19.11.2001

KIRCHEGeistliche Green Card

Aus Mangel an Nachwuchs holen die katholischen Bischöfe immer mehr ausländische Priester ins Land. Vor allem Polen und Inder sind begehrt.
Seehausen ist ein kleiner Ort in Oberbayern, idyllisch gelegen, eingerahmt vom Staffelsee und den Alpen. Gut 2000 Seelen wohnen hier zwischen Blumenkästen, Kuhställen und Biergärten. An Fronleichnam ziehen hier Hunderte Katholiken in Booten über das Gewässer und stoßen Fürbitten gen Himmel aus, auf dass Gott das Land der Bayern schützen möge. Das ist seit Jahrhunderten Tradition.
Seit vier Jahren indes ist in Seehausen manches anders: Kein deutscher Pfarrer kümmert sich mehr um das Seelenheil der Leute wie die Jahrhunderte zuvor, sondern der Inder Varghese Kochuparampil, 56. Am Anfang gab es Berührungsängste der Gläubigen mit dem erkennbar nicht bayrisch aussehenden Geistlichen. "Doch jetzt sind wir froh, dass wir überhaupt noch einen Pfarrer haben", sagt Gemeindemitglied Jakob Fischer, 65.
Kochuparampil, der sich im Alpenland "sehr wohl fühlt", ist einer von rund 200 katholischen indischen Klerikern in Deutschland; die meisten von ihnen betreuen Pfarrgemeinden - denn die deutsche Kirche leidet unter dramatischem Priestermangel. Ließen sich 1986 noch 3627 junge Männer bundesweit zum katholischen Geistlichen ausbilden, so waren es im Jahr 2000 gerade noch 1304. Von denen springt vor der Ordination ein Großteil wieder ab: Vor elf Jahren wurden 366 Neupriester geweiht, im vergangenen Jahr nur 183. Für die nächsten Jahre erwartet die deutsche Bischofskonferenz im Schnitt nur noch 125 nachwachsende Kleriker. Schon heute müssen sich vielerorts mehrere Gemeinden einen geistlichen Hirten teilen.
Grund genug für die Bischöfe, eine innerkirchliche "Green Card" einzuführen. Anders als in Deutschland gibt es vor allem in Ländern der Dritten Welt Kleriker im Überfluss. Nahezu 1400 der insgesamt 12 571 aktiven Priester der Republik kommen bereits aus dem Ausland, die meisten aus Polen (rund 470) und Indien. Mehr als 50 Pastoren und Kapläne stammen aus Afrika, vor allem aus Nigeria. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart sind von den 812 Seelsorgern 160, also jeder fünfte, zugewandert, im Nachbarsprengel Augsburg sind es 150 von 766, darunter 57 Inder. Im Bayerischen scheint es den Indern besonders gut zu gefallen.
Von dem Deal profitieren nicht nur die an Personal klammen Deutschen. Die Diözesen bezahlen die geistlichen Leiharbeiter wie ihre heimischen Priester. Die ausländischen Kleriker überweisen meist einen Teil des Salärs an ihre arme Heimatkirche. In Deutschland müssen sie sich um eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis kümmern, was meist glatt geht - denn die Behörden zeigen sich in der Regel kulant.
Pater Paul Thenayan, 56, aus der südindischen Diözese Cochin betreut gemeinsam mit einem Landsmann seit einem Jahr die Pfarrei im bayerischen Weilheim. Sein Oberer habe ihn gefragt, "ob ich für die Diözese Augsburg arbeiten" könne, sagt der Ordensmann in gebrochenem Deutsch. Von dem Lohn könne er seine Kirche daheim unterstützen.
Die ersten drei Monate in Weilheim verdiente Pater Paul als Aushilfe monatlich rund 770 Mark. Jetzt kommt er auf 2500 Mark netto. Mit den Einheimischen hat Thenayan keine Probleme.
Nicht überall klappt das neue Miteinander. In Oberschwaben sorgte ein indischer Pfarrer bei einer Beerdigung für ziemlichen Ärger, da "der kaum Deutsch konnte" und "keine Ahnung davon hatte, wie eine deutsche Trauerrede in der Regel aussieht", so ein Teilnehmer. "Trost konnten wir nicht finden." Der Pfarrer habe "ständig um die passenden Worte gerungen". Peinlich sei das gewesen. Und alle waren froh, als der Sarg endlich in der Grube war.
Um solchen Pannen vorzubeugen, hat die Diözese Augsburg ein dreijähriges Ausbildungsprogramm aufgelegt. Im ersten Jahr lernen die fremden Kleriker Deutsch und machen sich nebenher mit bayerischen Schweinshaxen, Hirschgeweihen und Lederhosen vertraut. In den beiden Folgejahren bereiten sie sich auf die in Deutschland übliche zweite Prüfung für den Pfarrdienst vor.
Die Bischöfe gehen davon aus, dass sie auf unabsehbare Zeit auf die Zuwanderer angewiesen sind. "Das Durchschnittsalter der Priester liegt bei uns mittlerweile bei 59 Jahren", so der Sprecher des Bistums Münster, Karl Hagemann. Im Schnitt aller 27 deutschen Diözesen sind die Geistlichen zwischen 54 und 60.
Hoffnung auf Besserung ist nicht in Sicht. "Wer heute noch in einer Kirche arbeiten will, wird doch von seiner Umwelt so lange bearbeitet, bis er es lässt", klagt der in der Diözese München für den Nachwuchs zuständige Regens Franz Josef Bauer, 34. Was Bauer unterschlägt: Vor allem der Zölibat schreckt den Nachwuchs ab.
Zarten Trost spendet Rainer Birkenmaier, 55, vom Zentrum für Berufungspastoral in Freiburg, einer Arbeitsstelle der deutschen Bischofskonferenz, den Oberhirten. Die Tatsache, dass sich in diesem Jahr erstmals ein paar Priesterkandidaten mehr angemeldet haben, bejubelte der Theologe in einem Schreiben an die Bischöfe mit den Worten: "Das erste Grün erfreut das Herz, auch wenn man damit rechnen muss, dass der Winter noch nicht besiegt ist." KONSTANTIN KOROSIDES
Von Konstantin Korosides

DER SPIEGEL 47/2001
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