29.10.2001

Klüger werden mit:Carl Djerassi

Der 78-jährige amerikanische Biochemiker und Vater der Pille über sein Verhältnis zu Wissenschaft und Kunst
SPIEGEL: Zurzeit erleben wir eine neue Wissenschaftsgläubigkeit. Machen wir denselben Fehler wie am Anfang des 20. Jahrhunderts: zu denken, dass Fortschritt jedes Problem lösen kann?
Djerassi: Manche Probleme werden gelöst, manche nicht. Aber wir finden tatsächlich immer mehr Antworten. Wir müssen uns nur mehr Zeit lassen, um all die Dinge, die wir entdecken, auch verarbeiten zu können. Das wichtigste Wort der Zukunft mit drei Buchstaben wird meiner Meinung nach nicht mehr "Sex" sein, sondern "but". Für jede Frage muss es ein "aber" geben.
SPIEGEL: Waren Sie skeptisch beim Erfinden der Pille?
Djerassi: Das musste ich gar nicht sein. Die Pille war ein Segen. Sie hat das Verhüten stressfrei gemacht. Die Frage nach der künstlichen Befruchtung, die sich uns heute stellt, ist viel grundsätzlicher. Sie war gedacht, um Unfruchtbarkeit zu behandeln. Jetzt stehen wir vor dem Problem, dass fruchtbare Leute auch davon profitieren wollen. Ich denke, es ist das gute Recht der Frauen, das Kinderkriegen nach hinten zu verschieben, um erst Karriere machen zu können. Und es ist auch ein großer Vorteil, dass man heute genetische Komplikationen bereits an einem zwei Tage alten Embryo entdecken kann.
SPIEGEL: In Ihrem Buch "This Man's Pill - Sex, Kunst und Unsterblichkeit" widmen Sie sich dem Einfluss der Kunst auf die Gesellschaft. Genug der Forschung?
Djerassi: Die Zuwendung zum Schöngeistigen oder das Schreiben von Romanen ist für mich eine Art Auto-Psychoanalyse. Wir Wissenschaftler analysieren immer nur die Welt um uns herum; um uns selbst kümmern wir uns nicht. Das wollte ich für mich ändern. Wenn Sie so wollen, sage ich mit diesem Buch "but".

DER SPIEGEL 44/2001
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