29.10.2001

SENATORENFreibier für alle

Die Kür einer neuen Kultursenatorin für Hamburg gerät Bürgermeister-Kandidat Ole von Beust immer mehr zur Peinlichkeit.
Der Posten ist mit 24 371,08 Mark pekuniär nicht uninteressant. Als Dienstwagen steht ein geleaster 5er-BMW vor der Tür, und um die Freizeitgestaltung muss sich ein Amtsinhaber auch keine Sorgen mehr machen: In der Postmappe stapeln sich täglich Freikarten für Schauspielhaus, Oper und Kino und andere Lustbarkeiten.
Und dennoch, der prestigeträchtige Job ist schwer vermittelbar. Niemand, so scheint es, will Kultursenator der Freien und Hansestadt Hamburg werden. Im Gegenteil: Seriöse Kulturschaffende, deren Namen mit dem Amt in Verbindung gebracht werden, dementieren entsetzt jedes Interesse, als wären sie verdächtig, auf St. Pauli Stammgast im Swinger-Club zu sein.
So wehrte sich auch die Autorin Ulla Hahn flugs gegen den Kandidaten-Verdacht: "Aus der Luft gegriffener Blödsinn." Auch Wilhelm Hornbostel, Direktor des örtlichen Museums für Kunst und Gewerbe, zeigte sich peinlich berührt: "Unsinn."
Begonnen hatten die Kalamitäten mit der Kultur durch ungezügelte Geschwätzigkeit des künftigen Bürgermeisters. CDU-Mann Carl-Friedrich Arp Freiherr (vulgo: Ole) von Beust, gemeinsam mit der FDP und dem Rechtspopulisten Ronald Schill ("Richter Gnadenlos") in ein Koalitionsboot gezwängt, wollte seinem Senat unbedingt ein Glanzlicht aufsetzen.
Als Kultursenatorin hatte er sich die renommierte Publizistin und Komponisten-Urenkelin Nike Wagner, 56, aus Wien ausgeguckt. Kaum hatte er den prominenten Namen stolz seiner Fraktion anvertraut, da landete der Coup auch schon in den Medien. Die Sache hatte nur einen Haken: Frau Wagner wollte nicht mehr. Sie hatte für ihren Kulturhaushalt auf 2,5 Prozent - statt der bisherigen 2 Prozent - des Gesamtetats bestanden. Diese Aufstockung wollte Beust, 46, nicht lockermachen.
Nike Wagner sagte am selben Morgen, an dem ihr Name die Hamburger Titelseiten schmückte, per Telefon ab, und dem verdutzten Beust fiel "die Kaffeetasse aus der Hand". Seitdem trägt er schwer an einer lästigen Vakanz und unschönem Image-Schaden: Der Bürgermeister in spe als politischer Tollpatsch.
Keine ideale Voraussetzung, um qualifizierte Bewerber zu ködern. Wer nun sein Flehen erhört, ist zweite Wahl. So schwirren immer skurrilere Namen durch die Gazetten. Leser der Lokalzeitungen wünschen sich etwa den Alt-Rocker Udo Lindenberg oder Schock-Regisseur Christoph Schlingensief im Senatoren-Sessel. Auch eine Disco-Transe namens Olivia Jones reklamiert spaßeshalber den Posten schon für sich ("Freibier und Kartoffelsalat").
Jürgen Flimm, ehemaliger Intendant des Hamburger Thalia Theaters, kann darüber gar nicht lachen: "Die traditionsreiche Position wird auf dem Markt verhökert." Sie sei "auf das Niveau von Partygeschwätz heruntergekommen".
Nicht ohne Ole von Beusts tätige Mithilfe. So klingelte er etwa bei der zwar standesgemäßen, aber fachfremden PR-Lady Alexandra Freifrau von Rehlingen an. Doch das angesehene Mitglied der Hamburger Bussi-Boheme zeigt sich zwar regelmäßig in der Oper, leitet daraus aber erfreulicherweise keine Qualifikation für die zu besetzende Stelle ab: Sie wolle sich lieber ums eigene Geschäft kümmern.
Bei so wenig Entgegenkommen schritt Beust zum Äußersten und nahm eine weitere Baronin, eine gewisse Freifrau von Ruffin, in die Zange. Bei flach gehaltenem Anforderungsprofil spricht sogar etwas für die Gattin eines Landadligen aus dem Schleswig-Holsteinischen: Sie ist nicht nur in der Agrikultur zu Hause, sie kann sogar Stall- von Bühnenluft unterscheiden.
Denn viele Jahre lang belieferte sie die Hitparaden mit Perlen der Kleinkunst wie "Theo, wir fahr'n nach Lodz". Ihr unvergessener Künstlername: Vicky Leandros. "In der Tat hat es ein Gespräch zu dem Thema gegeben", bestätigt die "Freiherr von Ruffin'sche Verwaltung" Kontakte ins Hamburger Rathaus, es sei allerdings "Vertraulichkeit" vereinbart worden.
Von Beust hat sich nicht nur mit derlei absonderlichen Vorstößen in die Lächerlichkeit manövriert, die Gemengelage in seiner Koalition lässt ihm zudem kaum Spielraum. Weil die FDP mit 5,1 Prozent der Wählerstimmen nur einen Senator stellen soll und die Schill-Leute mit ihren 19,4 Prozent schon drei Stellen besetzen, will Beust für die Kultur unbedingt eine parteilose Kraft finden. Bis jetzt ist für das Kabinett zudem nur eine Frau nominiert; eine zweite Dame ist dringend erwünscht.
Christoph Stölzl, Ex-Kultursenator in Berlin, seit kurzem CDU-Mitglied und trotz seines unpassenden Geschlechts auch immer wieder für das Hamburger Amt im Gespräch, sieht die hilflosen Manöver seiner hanseatischen Parteifreunde "mit Staunen". Der Job sei "kein Damenprogramm", sondern "hartes Handwerk" für Fachleute. In seinem Vorgarten, beeilt auch er sich, Schaden von seiner Person zu wenden, blicke er "auf welkes Laub" und keinesfalls "auf eine Verhandlungsdelegation aus Hamburg".
JOACHIM KRONSBEIN, STEFANIE RICHTER
Von Joachim Kronsbein und Stefanie Richter

DER SPIEGEL 44/2001
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