine, wurde zwar 1970 in Rosso, Mauretanien, geboren; aber er lebte lange Zeit in Duisburg.
Slahi war am 3. September 1988 eingereist. Er war Stipendiat der Kölner Carl-Duisberg-Gesellschaft und durfte in Deutschland studieren. Er heiratete Sina Bint Seif al-Din - eine Schwester von Kahlid al-Shanqiti. In islamistischen Zirkeln wird al-Shanqiti "The Mauritanian" genannt; der Mann ist, so glauben US-Ermittler, der Drahtzieher der Anschläge auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam gewesen, und er gilt als Bin Ladens Vertrauter.
Während sein Schwager offensichtlich Anschläge plante, gab sich Slahi als eifriger Student. Er absolvierte Sprachkurs, Vorbereitungspraktikum, Studienkolleg - ab dem Wintersemester 1990/91 studierte er an der Duisburger Gerhard-Mercator-Universität Elektrotechnik. Am dortigen Fraunhofer-Institut legte er 1995 auch sein Examen ab.
1997 gründete er die Slahi GmbH. Geschäftszweck: "Der Import von Textilien und nichtedlen Metallen sowie der Export elektronischer Geräte". Obwohl seine Firma keine Umsätze machte, floss reichlich Geld über das Geschäftskonto, einiges angeblich auch von Shanqiti. Der Verdacht auf Geldwäsche kam auf. Finanzermittler des nordrhein-westfälischen LKA prüften daraufhin - ergebnislos.
Doch dann wurde Slahi von einem Kommilitonen verpfiffen. Von Mitte August 1998 bis Ende November 1998 hatte er Arbeitslosenunterstützung kassiert - insgesamt 7500 Mark. Damals war er aber schon Geschäftsführer der Ould Slahi GmbH mit einem angeblichen, beim Fiskus gemeldeten Jahreseinkommen von 40 000 Mark. Am 17. Dezember 1999 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Betrugs.
Allerdings hatte sich Slahi längst ins kanadische Montreal davongemacht. Slahi soll, in Bin Ladens Auftrag, eine Terrorzelle aktiviert haben, die aus algerischen Kämpfern bestand. Ziel: die Sprengung des Flughafens von Los Angeles am Millenniumstag 2000. Slahi bestreitet die Vorwürfe.
Doch dieser Slahi war in Montreal offenbar eine große Nummer. Die Kämpfer um Ressam sollen ihn ehrerbietig "Scheich" genannt haben, und eine Zeit lang, so bestätigte Slahi später in einer E-Mail an den ZDF-Reporter Elmar Theveßen, habe er in der Moschee von Montreal "die Gebete geführt". Er bestätigte auch, "zweimal in den Ferien" in Bin Ladens afghanischen Camps gewesen zu sein.
Slahi war offenbar von Beginn seines Montrealer Aufenthalts an im Visier kanadischer Geheimdienstler. Als es ihm zu heiß wurde, setzte sich Slahi aus Kanada ab und tauchte am 17. April 2000 in Deutschland wieder auf. Zwei Tage später wurde er wegen der Betrugssache festgenommen und am 15. Mai vom Amtsgericht Duisburg zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Er legte Berufung ein und verschwand zwei Tage später für immer.
In Mauretaniens Hauptstadt Nuakschott betrieb Ould Slahi offenbar bis zu seiner Verhaftung Ende September 2001 ein Internet-Café. Am vergangenen Freitag ließen ihn die Behörden laufen - man habe leider nichts gegen ihn in der Hand.
Die Arbeitsgruppe "Lupe" der Düsseldorfer Polizei hat es sich inzwischen zur Aufgabe gemacht, Karrieren wie jene von Slahi zu verhindern. Die Beamten koordinieren in Nordrhein-Westfalen die jüngste Rasterfahndung, die gewaltigste Datensammlung seit RAF-Zeiten: Gut 1,4 Millionen junge Männer zwischen 19 und 41 Jahren werden hier überprüft.
Bevor die Polizisten loslegen durften, musste sich das Düsseldorfer Amtsgericht mit dem Beschluss zum Datenabgleich befassen. Der Richter geht davon aus, dass in NRW die Gefahr eines terroristischen Vergeltungsschlags besteht.
Das Gericht bezieht sich auch auf "polizeiliche Erkenntnisse", nach denen 42 Personen bekannt seien, die "als Unterstützer oder Kontaktpersonen im Netzwerk Bin Ladens gelten, in NRW ansässig sind oder waren". Die Behörden stufen die 42 nur als so genannte Gefährder ein.
Der zuständige Wiesbadener Amtsrichter begründete die Rasterfahndung mit Mittätern und Unterstützern, die sich "möglicherweise" in Hessen aufhalten. Jetzt wird gezielt nach Studenten aus arabisch-islamischen Ländern gesucht. 22 Staaten hat das Gericht aufgelistet; neben so genannten Schurkenstaaten wie Irak, Jemen und Syrien auch die Urlauberländer Marokko und Tunesien. Dem Berliner Amtsgericht reichten 15 Staaten aus.
In Brandenburg kommen hingegen 18- bis 50-jährige Männer in die Rasterfahndung, die aus 30 Ländern mit muslimischer Bevölkerung stammen, darunter auch die Türkei, Indien und die Philippinen, die in anderen Bundesländern nicht im Raster enthalten sind. Und Schwierigkeiten gibt es auch mit der praktischen Umsetzung. "Die Dateien auf Knopfdruck zusammenspielen zu wollen, ist ein Trugschluss", sagt Brandenburgs Datenschützer Alexander Dix. Bis in seinem Land das moderne Datenbanksystem "Polygon" fertig ist, müssen Datensätze kompliziert bearbeitet werden.
Frankfurt: Die Krieger Allahs
Haddad, Maroni, Sabour und Benadali sind keine Männer, die Flugzeuge in Wolkenkratzer lenken können. Aber sie stehen unter Verdacht, dass sie Angst und Schrecken nach dem so genannten Schnellkochtopfsystem verbreiten wollten: Auf dem Weihnachtsmarkt von Straßburg sollte ein Schnellkochtopf, gefüllt mit Nägeln und selbst gebasteltem Sprengstoff, explodieren. Bei Hausdurchsuchungen fand die Polizei die Chemikalien und eine in arabischer Schönschrift verfasste Anleitung; in wenigen Wochen will die Bundesanwaltschaft Anklage erheben.
Bis zu ihrer Verhaftung machten die vier alles richtig: Mit Anzügen von Peek & Cloppenburg reisten sie durch die Republik, und in Apotheken kauften sie die Chemikalien für den Bombenbau zusammen. In elf Tagen legten sie 48-mal die Kopie einer italienischen American-Express-Karte vor. Und dann mieteten sie sich in Baden-Baden, nahe der französischen Grenze, zwei Zimmer, zahlten die Kurtaxe und bastelten in Frankfurt an der Bombe.
Wo lernt man so was?
Es gibt die einfachen Hausmannstricks der Terroristenbranche. In einem der europaweit abgehörten Telefonate fragt ein nicht identifizierter Jemenite, im Protokoll "Jemei" genannt, seinen Freund "Sami" etwa nach einer Bastelanleitung für Pässe.
Jemei: Wie mache ich es mit diesem Plastik?
Sami: Woher? Italien?
Jemei: Nein, Marokko.
Sami: Mit einem Föhn.
Jemei: Was ist ein Föhn?
Sami: (erklärt es)
Jemei: Ach so, für die Haare?
Sami: Oder benutze ein Bügeleisen.
Jemei: Wie? Soll ich es aufwärmen?
Sami: Ja, wärme es auf.
So reden sie, stundenlang, und manchmal klingen sie wie Kleinkriminelle, die mit ihrem Hehler feilschen. Wer aber bringt solchen Jungs das Handwerk der Gotteskrieger bei?
"Zur ideologischen und militärischen Schulung", so die Bundesanwaltschaft, hätten sich vier der fünf Bombenbauer "in Ausbildungslagern in Afghanistan aufgehalten"; dort seien sie für den Dschihad trainiert worden. Und wie das funktioniert, das kapieren die Ermittler seit jenem glücklichen Tag im Dezember 1999, an dem der Schläfer Ressam auf der Fähre nach Port Angeles verhaftet wurde.
Ein halbes Jahr war er im Lager, 1998 war das, in Afghanistan. Mal übten dort 50 Mann, mal 100, sie kamen aus Algerien, Jordanien, Jemen, Deutschland, Schweden, der Türkei und Tschetschenien, und sie arbeiteten in kleinen, nationalen Zellen, jede auf ihrem eigenen Gelände. Im ersten Monat lernten sie den Gebrauch von "leichten Waffen, Pistolen, einem leichten Maschinengewehr und einem schwereren".
Im zweiten Monat stand Sprengstoff auf dem Stundenplan, der Gebrauch sowie die Auswahl der richtigen Ziele: "Militärische Einrichtungen, Dinge wie Elektrizitätswerke, Gasanlagen, Flughäfen, Eisenbahnen" oder auch "Hotels, wo Konferenzen stattfinden".
Im dritten Monat kam "urban warfare", die Kriegführung in der Stadt, Taktik und Selbstschutz also. "Trage die Kleidung der Touristen", das hat sich Kronzeuge Ressam gemerkt.
Dann ging es in ein Lager für Fortgeschrittene, und dort wurde den Studenten des Terrors die Fertigung von Sprengstoff sowie das nötige Grundwissen in Elektronik vermittelt: "Wir lernten, elektrische Kreisläufe zu bauen." Warum? "Um Dinge in die Luft jagen zu können."
Letzter Schultag, sehr gut, abreisen - mit 12 000 Dollar, ein paar Chemikalien und einem Merkheft wurde Ressam auf die Reise ins Land der Ungläubigen geschickt.
Was den Ermittlern, in Frankfurt und sonstwo, Sorge macht, ist, dass sie auf immer neue Namen stoßen. Zwei Festnahmen in Bosnien? In einem Notizbuch finden sich die Telefonnummern eines der Frankfurter Verdächtigen. Eine Schießerei im Juni 1999 in der Frankfurter Innenstadt, bei der vier Polizisten verletzt werden? Ein Beifahrer des Schützen hatte eine Telefonnummer des Bin-Laden-Stellvertreters Abu Subaida in der Tasche.
Überall findet sich irgendetwas - das Netzwerk des Terrors, daran zweifelt kein Fahnder mehr, ist ziemlich reißfest.
Manchmal tauchen unter den so fremd klingenden Namen der Verdächtigen auch ganz vertraute Laute auf: Dennis J., 19, wurde in Pakistan festgenommen, als er aus Afghanistan einreiste. Der Verdacht: Auch der junge Deutsche soll in einem Terrorcamp ausgebildet worden sein.
Dennis wurde in Rödermark-Urberach groß, in der Nähe von Frankfurt. Er fand muslimische Freunde hier, und schon früh konvertierte er zum Islam.
Die Schule besuchte er mit "mittelmäßigem Erfolg", erzählt einer seiner Lehrer. Und als er 14, 15 Jahre alt war, begann Dennis "wie nach einer Gehirnwäsche" streng islamisch zu leben. Selbst auf Klassenfahrten zog er sich fünfmal täglich zum Gebet zurück. Den Mädchen gab er die Hand nicht mehr.
Beim Klassenausflug auf den Kasseler Herkules weigerte sich Dennis mitzukommen. Er wolle seinen Augen die nackten Statuen am Ausflugsziel nicht zumuten, sagte er. "Ich wollte ihn zu mehr Toleranz bewegen, aber selbst stundenlange Gespräche liefen ins Leere", erzählt der Lehrer. Erst Jahre nach dessen Schulabschluss hörte er wieder von ihm - in den Nachrichten.
Dennis war nach Afghanistan gefahren, weil er seinen Glauben dort in Reinform verwirklichen wollte, vielleicht auch, weil er kämpfen wollte im Heiligen Krieg.
Er knüpfte Kontakte zu dem Taliban-Büro in Frankfurt, das im Februar geschlossen wurde, weil dort illegal Pässe ausgestellt worden sein sollen. Schon damals stießen die Ermittler auf Dennis, aber sie gingen den Hinweisen nicht nach. "Die Polizei hat mit uns bis heute keine Verbindung aufgenommen", sagen seine Eltern (siehe Interview Seite 36). Für den späten Freitagabend war Dennis auf einer Maschine von Pakistan nach Frankfurt gebucht. Das BKA wartete begierig auf ihn.
Bayern: Die Helfer im Heiligen Krieg
Als Lased Bin Heni am vergangenen Mittwochmorgen beim Pförtner seiner Wohnung im Münchner Oberanger 47 die Post abholen wollte, wartete ein Empfangskomitee auf den Libyer. Beamte von LKA und BKA griffen schnell zu, der Mann gilt als dicke Spinne in Bin Ladens Terrornetz. Zur gleichen Zeit verhaftete die Polizei in Italien drei mutmaßliche Mittäter.
Laut Haftbefehl hatte Bin Heni unter anderem einer italienischen Schleuserbande dabei geholfen, Ausländer von Deutschland über die Schweiz nach Italien zu schmuggeln. Weiterer Vorwurf: Handel mit Sprengstoff, Waffen und chemischen Kampfstoffen, Urkundenfälschung. Die Gruppe soll als Terrorzelle den Auftrag gehabt haben, junge Männer für Bin Ladens Soldatencamps anzuwerben und sie mit gefälschten Pässen zu versorgen.
Elektrisiert haben die Fahnder auch hier die Telefongespräche, die sie abhören konnten. Emphatisch pries der Libyer darin angeblich Bin Laden und versprach: "Ich will wie ein Kämpfer sterben." Und es ging um die Vorbereitung von Aktionen, um Fässer und giftige Flüssigkeiten. Nun gehen die Ermittler der Vermutung nach, dass der Muslim ein Giftgasattentat plante. Der Haftbefehl gegen Bin Heni stammt von Anfang Oktober. Damals war in Spanien der algerische Terrorist Mohammed Belaziz festgenommen worden. Von dessen Bande führte eine Spur zu den Verdächtigen in Mailand und München.
Doch der 32-jährige Mann aus Tripolis war den deutschen Fahndern durchaus nicht unbekannt. Seit April ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen ihn wegen des Verdachts der Unterstützung der Frankfurter Zelle. Am 4. April dieses Jahres durchsuchten Polzisten in München-Haidhausen und in Freising zwei Wohnungen. Nur für einen Haftbefehl reichte es nicht.
Bin Heni tauchte in München unter - als Flüchtling, der nicht in sein Heimatland abgeschoben werden darf. In dem Einzimmerapartment im 4. Stock (Miete: 712 Mark für drei Personen) fiel der Libyer, der regelmäßig Sozialhilfe bezog, nicht weiter auf. Das Haus ist die erste Anlaufstation für Ausländer und sozial Schwache, die auf Arbeitssuche nach München kommen und vom Wohnungsamt dort hingeschickt werden.
So haben sich offensichtlich auch in den anonymen Wohnsilos von München und Umgebung islamistische Grüppchen niedergelassen, die Bayerns Innenminister Günther Beckstein nun "doch ein bisschen nervös" machen.
Auch Mamduh Mahmud Salim, den ehemaligen Finanzchef Bin Ladens, zog es im September 1998 nach München, genauer nach Freising. Kurz bevor er festgenommen und an die USA ausgeliefert wurde, wo er wegen "Verschwörung gegen das amerikanische Volk" angeklagt wird.
Nur einer seiner Unterstützer dort geriet nach dem 11. September erneut ins Visier der Staatsanwälte: Adley al-A., ein 53-jähriger Chirurg aus Neu-Ulm, der Salim nach Deutschland eingeladen, ihm nach seiner Verhaftung den Anwalt bezahlt und ihn mehrmals im Gefängnis besucht hatte. Der gebürtige Ägypter soll vor einigen Wochen Kontakt zum Terroristen Mohammed Atta, der das World Trade Center zerstörte, gehabt haben. Eine Sprechstundenhilfe hatte Atta wiedererkannt.
Am vorvergangenen Samstag öffneten BKA-Ermittler um sechs Uhr morgens im 10. Stock des Neu-Ulmer Donaucenters die Wohnung A., um den Arzt als "verdächtigen Zeugen" zu vernehmen, eine juristische Konstruktion, die es in Deutschland erst seit den US-Anschlägen gibt. Doch der Mann war weg, abgereist kurz nach der Attacke von New York, angeblich um seine Familie in der sudanesischen Hauptstadt Khartoum zu besuchen. Die Wohnung war, so heißt es bei der Polizei, ziemlich unordentlich - so, als habe man sie eilig verlassen. Die Beamten schleppten mehrere Kisten aus dem Mietshaus.
A. behauptet aus dem Sudan, er wisse gar nicht, worum es gehe. Die Beamten des BKA wolle er wegen Einbruchs in seine Wohnung anzeigen.
Berlin: Der Bruder des Terroristen
Und als wäre die Belastung durch die echten Feinde noch nicht genug - es gibt auch noch all die Trittbrettfahrer, die die Ermittler auf Trab halten. So observierten Beamte verdächtige Leute, die um das Atomkraftwerk Stade schlichen und das Gelände sorgfältig abfilmten. Die Aufregung war umsonst: Die Schnüffler stellten sich als Fernsehteam des WDR heraus.
Angebliche Milzbrandbriefe lösten in der vergangenen Woche mehrfach Fehlalarm aus. In Berlin musste die Polizei ein Möbelhaus räumen, und in Wiesbaden legten verdächtige Umschläge den Stadtteil Schierstein für Stunden lahm.
Bereits im Juni hatte Bin Laden Fahnder in Berlin in Gang gesetzt. Aufgeregt meldete sich ein leitender Angestellter der Dresdner Bank bei der Polizei: Ein arabisch aussehender Herr namens Bin Laden sei in die Filiale am Schlesischen Tor in Berlin-Kreuzberg gekommen und habe "einen hohen fünfstelligen Betrag in Dollar" haben wollen - bar und auf der Stelle.
Die Überprüfung der Papiere ergab, dass der Mann tatsächlich Bin Laden war - Schafik Bin Laden, ein Bruder des al-Qaida-Chefs Osama. Die Beamten leiteten Ermittlungen wegen des Verdachts der Geldwäsche ein und überprüften akribisch, wie rund 30 000 Dollar von einem Londoner Institut über eine Frankfurter Bank nach Berlin-Kreuzberg gekommen waren. Lässig teilte Schafik Bin Laden den Polizisten mit, er sei Mitglied der saudi-arabischen Delegation, die gerade bei Bundespräsident Johannes Rau zu Besuch sei. Das Geld brauche er zu seiner persönlichen Verwendung.
Es sei ihm aber, so viel zum Trost, schon öfter passiert, dass er Ärger wegen seines berühmten Bruders bekommen habe.
KLAUS BRINKBÄUMER,
GEORG BÖNISCH, DOMINIK CZIESCHE, UDO LUDWIG, CORDULA MEYER, GEORG MASCOLO, CONNY NEUMANN, ERIK SCHELZIG, BARBARA SCHMID, ANDREAS ULRICH fi
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Telefonprotokoll
Sami: Hallo.
Tunesier (bisher nicht identifiziert): Was ... was ... ich weiß nicht ... bringe mir die Sachen ... Ich weiß immer noch nicht ... bring mir die Geschichten ... sag mir wenigstens, wie ich sie präpariere.
Sami: Mein Sohn ... Gasbomben ... verstanden? Gasbomben ... kennst du sie? Verstehst du?
Tunesier: Okay ... ich habe sie nicht für dich bekommen ... aber ... ich werde sie bekommen.
Sami: Es ist wichtig ... Gas ... Bomben.
Und Sami Bin Khemai in einem Gespräch mit dem später in München verhafteten Thaer Mansour:
Sami: Brauchst du irgendetwas von dem Scheich? (Anm. der Redaktion: gemeint ist nach Überzeugung der italienischen Justiz Bin Laden)
Mansour: Ich will nur deine Gebete. Aber vergiss nicht mir das Gas zu bringen.
Sami: Allah ist groß.
* Die Gespräche stammen aus einem Dossier der italienischenPolizei, über das erstmals das Center for Public Integrity inWashington D. C. berichtete.** Offenbar ein bislang unbekannter Einsatz.
Von Klaus Brinkbäumer, Georg Bönisch, Dominik Cziesche, Udo Ludwig, Cordula Meyer, Georg Mascolo, Conny Neumann, Erik Schelzig, Barbara Schmid und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 42/2001
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