12.11.2001

EXTREMISTENModerne Sklaverei

Durch Heirat mit einer Deutschen sichern sich Islamisten saubere Pässe, Bleiberecht und perfekte Tarnung. Für die Frauen aber kann eine solche Ehe die Hölle sein.
Um Erklärungen war Mamduh Mahmud Salim nicht verlegen, als er im Herbst 1998 im bayerischen Freising von einem Spezialkommando festgenommen wurde. Der Sudanese, der als Finanzchef von Osama Bin Laden gilt, erzählte den Beamten des Landeskriminalamts, er habe in Bayern gebrauchte Autos kaufen wollen. Und Elektronik, um in seiner Heimat eine Radiostation aufzubauen. Vor allem aber, sagte Salim, wolle er eine deutsche Frau heiraten, und zwar "sehr dringend".
Das mochten ihm die Polizisten nicht recht glauben. Denn zu Hause in Khartum wartete auf den von den USA weltweit gesuchten Extremisten eine Ehefrau mitsamt einer Schar von Kindern. "Aber", erklärte Salim, "die ist doch schon 40. Sehr unattraktiv." Sie habe praktisch nichts mehr, was einen Mann noch anziehen könnte.
Damals amüsierten solche Sprüche die Fahnder, heute jedoch passen die Hochzeitspläne genau ins Bild: Ermittler des Bundeskriminalamts und Verfassungsschützer glauben, ein richtiges Muster zu erkennen, nach dem sich mutmaßliche Unterstützer des Terrornetzes in Deutschland ein unauffälliges Leben schufen.
Man gewinne den Eindruck, so ein Sicherheitsexperte, als würden die Jünger aus Bin Ladens Netzwerk mit dem Hinweis geschickt: "Finde eine deutsche Frau." Die Vorteile: Arbeitserlaubnis, unbegrenztes Bleiberecht nach zwei Jahren Ehe und die Möglichkeit, einen deutschen Pass zu beantragen, mit dem es sich problemlos reisen lässt. Die Frauen freilich geraten dabei oft in moderne Sklaverei.
Fünfmal war der Bin-Laden-Vertraute Salim vor seiner Festnahme in der Bundesrepublik. Hier, schrieben seine Beobachter, habe er sich mit Arabern getroffen, die gut in die Gesellschaft integriert waren, keine feste Arbeitsstelle hatten - aber dafür häufig deutsche Frauen. Beispiel: der aus Syrien stammende Mamoun Darkazanli, der Kontakte zu den Hamburger Terrorpiloten hatte.
Auch Salims Münchner Gastgeber Sadek Walid A. war seine deutsche Frau Regine Borrmann in vielerlei Hinsicht von Nutzen. Auf ihren unverdächtigen Namen lief die 1997 gegründete Import-Export-Firma Impex-Borrmann GmbH, die den Sudanesen nach Deutschland eingeladen hatte. Die Impex residierte in einer Sozialwohnung in München-Feldmoching, die das Ehepaar zugewiesen bekommen hatte.
Dort wunderten sich die Nachbarn, denn die junge Frau habe das Haus - wenn überhaupt - nur noch tief verschleiert und in Begleitung männlicher Muslime verlassen. Sie sei schwanger gewesen, als sie einzog, sagen die Mieter, Walid A. habe aber schon ein paar größere Kinder mitgebracht. In den folgenden Monaten habe A. ständig Besuch von Arabern empfangen, die Kinder seien dann zum Spielen nach draußen geschickt worden, "aber sie durften mit niemandem sprechen".
"Warum lassen Sie sich das gefallen, Sie sind doch Deutsche, Sie haben Rechte", empörte sich einmal die Nachbarin, als sie Regine Borrmann auf dem Flur traf. Da habe die unter ihrem Schleier nur müde mit den Schultern gezuckt.
Was immer in der Sozialwohnung vor sich ging, von Geschäftstätigkeiten der Impex war nichts zu sehen. Nach Salims Verhaftung wurde die Firma liquidiert. Regine Borrmann besorgte den Schriftwechsel mit der Staatsanwaltschaft und bat für A. um eine Besuchserlaubnis im Gefängnis. Kurz darauf verschwand die Familie aus dem Mietshaus. Sie hinterließ Wasserschäden in den Bädern der Nachbarn, weil massenhaft zerrissenes Papier, das offenbar in aller Eile in die Toilette gespült worden war, die Leitungen verstopfte.
In einer Mietskaserne im schwäbischen Giengen, die Regine Borrmann bei den Sozialbehörden als neue Adresse angab, ist das Ehepaar nie eingezogen. 1999 brachte Walid A. seine Frau nach Erkenntnissen des bayerischen Innenministeriums in den Sudan. Dort, so die Behörden in München, stehe sie nun wohl unter der Bewachung des Clans.
Bayerns Innenminister Günther Beckstein ist inzwischen sicher, dass die deutschen Ehefrauen der perfekten Tarnung der Extremisten dienen. "Wir glauben nicht, dass die Männer aus Liebe heiraten", sagt Beckstein. Die Frauen, so meint er gar, würden später in die Heimatländer der al-Qaida-Anhänger geschickt, "damit sie sich nicht mehr scheiden lassen können". Vor allem aber, so sein Ministerium, würden sie dort "ruhig gestellt". Ein ungeheuerlicher Verdacht, Belege dafür hat Beckstein freilich nicht.
Die Ermittlungsbehörden befürchten, dass viele westliche Ehefrauen islamischer Extremisten gegen ihren Willen in Afghanistan, im Sudan oder in Ägypten festgehalten werden. Vielleicht auch Ursula R. Die Münchnerin hatte dem Ägypter Deyaa B. das Jawort gegeben. In ihrem Haus in Freising hielt sich Mahmud Salim in den Nächten vor seiner Verhaftung auf.
Auch Ursula R. trug bald lange dunkle Roben und Kopftuch. Wovon die sechsköpfige Familie lebte, konnte in Freising niemand sagen. Ihr Mann verschwand kurz nach Salims Festnahme und hinterließ hohe Mietschulden. Die Gläubiger stießen schließlich auf eine Wohnung im Münchner Olympiadorf, die das Paar von einem afghanischen Geschäftsmann gemietet hatte.
Doch richtig eingezogen sind die beiden dort offenbar nie. "Da kommen", sagen die Nachbarn, "dauernd Fremde, keiner bleibt länger als ein paar Nächte." Die Münchner Behörden verfolgten die Spur von Ursula R. bis nach Ägypten, dem Heimatland ihres Ehemanns. Dass sie sich dort frei bewegen kann, glauben sie nicht.
Auch Verfassungsschützer schließen in den Verbindungen zwischen einer Deutschen und einem islamischen Extremisten romantische Gefühle weitgehend aus. Allein das mögliche Vorleben der westlich erzogenen Frauen, die fremden Männern die Hand reichen und im Sommer schon mal kurze Kleider tragen, könne ein fundamentalistischer Muslim normalerweise nicht akzeptieren.
Anfängliche Liberalität halte in den meisten Fällen auch nur so lange an, bis die Angetraute unter dem Schleier verschwunden und die deutsche Staatsbürgerschaft erworben sei. Nur wenige deutsche Frauen schaffen den Absprung aus dem dann folgenden ehelichen Belagerungszustand. Beate R. ist er gelungen.
1997 heiratete sie in Weimar den Marokkaner Hassan R. Eine Liebesbeziehung zwischen gleichberechtigten Partnern, so war es anfangs. Als Söhnchen Abdessamad, der "Diener des Herrn", geboren wurde, war Beate R. bereits aus freien Stücken zum Islam konvertiert. Sie trug ein Kopftuch, "und dann", sagt sie, "dachte er, ich sei kein vollwertiger Mensch mehr". Die Familie zog nach Hamburg, Hassan R. ging zum Beten in die al-Kuds-Moschee. Hier fand er radikale Freunde, darunter auch spätere Terroristen. Beate R. aber verlor ihre Freiheit.
Obwohl das Geld fehlte, musste sie ihre Arbeit als Krankenschwester aufgeben - weil sie im Job zu viel Kontakt mit Männern hatte. Sie musste kochen, beten, putzen und sich mit langen Gewändern bedecken, wenn sie auf die Straße ging. Schon ein paar Worte mit dem Bäcker oder Metzger zu wechseln war tabu. Die Einkäufe erledigte ihr Mann. Einzige Abwechslung bot eine islamische Frauengruppe, in der sie auch die deutsche Ehefrau von Mamoun Darkazanli traf.
Trotzdem gelang Beate vor einem Jahr die Trennung von Hassan R. In einem Internet-Chatroom hatte sie einen anderen Mann kennen gelernt.
Ihr früherer Ehemann hingegen blieb seinen extremistischen Freunden aus der Moschee treu - nach den Anschlägen in den USA wurde der Flughafenmitarbeiter deshalb sogar kurzzeitig verhaftet: Er hatte dem inzwischen weltweit gesuchten mutmaßlichen Terrorkomplizen Zakariya Essabar nach Ermittlungen des Bundeskriminalamts seine Anschrift als Deckadresse geliehen. DOMINIK CZIESCHE,
CONNY NEUMANN
Von Dominik Cziesche und Conny Neumann

DER SPIEGEL 46/2001
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