05.11.2001

SCHULEOle und die Zuckertüte

Die Schulpolitik des Hamburger Bürgerblocks löst Protest aus. Der Senat will Kindern ohne hinreichende Deutschkenntnisse die Einschulung verweigern und Eltern die Wahl der Schule freistellen. Kritiker vermuten „gnadenlose Ahnungslosigkeit“ - zu Recht?
Erst seit anderthalb Jahren ist der Konteradmiral a. D. Rudolf Lange, 60, Mitglied der FDP. Der knorrige Quereinsteiger, der in der mitgliederarmen Partei binnen weniger Monate zum Landesvorsitzenden avancierte, hat nie verhehlt, dass sein Element zeitlebens weniger die Politik als das Wasser gewesen ist.
Vergangene Woche musste der Freidemokrat in eiskalte Fluten springen. Weil die Elbliberalen bei der Bürgerschaftswahl mit 5,1 Prozent ins Landesparlament gerutscht und zum Mehrheitsbeschaffer für den neuen Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und dessen Vize Ronald Schill geworden sind, ist auch für den liberalen Polit-Neuling ein Posten abgefallen: Der Admiral wurde als Schulsenator vereidigt.
Der Sailor hatte sein neues Amt kaum angetreten, da zog für ihn schon schweres Wetter auf. Die linke Lehrergewerkschaft GEW und das gescheiterte rot-grüne Bündnis des glanzlosen Bürgermeisters Ortwin Runde lassen nichts unversucht, die politische Kompetenz des "Kenteradmirals" (SPD-Spott) anzuzweifeln.
Der Freidemokrat wiederum - voller Stolz, "die Seeschlacht um die Kommandobrücke" mit gewonnen zu haben - ist erkennbar bemüht, sich als Schulpolitiker zu profilieren. Er beteuert, er wisse durchaus, was junge Menschen wollen; schließlich habe er als Chef der Bundeswehr-Führungsakademie in Hamburg-Blankenese "viel Erfahrung mit der Ausbildung von Nachwuchs" sammeln können.
Mit Unverständnis reagiert die neue Opposition samt der mit ihr verbandelten Lehrergewerkschaft vor allem auf einen Programmpunkt des neuen Mitte-Rechts-Bündnisses: In Hamburg soll, so die Koalitionsvereinbarung, Kindern ohne hinreichende Deutschkenntnisse künftig die Einschulung versagt werden. Die GEW befürchtet einen Verfassungsbruch: eine "Einschränkung des Grundrechts auf Bildung für MigrantInnenkinder".
Der vermeintliche "Skandal" (GEW) wurzelt im Schulkapitel des Hamburger CDU-Wahlprogramms (in dessen Internet-Version Spitzenmann Beust als Schulanfänger mit Zuckertüte abgebildet ist). Die Urheber beteuern, der umstrittene Programmpunkt habe keinerlei rassistischen Hintergrund - ganz im Gegenteil.
In der Zurückstellung sprachlich weniger versierter Kinder sieht die CDU einen Schritt in Richtung Chancengleichheit. Denn "fehlende Sprachkenntnisse" ausländischer Schüler beeinträchtigten regelmäßig das "Leistungsniveau der gesamten Klasse".
Daher sollen in Gegenden mit hohem Ausländeranteil "Kinder, die eine Kindertagesstätte besuchen, schon vom dritten oder vierten Lebensjahr an ein Sprachtraining" absolvieren, wie es im Koalitionsvertrag heißt. Und beim Einschulungsgespräch der Grundschule - gut ein Jahr vor dem Zuckertütentag - will der Senat eine "Sprachüberprüfung" vornehmen lassen. Zweck: "Bei erheblichen Defiziten erfolgen verbindliche Sprachfördermaßnahmen vor der Einschulung."
Berufen kann sich die Koalition auf Erkenntnisse, die der breiten Öffentlichkeit bislang weitgehend verborgen geblieben sind: Die Deutschkenntnisse ausländischer Schulanfänger haben sich im Laufe der letzten Jahre keineswegs verbessert, sondern deutlich verschlechtert.
Während die so genannten Gastarbeiter der sechziger Jahre und deren Kinder noch um eine Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft bemüht waren, registrieren Sozialwissenschaftler bei den Kindeskindern der ersten Einwanderer nun einen zunehmenden "Rückzug in die eigene Ethnie". Folge: Noch vor zehn Jahren haben ausländische Kinder die deutsche Sprache durchweg besser beherrscht als ihre Eltern, heute ist es häufig umgekehrt.
Dass viele junge Ausländer auf Anpassung an die deutsche Umgebung verzichten, führt die Hamburger Pädagogik-Professorin Ingrid Gogolin auf die verstärkte "Ausbildung ethnischer Strukturen in der Gesellschaft" zurück: Wer in türkisch geprägten Vierteln wie in Berlin-Kreuzberg oder Hamburg-Wilhelmsburg lebt, kommt auch ohne Deutsch bestens zurecht. Zu Hause kann die Familie zwischen einem Dutzend türkischer Satelliten-TV-Programme wählen. Koranschulen verstärken die Desintegrationstendenzen. Die Mütter sprechen oft kaum ein Wort Deutsch; denn seit einigen Jahren fahren mehr und mehr Männer zum Heiraten in die alte Heimat, wo nach einer Berliner Studie jeder zweite Türke seine Frau sucht.
Warum Bräute aus der Türkei bevorzugt werden, weiß der Berliner Schulleiter Gerd-Jürgen Busack aus erster Hand: "Die sind unproblematischer als die Türkinnen, die hier aufgewachsen sind." Klar, dass die Import-Mütter ihre Kinder gewöhnlich nicht in eine Tagesstätte schicken, sondern zu Hause erziehen - auf Türkisch.
Auf Grund des Heiratstourismus, sagt Safter Cinar von der Türkischen Gemeinde Deutschland, "beginnt die Migrationsgeschichte nach jeder Generation wieder neu" - zu Lasten der Jüngsten. Kinder, die mit Deutschschwächen eingeschult werden, bleiben häufig während des gesamten Schullebens benachteiligt. Mangelnde Sprachkenntnisse schlagen sich nicht nur in schlechten Deutschnoten nieder, sondern auch in den Physik- oder Biologiezensuren - und sind eine der Ursachen dafür, dass der Anteil der "Bildungsverlierer" unter den Migrantenkindern zunimmt.
Bereits jetzt stehen 40 Prozent der Schulabgänger türkischer Herkunft (gegenüber 8 Prozent der deutschen) ohne Ausbildungsplatz da - was viele von ihnen zu einem Fall für das Sozialamt macht. Bis zum Jahr 2010 wird die Zahl der jungen Ausländer ohne Schulabschluss nach einer Prognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung auf 660 000 steigen.
Die Konsequenzen des "Proletarisierungsprozesses", auf den auch die Bundesregierung in ihrem Jugendbericht hingewiesen hat, lassen sich in der Kriminalstatistik ablesen: Die steigende Jugenddelinquenz geht nach einer Untersuchung des Kriminologen (und derzeitigen niedersächsischen Justizministers) Christian Pfeiffer überproportional auf das Konto männlicher türkischer Jugendlicher; mehr als doppelt so oft wie ihre deutschen Altersgenossen werden sie zu Mehrfachtätern.
Auf Grund der Sprengkraft dieser Entwicklung, meinen Experten, hätte sich die Schulpolitik längst schon des Sprachproblems annehmen müssen. Doch "eine systematische bildungspolitische Planung", klagt die Hamburgerin Gogolin, "gibt es nicht", lediglich einige Modellprojekte. Immerhin: In Berlin kündigte Schulsenator Klaus Böger (SPD) kürzlich "Sprachstandsmessungen" bei allen Vierjährigen an, damit Deutschdefizite rechtzeitig abgebaut werden können; die Initiative geht auf einen Vorschlag des Türkischen Bundes zurück. In Hessen stellt Kultusministerin Karin Wolff (CDU) "Überlegungen" an, die Schulanmeldung auf den fünften Geburtstag vorzuverlegen, damit Deutschschwächen frühzeitig erkannt und per "Vorlaufkurs" abgebaut werden können.
Der radikalste Vorstoß jedoch war im Frühjahr aus Hamburg gekommen - von den Grünen, die sich nun in der Opposition auf den Sprachförderer Lange einschießen. "Die Kinder müssen viel früher Deutsch lernen - nicht erst bei der Einschulung", hatte Grünen-Sprecherin Antje Radcke gefordert und dazu gar die Einführung einer "Kindergartenpflicht ab vier Jahren" vorgeschlagen.
Alle derartigen Reformen sind indessen zum Scheitern verurteilt, wo junge Ausländer in Kitas und Schulen praktisch unter sich sind. "Eine deutschsprachige Erzieherin kann nicht viel ausrichten, wenn die Kinder beim Spielen untereinander Türkisch oder Arabisch reden", sagt Heidi Kölling, Schulleiterin in Berlin-Kreuzberg, wo die Ausländerquote bereits an sechs Schulen die 75-Prozent-Grenze überschritten hat.
Eigentlich, meint Hakki Keskin, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, müsste ein Schüleraustausch per Bus zwischen Vierteln mit vielen und mit weniger Ausländern organisiert werden, um die Entstehung von immer mehr Ghettoschulen zu bremsen. Dafür spräche auch, dass nach einer Untersuchung der Freien Universität Berlin die Integrationsbereitschaft junger Türken dann besonders hoch ist, wenn sie in gemischten Klassen lernen.
Doch ein "Busing" (von: Bus-Fahren) wie in den USA scheint in Deutschland politisch kaum durchsetzbar. Hier steigt, im Gegenteil, seit Jahren die Zahl jener deutschen Eltern, die nichts unversucht lassen, um ihre Kinder auf Grundschulen mit geringem Ausländeranteil zu mogeln.
Zwar ist gesetzlich geregelt, dass Schulpflichtige grundsätzlich die Wohnort-Schule besuchen müssen - Ausnahmen gibt es nur bei "wichtigen Gründen". Doch die lassen sich finden: Mal wohnt die Tagesmutter in einem Stadtteil mit niedrigerem Ausländeranteil, mal entschließen sich Eltern zum Kircheneintritt, um ihre Kleinen auf eine garantiert muslimfreie Konfessionsschule schicken zu können.
In Hamburg, wo alljährlich bereits rund 1000 der 14 000 Erstklässler bezirksfremd eingeschult werden, wird sich der Trend zur Ghettoschule demnächst noch beschleunigen. Denn der Rechtsblock ist übereingekommen, die Schulgrenzen für Schulanfänger aufzuheben, um die "Autonomie der Eltern" (Lange) zu fördern.
Auch gegen diesen Plan ist in Hamburg Protest laut geworden, der allerdings ungleich besser begründet wirkt als die Kritik an der - durchaus sinnvoll anmutenden - zeitweiligen Zurückstellung von Kindern mit Deutschdefiziten.
Die Abkehr vom Prinzip der Stadtteilschule, warnt der Elternverein, lasse in benachteiligten Vierteln "Schmuddelschulen" entstehen. Die Lehrerkammer rechnet mit einer "Katastrophe", die Lehrergewerkschaft kreidet dem Senat "gnadenlose Ahnungslosigkeit" und die Absicht an, "die totale soziale Entmischung der Stadtteile zu forcieren".
Bald schon werde es, fürchten die Grünen, "weiße" und "schwarze" Schulen geben. Auch die SPD wirft dem neuen Senat vor, eine "gesellschaftliche Spaltung" in Kauf zu nehmen und Schulschließungen in benachteiligten Vierteln zu riskieren: Was Lange betreibe, sagt Schulexperte Thomas Böwer, sei "Wildwest".
Noch hofft die GEW-Landesvorsitzende Anna Ammonn, den Schulsenator bremsen zu können. Sie habe den Admiral, sagt sie, "als umgänglichen Menschen erlebt". Die Pädagogen-Gewerkschaft setze im Übrigen generell auf Lernfähigkeit: "Dies gilt auch für den neuen Bildungssenator."
Ob Lange bereit ist, sich von seinen Kritikern belehren zu lassen, steht dahin. Was er von ihnen zu halten hat, wusste der Admiral schon vor der Wahl: Die Grünen seien "nie seetauglich" gewesen. Und die SPD hätte längst schon "zur Generalüberholung ins Trockendock" gehört. JOCHEN BÖLSCHE
Von Jochen Bölsche

DER SPIEGEL 45/2001
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