05.11.2001

ZDFDer Intendanten-Stadl

Geschacher, Geschrei und Gremienwahn: Die Suche nach einem Nachfolger für ZDF-Chef Dieter Stolte gerät zum peinlichen Polit-Theater. Die Parteien haben den öffentlich-rechtlichen Sender derart fest im Griff, dass Kritiker eine grundlegende Reform fordern.
Es könnte ganz einfach sein: eine Anzeige in einer überregionalen Zeitung, eine kleine Expertenrunde, die die Bewerbungen sichtet. Geeignete Kandidaten stellen sich vor. Der oder die Beste setzt sich durch. Punkt.
Ein ganz normales Einstellungsverfahren eben. Der Job, so viel ist sicher, wäre ruck, zuck vergeben.
Attraktiv genug ist er. Der Amtsinhaber lenkt einen Apparat von rund 3600 Mitarbeitern, bewegt einen Jahresetat von 3,5 Milliarden Mark und hat von seinem Büro im 14. Stock einen schönen Blick ins Rheintal. Zwar ist das Gehalt mit rund 500 000 Mark nicht üppig für einen Top-Job. Dafür gibt es eine Dienstlimousine, einen Chauffeur und regelmäßig Glamour: vom Besuch bei "Wetten, dass ...?" bis zum "Deutschen Fernsehpreis".
Beste Plätze wären garantiert, denn vakant wird der Intendantenposten beim Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF), auch wenn viele Mitarbeiter das noch gar nicht glauben wollen.
Zu eng scheint der Job mit seinem bisherigen Inhaber Dieter Stolte verwoben. Zu lange herrscht der Professor und Doktor honoris causa nun schon über die Sendezentrale auf dem Mainzer Lerchenberg. Als er das Amt im März 1982 übernahm, gab es in Deutschland noch kein Privatfernsehen, und die Stars des ZDF hießen Hans Rosenthal, Frank Elstner und Wim Thoelke nebst Wum und Wendelin.
Doch nach kurzem Kokettieren mit einer fünften Amtszeit hat sich der 67-jährige Stolte entschieden, nicht noch einmal anzutreten. Im kommenden März läuft sein Vertrag aus. Dann, so ist es vorgesehen, könnte Stoltes Nachfolger als oberster Mainzelmann den Dienst antreten - sollte bis dahin einer gefunden werden.
Denn um die Intendantenkür hat sich ein absurdes Ränkespiel entsponnen, das nun schon seit Monaten ZDF-Gremien wie Gazetten beschäftigt. Die Suche nach einem geeigneten Chef für eine der größten TV-Anstalten Europas ist völlig aus dem Ruder gelaufen.
Kein Name scheint mehr zu abwegig, um nicht genannt zu werden - vom abgewählten Hamburger SPD-Wirtschaftssenator Thomas Mirow bis zu Verteidigungsminister Rudolf Scharping. Kein Vorstoß zu dreist, um nicht gewagt zu werden - wie der von NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement, der gleich mit der Kündigung des ZDF-Staatsvertrags drohte, sollte die Kür nicht nach seinen Vorstellungen laufen. Und kein Beitrag zu albern, um ihn sich zu verkneifen: So teilte der frühere RTL-Chef und Clement-Berater Helmut Thoma, 62, sicherheitshalber über die "Zeit" mit, er persönlich fühle sich "zu jung" für die Aufgabe. Willkommen im Intendanten-Stadl!
Bei der sonst so sachlich-seriösen "FAZ" laufen die Geschichten rund um das Postentheater nur noch unter der Überschrift: "Banane". Und selbst dem scheidenden Amtsinhaber wurde es vergangene Woche zu bunt: "Unsachgemäß und schädlich" sei die Diskussion, polterte Stolte. Sie belaste nicht nur das Amt, sondern das gesamte Unternehmen.
Tatsächlich bahnt sich für den Nikolausabend, an dem der neue ZDF-Chef im Casinogebäude der Mainzer Sendezentrale vom Fernsehrat gewählt werden soll, nun das an, was alle Beteiligten unbedingt verhindern wollten: eine Kampfabstimmung zwischen mehreren Kandidaten unterschiedlicher politischer Couleur, mit äußerst ungewissem Ausgang.
Genau das also, was Dieter Stolte vor fast 25 Jahren selbst erlebte: Damals scheiterte er als Programmdirektor nur knapp an der notwendigen Drei-Fünftel-Mehrheit und dem Ziel, ZDF-Gründungsintendant Karl Holzamer nachzufolgen. Erst nach mehr als einem Dutzend Wahlgängen wählte der Fernsehrat dann den eiligst angefragten Reservekandidaten Karl-Günther von Hase. Stolte musste für fünf Jahre in die Warteschleife.
Auch diesmal, so viel stand von vornherein fest, würde es keine leichte Entscheidung werden: Ein Jahr vor der Bundestagswahl galt die Suche nach einem Stolte-Nachfolger von Beginn an als hochpolitische Personalie.
Von einer "Staatsferne" des öffentlichrechtlichen Rundfunks, wie sie das Verfassungsgerichtsurteil zum "Adenauer-Fernsehen" von 1961 einforderte, ist beim ZDF ohnehin nichts zu spüren: Wenn der Verwaltungsrat des Senders zusammenkommt, tummeln sich dort unter anderen fünf Ministerpräsidenten und der Chef des Bundeskanzleramts.
Der 77-köpfige Fernsehrat wird von zwei inoffiziellen Gremien dominiert, einem politisch "schwarz" und einem "rot" gefärbten Freundeskreis. Alle wichtigen Personalentscheidungen, vom Chefredakteur bis zum Verwaltungsdirektor, fallen nach der politischen Farbenlehre. Auf jede SPD-Sekretärin muss ein CDU-Bürobote folgen. Beim Amt des Anstaltsleiters sind die Begehrlichkeiten natürlich besonders groß.
Nach fast 40 politisch eher dunkel dominierten Jahren in der ZDF-Chefetage wittern die Sozialdemokraten nun die schwache Chance auf einen Zeitenwechsel. Im Fernsehrat hat zwar traditionell der konservative Freundeskreis ein leichtes Übergewicht. Auf die notwendige Mehrheit von 47 Stimmen kommt er indes auch nicht. Mindestens 4 fehlen.
Vor allem der Vorsitzende des Fernsehrates, der 75-jährige Konrad Kraske, weiß: Ohne vorherige Absprachen könnte die Intendantenwahl auch diesmal wieder in einem zermürbenden Abstimmungsmarathon enden.
Mit den einflussreichen Chefs der Freundeskreise, dem rheinland-pfälzischen Staatskanzlei-Chef Klaus Rüter (SPD) und dem CSU-Mann Wilfried Scharnagl, klügelte Kraske deshalb ein vermeintlich sicheres System aus: Schon im Juni wählte der Fernsehrat eine achtköpfige "Arbeitsgruppe Intendantenwahl", auch "Findungskommission" genannt. Diese Einrichtung zum Zwecke der gemeinsamen konsensbildenden Vorauswahl taucht zwar in keinem ZDF-Statut auf. Aber auf ein Gremium mehr kam es wirklich nicht mehr an.
Seither haben die Kungel- und Proporzspezialisten aus den Parteien das Verfahren fest im Griff: So wählte der Fernsehrat, wie vorher in den Freundeskreisen abgestimmt, nicht nur jeweils vier Vertreter jeder Couleur in die Kommission - auch die Ministerpräsidenten aus dem Verwaltungsrat dürfen an deren Sitzungen teilnehmen.
Gebraucht hätte es die Findungskommission nicht wirklich: Ende September präsentierte sie sechs Namen, von denen Noch-Intendant Stolte fünf selbst schon als mögliche Nachfolger ausgerufen hatte.
Das Kandidaten-Roulette, das seither die Debatte dominiert, umfasst vor allem die hausinterne Direktorenebene und ist schon deshalb politisch wohl austariert:
* Programmdirektor Markus Schächter, eher schwarz, gilt als Wunschkandidat von CDU-Chefin Angela Merkel und fiel in jüngster Zeit durch verstärkte Bildschirmpräsenz auf - etwa bei einer Preisverleihung der "Goldenen Stimmgabel";
* Verwaltungsdirektor Hans Joachim Suchan, rot, einziges Parteimitglied der Runde (SPD) im ZDF-Direktorium und praktisch chancenlos;
* Gottfried Langenstein, Direktor für die Europäischen Satellitenprogramme, eher schwarz, wird von CSU und Stolte favorisiert und gern als "Bill Gates vom Lerchenberg" tituliert, weil er mit Microsoft mal einen Vertrag aushandelte;
* Fernsehspielchef Hans Janke, eher rot, für seine Arbeit weithin respektiert, müsste an seinem Vorgesetzten Schächter vorbeiziehen und gilt deshalb allenfalls als Kandidat für den Posten des Programmdirektors - sollte Schächter das Rennen machen;
* der stellvertretende Chefredakteur und "Heute Journal"-Moderator Helmut Reitze, eher schwarz, für den sich Edmund Stoiber vor der Findungskommission stark machte.
Weil der von dem Gremium ebenfalls vorgesehene ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, eher rot, verzichtete, nominierte der SPD-Kreis flugs noch einmal nach:
* Die NDR-Landesfunkhaus-Chefin Dagmar Reim ist die einzige Frau im Rennen und galt bislang als eher chancenlos.
Noch bis vor kurzem nämlich sah es so aus, als sei der Gremienklüngel leidlich funktionstüchtig und eine Lösung nahe: Der 47-jährige Langenstein schien den Ministerpräsidenten Beck, Vogel und Stoiber geeignet und weithin durchsetzbar - zumal, wenn man seine alte Stelle einer Frau aus dem "roten" Spektrum des Fernsehrats anböte.
Doch wenn die Findungskommission am Freitag in der Berliner ZDF-Niederlassung Unter den Linden erneut zusammentrifft, dann ist sie von einer Einigung im Vorfeld so weit entfernt wie nie. Seit Tagen stehen die Zeichen auf Konfrontation. Eine erneute Annäherung sei "äußerst unwahrscheinlich", so ein Kommissionsmitglied.
Überraschend einmütig hat sich der rote Freundeskreis am Montag vergangener Woche hinter die externe Kandidatin Reim gestellt. Ihre Vorstellung in dem Gremium sei "absolut überzeugend" gewesen, sagt ein Teilnehmer. Nun wolle man sie dem Fernsehrat am 6. Dezember zur Wahl präsentieren; Suchan und Janke wurden indes noch nicht von der Liste gestrichen.
Im konservativen Freundeskreis konnte man sich nicht auf einen Kandidaten einigen: Dort will man nun mit Reitze, Langenstein und Schächter das gesamte eigene Aspiranten-Trio vorschlagen.
Sollte es in der Findungskommission, wie zu erwarten, keine Klärung geben, befürchten alle Beteiligten deshalb für den Wahlabend ein mehrstufiges Abstimmungsmarathon: Reitze gegen Reim, Langenstein gegen Reim, Schächter gegen Reim und/oder Janke - sofern manche Kandidaten bis dahin nicht ohnehin entnervt aufgeben.
Dass aus dem absurden Gesinnungs-Contest tatsächlich der Kandidat hervorgeht, der das ZDF mit seinen zahlreichen programmlichen und wirtschaftlichen Problemzonen (laue Quoten, überaltertes Publikum, rund 250 Millionen Mark Defizit im Jahr 2000) am besten in die Zukunft führen kann, glaubt inzwischen auch im Sender kaum noch jemand.
So mehren sich die Stimmen, die eine Reform der Gremien und des Prozedere fordern. "Man muss künftig verhindern, dass Parteien sich den Rundfunk im Proporz erobern können", sagt der Hamburger Politik- und Medienwissenschaftler Hans Kleinsteuber, der selbst im Rundfunkrat der Deutschen Welle sitzt. "Dann hätten auch nichtparteigebundene Intendanten eine Chance."
Die donnerndste Kritik an der ZDF-Intendantenkür kommt allerdings ausgerechnet von ZDF-Verwaltungsrat Wolfgang Clement, einem der gewieftesten Strippenzieher in der deutschen Medienpolitik. Er wolle, so Clement, "weg von den parteipolitischen Strickmustern, aus denen viel zu lange und viel zu oft Personalstrukturen gewirkt werden", und eine personelle Lösung "auf höchstem Niveau" - eine Breitseite gegen alle bisherigen Kandidaten und die eigenen Genossen.
Entsprechend kühl fielen die Reaktionen aus, zumal Clement mit der Ankündigung, auf eigene Faust nach einem Supermanager fürs ZDF zu suchen, sofort eine neue Spekulationslawine lostrat: RTL-Chef Gerhard Zeiler, Endemol-Mann Werner Schwaderlapp, Noch-Kirch-Vorstand Jan Mojto - drei weitere Namen, und alle drei daneben.
Clement werde, so heißt es in seinem Umfeld, seine Alternative wohl erst spät präsentieren, um den Namen nicht auch noch "zu verbrennen". Dass sein Kandidat gegen die internen Bewerber eine Chance hat, glaubt aber kaum jemand. Clements "Überreaktion", so ein wichtiges Mitglied des roten Freundeskreises, sei in den Gremien nicht gut angekommen.
Wie ernst der NRW-Regent es mit der Forderung nach einer politikfernen Rundfunkaufsicht meint, ist ohnehin fraglich. Auf Antrag Schleswig-Holsteins beschäftigte sich gerade die Ministerpräsidenten-Konferenz mit der Frage, ob in den Gremien von ZDF und Deutschlandradio weiterhin staatli-che Vertreter sitzen sollen. Bis auf Heide Simonis befanden die Länderchefs unisono: "ja".
Nordrhein-Westfalen unterzeichnete nicht einmal die unverbindliche Protokollerklärung, man sei dennoch "weiterhin der Auffassung, dass das Gebot der Staatsferne des Rundfunks einer Entsendung staatlicher Vertreter in die Gremien ... entgegensteht".
Dieter Stolte hat derweil noch andere Sorgen. Am 22. November wählt das Goethe-Institut ein neues Präsidium, das über einen Nachfolger für den scheidenden Hilmar Hoffmann entscheidet. Stolte hatte Interesse und galt als Hoffmanns Favorit.
Doch der Noch-Intendant wird den politischen Klüngel nicht los. Im Außenministerium war man über die Personalie nicht erfreut, Institutschef Hoffmann sprach andere Kandidaten an. Als Stolte davon jetzt Wind bekam, verzichtete er auf seine Ambitionen: Wütend teilte er Hoffmann brieflich mit, er stehe für das Amt nicht zur Verfügung. MARCEL ROSENBACH
* Mit Rapperin Sabrina Setlur und Moderator Thomas Gottschalk am 20. Januar in Bremen.
Von Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 45/2001
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