19.11.2001

SPEKTAKELCrashkurs für Zauberlehrlinge

Der erste „Harry Potter“-Film, der in dieser Woche in Deutschland anläuft, setzt nicht auf magische Verführungskraft, sondern auf die Überwältigung der Zuschauer. Den Erfolg des bombigen Actionkinos dürfte das kaum schmälern. Von Urs Jenny
Anfang November hielt es einer der großen britischen Pädagogen-Verbände, die Association of Teachers and Lecturers (ATL), für geboten, öffentlich vor den Gefahren einer neuen jugendlichen Begeisterung für Zauberwesen und Hexerei zu warnen.
Nanu? Hatte man nicht gedacht, zumindest in westeuropäischen Zivilisationen sei - vielleicht von kleinen Grufti-Klüngeln abgesehen - Dämonenbeschwörung oder Schamanen-Schabernack nur noch als Halloween-Partyscherz im Schwang?
Zur selben Zeit rief der Fußballverein Oxford United einen Exorzisten um Hilfe an: Eine Serie von 13 Heimniederlagen in Folge sei nicht durch normalmenschliches Versagen erklärbar, sondern nur durch Teufelswerk. Der Bischof von Oxford verstand es als seine höchstpersönliche Pflicht, unter Beistand von zwei Hilfsmedizinmännern den Bann von dem verfluchten Stadionrasen zu nehmen und ihn frisch mit geweihtem Wasser zu sprengen. Da sage niemand, an okkultistischen Exerzitien sei in unserer Welt kein Bedarf mehr.
Doch nun kommt es knüppeldick. Für jedermann in der westlichen Zivilisation, der bisher noch nicht wusste, dass überall unter uns inkognito Hexen und Zauberer leben, die uns Normalsterbliche untereinander abschätzig als "Muggels" bezeichnen, wird es höchste Zeit, Augen und Ohren weit aufzusperren. Bisher hat sich die neue Invasion des Zauberwesens, vor der die Bedenkenträger von der britischen ATL meinen warnen zu müssen, nur durch Bücher verbreitet, nun aber - vom Donnerstag dieser Woche 00.01 Uhr an - erobert sie auch unsere Kinos.
Der Film "Harry Potter und der Stein der Weisen", zu dessen Personal nur wenige, schrecklich spießige Muggels gehören, schildert das erste Schuljahr, das der elfjährige, früh als Erlöserfigur erkennbare Zauberlehrling Harry Potter in einem romantisch-bizarren Burg-Internat namens Hogwarts verbringt.
Der Film ergreift leidenschaftlich Partei für die Welt der Zauberer, doch er selbst ist kein Film, der den Zuschauer durch ein inneres Leuchten verführt und verzaubert und für sich einnimmt, er setzt vielmehr - etwa mit dem professionellen Zartgefühl eines Spielwarenverkäufers - auf Überwältigung durch die Zauber-Power von opulenten Special Effects, auf die mit spürbarem Stolz vorgezeigte Fülle und Pracht seiner Schauplätze, die (bei einem Produktionsetat von angeblich 150 Millionen Dollar) natürlich ihr schönes Geld wert sind, und er bietet (um auch den zuschauenden Erwachsenen keinesfalls zu wenig zu bieten) trickreiches, bombiges Action-Kino für Kinder.
Zur Voraussetzung sollte man wissen: Das Völkchen der Hexen und Zauberer, von dem hier die Rede ist, lebt allüberall über die weite Welt verstreut unerkannt und in aller Regel für uns Muggels unsichtbar, wenn nicht einer von ihnen zu Besuch in unsere Welt herüberwechselt.
Es geht keine Gefahr von ihnen aus, und wenn sie hier zu tun haben, machen sie nur selten und nur zum Scherz von ihren Zauberkräften Gebrauch. Sonst geriete die Welt ja tatsächlich aus den Fugen. Was hingegen den Zauber unserer technologischen Errungenschaften angeht, die durch Elektrizität funktionieren - also Glühbirne, Telefon, Fernsehen oder Computer -, so nimmt man in der Zauberwelt diese Dinge nur mit amüsiertem Staunen zur Kenntnis, ohne sie zu nutzen. Wozu auch, da man ja zaubern kann und sich für die eigenen Kommunikationsbedürfnisse mit Federkiel und Eulenpost hinreichend ausgerüstet findet. Allerdings haben die Zauberer einen geradezu kindlichen Spaß an Dampfloks, Motorrädern und Oldtimer-Autos. Ihre Kinder schicken die Zaubererfamilien auf eigene Internate, wo Zaubersprüche gebüffelt, Zaubertränke gebraut und das kunstgerechte Zauberstabschwingen geübt werden. Die älteste, ehrwürdigste dieser Institutionen ist das britische Hogwarts, wo sich Harry Potter durch kreativen Ungehorsam hervortut, ihr französisches Gegenstück heißt Beauxbatons und das deutsche Durmstrang.
Überall dort wird mit besonderer Leidenschaft der Turniersport Quidditch gepflegt, eine artistisch anspruchsvolle Verquickung von Baseball und Basketball, die man hoch in der Luft fliegend auf Hexenbesen ausübt: Die Quidditch-Weltmeisterschaften sind jeweils das größte, festlichste Gemeinschaftsereignis in dieser trauten Zauberwelt, von der man - Gott sei's geklagt - nicht verhehlen kann, dass sie sehr wohl sehr moralisch, aber durch und durch areligiös ist.
Was sich in jener Welt abspielt, ist also ohne Bezug, ohne Belang, ohne Folgen für unsere; gerade dies aber macht die Faszination aus, die sie auf so viele von uns Muggels allen Alters ausübt: Kaminfeuer und Kerzenlicht geben ihr etwas anheimelnd Altertümliches, eine freundlich verniedlichende Herzenswärme, eine unwiderstehliche Märchenhaftigkeit.
Kein Mensch hatte auf Harry Potter gewartet, als er uns erschien; kein Trendscout und kein Marketing-Guru hätte ihn voraussehen können, kein Zeitgeist hat ihn geboren. Das ist das Besondere an ihm. Märchen sind ihrem Wesen nach niemals Modeerscheinungen; sie sind an sich unmodern, das macht sie - wenn sie in sich stimmig und gut erzählt sind - so widerstandsfähig und nahezu unverwüstlich.
Die Märchenwelt mit dem Zauberlehrling Harry Potter als Helden und dem Internat Hogwarts als Mittelpunkt hat eine junge Möchtegern-Schriftstellerin namens Joanne K. Rowling vor elf oder zwölf Jahren auf einer nicht enden wollenden Eisenbahnfahrt von Manchester nach London zusammenzuphantasieren begonnen.
Sie selbst spricht von dieser Reise wie von einer Offenbarung, als wäre der kleine Held samt seiner Umgebung geradezu leibhaftig vor ihr erschienen und hätte von ihr Besitz ergriffen, und sie hat seither mit ebenso viel Fleiß wie Sendungsbewusstsein ihre Kraft daran gesetzt, dieses Potter-Universum minutiös auszuphantasieren.
Dass für ihren Erziehungsroman sieben Bände nötig sein würden, den sieben Schuljahren auf Hogwarts entsprechend, scheint für Joanne K. Rowling (die selber nie eine Internatsschule besucht hat) schon am Ende jener schicksalhaften Bahnfahrt festgestanden zu haben.
Band fünf ("Harry Potter and the Order of the Phoenix") soll im Sommer 2002 erscheinen, und vom noch längst nicht absehbaren Schlussteil (der Harrys Alter entsprechend kein Kinderbuch mehr sein wird) sagt die Autorin nur, halb im Scherz, er könnte sich zum Umfang der "Encyclopaedia Britannica" auswachsen, oder hoffentlich doch nur eines Bandes davon.
Aber längst ist ihr diese mit einer bezaubernd lebhaften, unangestrengten Anschaulichkeit betriebene Schreibunternehmung, hinter der sie, eine scheue Person, eher hatte in Deckung bleiben wollen, auf eine ganz andere, gigantische Weise über den Kopf gewachsen. Das lässt sich kaum noch in Zahlen oder Erfolgskurven darstellen: 2000 Pfund Vorschuss hatte Rowling 1997 für den ersten Band von ihrem englischen Verlag erhalten, für die amerikanischen Rechte bekam sie nur ein Vierteljahr später schon die Rekordsumme von 105 000 Dollar, und 1998 für die Filmrechte 500 000 Dollar (plus Gewinnbeteiligung).
Inzwischen hat diese Preisspirale ihren Höhepunkt mit den 150 Millionen Dollar vom Coca-Cola-Konzern für Werbung mit dem Namen "Harry Potter" erreicht, wobei aber ausdrücklich Harry Potter selbst nicht als Coca-Cola-Trinker gezeigt werden darf. "Harry Potter" ist nun eine auch beim deutschen Patentamt unter der Nummer 30012566 geschützte Marke, deren Namen man nicht missbräuchlich im Mund führen darf, und 110 oder 120 Millionen verkaufter Bücher sprechen dafür, dass Harry Potter in den vier kurzen Jahren seit seinem Debüt auf der Weltberühmtheits-Rangliste von Kunstfiguren den zweiten Rang hinter Mickey Mouse erklommen hat. Niemand wird Joanne K. Rowling widersprechen, wenn sie gesteht, sie sei in ihrem natürlichen Wunsch nach Ruhm und Erfolg doch "ein mächtiges Stück über das Ziel hinausgeschossen".
Aber musste das überhaupt sein, dass Harry Potters Geschichte nun auch noch verfilmt wird? So haben viele der treuen Fans gefragt, die den Harry-Potter-Kult auf etwa 75000 Websites im Internet pflegten und ihren Liebling als ihr Herzenseigentum vor dem Zugriff eines Entertainmentmolochs in Schutz nehmen wollten.
Es hätte natürlich nicht sein müssen. Aber welchem Schriftsteller hätte - ganz unabhängig von kleineren oder größeren Honoraren - die Vorstellung nicht geschmeichelt, sein Werk gewissermaßen in Überlebensgröße auf einer Kinoleinwand gefeiert zu sehen? Joanne K. Rowling nimmt die Verantwortung für ihren Helden geradezu rührend ernst und meint, ihren Fans über alles Rechenschaft schuldig zu sein, was ihre Street Credibility tangiert. Mit Blick auf Kino, so ließ sie ihre weltweite Gemeinde wissen, habe sie der Firma Warner Bros. ihr Vertrauen geschenkt, weil sie deren Kinderklassiker-Verfilmungen wie "The Secret Garden" oder "The Little Princess" mochte.
Wie hätte sie ahnen können, dass bei "Harry Potter" Chris Columbus Regie führen würde, der Mann, der mit "Kevin - Allein zu Haus" und "Mrs. Doubtfire" seine dicksten Erfolge gehabt hat? Und woher hätte sie wissen müssen, dass heutzutage ein Film niemals nur ein Film ist, und dieser am allerwenigsten, vielmehr der Werbefilm für jene Offensive, die "Merchandising" oder "Franchising" heißt: die riesige Wundertüte zur Verwertung der Marke auf jedem nur denkbaren nützlichen oder unnützen Schnickschnack, der sich konsumwilligen Kindern andrehen lässt?
Warner Bros. ist nun Teil des Multimedia-Giganten "AOL Time Warner", und der will seine geballte Werbemacht dafür einsetzen, dass "Harry Potter" nicht nur an der Kinokasse "Titanic" den Rang abläuft, sondern auch im Spielwarenhandel die Umsätze von "Star Wars" überbietet. Das bedeutet mehr als eine Milliarde Dollar. Aber das wenigstens kann man, wenn man im Kino sitzt, einfach vergessen.
Eine Bestseller-Verfilmung ist, da sie ja schlicht die weitere Ausbeutung eines schon erreichten Erfolgs bezweckt, von Natur aus nur der (mehr oder weniger redliche) Abklatsch eines Originals. Doch die Reklame und die Stimulierung der Zuschauerneugier in den Medien stellt diese Abhängigkeit gern auf den Kopf: Was als Roman bloß Rohstoff gewesen sei, bloß bedrucktes Papier, gewinne - so suggeriert diese Werbung - erst durch den Film wirkliches Leben und vollgültige Realität.
Dieser Suggestion scheint Joanne K. Rowling selbst zugearbeitet zu haben, denn die Filmemacher betonen, dass sie bei der Auswahl der Darsteller wie bei der Gestaltung der Schauplätze Rowlings Anregungen folgten und sich bis zur Selbstverleugnung dem Urwunsch jedes Autors beugten: dass möglichst wenig verändert und noch weniger weggelassen werde.
Alles in allem hat genau die Erfüllung dieses Wunschs zu einem mit Details übervoll gestopften, die Aufnahmefähigkeit eines Kindes weit überfordernden Zweieinhalbstundenfilm geführt, der die im Roman mit geduldiger Liebe und Witz ausgemalten Ereignisse eines ganzen Schuljahres im Tempo einer Achterbahnfahrt absolviert, doch eben deshalb manche Episode nur im Vorbeisausen abhaken kann.
Das unzertrennliche Freundestrio, das Harry Potter (Daniel Radcliffe) mit seinen Klassenkameraden Hermine und Ron (Emma Watson und Rupert Grint) bildet, ist durch die langen, düsteren Korridore von Hogwarts kaum je schlendernd, fast immer jagend und keuchend und rennend unterwegs: Die umwegreiche Romanhandlung wird zum Hindernislauf.
Nichts scheint zu fehlen: Ein aus dem Ei schlüpfender kleiner Drache, ein Einhorn, ein Zentaur, ein keulenschwingender Riesentroll - sie alle treten irgendwann kurz auf, wie zum Beweis, dass man an keiner Nebenhandlung gespart habe, doch zu kurz, um bei Harry, seinen Freunden und seinen Zuschauern eine Gefühlsspur zu hinterlassen. Und die feinsinnige Erklärung, die Harry zu seinem Zauberstab bekommt, wird dem Zuschauer erst hilfreich sein, wenn etwa im Jahr 2006 oder 2007 in der Verfilmung des vierten Bands das Pendant zu diesem Zauberstab gegen Harry in Aktion tritt. So schwelgt der Film wohl in der goldgeränderten Pracht seiner Bilder, stolpert jedoch immer mal wieder über den Anspruch, mehr dem Roman als sich selbst Genüge zu tun.
Man soll nicht ungerecht sein und sich also nicht beklagen, man habe zu viel Kino für Geld gekriegt. Wem aber bisher dieses ganze sagenhafte Gewese um Harry Potter fremd geblieben ist, dem wird durch diesen Film kein Licht aufgehen: Er wartet mit einem Feuerwerk von Special Effects auf, doch er hat kein Geheimnis, keine Magie aus sich selbst.
Der Überschwang hat auch Vorteile, besonders für die Macher selbst: Die Kinder sind danach so überwältigt, dass sie den Film unbedingt noch mal sehen wollen. Und wer sich trotz allem Sorgen macht wegen aktueller dämonologischer oder satanistischer Umtriebe, kann beruhigt zur Kenntnis nehmen: Der Fußballclub Oxford United hat im ersten Spiel nach dem Exorzismus ein Unentschieden erzielt.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 47/2001
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