15.10.2001

FILMTrip ins Herz der Finsternis

Francis Ford Coppola präsentiert eine Neufassung seines legendären Vietnam-Films „Apocalypse Now“ von 1979 - dreieinhalb gewaltige Kinostunden lang.
Whammm! Wer diesen Film noch nie gesehen hat, kann sich nur mit weit aufgerissenen Augen und Ohren von ihm überwältigen lassen. Und wer beunruhigende, nachwirkende Erinnerungen an ihn hat - zehn Jahre alt, zwanzig Jahre alt -, wird entdecken, dass Coppolas "Apocalypse Now" sich in diesen zehn oder zwanzig Jahren verändert und eine Art Aura gewonnen, doch nichts von seiner Wucht eingebüßt hat.
Es ist einer jener paar Filme, in denen die letzte wahrhaft kreative Epoche des amerikanischen Kinos ihre gesammelte Kraft und Sprengkraft entlud, es ist eines der Kino-Ereignisse, wo der Größenwahn einen Augenblick wirklicher Größe hervorgebracht hat: "Apocalypse Now" ist ein Kriegsfilm, ein Vietnam-Film, doch nicht irgendein selbstgewisser, der in seinem Spiegel der Nation ihre imperialistische Fratze zeigt, sondern einer voll quälender Zweifel, der nach innen blickt, ins nationale "Herz der Finsternis", wo das dämonische Verlangen nach Selbstzerstörung haust.
Was danach kam, im US-Kino, hatte mit "Star Wars" begonnen; und wer sich heute die ganze verlogene Aufgeblasenheit von "Pearl Harbor" vor Augen hält, kann ermessen, wie weit es das große (mit großem Initial geschriebene) Amerikanische Kino seit "Apocalypse Now" gebracht hat: nicht Niedergang, sondern Regression; vom Pathos einer Geschichtsvision zur Pyromanie eines Videospiels.
Man muss zugeben: Auch Francis Ford Coppola selbst, dem Mitte der siebziger Jahre, nach dem phänomenalen Erfolg der beiden "Paten"-Filme, halb Hollywood zu Füßen lag, hat in seiner halsbrecherischen Zickzack-Karriere durch die letzten zwei Jahrzehnte nichts hervorgebracht, was nur von fern an "Apocalypse Now" heranreicht - als könnte man sich nie ganz davon erholen, sich selbst so weit überboten zu haben -, und scheint nun, da er die 60 überschritten hat, als Weinbauer, Pasta-Produzent und stolzer Vater seiner Filme machenden Kinder eine Art Frieden mit sich selbst gefunden zu haben.
Damals wagte er alles, und alles schien ihm zu gelingen: Bei seinem Kumpel John Milius hatte er ein Drehbuch bestellt, das die Fabel von Joseph Conrads Novelle "Herz der Finsternis" in den Vietnam-Krieg hineinversetzte, und sein Kumpel George Lucas sollte es inszenieren.
Als der aber lieber zu Hause bleiben und weiter an seinem Drehbuch zu "Star Wars" herumbasteln wollte, zog Coppola 1976 selbst in den philippinischen Dschungel, um dort Vietnam-Krieg zu spielen: die geheime Mission des Captain Willard, der im CIA-Auftrag flussaufwärts mit einem kleinen Patrouillenboot tief ins Land hineinfahren soll, um dort in seinem Hauptquartier den Colonel Kurtz aufzuspüren und zu liquidieren, der offenbar größenwahnsinnig geworden ist und mit einem bizarren Eingeborenentrupp ein Horrorregime auf eigene Faust führt.
Was er in vier Monaten auf einer Philippinen-Insel drehen wollte, so behaup-tete Coppola später, war geplant als "gro-ßer Actionfilm, der ordentlich Geld einspielt". Als er aber nach 15 über alle Erschöpfung hinaus strapaziösen Monaten die Dreharbeit beendete, hatte er mit seiner Crew einen epochalen Taifun, der die Dekorationen im Schlamm versenkte, sowie ein paar kleinere Unwetter überlebt.
Er hatte den ursprünglichen Willard-Darsteller Harvey Keitel ausgewechselt, später einen Kollaps des Nachfolgers Martin Sheen durchgestanden; er hatte auch den Drei-Wochen-Clinch mit dem Kurtz-Darsteller Marlon Brando überlebt, der (für eine Million Gage pro Woche) seine Abneigung gegen die Unbequemlichkeit der ganzen Unternehmung überwunden hatte, sich aber, als er am Drehort eintraf, nicht wirklich willens zeigte, seinen Text zu lernen und sich Regieanweisungen zu fügen.
Wie damals in Vietnam war der Alkohol- und Marihuana-Konsum von Monat zu Monat gestiegen, bei der Filmtruppe wie bei ihrem Anführer selbst, den der Rausch in megalomane Exzesse trieb. Wilde Gerüchte drangen aus dem Dschungel nach Hollywood, doch die Produktionsfirma United Artists geriet nicht in Panik: Man hatte 14 Millionen Dollar investiert, das Risiko aber durch eine Lebensversicherung des Regisseurs über 15 Millionen gedeckt. Coppola später im Rückblick: "Wir waren zu viele Leute, hatten zu viel Geld, zu viel Ausrüstung und verloren allmählich alle den Verstand."
Als er im Juni 1977 nach Los Angeles zurückkam, hatte er mehr als 30 Millionen Dollar (die Hälfte davon aus seinem Privatvermögen) verpulvert, über 600 000 Meter Filmmaterial verbraucht und stand nach Sichtung dieser Masse vor einer ersten Rohversion des Films, die bis zum chaotischen Ende fünfeinhalb Stunden dauerte (unter Experten zirkuliert eine Videokopie dieser Urfassung), stand also eigentlich nicht weit vor dem materiellen und künstlerischen Bankrott.
Er muss - niemand weiß es genau - erst einmal in tiefe Apathie abgestürzt sein. Denn es dauerte fast zwei Jahre, bis im Mai 1979 bei den Filmfestspielen in Cannes eine angeblich sehr hastig auf zweieinhalb Stunden getrimmte und etwas geheimnistuerisch als "work in progress" deklarierte Fassung von "Apocalypse Now" uraufgeführt, mit einer Goldenen Palme gekrönt und kurz darauf in die Kinos gebracht wurde. Und seit damals, so sagt der Regisseur heute, habe er das allzu Hastige und Kompromisslerische dieser Version bedauert. Nun, da Coppola nach 22 Jahren endlich
Mut, Zeit und Geld gefunden hat, um "Apocalypse Now" am Schneidetisch noch einmal von Grund auf neu zu komponieren (wobei gewiss der ingeniöse Cutter Walter Murch die riesige Feinarbeit geleistet hat), muss man, überwältigt von dieser Neufassung mit dem etwas zu preziösen Titel "Apocalypse Now Redux", doch feststellen: Dieser Film wird seinem Wesen nach immer ein "work in progress" bleiben, die Ruine einer unerfüllbaren, unvollendbaren Vision, und gerade diese Rohheit, Offenheit, letzte Unfertigkeit bewahrt dem Werk seine anspringende, zupackende Gegenwärtigkeit. Das ist in keinem Augenblick Kino von vorvorgestern.
Die neue Fassung ist nicht nur farbensatter und, wenn es kracht, durchschlagender als jene von 1979 (das wäre ein bloß technischer Fortschritt), sie ist auch um 50 Minuten länger. Sie lässt sich vom Beginn der Bootsreise an ein wenig mehr Zeit für Details zur Charakterisierung der Crew, und sie verstärkt (anfangs ganz unauffällig) jene Elemente, die Willards Trip zunehmend magischer, irrer, surrealer (oder wie man damals sagte: psychedelischer) erscheinen lassen.
Die beiden umfänglichsten neuen "Stationen" dieser Reise spielen in einem vom Taifun verwüsteten Lazarettcamp und auf einer französischen Plantage, wo man noch immer einen kolonialherrlichen Lebensstil zelebriert: Diese Episoden verstärken durch ihre gespenstische Fremdartigkeit den Eindruck, die Reisenden hätten nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich alle Gewissheiten eingebüßt und wären schon tiefer und tiefer in Zonen des Wahnsinns und der Todesnähe geraten, bevor die Vorhölle des Colonel Kurtz sie empfängt.
Vietnamesen kommen, auch in der neuen Version, von Anfang bis Ende nur als rasch abgeknallte Komparsen vors Visier der Kamera: "Apocalypse Now" zeigt, wie ein halbes Land verwüstet und ein halbes Volk ausgerottet wird, während die USA in ihrer Hybris sich in einem Krieg, der sich gegen sie selbst gewendet hat, zerfleischen. Das macht den Film zum wirklichen Memento. URS JENNY
* Mit Martin Sheen und Aurore Clément.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 42/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 42/2001
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FILM:
Trip ins Herz der Finsternis

  • Sozialer Brennpunkt Folsterhöhe: Kinderarmut in "Saarbrooklyn"
  • Kanada: Sturm sorgt für atemberaubenden Himmel
  • Mexikanischer Drogenboss: Lebenslange Haft für "El Chapo"
  • Neue Bahnansagen: Eine Stimme für 20 Millionen Fahrgäste täglich