05.12.1951

SPORTPALASTLeidenschaft bedenklich

Es ist das Mysterium des Berliner Sportpalastes, daß er sich auch in seinen besten Zeiten von Pleite zu Pleite schleppt. Dieses Mal aber dauerte es ab Eröffnung nur 27 Tage, bis sein Wiedererbauer Heinz Henschel, Bankier und internationaler Eishockeyspieler, vor seinen aufgescheuchten Kunden die Bankschalter schließen mußte.
Als der Sportwart des Deutschen Eishockey-Verbandes, Heinz Henschel, in seinem schwarzen Hudson vom Eishockey-Länderspiel Deutschland - Schweden in Krefeld nach Berlin zurückkehrte, brachte ihn schon der Morgen-"Telegraf" um seine Laune. "Da muß jemand dran jeklimpert haben!"
Auf der ersten Seite des "Telegraf" vom 23. November war nämlich zu lesen, was bislang sein Bankgeheimnis war: "Sportpalast-Henschel in Nöten." Die Henschel-Bank in Steglitz sei illiquide geworden.
"Telegraf"-Handelsredakteur Dr. Saarow hatte diese Meldung, die von unklaren Konfidenten stammte, zunächst abgelehnt. Erst als ihm gesagt wurde, sie sei auch schon anderen Journalisten bekannt, zierte sich Dr. Saarow schon aus Konkurrenzgründen nicht mehr lange.
Da erst platzte die Henschel-Bank wirklich. Und mit ihr der Berliner Sportpalast. Für ein noch mögliches Bankenarrangement war es zu spät. Wie sonst zur Erhaltung des allgemeinen Banken-Renommees branchenüblich, hätten Berlins Banken auch das Bankhaus Henschel gestützt, als es durch die plötzliche Kündigung eines 280 000-DM-Kontos insolvent wurde.
"Das scheint Sportpalast-Tradition zu sein, daß auch ich jetzt sage: gebt mir fünf Jahre Zeit", meint Sportpalast-Henschel. Bis 1956 muß er die in den Sportpalast hineingesteckte halbe Million herausgewirtschaftet haben. Oder die Gläubiger bekommen keinen Pfennig.
Denn Henschels fünfjähriger Pachtvertrag mit dem Eigentümer des Sportpalastes, der Eidgenössischen Versicherungs-AG, sieht ausdrücklich vor, alles, was die Berliner Sportpalast-GmbH. in das ausgeglühte Skelett hineingebaut hat, wird nach abgelaufener Vertragsfrist Eigentum des Schweizer Hausherrn.
Die kopfschüttelnden Altbankiers konnten nicht verstehen, daß des Berliner Nachkriegsbankiers Henschel Liebe zum Sport ihn zu der Ehe mit dem Sportpalast verleitete. Denn der provisorische Wiederaufbau des Sportpalastes kostete die Henschel-Bank, einige interessierte Baufirmen, den Stadtsportverband und seinen Schatzmeister Heinz Henschel 480 000 DM.
Doch nur ein Mitglied der Bankenkommission hatte seinerzeit warnend den Finger erhoben: "Ich weiß nicht, diese Sportleidenschaft ist mir bedenklich."
Der energische junge Heinz Henschel gab sich so, wie sich ein erfahrener Bankdirektor, der auf Ruf und Würde zu achten hat, niemals geben würde. So hemdsärmelig, wie er seine Besucher hinter dem mächtigen Schreibtisch empfängt, so hemdsärmelig benimmt er sich auch privat. Im Innern ist er trotz seiner kaufmännischen Karriere noch der simple Sportler, der sich am wohlsten fühlt, wenn er übers Wochenende über den Wannsee segelt oder in der Greifi-Bar das Team des Berliner Schlittschuhclubs freihält.
Ueber derartige Sitten schütteln seine Bankierkollegen mißbilligend die Köpfe.
Henschel - "ick habe mir überzeugt, det ick der jüngste Bankier der Welt bin" - sah großzügig darüber hinweg.
Er tat etwas, was kein Bankier fertiggebracht hätte: Als im Rahmen der Berliner Festspielwochen 1951 die besten Tennisspieler der Welt, Pancho Segura, Dick Gonzales, Carl Earn und Bobby Riggs, bei Rot-Weiß in Berlin spielen sollten, aber der aus einem amerikanischen Fonds versprochene Betrag für den Flug New York-Berlin noch in den Instanzen schmorte, schoß Henschel nach einem Fünfminuten-Gespräch dem Veranstalter 15 000 DM zinslos vor, um das Zustandekommen der Tennis-Sensation nicht zu gefährden.
Vor dem Sportpalast-Engagement konnte er sich derartige Soforthilfen leisten. Noch im Mai 1951 galt seine kleine Bank als die gesündeste Berlins.
Das mag Henschel verführt haben, das Sportpalast-Projekt zu unterschätzen. Zumal er sich auf eine juristisch nicht gesicherte Zusage eines Schweizers verließ. Der hatte ihm mündlich einen Viertelmillion-Sperrmark-Kredit versprochen. Als es sich der Schweizer dann doch anders überlegte, konnte Henschel nicht mehr zurück. Ohne die Sperrmark-Zusicherung wäre selbst Henschel vor dem verwegenen Sportpalast-Unternehmen zurückgeschreckt.
Der Moloch-Sportpalast schluckte schon, ehe er 1910 erbaut wurde, 2,7 Millionen Goldmark und spuckte sie nie wieder aus. Mit der Eisrevue "Am Nordpol" froren die Einlagen des Gründers Jaques Rostin ein, und nur ein Glücksfall verhinderte die erste Sportpalastpleite schon nach einem Jahr:
Die Kirchenbehörden protestierten nämlich erfolgreich dagegen, daß in der Nähe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, in den Zoo-Sälen, die gottlosen Sechstagerennen gefahren wurden. Der Sportpalast erhielt die Chance, sich mit Radrennen zu sanieren.
Dennoch war die Finanzlage trostlos, und 1914 meldete Rostin seinen Konkurs an. Und die Eidgenössische Versicherungs-A.-G. baute ihre auf Kredit gelieferte Kunsteisanlage eiligst wieder aus.
Als der erste Weltkrieg und mit ihm die Verwendung des Sportpalastes als Waffenarsenal zu Ende war, setzten die Sportpalast-Gläubiger auf den Sensationssport Boxen. Der war im Kaiserreich verboten gewesen. Jetzt aber kamen die Glanzzeiten eines Hans Breitensträter, Sabri Mahir, Kurt Prenzel und Max Schmeling.
Der Sportpalast indes blieb ein Zuschuß-Unternehmen, von hohen Hypotheken unterhöhlt. Doch in der Papierflut der Inflationsjahre ertrank auch die invalide Sportpalast-GmbH.
Ehe die Gerichtsvollzieher ihn versteigern konnten, gelang es 1924 den Großkaufleuten William Karfiol und Otto Karpowitz, mit einer neuen Sportpalast-A.-G. noch einmal Geld hineinzubuttern. Der Sportpalast wurde renoviert und bekam eine neue Kunsteisanlage. Zwei Jahre später verschied auch die Sportpalast-A.-G.
Es entstand eine "Gesellschaft für sportliche Veranstaltungen". Hinter ihr stand der all-round-Finanzier Jakob Schapiro.
Mit Revuen hatte auch Schapiro kein Glück. Doch die Kunsteisanlage rentierte sich, als sich der Berliner Schlittschuhclub einschaltete. Er kreierte im Sportpalast das in Deutschland bis dahin unbekannte Eishockey.
Kein Tag verging, an dem im Sportpalast nicht irgendetwas los war: Radrennen, Boxen, Eissport, Tagungen, Bälle. 1930 war der Sportpalast so berühmt wie das Pariser "Palais des Sports" und der New Yorker "Madison Square Garden".
Erst als die Wirtschaftskrise die vergnügungssüchtigen Berliner packte, ging es wieder abwärts. Die Rettung: politische Versammlungen. Schapiro, der den Nazis ebenso bereitwillig seinen Sportpalast zur Verfügung stellte wie den Kommunisten, bekam von der damals noch armen NSDAP nie die Miete für Parteikundgebungen. Sie wurden auch später nicht bezahlt, vielmehr wurde der Jude Schapiro ins KZ gesteckt.
Langsam konnte die Eidgenössische Versicherungs-AG alle Aktien an sich ziehen, als von Tschammer und Osten nach 1933 Sechstagerennen verbot.
Bald nach der totalen Kriegsverkündigung Josef Goebbels' im Sportpalast wurde dann Berlins Kunsteisbahn selbst eine totale Kriegstrümmerstätte, in der sich nun Heinz Henschel das Genick brach.
Er hat bisher dem Sportpalast geopfert
* einen 326 000 DM-Kredit der Henschel-Bank und
* 180 000 DM weitere Verpflichtungen, die durch noch nicht bezahlte Baurechnungen entstanden sind und für die die Bank nun gradestehen muß.
Jetzt aber ist das Bett für die Eidgenössische Versicherungs-AG., die nach fünf Jahren den Sportpalast wieder übernehmen wird, schon gemacht. Nachdem Henschel ihr den Gefallen getan hat, die Ruine wieder aufzumöbeln, muß sie im modernen Berlin bares Geld bringen, wenn die Schuldenlast, die Henschels Privatsache bleibt, nicht mehr drückt. Henschel hofft immer noch, in den verbleibenden fünf Jahren sogar die Schulden aus Ueberschüssen zu decken. Die Bankkonzession aber will man ihm entziehen. Er habe den Kredit an die Sportpalast-GmbH, der über den nicht meldepflichtigen Betrag von 10 Prozent der Einlagen seiner Bank weit hinausging, erst am 7. November angegeben. Das war einen Monat später, als es die Bestimmungen verlangten.
"Die Stadt will ja nur den Sportpalast haben", meint Heinz Henschel dazu. Denn es existiert ein Schreiben der Henschel-Bank, in dem er 326 000 DM Kredit an die Sportpalast-GmbH ordnungsgemäß angemeldet hat. Das Schreiben ist vom 27. September datiert.

DER SPIEGEL 49/1951
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