29.10.2001

Die Angst-Krise

Millionenverluste, Massenentlassungen, Pleiten: Nach den Terroranschlägen in den USA steht die Welt am Rande einer Rezession. Diffuse Furcht schafft Fakten, die immer neue Ängste nähren. Politiker und Notenbanker wollen die Spirale durchbrechen. Aber wie?
Der Kanzler vor den Spitzen der Gewerkschaft: Das war dreimal "Angst", gefolgt von "Schrecken", "Sorge", "Bedrohung".
Der Kanzler vor den Managern der deutschen Lebensmittelindustrie: Das klang nicht viel besser. Dreimal "Angst", dreimal "Besorgnis" und erstmals auch "Verzweiflung".
Der Kanzler auf einer Zukunftskonferenz in Ostdeutschland: Das war ganz viel "Sorge", ein paar "Ängste", vor allem "Rezessionsängste".
Die Vokabeln der letzten drei Reden von Gerhard Schröder (SPD) waren grau. Da nutzt es auch nichts, dass der Regierungschef eigentlich das Gegenteil sagen wollte. Nämlich, dass er für Pessimismus "keinen realen Grund" sieht. Dass er hofft, aus der Sorge würde "neue Kraft und neue Entschlossenheit" erwachsen. Dass er die Rezessionsangst für "nicht gerechtfertigt" hält. "Angst lähmt nur", sagte er.
Was heißt hier "nur"?
Jeder spürt, dass die nahe Zukunft nicht rosig wird. Dass es für Optimismus keinen triftigen Grund gibt. Dass sich die Welt seit den Anschlägen auf das World Trade Center dramatisch verändert hat.
Die Gefühlslagen in den USA und Argentinien, in Japan, Frankreich und eben auch in Deutschland gleichen sich: Die Menschen sind in Sorge, spüren das Außergewöhnliche der Situation, dieses Düstere, das von den Nachrichten ausgeht und sie auch ganz persönlich erreichen könnte. Sie haben vor allem eines: Angst.
Und die lähmt ganz gewaltig, vor allem die Weltwirtschaft. Wer in den vergangenen Tagen internationale Wirtschaftsblätter wie "Financial Times" oder "Wall Street Journal" las, bekam seitenweise nichts als Gewinnwarnungen und Kursstürze, Entlassungswellen, Umsatzeinbrüche und bevorstehende Pleiten präsentiert.
Bei Boeing müssen 30 000 Mitarbeiter gehen, wegen der "veränderten Geschäftslage nach den Terrorangriffen". Bei American Airlines fielen 20 000 Jobs weg. Gordon Bethune, Chef der angeschlagenen Fluglinie Continental, schätzte die Verluste seiner Firma auf 30 Millionen Dollar - täglich.
Erst traf es Luftfahrtindustrie und Versicherungen. Bald ließen sich fast alle Branchen vom Virus diffuser Unwägbarkeiten anstecken. In der Ära globaler Märkte übertragen und potenzieren sich eben auch Depressionen so schnell wie das Virus in einer "I love you"-Mail.
In den USA sind etliche relevante Indikatoren innerhalb kürzester Zeit auf Signalrot umgesprungen: Der Jobabbau geht zügig voran, das Konsumklima ist abgekühlt bis dicht an die Gefriergrenze. Eines fehlt nun selbst im Land der notorischen Optimisten - die Zuversicht.
Kein Land der Erde bleibt von den psychologischen Folgen der Anschläge verschont. Argentinien steht vor dem Staatsbankrott. Die japanische Regierung verkündet fast täglich neue Horrorzahlen: So schrumpfte der Exportüberschuss allein im September um 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Japanische Chips und Computer sind auf dem lebenswichtigen US-Markt immer weniger gefragt.
In der vergangenen Woche legten Hightech-Firmen wie Toshiba, Sony und NEC ihre unheilschwangeren Halbjahresbilanzen vor: Fast alle schreiben rote Zahlen. Im In- und Ausland wollen Japans Riesen insgesamt 80 000 Jobs streichen. Finanzminister Masajuro Shiokawa nannte die Lage "sehr schlecht", was in Japan als geradezu schonungslos brutale Äußerung gilt.
In Großbritannien gingen seit dem 11. September über 40 000 Stellen verloren. Besonders hart trifft es die Fluglinien British Airways (minus 7000) und Virgin Atlantic (minus 1200), die besonders abhängig sind vom transatlantischen Flugverkehr. Der Triebwerksbauer Rolls-Royce will ebenfalls 5000 Leute entlassen. Seit Anfang des Jahres verloren allein im Computer- und Telekommunikationsbereich der Insel 360 000 Menschen ihren Job. Weil die US-Touristen ausbleiben, mussten die Musicals "Die Hexen von Eastwick" und "Miss Saigon" im Londoner Westend schließen.
In Italien stürzen die Modemacher von der Umsatz- in die Identitätskrise. "Es ist nicht einfach, Kleider - Symbole der Frivolität - zu machen und dem Ganzen einen Sinn zu geben", klagte der Kaschmir-Couturier Valentino. Und selbst den hauptberuflichen Hedonisten beim französischen Club Med verging die Freude. In der Wintersaison will das Urlaubsunternehmen weltweit 15 seiner Ferienclubs dichtmachen.
Eine Welt der Tristesse - und Deutschland mittendrin. Die sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute des Landes haben in der vergangenen Woche in Berlin ihr Herbstgutachten vorgestellt. Die klare Botschaft lautet: Das Land befindet sich "am Rande einer Rezession". Die Arbeitslosigkeit steigt wieder, die Steuereinnahmen sinken dramatisch - minus 3,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die bis vor kurzem noch vital ausgeprägte Kauflust hat sich auch hier zu Lande gelegt. Der Einzelhandel befürchtet für den Oktober einen zweistelligen Umsatzeinbruch. An das Weihnachtsgeschäft mag derzeit niemand denken.
Plötzlich fällt Klötzchen für Klötzchen. In Gang gekommen ist ein gefährlicher Dominoeffekt. Ökonomen und Politiker erleben, was sie bisher in diesem Ausmaß noch nie erfahren mussten - eine Angst-Krise.
Denn ökonomisch relevant ist nicht der Einsturz der Bürotürme in New York, sondern das Nachbeben der Verbraucher, das eine Schockreaktion der Konzerne geradezu provozierte. Der Ist-Zustand ist nicht schön, aber was viel mehr bedrückt, sind die Zukunftsaussichten. Denn mag es auch eine Zukunft geben. Eine Aussicht gibt es derzeit nicht, die ist nämlich versperrt durch grenzenlose Unwägbarkeiten. An die Stelle verlässlicher Daten und solider Einschätzungen sind unheilvolle Fragen getreten, die zu beantworten derzeit unmöglich ist.
Erleben wir den Beginn eines dritten Weltkriegs? Nur ein lang anhaltendes Gefecht mit islamistischen Fanatikern? Oder ist in ein paar Wochen das Gröbste bereits überstanden? Empfangen wir die ersten Signale einer Weltwirtschaftskrise mit Millionen Arbeitslosen und einer spürbaren Verarmung auch in den Industriestaaten? Oder wird sich die Weltwirtschaft nach ein paar Ruckelmonaten wieder erholen? Könnte sich die Verunsicherung zur weltweiten Krisenhysterie ausweiten? Oder folgt schon bald ein trotziges Weiter-so, wie es sich der deutsche Kanzler wünscht?
Noch ist völlig unklar, ob die Weltwirtschaft nur kippelt oder wirklich kippt. Niemand kann die Kette von Ursache und Wirkung, die sich täglich in einer neuen Ursache mit neuer Wirkung fortschreibt, wirklich überblicken. Zu trennen zwischen harten Fakten und übertriebener Furcht - derzeit unmöglich.
Daher sind alle Wachstumsprognosen, die für das kommende Jahr Erholung voraussagen, eindeutig unseriös. Und auch wer das Gegenteil behauptet, hat keinen Anspruch, ernst genommen zu werden. Das einzig Sichere ist nur die Unsicherheit. Eine Unsicherheit, so viel ist klar, die täglich aufs Neue Fakten schafft.
Aus Gerüchten werden Stimmungen, Stimmungen manifestieren sich zu Ängsten, die sich schnell in ökonomische Realität verwandeln. Das alte "Schneller, höher, weiter" wurde abgelöst. Nun heißt die Devise: Schlimmer geht's immer. Auch Furcht schafft Fakten.
Siemens will sich von 17 600 Mitarbeitern trennen. MAN kündigt 2200 Entlassungen an. Bei Opel-Chef Carl-Peter Forster sollen es 2500 werden.
Hart erwischt hat die weltweit wegbrechende Konjunktur auch den Düsseldorfer Stahlgiganten ThyssenKrupp mit seinen rund 190 000 Beschäftigten. Das Geschäft gilt von jeher als Frühwarnindikator der globalen Ökonomie. Denn Stahl wird für vieles gebraucht - für Autos, Schiffe, Flugzeuge. Aber auch für Brücken und Häuser.
Dreimal hat ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz seine Umsatz- und Gewinnprognosen für das laufende Jahr schon korrigieren müssen. Statt hochtrabender Börsenpläne sind in der Düsseldorfer Zentrale nun die Rotstiftrechner gefragt. Investitionsprogramme werden eingefroren oder gekappt. Hält die Krise an, "wäre Kurzarbeit wohl nicht mehr auszuschließen", so ein ThyssenKrupp-Manager.
Mittlerweile sind fast alle Branchen betroffen: die Reiseindustrie, die Werbeagenturen, die Beratungsriesen, die Verlage. Die Folgen der Anschläge seien "nicht abzuschätzen", schrieb das "Handelsblatt" am Tag nach der New Yorker Katastrophe. Zwei Wochen später verkündete die Düsseldorfer Verlagsleitung der renommierten Wirtschaftszeitung, im eigenen Haus 10 Prozent der 1500 Stellen streichen zu müssen.
Ein schneller Ausweg ist nicht zu erkennen. Selbst Alan Greenspan, der die Instrumente der Geldpolitik so waghalsig nutzt wie kein anderer Notenbankpräsident, kann an dieser misslichen Lage trotz all seiner Leitzinssenkungen wenig ändern.
Ein Horrorszenario scheint wahr zu werden: Das Geld ist billig wie lange nicht, aber kaum jemand will es ausgeben. "Angstsparen" nennen das die Ökonomen. "Greenspan hat die amerikanischen Vorgärten geflutet", sagt Rüdiger Pohl, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. "Nur leider wächst dort nichts mehr."
Die Ursachen der aktuellen Krise reichen tiefer. Seit dem 11. September ist nichts mehr, wie es vorher auch schon nicht war. In den USA herrsche "die Angst vor der Angst", diagnostizierte die "Süddeutsche Zeitung" - aber das schon lange vor Osama Bin Laden und dem Beginn des Afghanistan-Krieges.
Seit Monaten schon schwächelt die Weltwirtschaft vor sich hin. Nach fast zehnjähriger Superkonjunktur hatte sich das Wachstum spürbar abgekühlt. Die Internet-Begeisterung, die sich zur größten Spekulationswelle der Nachkriegszeit aufschaukelte, war trostloser Ernüchterung gewichen.
Die Hysterie rund um die New Economy, die angetreten war, alles umzukrempeln und am Ende nur als Lehrbeispiel globaler Irrationalität taugte, war quasi das Gegenstück zum Absturz der Weltwirtschaft. Denn die hysterische Hausse speiste sich so wenig aus Vernunft wie der jetzt zu beobachtende Rutsch in immer neue Abgründe.
Die Experten des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung sprechen von einer "Überreaktion" der Märkte und Macher. Auch Thomas Mayer, Chefvolkswirt von Goldman Sachs in Frankfurt, sagt: "Der Einbruch der Erwartungen reflektiert Angst - Angst, die in diesem Maße nicht ökonomisch begründet ist."
Doch wer glaubt solchen Beruhigungen noch, wenn sogar der bedächtige "Economist" einen "Nervenkrieg" heraufziehen sieht - an der Wall Street wie rund um die Bunkerstellungen der Taliban? Wenn nur noch eines im Aufschwung ist: der Ausnahmezustand?
"Angesichts der Unbeherrschbarkeit der jüngsten Ereignisse leidet vor allem das tief im Menschen verwurzelte Kontrollbedürfnis", sagt Wirtschaftspsychologe Günter Wiswede von der Universität Köln. "An seine Stelle tritt ein ebenso diffuses wie kontraproduktives Ohnmachtsgefühl, das zielgerichtete Handlungen kaum zulässt." Aber wie lassen sich Emotionen errechnen oder gar steuern?
Man solle, sagte schon Ludwig Erhard in den fünfziger Jahren, "die Methode psychologischer Einwirkungen nicht gering schätzen". Wirtschaft sei "zu 50 Prozent Psychologie", wusste der Vater des deutschen Wirtschaftswunders.
Mittlerweile dürfte der Anteil, den psychologische Effekte an der Weltwirtschaft haben, deutlich über Erhards Mutmaßung liegen, glaubt Wiswede: "Die Stimmung ist momentan weit schlechter als die Realität."
Schon ein Klassiker der Ökonomie wie Adam Smith war Moralphilosoph. Und in der "Allgemeinen Theorie" des momentan wieder sehr gefragten John Maynard Keynes fanden sich psychologisierende Kategorien wie Motive, Erwartungen und Unsicherheit.
"Animal Spirits", tierische Instinkte, nannte Smith jene labilen Gefühlsregungen, die das Geschehen zumindest in Krisenzeiten weit mehr bestimmen, als starre Theoriekorsette berücksichtigen könnten.
Sind wir womöglich - bis hinauf in die Vorstandsetagen - mal ein Rudel blutdürstiger Wölfe, mal ein verrückter Haufen todessehnsüchtiger Lemminge? Die Erkenntnis wäre nicht ganz neu.
Schon 1841 fanden sich Börsianer im Buch "Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds" ("Außerordentlich beliebte Irrungen und der Wahnsinn der Menge") des Briten Charles Mackay mit einem Mal auf einer Stufe mit Geistheilern und Alchimisten, verlogenen Propheten und sonstigen Spinnern. Ausgangspunkt von Mackays Horror-Zocker-Show.
1720 wurde England vom ersten großen Börsenboom seiner Geschichte geschüttelt. Angesichts der plötzlichen Möglichkeit ungeheurer Spekulationsgewinne feierte sogar eine "Gesellschaft zur Durchführung eines überaus nützlichen Unternehmens, das aber noch niemand kennt", ungeheure Erfolge. Innerhalb von nur sechs Stunden sollen 1000 Aktien gezeichnet worden sein, worauf sich der Anbieter mit dem Geld aus dem Staub machte.
Aktionäre als Sklaven der Gier, die auf ein nacktes Nichts setzen, wenn es nur genug andere gibt, die dasselbe wollen? Das kommt einem bekannt vor. Immer wieder haben technische Innovationen die Menschen zu den abenteuerlichsten Hoffnungen verführt und ihnen zumindest zeitweise erst den Verstand und dann das Geld geraubt. Groteske Fehleinschätzungen inklusive wie beim Paradebeispiel aller Spekulationsblasen: der New Economy.
Nicht nur wegen ihrer überzogenen Euphorie, wie sie Ende der neunziger Jahre die Wirtschaftswelt erfasste, als das Internet eine neue Ära versprach, sondern auch als übertriebene Depression, wie sie derzeit um sich greift - Dialektik digital.
Noch vor anderthalb Jahren schien kein Vergleich kühn genug, um die Wucht der elektronischen Revolution zu illustrieren. Mit dem Siegeszug der New Economy und ihres Herrschaftsinstruments, dem Internet, sollten die Schreckgespenster des Kapitalismus - Inflation, Rezession und Arbeitslosigkeit - auf mindestens 25 Jahre gebannt sein. So verkündete es zumindest das Internet-Magazin "Wired", die Monatsbibel der Netzgemeinde.
Kein Gedanke wurde daran verschwendet, dass für die beeindruckenden Wachstumsraten der amerikanischen Ökonomie auch ganz andere, nüchterne Faktoren ausschlaggebend sein könnten. Viel aufregender war es, die Verantwortung für den lang andauernden Boom diesen neuen Technologien zuzuschreiben sowie den Pionieren der neuen Ära - jenen Hochschulhelden, die, "noch bevor sie sich einen Anzug kaufen, die ersten hundert Millionen Dollar verdient haben", wie der frühere US-Finanzminister Larry Summers ironisch anmerkte.
Sie traten an mit nicht viel mehr als einer Idee, konnten diese aber so überzeugend, weil sendungsbewusst darstellen, dass ihr Mangel an Produkten, Technik oder Kunden nicht störte. In der Aufbruchstimmung verrutschten bald alle Begriffe und Proportionen. "Profit is for whimps", lautete einer der Slogans, den sich die Internet-Elite im Silicon Valley auf ihre T-Shirts drucken ließ - Profit ist etwas für Schwächlinge.
Größe durch Größenwahn, das war das Motto dieser Ära, und die Börse honorierte den Wahnsinn. Firmen wie Ebay oder Amazon in den USA und Intershop oder Brokat in Deutschland verkauften, was an der Börse am höchsten gehandelt wird: Hoffnung auf Zukunft.
Eine Firma wie Yahoo wurde im März 2000 mit 195 Milliarden Mark bewertet - mehr als der damalige Wert von Volkswagen, BASF, Metro und Lufthansa zusammen. Der von Thomas Haffa gegründete Filmrechtehandel EM.TV sicherte sich dank seiner Aktienmacht mal eben die Übertragungsrechte für die Formel 1. Und der Online-Dienst AOL schluckte gar den Medienriesen Time Warner.
Bereitwillig ließ sich beinahe das gesamte Finanzgewerbe verzaubern. Was waren das für Zeiten, als der Design-Professor Peter Kabel, Gründer der gleichnamigen Multimediaagentur, sein Erscheinen auf Partys per Pressemitteilung der Weltöffentlichkeit zur Kenntnis gab. Die Grundsätze der Betriebswirtschaft waren suspendiert. Vollstes Vertrauen dagegen genoss ein Kartell aus Glückspropheten, dem es gelang, eine Art Paralleluniversum zu inszenieren. Sie übertrafen sich gegenseitig in ihren aberwitzigen Erwartungen und gaben dem Wahnsinn Nahrung.
Im Frühjahr 2000 war der Massentraum von Wohlstand und Reichtum am Ende, der Glaube an Fortschritt und die umwälzende Kraft der Technologie zerbrachen. Seitdem macht sich Niedergeschlagenheit breit.
Schon das Platzen der Blase führte zu Übertreibungen in die andere Richtung. "Die Börsen haben die Story der New Economy für tot erklärt", sagt Michael Hüther, Chefvolkswirt der DKZ-DekaBank - und warnt davor, dass die Märkte erneut überreagieren, diesmal eben nach unten. "Auch dieses Urteil könnte so voreilig sein wie die zuvor schier unerschütterliche Euphorie."
In der Tat wirkt der Abgesang, der seither auf das Internet angestimmt wird, ziemlich schrill. Nach wie vor ist das Netz, gemessen an der Zahl seiner Nutzer, eine Erfolgsgeschichte. Kaum ein Medium hat sich im Alltag so schnell durchgesetzt. Mehr als 400 Millionen Menschen sind online zusammengerückt.
Dennoch gilt das Internet und die Zugehörigkeit zum Club der Online-Firmen seither als Makel. "Es gibt Firmen, die bei Ausschreibungen keine Internet-Agentur mehr einladen", erzählt Oliver Sinner, 33, Co-Gründer der Hamburger Internet-Firma SinnerSchrader. "Alle werden über einen Kamm geschoren."
Es war nicht der zerplatzte Internet-Traum allein, der den Boden für die Angst-Krise bereitet hat. Ein weiterer Auslöser des weltweiten Abschwungs, lange vor New York, war die einst hoch gelobte Telekommunikationsbranche.
Auf zweistellige Wachstumsraten hatten sich die meisten Telefonkonzerne der Welt eingestellt. Zumindest bis zum Sommer vergangenen Jahres, als in Europa die UMTS-Lizenzen für die dritte Mobilfunkgeneration versteigert wurden und die Hysterie erst richtig begann.
Rund 250 Milliarden Mark mussten erfolgsverwöhnte Handy-Unternehmen wie die Deutsche Telekom, Vodafone, France Télécom oder die spanische Telefónica den europäischen Finanzministern bezahlen, rund 100 Milliarden davon allein an den obersten deutschen Kassenwart Hans Eichel.
Der Freude des Finanzministers über den Geldsegen folgte schon bald die herbe Ernüchterung. Um die hohen Gebühren und den Aufbau der neuen Funknetze bezahlen zu können, mussten sich die Telefongesellschaften teilweise horrend verschulden - mit katastrophalen Auswirkungen für die Branche und die weltweite Stimmung der Märkte.
Quasi über Nacht wurde die einstige Glitzerbranche zum Notfall. Können die gewaltigen Investitionen überhaupt wieder eingespielt werden? Waren die Prognosen und Versprechungen von Konzernlenkern wie Ron Sommer so überzogen wie die der Ikonen des Neuen Marktes?
Nicht nur Analysten und Anleger wendeten sich in Panik ab und bescherten den Unternehmen immer neue Kursstürze. Auch die Banken, die bis dato in fast blindem Vertrauen auf künftiges Wachstum Milliardenkredite an fast jedes Unternehmen verteilt hatten, das in irgendeiner Form mit Telefonen, Handys oder Internet zu tun hatte, froren ihre Kreditlinien rigoros ein.
In der Folge kürzten große Telefongesellschaften von AT&T über die Telekom bis hin zur finnischen Sonera ihre ursprünglichen Investitionspläne drastisch zusammen. Besonders betroffen: Ausrüstungs- und Hightech-Firmen mit so klangvollen Namen wie Nokia, Ericsson, Lucent Technologies, Alcatel oder Siemens, die sich nun damit retten wollen, Zigtausende Arbeitsplätze abzubauen.
Zahlreiche kleine und mittlere Firmen blieben bereits auf der Strecke. In Deutschland mussten Unternehmen wie TelDaFax oder Callino Konkurs anmelden. Der einstige Hoffnungsträger Otelo, der zum Nummer-eins-Konkurrenten der Telekom aufsteigen wollte, verschwand völlig.
Inzwischen hat sich die prekäre Situation ein wenig entspannt. Von den Anschlägen in New York und Washington konnten die Telefongesellschaften kurzfristig sogar profitieren, weil Analysten davon ausgingen, dass die abnehmende Reiselust von Managern und Touristen zwangsläufig zu höherem Telefon- und Datenverkehr führe. So legten die Kurse von Telekom und Konkurrenten in den vergangenen Wochen teilweise sogar wieder zu.
Vielleicht ist das kurzfristige Aufklaren aber auch nur die Ruhe vor dem großen Sturm. Einige der so genannten Global Player wie etwa die niederländische KPN mit ihrer deutschen Mobilfunktochter E-Plus oder die finnische Sonera mit ihrer Beteiligung an der Münchner UMTS-Tochter Quam sind finanziell dermaßen angeschlagen, dass immer fraglicher wird, ob sie das UMTS-Abenteuer überhaupt überleben werden.
Zynischerweise kann manchen Unternehmen sogar der tobende Terror helfen. Zwar werde das kein Konzernstratege zugeben, glaubt Wirtschaftspsychologe Wiswede: "Aber sicher hatten viele ihre jetzt propagierten Sanierungseinschnitte schon vor dem 11. September parat." Mit Osama Bin Laden habe man "nun einen weltpolitischen Bösewicht gefunden, dem man die Verantwortung für alles - von Kurzarbeit bis Massenentlassungen - in die Schuhe schieben kann, ohne das eigene Image ankratzen lassen zu müssen".
Die einen schieben die Schuld weiter. Die anderen verstecken hinter der großen Katastrophe viele kleine. So tippte Jo Moore, PR-Beraterin im britischen Verkehrsministerium, am 11. September eine E-Mail an ihre Kollegen: "Es ist heute ein sehr guter Tag, um ungünstige Nachrichten zu begraben."
Danach blies die Regierung ein halbes Dutzend Meldungen über die Insel, die schnell untergingen in der Sturmflut der dramatischen Ereignisse, in normalen Zeiten aber durchaus Schlagzeilen-Größe erreicht hätten: vom Bankrott der privatisierten Eisenbahngesellschaft Railtrack bis zum Ausbau der maroden Atomanlage von Sellafield. Moores Psycho-Trick kam raus. Über die Pressestelle der Downing Street musste sie in eigener Sache einen "schweren Fehler" zugeben.
Die Briten nahmen's gelassen, wie sie überhaupt seit Beginn der von ihrem Premier Tony Blair mit angeführten Offensive erstaunlich cool bleiben. Vor allem im Dienstleistungssektor sind eine Menge neuer Arbeitsplätze entstanden. Trotz neuer Entlassungswellen erreichte die Arbeitslosenquote im September den tiefsten Stand seit 26 Jahren.
Dass den Briten das Geld noch immer locker sitzt, hat weniger mit Blair zu tun, der seine Landsleute beim Labour-Parteitag Ende September einschwor, weiter "zu leben, zu reisen und einzukaufen". Die Zinsen sind einfach niedrig. Und Terror? Den ist man in London gewohnt, seit die IRA in den achtziger Jahren damit anfing, in der Londoner City Bomben zu zünden. Psyche ist alles.
Von diesem Inselfatalismus sind die mit Katastrophen im eigenen Land unerfahrenen US-Amerikaner weit entfernt. Das Erdbeben 1994 an der Westküste? Ein Naturereignis. Die 168 Toten in Oklahoma? Ein Einzelfall, zumal der Täter, Timothy McVeigh, gefasst, verurteilt und hingerichtet wurde. Wirbelstürme und Waldbrände? Alles mit der stoischen Ruhe traditioneller Unbekümmertheit ertragen.
Aber auf den 11. September waren sie "psychologisch nicht vorbereitet", glaubt der in New Orleans lebende Bestseller-Autor Hans J. Massaquoi ("Neger, Neger, Schornsteinfeger").
Die einen flüchten sich nun in blinden Patriotismus wie jener Villenbesitzer am Pacific Coast Highway, der sein ganzes Garagentor mit dem Sternenbanner bemalte. Schließlich zelebrieren auch Stars wie George Clooney oder Madonna die US-Flagge als Accessoire tief sitzender Ratlosigkeit.
Die anderen verfallen in Panik, kaufen sich Gasmasken und Milzbrand-Pillen. Wissenschaftler informierten ihre Zuhörer im "National Public Radio", die Chance, vom Blitz getroffen zu werden, sei genau so klein wie die einer Infektion. Interessiert nur niemanden. Die Apotheken melden: ausverkauft.
Drei Menschen starben bisher an der Krankheit. Jedes Jahr fallen weit über 90 000 Amerikaner Grippe und Lungenentzündung zum Opfer, im Straßenverkehr sterben rund 40 000 Menschen. Hat deshalb je ein US-Politiker die Abschaffung von Autos gefordert wie jetzt so mancher US-Bürger den sofortigen Baustopp für Wolkenkratzer?
Und dann gibt es noch jene, die neuerdings wieder in die Videotheken stürmen, um sich Filme wie "Stirb langsam" auszuleihen, in dem Bruce Willis New York von einer Horde Terroristen befreit. Nur eine Frage der Zeit, bis auch kurzfristig abgesetzte Krawallfilme wie Arnold Schwarzeneggers "Collateral Damage" oder "Spiderman" doch noch ihre Premiere erleben. Helden werden gesucht. Helden, die kurzen Prozess machen.
Wirtschaftswissenschaftler postulieren bereits die "Angst-Ökonomie". Nirgendwo ist die Angst momentan größer als in den Vereinigten Staaten. Der Konsument wird dabei zum kriegsentscheidenden Einzelkämpfer an der Front der Supermarktkasse.
Und so halten die Statistiker momentan fast alle seine Regungen in Tabellen fest - mit widersprüchlichen Ergebnissen. Einerseits flaute der Kreditkartenumsatz von American-Express-Kunden im dritten Quartal um 72,4 Milliarden Dollar ab. Ein Indiz für Sparwut auf breiter Front? Andererseits meldeten die drei großen Autokonzerne Ford, General Motors und Chrysler in der vergangenen Woche Rekordverkäufe. "Keep America Rolling", lautete die patriotische Werbeparole, die möglicherweise aber weniger überzeugte als das dahinter versteckte Angebot zinsfreier Kreditfinanzierung.
An die Existenz geht es Deutschlands bekanntestem Autohändler, Helmut Becker, noch nicht. Doch auch in seinem Autohaus in Düsseldorf, das vom Opel Corsa bis hin zum Ferrari alle Käuferschichten anspricht, spürt er die Auswirkungen der Krise. Die Situation stehe auf "Messers Schneide". Damit die Wirtschaft nicht wirklich kippt, brauche es von der Bundesregierung eine Reihe "positiver Impulse".
Doch was soll der Staat tun? Nichts, wie der Kanzler meint? Die zweite Stufe der Steuerreform vorziehen oder die Neuverschuldung erhöhen, wie fünf der sechs Forschungsinstitute empfehlen?
In diesen Zeiten düsterster Bilder und sensibler Befindlichkeiten wirkt Bundesfinanzminister Eichel merkwürdig unzeitgemäß. Während sich seine Kollegen in anderen Ländern, allen voran in den USA, als Retter der Konjunktur versuchen, redet Eichel immer noch davon, wie dringend die Konsolidierung des Haushalts ist.
Eichel ähnelt dabei einem Arzt, der dem schmerzgekrümmten Patienten die Vorzüge einer gesunden Lebensweise predigt, statt endlich die lindernde Spritze aus der Kitteltasche zu zaubern. Tatsächlich vertraut er lieber auf die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft und erteilt Konjunkturprogrammen eine Absage nach der anderen. "Solche Maßnahmen verpuffen in der globalisierten Wirtschaft", lautet sein Credo.
Auch ein Vorziehen der Steuerreform kommt für den Kassenwart nicht in Frage. Die Forderung der Wirtschaftsforschungsinstitute, es im nächsten Jahr mal gut sein zu lassen mit dem Sparen und lieber Bürger und Unternehmen zu entlasten, lehnt Eichel ab: "Das wäre ein schwerer Bruch, vom Konsolidierungskurs abzuweichen."
Den Glauben vieler Wirtschaftsforscher, die Steuerentlastung würde Konsum und Investitionen beleben, mag Eichel nicht teilen. Um 45 Milliarden Mark habe er die Steuerzahler in diesem Jahr entlastet. Was sollten da noch einmal 13 Milliarden Mark ausrichten, wie sie die Institute fordern?
Und überhaupt: Wenn er deswegen mehr Schulden machen müsste, würde die Steuerentlastung mehr schaden als nützen, denn das höhere Defizit würde die Europäische Zentralbank davon abhalten, die Zinsen zu senken. Billigeres Geld aber würde die Wirtschaft viel nachhaltiger stimulieren als eine Steuersenkung auf Pump.
Das Geld, das ihn die vorgezogene Steuerreform kosten würde, sieht Eichel ohnehin bei sich besser aufgehoben. Die Bürger, so argwöhnt er, würden die zusätzlichen Mittel nicht ausgeben, sondern in unsicheren Zeiten lieber sparen. Somit bekäme die Konjunktur keinen weiteren Schub.
Eichels Abwehrkampf würde glaubwürdiger wirken, hätte er der Versuchung widerstanden, schon die ersten zusätzlichen Ausgaben im Gefolge der Terroranschläge mit neuen Steuererhöhungen zu bezahlen. Ohne Rücksicht auf die sowieso schon labile wirtschaftliche Lage will er die Abgaben auf Versicherungen und Zigaretten anheben.
"In dieser Lage die Steuern zu erhöhen ist das Falscheste, was man machen kann", kritisiert Joachim Scheide, Konjunkturexperte vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Dabei sind die drei Milliarden Mark, die die Maßnahme bringen soll, noch nicht einmal die einzige Belastung, die im nächsten Jahr auf die Bürger zukommen wird.
Mit über fünf Milliarden Mark schlägt die nächste Stufe der Ökosteuer zu Buche. Auch die Krankenkassenbeiträge steigen. All das entzieht den Bürgern Geld, das sie nicht mehr für Stereoanlagen, Urlaubsreisen oder Kühlschränke ausgeben können. In Zeiten des Aufschwungs mögen die Belastungen tragbar erscheinen, in Zeiten des Abschwungs könnten sie für die Wirtschaft den endgültigen Stoß in Richtung Rezession bedeuten.
Insgeheim, das geben die Beteiligten zu, lassen sie ihre Experten längst an Maßnahmen basteln, die im Fall der Fälle dann doch die Konjunktur stützen sollen. Nachgedacht wird über eine pauschale Absenkung der Einkommensteuer um zehn Prozent für ein Jahr ebenso wie über eine staatliche Investitionszulage. In den internen Überlegungen ist, allen Dementis zum Trotz, auch ein Vorziehen der Steuerreform oder das Aussetzen der Ökosteuer-Erhöhung kein Tabu mehr.
Dass es mit seinem Sparkurs nicht zum Besten steht, ahnt Eichel wohl selbst. Früher fehlte in keiner seiner Reden das Bekenntnis, im Jahr 2006 werde er einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen. Seit kurzem lässt er jeden Hinweis darauf aus Redemanuskripten streichen.
Wie es bis dahin wirklich weitergeht, das können die Konjunkturexperten derzeit nur vage ausmachen. Noch nie war es für die professionellen Propheten derart schwierig, eine exakte Vorhersage zu treffen, die auch nur sechs oder zwölf Monate in die Zukunft weist. Terror und Krieg passen einfach in kein herkömmliches Rechenmodell. "Gegenwärtig", räumt Klaus Friedrich, Chefvolkswirt der Dresdner Bank, ein, "befinden wir uns gewissermaßen auf einer Lernkurve."
Drei Szenarien sind für die Zukunft der Weltwirtschaft denkbar: Die unverbesserlichen Optimisten, eine nicht unbedeutende Minderheit, glauben, dass es schon in Kürze wieder aufwärts geht. Ihre Weltsicht lässt sich in der Form eines "V" beschreiben: Ebenso steil, wie es bergab rauscht, werde es in den nächsten Monaten wieder nach oben gehen. Der Eck- und Tiefpunkt war der 11. September.
Und dieses schreckliche Datum, so argumentieren die Optimisten, hatte auch etwas Gutes - zumindest ökonomisch betrachtet. Plötzlich nämlich vollzieht die Politik genau das, was viele Ökonomen schon seit langem gefordert haben: Beherzt senken alle Notenbanken ihre Zinsen.
Kraftvoll stemmt sich die US-Regierung mit Steuersenkungen und Konjunkturpaketen gegen den Abschwung - und wieder folgen viele Staaten - von Frankreich über Italien bis Malaysia. Gleichzeitig straffen die Konzerne weltweit ihre Produktion. Diese Rationalisierungswelle könnte die Voraussetzung für neues Wachstum in naher Zukunft schaffen.
Der Schock des Terrors, so lautet die Schlussfolgerung der Optimisten, ist mithin nur von kurzer Dauer. Schon im nächsten Jahr könnte die US-Wirtschaft "wieder eine Rückkehr zu normalem Wachstum, so um die plus drei Prozent, sehen", glaubt Präsidentenberater Lawrence Lindsey. Und bis Ende 2002, prophezeit die Investmentbank Merrill Lynch, könnte sich die Rate sogar auf vier Prozent beschleunigen - und damit auch Europa nach oben ziehen.
Weitaus größer allerdings ist das Lager der Pessimisten. Sie beschreiben Absturz und Aufschwung in der Form eines "U" - wobei sich die Phase dazwischen, die Stagnation, mittler weile bedenklich in die Länge zieht. "Die Dinge werden sich noch wesentlich verschlimmern, ehe sie sich verbessern", warnt William Lissenden, Chefökonom der amerikanischen Investmentbank Conseco Capital Management.
In Deutschland erwarten die sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute für 2002 gerade mal ein Plus von 1,3 Prozent - und selbst dies ist eine gewagte Prognose. Die Wirtschaft müsste dann zumindest Ende 2002 mit einer Rate von 3 Prozent wachsen - eine ziemlich verwegene Annahme.
"Die Lage ist sehr, sehr kritisch", sagt Gustav-Adolf Horn vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. "Unterm Strich ist nächstes Jahr eher ein Nullwachstum wahrscheinlich", glaubt Heiner Flassbe ck, Chefökonom der Uno-Handelsorganisation Unctad.
Noch gewaltiger sind allerdings die Risiken, die durch eine Eskalation des Krieges in Afghanistan drohen. Was passiert, wenn die Amerikaner den Irak angreifen oder auf andere Weise die Ölversorgung des Westens in Gefahr gerät?
Bislang gehen alle Konjunkturprognosen von einem Ölpreis von 25 Dollar pro Barrel aus. Schnellt der Preis indes auf 40 Dollar hoch, wäre eine langwierige Rezession unausweichlich.
Mindestens genauso gefährlich für die Weltwirtschaft könnte die wachsende Angst vor dem Biowaffen-Terror werden. So geht das Herbstgutachten noch davon aus, dass es "keine weiteren massiven Terroranschläge in den USA oder anderswo" geben wird.
Doch nur wenige Tage später, nach weiteren Milzbrand-Todesfällen in den USA, fragt DIW-Experte Horn: "Ist diese Annahme wirklich noch richtig? Steht die Wirtschaft noch vor dem Abgrund? Oder sind wir schon einen Schritt weiter?"
Immer mehr Ökonomen bezweifeln jedenfalls, dass Zinssenkungen in der jetzigen Lage überhaupt noch etwas nützen. Und dann lauern da noch die versteckten Gefahren, die in diesen Tagen gern verdrängt werden - die aber auch ein drittes Szenario möglich erscheinen lassen: einen jahrelangen Niedergang wie im Gefolge des großen Börsencrashs von 1929.
Die Apokalyptiker unter den Konjunkturpropheten beschreiben die Entwicklung in "L"-Form: steil bergab und dann durch eine lange Krise.
Sie glauben, dass sich die Historie durchaus wiederholen könnte. Damals, zu Beginn der dreißiger Jahre, verloren über elf Millionen Amerikaner und etwa vier Millionen Deutsche ihren Job. Das Welthandelsvolumen schrumpfte binnen weniger Jahre um ein Viertel. Ökonomen sprachen von einer "Depression" - und beschrieben damit auch einen Gemütszustand.
Auch jetzt wird die Welt wieder von der Wucht der Ereignisse überrannt. Auch jetzt kann sich die Staatengemeinschaft nicht zu einem gemeinsamen Kampf gegen den Abschwung entscheiden. Und auch jetzt besteht die Gefahr, dass einzelne Nationen sich in ihrer Not einfach abschotten - wenngleich der Welthandel dadurch noch schneller einbricht.
Verschärft würde dieses Problem, wenn auch die Schwellenländer in den Strudel des Abschwungs geraten. Wenn etwa Argentinien unter seiner Schuldenlast kollabierte und andere Volkswirtschaften mit sich risse.
"Dann kann", warnt Ökonom Flassbeck, "schnell ein regelrechter Abwertungswettlauf in Gang kommen. Entgegen der landläufigen Meinung gibt es keine natürliche Grenze nach unten."
Flassbeck war einst als Staatssekretär im Finanzministerium aktiv. Dort galt er als der engste Vertraute des SPD-Linken Oskar Lafontaine.
Kanzler Schröder gibt auf die Stimmen der Apokalyptiker nicht viel. Er zählt sich - und das mag nicht unwesentlich mit der Verantwortung seines Amtes zusammenhängen - zu den Optimisten. "Trotz vorübergehender Eintrübung", so Schröder in der vergangenen Woche auf dem Gewerkschaftskongress der IG Bergbau, "ist eine krisenhafte wirtschaftliche Entwicklung nicht zu befürchten."
Die Volkswirtschaft in Deutschland werde auch in diesem Jahr zulegen, im Verlauf des nächsten Jahres rechne er wieder mit einer Beschleunigung des Wachstums, die konjunkturellen Frühindikatoren seien günstig: "Dies alles zeigt", so Schröder, "dass wir durchaus Grund haben zu Optimismus und Zuversicht."
Der Applaus der Delegierten fiel klamm aus. FRANK DOHMEN, JAN FLEISCHHAUER,
ALEXANDER JUNG, CHRISTOPH PAULY, CHRISTIAN REIERMANN, ULRICH SCHÄFER,
HELMUT SORGE, THOMAS TUMA, WIELAND WAGNER
Von Frank Dohmen, Jan Fleischhauer, Alexander Jung, Christoph Pauly, Christian Reiermann, Ulrich Schäfer, Helmut Sorge, Thomas Tuma und Wieland Wagner

DER SPIEGEL 44/2001
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