15.10.2001

„Gefahr zieht mich an“

Schauspielerin Nicole Kidman, 34, über ihre Flucht aus dem goldenen Käfig Hollywood, ihre Karriere nach der Scheidung von Tom Cruise und ihren neuen Film „Moulin Rouge“
SPIEGEL: Ms. Kidman, könnte es sein, dass London mehr und mehr zum Zentrum Ihrer Arbeit wird?
Kidman: Wer weiß. Ich habe dort gerade ein Video mit Robbie Williams gedreht. Wir singen im Duett die alte Frank-und-Nancy-Sinatra-Nummer "Something Stupid".
SPIEGEL: Sie haben also durch das Musical "Moulin Rouge" die Lust am Singen entdeckt. Wird daraus etwa eine zweite Karriere?
Kidman: Bestimmt nicht. Aber mich reizt alles, was für mich neu ist und was ich noch nie ausprobiert habe.
SPIEGEL: Was hat den Ausschlag gegeben, dass Sie sich unter vielen bestimmt glamourösen Angeboten ausgerechnet für die Hauptrolle in dem bonbonbunten Pop-Musical "Moulin Rouge" entschieden haben?
Kidman: Dass Baz Luhrmann dabei Regie führen würde. Ich kannte seine Filme "Strictly Ballroom" und "Romeo & Julia". Für "Moulin Rouge" gab es noch nicht einmal ein Drehbuch, sondern nur Baz'' Ideen - ein Buch voller Bilder. Aber das begeisterte mich. Ich wusste: Wenn es Baz gelingen würde, auch nur einen Bruchteil seiner Vorstellungen umzusetzen, käme etwas zu Stande, auf das auch ich stolz sein könnte. Und ich bin stolz auf das Ergebnis.
SPIEGEL: Aber Luhrmann hat mehr umgesetzt als einen Bruchteil?
Kidman: Aber sicher. Vielleicht 70 oder 80 Prozent.
SPIEGEL: Luhrmann überwältigt den Zuschauer ununterbrochen mit dem Rausch seiner Bilder. Hat er damit nicht womöglich auch seine Stars überwältigt?
Kidman: Es macht mir nichts aus, von Baz überwältigt zu werden. "Moulin Rouge" musste so sein. Danach habe ich in Madrid "The Others" gedreht ...
SPIEGEL: ... einen subtilen Grusel-Thriller, der Mitte Dezember in die deutschen Kinos kommt ...
Kidman: ... und dort war es genau anders herum: keinerlei visuelles Spektakel, sondern alles sehr reduziert und auf die Schauspieler konzentriert.
SPIEGEL: Demnächst drehen Sie "Dogville" unter der Regie von Lars von Trier, also einen dänischen Film.
Kidman: Ja, im Januar geht es los. In diesem Jahr habe ich wenig gearbeitet. Mein Gefühlsleben war etwas zu aufregend, zu anstrengend. Es war nichts mehr an Kraft übrig, was ich als Schauspielerin noch hätte geben können.
SPIEGEL: Über die Arbeit mit Lars von Trier hört man reichlich Horrorgeschichten. Björk zum Beispiel hatte bei "Dancer in the Dark" schwer zu leiden. Schreckt Sie diese Aussicht nicht?
Kidman: Ich renne vor nichts und niemandem davon. Gefahr zieht mich eher an. Das macht das Leben nicht immer einfach. An Lars gefällt mir, dass er Dinge auf die Spitze treibt. Er geht bis an die Grenze, und das lohnt sich.
SPIEGEL: Gedreht wird in Triers wenig mondäner Heimat Dänemark. Arbeiten Sie trotzdem oder gerade deswegen mit ihm?
Kidman: Jeder hat mich gefragt: Bist du verrückt? Da wird es im Winter doch 22 Stunden lang nicht richtig hell! Aber ich will es so. Vielleicht wird es furchtbar, vielleicht wird es toll, aber in jedem Fall werde ich es in sehr lebhafter Erinnerung behalten.
SPIEGEL: England, Australien, Spanien, Dänemark - keiner Ihrer Filme in letzter Zeit war eine große Hollywood-Produktion, und offenbar steht auch in naher Zukunft keine auf Ihrem Programm. Sie scheinen vor Hollywood auf der Flucht zu sein.
Kidman: Bin ich das?
SPIEGEL: Es sieht so aus.
Kidman: Tatsächlich?
SPIEGEL: Oder liegt es daran, dass Sie - abgesehen von Filmen, wo Sie als Partnerin von Tom Cruise auftraten - in keiner Mainstream-Produktion in Hollywood richtig groß herauskamen?
Kidman: Hmm.
SPIEGEL: Man kann doch sagen: Ihre wirklichen persönlichen Erfolge haben Sie mit Filmkunst-Regisseuren wie Gus Van Sant oder Jane Campion gehabt, und irgendwann haben Sie lieber in London Theater gespielt.
Kidman: Natürlich gibt es amerikanische Regisseure, mit denen ich liebend gern arbeiten möchte, zum Beispiel Sean Penn, David O. Russell oder Spike Jonze. Aber Mainstream-Filme sind ja was anderes, und da kann ich nur sagen: Sie langweilen mich, weil sie mich nicht fordern und mir nichts
bieten. Irgendwann habe ich das begriffen.
SPIEGEL: Waren Sie denn jemals in der Position, sich Ihre Rollen wirklich aussuchen zu können?
Kidman: Wie denn? Ich war 22, als ich in die USA kam. Dort habe ich mich verliebt ...
SPIEGEL: ... in Tom Cruise, 1989 bei den Dreharbeiten zu "Tage des Donners" ...
Kidman: ... und ich habe geheiratet. Liebe stellt etwas mit einem an, das man nicht beschreiben kann. Meine Arbeit wurde mir plötzlich sehr unwichtig.
SPIEGEL: Ist das der verklärende Blick von heute, oder haben Sie das damals auch so empfunden?
Kidman: Ich habe mir damals den Luxus geleistet, mich überhaupt nicht mehr um meine Karriere zu kümmern. Das war mir nicht wirklich wichtig. Wissen Sie, ich wollte ein Baby. Doch irgendwann bin ich aufgewacht und dachte: Mensch! Es gibt Dinge, die ich sagen möchte, die ich tun möchte. Ich wollte nicht länger den ganzen Tag in einem großen Haus herumsitzen und abends zu irgendwelchen Dinner-Partys gehen.
SPIEGEL: War das der Moment, wo Sie die Hauptrolle in Gus Van Sants "To Die For" angenommen haben?
Kidman: Ja, und dabei habe ich mich wieder neu verliebt - in die Schauspielerei. Kurz darauf traf ich dann auch Jane Campion. Sie hat mich richtig wachgerüttelt und gesagt: Lass dich nicht weiter nur treiben! Mach etwas aus dir! Es gibt offenbar solche Wendepunkte im Leben. Aber man kann sie nicht erzwingen.
SPIEGEL: Weil manche wichtige Entscheidungen andere für einen treffen?
Kidman: Auch das. So muss ich jetzt - und zwar allein - zwei Kinder großziehen, die mich brauchen und mir sehr wichtig sind. Das ist eine Aufgabe, die meine Karriere natürlich verändert hat.
SPIEGEL: Sind Sie deshalb auch nach London gezogen?
Kidman: Ich verbringe jedenfalls mehr Zeit in London. Und ich bin oft in Sydney, wo meine Eltern und meine Schwester wohnen. Wir sind beinahe wie Zwillinge: Ich leide, wenn wir zu lange getrennt sind. Wenn Sie mich heiraten würden, bekämen Sie meine Schwester dazu.
SPIEGEL: Das Leitmotiv von "Moulin Rouge" ist die alte Entertainer-Weisheit "The show must go on", und zwar um jeden Preis. Gilt dieser Spruch in Hollywood auch heute noch ?
Kidman: Ich weiß es nicht. Einige verkaufen dort mit Sicherheit ihre Seele. Aber ich würde sagen: Nein danke, das muss ich nicht haben.
SPIEGEL: Wie entgeht man denn den Deformationen, die das Berühmtsein offenbar zwangsläufig zur Folge hat?
Kidman: Nun, ich bin ja durch meine Ehe in diesen Zustand des Berühmtseins ziemlich abrupt hineingestoßen worden. Natürlich profitiert man auch sehr davon, aber man macht sich vorher keine Vorstellung davon, wie sich das Tag für Tag auswirkt.
SPIEGEL: Sie meinen, wie es wirklich ist, wenn man - wie es Ihnen jetzt bei den Filmfestspielen in Venedig geschehen ist - von einer Paparazzi-Meute in Motorbooten verfolgt wird?
Kidman: Man muss ständig bereit sein, sich diesem Wahnsinn zu entziehen - oder man verliert das Spiel. Ich muss mir ständig klarmachen, dass es eine Zeit geben wird - in zwei, fünf oder zehn Jahren -, wo mich dieser ganze Zirkus nichts mehr angeht. Deshalb fange ich besser schon jetzt damit an, mich darauf einzustellen. Dafür braucht man Menschen um sich herum, die einem helfen, auf dem Teppich zu bleiben; Menschen, die einem tatsächlich die Wahrheit sagen. Ich bin in der glücklichen Lage, dass mir meine Eltern immer wieder den Kopf zurechtrücken. Das war schon in meiner Kindheit so, und ich glaube, es ist die einzige Möglichkeit, den Star-Rummel zu überleben.
SPIEGEL: Was passiert denn, wenn so ein Korrektiv fehlt?
Kidman: Man kennt doch die Kollegen, die geradezu danach gieren, dass ihnen ständig jemand versichert, wie toll sie sind - besonders, wenn sie älter werden. Es lässt mir das Blut in den Adern gefrieren, wenn ich so etwas mitbekomme.
SPIEGEL: Geht das Politikern nicht genauso?
Kidman: Aber ein Schauspieler lebt quasi von seinen Gefühlen. Der Beruf besteht daraus, dass man sich emotional verausgabt. Jede Zurückweisung nimmt man deshalb persönlich. Alles ist persönlich. Und wenn dann noch der Star-Rummel dazukommt, wird es ziemlich gefährlich.
SPIEGEL: Sie reden nicht gerade zufällig von Tom Cruise?
Kidman: Es ist verrückt: Als ich mit 23 Jahren einen sehr, sehr berühmten Mann geheiratet habe, konnte ich das noch sehr naiv betrachten. Ich kam in eine Welt, die schon fertig konstruiert war. Ich sah, wie es funktionierte. Ich weiß noch genau, dass ich anfangs schockiert davon war.
SPIEGEL: Wie muss man sich diese Welt vorstellen: als eine Art goldenen Käfig?
Kidman: Als ich Tom begegnete, war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Ich dachte: Mensch, hier musst du fix sein. Es waren immer Leibwächter um ihn herum. Das war mir unheimlich. Aber allmählich gewöhnt man sich daran, und das war mir auch unheimlich.
SPIEGEL: Aber dieses Leben muss Ihnen doch gefallen haben?
Kidman: Es hat mir gefallen, weil es das Leben mit ihm war. Und natürlich hatte es auch etwas Romantisches, sogar etwas Erotisches, weil es bloß um uns zwei ging und wir nur uns selbst hatten - und niemand anders das verstehen konnte.
SPIEGEL: Tom Cruise ist jetzt weg, aber die Paparazzi sind immer noch da.
Kidman: Ja. Es ist noch ungewohnt, plötzlich eine ganz andere Art Leben zu leben. Ich dachte immer: Sollte unsere Ehe jemals auseinander brechen, so wäre dieses exponierte Leben vorbei. Aber im Gegenteil: Das Ende hat nur noch mehr öffentliches Interesse erzeugt. Das ist eine Ironie des Schicksals. Aber was rede ich hier?
SPIEGEL: In "Moulin Rouge" singen Sie das Lied "One Day I''ll Fly Away". Muss man das wörtlich nehmen - dass Sie irgendwann aus dem goldenen Käfig fliehen werden?
Kidman: Eines Tages mit Sicherheit, ja. Ich werde nicht mein Leben lang Filmstar sein. Ich will Theater spielen, zum Beispiel im National Theatre in London Ibsens "Die Frau vom Meer". Und seit ich in dem Film "Birthday Girl" ein russisches Mädchen gespielt habe, träume ich davon, richtig Russisch zu lernen, um Tschechow in Russland auf Russisch spielen zu können. Ich will mich bewegen. Ich lerne sehr gern neue Menschen kennen, ich bin überhaupt gern unter Menschen, und ich reise gern. Das heißt: Ich bin gern ein Teil dieser Welt.
SPIEGEL: Sie fangen aber nicht an, Gedichte zu schreiben?
Kidman: Doch, ich schreibe. Allerdings nicht Lyrik, sondern Kurzgeschichten. Ich möchte nicht einfach nur spielen.
SPIEGEL: Auch daraus könnte doch eine neue Karriere werden.
Kidman: Es muss nicht unbedingt eine Karriere sein. Dilettant zu sein ist vielleicht auch ganz schön.
SPIEGEL: Aber ist es nicht so, dass man als Künstler zuallererst und zuletzt alles für sich selbst tut - spielen, singen, schreiben?
Kidman: Ja, es ist eine selbstlose und selbstsüchtige Sache zugleich. Es ist wie eine Droge. Fragen Sie einen Maler, einen Schriftsteller, was künstlerisch das Höchste für ihn ist? Man kann das mit nichts auf der Welt vergleichen. Man muss sich preisgeben, um in eine surreale Welt zu gelangen. Das macht einen high, auf eine sehr seltsame Weise.
SPIEGEL: Maler und Schriftsteller arbeiten allein vor sich hin; als Schauspielerin haben Sie - zumindest beim Theater - Ihr Publikum immer vor Augen.
Kidman: Aber deshalb ist immer die Angst dabei, dass man nicht gut sein könnte. Und selbst wenn ich Erfolg habe - etwa als ich in London in "The Blue Room" spielte -, fällt es mir schwer, mich am Ende auf der Bühne zu verbeugen. Als müsste ich mich eigentlich bei den Zuschauern entschuldigen.
SPIEGEL: Im Grunde sind Sie schüchtern?
Kidman: Aber natürlich. Sam Mendes, der Regisseur, hat zu mir gesagt: Nicole, das geht nicht, dass du so den Kopf hängen lässt, wenn du dich verbeugst. Du musst lernen, den Applaus entgegenzunehmen. Das fällt mir immer noch schwer. Es fühlt sich so falsch an, dort oben zu stehen. Sam sagte: Es sieht komisch aus, wenn du dich verbeugst und den Kopf dann nicht mehr hebst.
SPIEGEL: Welche Rolle möchten Sie unbedingt einmal spielen?
Kidman: Ich habe noch nie eine große epische Liebesgeschichte gespielt. Etwas wie ein neues "Casablanca". Wenn es irgendwo solch ein Drehbuch gibt: Bitte melden!
SPIEGEL: Weshalb gerade "Casablanca"?
Kidman: Unerwiderte Liebe ist doch die schönste. Danach suche ich - zumindest im Film. Vielleicht geht es mir gerade auch im Leben so. (lacht)
SPIEGEL: Ms. Kidman, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Mit Ewan McGregor. Das Gespräch führten die Redakteure Urs Jenny und Martin Wolf.
Von Urs Jenny und Martin Wolf

DER SPIEGEL 42/2001
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