19.12.1951

JOURNALISTENHolt den Kerl ab

In einer Redaktionskonferenz der "Bremer Nachrichten" am 3. Dezember (der Bombenanschlag auf den Chefredakteur des Blattes, Dr. Wolfard, war vier Tage vorher) machte der Filmkritiker der "Bremer Nachrichten", Egon Vacek, 24. einen Vorschlag, nach dem sich auch der Redaktionsstab mit der Fahndung nach dem Bomben-Attentäter beschäftigen sollte ("Wir waren ja persönlich getroffen").
Vacek, der einige Monate studienhalber in den USA war, hatte einen amerikanischen Film in Erinnerung, in dem das Bild des unbekannten Täters auf eine besondere Weise rekonstruiert wurde. Und zwar wurden mit einem Projektionsapparat verschiedene Profile eines Kopfes auf eine Leinwand geworfen und dann jeweils Lippen, Augen usw. verschiedener Form in das Profil eingeschoben. Die anwesenden Zeugen gaben solange Korrekturen, bis ein annähernd genaues Bild des Täters auf der Leinwand stand. Dieses Verfahren wird in Amerika bei Aufklärung von Verbrechen häufig angewandt. Die deutsche Kriminalpolizei hält nichts davon.
Da dem Redaktionsstab kein Projektionsapparat zur Verfügung stand, versuchte man, sich auf andere Weise zu helfen.
Der Fahndungsstab der "Bremer Nachrichten" bestand aus dem Lokalredakteur John Asendorf und den Reportern Walfried Rospeck und Gerd Mesecke. Die Hauptperson aber war der Karikaturist der "Bremer Nachrichten" Franz Richter-Johnsen, Gulbransson-Schüler und um die 40 Jahre alt. Asendorf und Richter-Johnsen waren insofern kriminalistisch vorgebildet, als Asendorf einmal eine Kriminalserie mit dem Titel "Kriminalfälle, die Bremen erregten" in den "Bremer Nachrichten" veröffentlichte und Richter-Johnsen für den Kriminalhefte - Verlag Dölle Titelzeichnungen anfertigte. Der Redaktionsstab nannte sich "Sonderkommission A (Asendorf)".
Um den Täter herauszufinden, fuhren die Journalisten am 4. Dezember nach Verden/Aller. Sie hatten eine fotografische Vergrößerung im Format 150X90 Zentimeter bei sich, die der Fotoreporter der "Bremer Nachrichten", Leonhard Kull, sofort nach der Explosion gemacht hatte. Es war eine Aufnahme der Zuschauermenge vor dem Zeitungshaus. Kull hatte außerdem sofort nach der Explosion alle Leute auf der Straße fotografiert, die er gerade greifen konnte.
In Verden an der Aller, wohin die Bremer Journalisten nun mit ihrem Großfoto fuhren, hatte der dortige "Bremer Nachrichten"-Korrespondent Heinz Griesbach*) einen Mann ausfindig gemacht, der den Täter am Postschalter gesehen hatte, als er gerade das Sprengstoffpaket an Wolfard nach Bremen aufgab. Der Mann hieß Schlasius, war Ostpreuße, Laufbote in einer Elektrogroßhandlung in Verden.
Dieser Schlasius hatte in der Schlange vor dem Postschalter gestanden, in der auch der Täter stand. Der Täter war ihm dadurch aufgefallen, daß der Postbeamte Schäfer, der am Schalter Dienst tat, zu von Halacz sagte: "Der Schnellzug nach Bremen ist zwar gerade weg, aber warum wollen Sie das Paket als Schnellpaket aufgeben, nach Bremen ist es doch nicht weit." Da das Paket mit verschiedenen Zetteln beklebt war, wie: "Wissenschaftliche Forschungsergebnisse", "Hier öffnen" und "Streng geheim", hatte der Postbeamte Schäfer gefragt: "Was ist da drin?" Von Halacz gab keine Antwort.
Dem Schlasius wurden nun eine Anzahl Profil-Fotos vorgelegt, von denen etwa 100 Stück aus dem Archiv der "Bremer Nachrichten" mitgebracht waren. Schlasius sah sich das an, fand aber, daß keines der Fotos dem Täter ähnlich sehe. Schließlich sagte er aber: "Er sah aus wie der Bauer Asendorf in Rieda an der Weser."
Die Journalisten fuhren gleich zu diesem Bauern hin, der sofort bereit war, durch den Zeichner Richter-Johnsen ein Porträt von sich machen zu lassen. Richter-Johnsen machte das mit Kohle. Da der Bauer Asendorf aber etwa zehn Jahre älter war als der mutmaßliche Täter, ließ Richter-Johnsen von vornherein gleich eine Anzahl Runzeln weg und machte das Porträt dadurch jünger.
Schlasius hatte im wesentlichen den Täter folgendermaßen charakterisiert: Ein bäuerliches Gesicht, aber doch wieder
mehr das Gesicht eines Bauern, der häufig in der Stadt zu tun hat - ein pfiffiger Bauer.
Mit dem von Asendorf abgenommenen Porträt fuhren die vier wieder zu Schlasius und legten ihm das Porträt vor. Schlasius gab nun Korrekturen an: "Der Hut sitzt zu tief, die Nase war ganz gerade, der Mund war zusammengepreßt." Richter-Johnsen wischte mit den Fingern stellenweise die Kohle aus und veränderte das Porträt. Schließlich sagte Schlasius, der noch nicht zufrieden war: "Gehen Sie doch noch mal zu dem Asendorf nach Rieda und schauen Sie sich den ganz genau an. Er sieht dem Mann, den ich meine, wirklich sehr ähnlich."
Richter-Johnsen verbesserte daraufhin nochmals sein Porträt und kam wieder zu Schlasius zurück der jetzt sagte: "So kommt das schon eher hin."
Dann wurde die Zeugin Emigholz aufgesucht, die gleichfalls von dem Korrespondenten Griesbach ausfindig gemacht worden war. Die Emigholz, ein 22jähriges Mädchen, Verkäuferin im Lederwarengeschäft Winter in Verden, hatte gleichfalls in der Schlange gestanden. Sie hatte sich von Halacz, weil sie ihn nett fand, genau angesehen und konnte sich sehr gut an sein Aussehen erinnern. Als das Mädchen die Zeichnung sah, sagte sie: "Ja, das könnte er sein."
Als drittes wurde die Zeichnung dann dem Postbeamten Schäfer vorgelegt, der einige Korrekturen vorschlug. Er hatte
allerdings den Täter nur von vorne gesehen.
Mit dem fertigen Bild fuhren die Journalisten dann nach Bremen, wo von Halacz gleichfalls Pakete aufgegeben hatte. Hier hatte ihn der Postbeamte Schwarz beobachtet. Schwarz wurde in einen Raum geführt, und hier wurde ihm überraschend die Zeichnung vorgelegt. Er sagte sofort: "Ja, das ist er." Dann verbesserte er sich: "Das heißt, so könnte er ausgesehen haben."
Am nächsten Tag, dem 5. 12., wollten die "Bremer Nachrichten" die Zeichnung auf der Titelseite veröffentlichen, um damit der Fahndung nachzuhelfen. Aber die Kripo bat, das nicht zu tun.
Am selben Tag war nämlich die Beerdigung von Dr. Wolfard, und die Kriminalbeamten waren, sagen die Zeitungsleute, des Glaubens, daß der Täter wahrscheinlich bei der Beerdigung seines Opfers anwesend sein werde. Sie wollten ihn davon nicht abhalten und dann verhaften.
Die Zeichnung wurde so erst am Donnerstag, dem 6. 12., auf der Vorderseite der "Bremer Nachrichten" veröffentlicht, zusammen mit dem Steckbrief der Kriminalpolizei. Mit auf Grund dieser doppelten Beschreibung des Täters rief dann Erich Prüßner, der Chefredakteur der "Harke" in Nienburg, die Kriminalpolizei an, wies auf von Halacz hin, den er seit längerem kannte und sagte: "Es kann nur der gewesen sein. Holt den Kerl ab."
*) Journalist Heinz Griesbach ist mit der Postbeamtin Babette Stephan vom Telegrafenamt Verden befreundet. Sie hatte abgehört, wie der Sonderkommission "S" in Bremen verdächtige Namen durchtelefoniert wurden. Griesbach erfuhr diese Namen Sonntagfrüh von Freundin Babette und gab sie einem anderen Kollegen, Hans Happertz, weiter. Als Happertz nicht in das Verdener Polizeihaus hineingelassen wurde, schrieb er einen Zettel an einen befreundeten Kriminalsekretär: "Wie steht''s? Was machen folgende Leute?" Und dann kamen die abgehörten Namen. Happertz wurde sofort hereingeholt und sollte sagen, wo er die Namen herhatte. Er sagte es nicht. Da nur noch der andere Verdener Reporter, nämlich Griesbach in Frage kam, wurde er geholt. Er gestand, Freundin Babette bekam zwei Monate Gefängnis.

DER SPIEGEL 51/1951
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