10.12.2001

AFGHANISTAN„Der Weg zur Erlösung“

Überraschend amnestiert Kabuls Übergangspremier Hamid Karzai nach dem Fall Kandahars die meisten Taliban. Nun fürchten die Amerikaner, ihre Erzfeinde Osama Bin Laden und Mullah Omar könnten entfliehen. Unter den Siegern kommt es zu Machtkämpfen.
Es war der Moment, auf den alle gewartet hatten: Kandahar, die letzte Taliban-Hochburg, war gefallen. Binnen zwei Tagen sollten Tausende eingeschlossene Gotteskrieger paschtunischen Stammesbrüdern ihre Waffen aushändigen.
Nach wochenlangem US-Bombardement, bei dem die Metropole im Südosten Afghanistans in eine Trümmerlandschaft verwandelt wurde, erfolgte die Kapitulation ohne das befürchtete Blutvergießen. Gemäß der Paschtunen-Tradition wurde ein Kompromiss ausgehandelt: Kabuls designierter Regierungschef Hamid Karzai und andere lokale Stammesführer sicherten den geschlagenen Koranschülern freien Abzug in ihre Heimatdörfer zu.
Selbst Mullah Omar, geistlicher Führer der Taliban und nach Terrorchef Osama Bin Laden Amerikas Staatsfeind Nummer zwei, könnte dabei ungestraft davonkommen, wenn er, so Karzai, "öffentlich dem Terror abschwört". Noch Tage zuvor hatte der Schwiegersohn Bin Ladens seine Anhänger zum "Kampf um jeden Meter bis zum letzten Blutstropfen" ermahnt. Der Einsatz für den Islam sei die beste Gelegenheit, "zum Märtyrer zu werden". Doch nun entschied sich der Gotteskrieger selbst nicht für den Märtyrertod, sondern für das Untertauchen.
Zieht nun nach 23 Jahren Krieg endlich Frieden herauf über dem geschundenen Land am Hindukusch?
Der erste Anschein war wenig ermutigend: Chaos in Kandahar und den beiden angrenzenden Provinzen, aus denen sich die Taliban am Freitag fluchtartig davonmachten. Mordend und plündernd zogen Bewaffnete durch die verwüsteten Ortschaften. Wer den Bomben entkommen war, musste nun um sein Leben fürchten.
Doch es gibt auch Zeichen der Hoffnung: Nach neun Bombenwochen räumen die Taliban kampflos ihre letzte Bastion. Auf dem Petersberg bei Bonn einigten sich bislang verfeindete Fraktionen auf eine Übergangsregierung, die das Land mit internationaler Milliarden-Hilfe in eine bessere Zukunft führen soll. Zudem deutete alles darauf hin, dass auch der Kampf gegen die al-Qaida-Kader, die sich in der Bergfestung Tora Bora verschanzt hatten, dem Ende zutreibt.
Im fernen Washington jedoch hielt sich die Erleichterung über den jähen Wandel der Lage in Grenzen. Für den Endkampf im Kernland der Taliban hatte das Pentagon 120 Kilometer südwestlich der 200 000-Seelen-Stadt eigens ein Wüstenflugfeld zum Stützpunkt "Camp Rhino" ausbauen lassen. 1300 schwer bewaffnete Marineinfanteristen waren dort in Stellung gegangen - so wichtig war Washington die Ergreifung jener Taliban-Führer, die sich in Kandahar mit ihren Truppen eingenistet hatten.
Mit sichtbarer Skepsis kommentierte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die neue Entwicklung: Amerikas Arbeit sei alles andere als getan. Weiterhin befänden sich viele Drahtzieher der Taliban und des Terrornetzwerks al-Qaida auf freiem Fuß. "Wir müssen daher noch einen weiten Weg gehen", warnte der Pentagon-Chef Nation und Welt vor voreiligen Friedenshoffnungen.
Fast verstört wirkte Rumsfeld, als er das angeblich vereinbarte freie Geleit für Mullah Omar und dessen Kommandeure kritisierte: Omar verdiene nun wirklich keine Freiheitsmedaille, diese Übelmänner müssten für ihre Taten büßen: "Und wenn diesem Ziel irgendetwas in den Weg gestellt wird, wäre das außerordentlich unglücklich." Letztlich sei es Washington sogar egal, in welchem Land die Terror-Verdächtigen ihre Richter finden, solange sie nur nicht straflos ausgehen. "Dann wären wir um unseren Lohn betrogen", meinte ein frustrierter Pentagon-Sprecher.
Washingtons Paschtunen-Schützling Karzai, gerade erst zum Chef einer Interimsregierung ernannt, ließ diese Kritik zunächst kalt: So sei es nun mal Brauch in Afghanistan. Damit müsse man sich abfinden, auch im Ausland und sogar in Amerika. Doch 24 Stunden später beugte Karzai sich amerikanischem Druck: Ausländische Kombattanten müssten bestraft werden, hieß es nun.
In Washington hielt das Unbehagen an: Nach zwei Monaten Krieg, der die USA monatlich fast eine Milliarde Dollar und mehr Opfer als der gesamte Jugoslawien-Konflikt um Kosovo vor zwei Jahren kostete, könnte Washington sein wichtigstes Einsatzziel verfehlen - nicht nur Ober-Taliban Omar droht sich dem amerikanischen Strafanspruch zu entziehen. Auch Staatsfeind Nummer eins, Osama Bin Laden, blieb neun Wochen nach Kriegsbeginn noch immer auf freiem Fuß.
Zwar bombardierten US-Kampfflugzeuge unablässig die Bergfeste Tora Bora 60 Kilometer südwestlich von Jalalabad (siehe Seite 166). Aber nach der kampflosen Einigung im Süden schien plötzlich zweifelhaft, ob die Paschtunenstämme, die Washington gewinnen konnte für den Kampf gegen bis zu 2000 ausländische al-Qaida-Aktivisten, wirklich bereit sein würden für den mörderischen Nahkampf in Tunnel- und Höhlensystemen.
Offen protestierten die Paschtunen gegen die wachsende Zahl ziviler Opfer, die amerikanische Luftangriffe in befreiten Gebieten forderten. So anti-westlich aufgeladen war die Stimmung in und um Jalalabad, dass die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" eilends ihre nichtafghanischen Mitarbeiter abzog, weil deren Sicherheit nicht mehr garantiert war.
Mitte der Woche wurde sogar der frisch berufene Kompromisskandidat Karzai um ein Haar Opfer eines Fehlwurfs. Mit Schnittwunden entkam er knapp einer amerikanischen 900-Kilogramm-Bombe, die nur 100 Meter von der Stellung entfernt einschlug, in der Karzai mit seinen Truppen und US-Beratern den Kampf um Kandahar beobachtete.
Drei GIs und fünf Karzai-Kämpfer starben: 20 Amerikaner und noch weit mehr Afghanen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Ein solcher Fehler werde nicht hingenommen, die Ursache umgehend geklärt, versprach Wehrchef Rumsfeld. Als wenige Tage zuvor 150 paschtunische Dörfler der Tora-Bora-Region im Bombenhagel starben, hieß es in Washington nur: So sei der Krieg nun mal, er fordere leider auch unschuldige Opfer. Auch das wurde unter Paschtunen mit Unmut registriert.
Versöhnliche Töne schlug Karzai gegenüber Pakistan an, dem einstigen Paten der Taliban. Die pakistanischen Söldner von Bin Laden und Omar müssten nicht unbedingt Verfolgung befürchten, sie dürften unbehelligt über die Grenze ziehen. Pakistan sei stets ein zuverlässiger Freund Afghanistans gewesen, dem man dankbarst verpflichtet sei. Unklar blieb, ob diese Großmut auch Ende der Woche noch galt.
Selbst wenn Amerikas Verbündete am Freitag ihren beschleunigten Vormarsch auf Tora Bora siegreich beendeten: Die Rückkehr praktisch aller Taliban in ihre Heimatdörfer hat die Chancen der al-Qaida-Kämpfer, irgendwo unterzutauchen bei Stämmen, die vielleicht nur nominell die Front gewechselt haben, enorm verbessert.
Im Arabischen Meer durchsuchten amerikanische Prisenkommandos nahezu jedes Schiff, selbst Fischerboote. Geheimdienstinformationen besagten, die Gejagten wollten über die offene See einen neuen Zufluchtshafen ansteuern.
Die Interimsregierung in Kabul aber wird in ihrer Amtszeit von gerade mal sechs Monaten Wichtigeres zu tun haben, als sich in Gefechten zu verschleißen.
Der 43-jährige Paschtune Karzai schien zunächst wie eine Idealbesetzung für das höchste Regierungsamt. Er gehört zu den Paschtunenstämmen der Durrani. Einer seiner Vorfahren ist Ahmed Schah Durrani, der als persischer Feldherr die Region Kandahar eroberte und dort 1747 zum ersten König Afghanistans ausgerufen wurde. Hamid Karzais Großvater war unter dem letzten König Zahir Schah Nationalratspräsident, sein Vater Senator.
Als die Sowjets 1979 Afghanistan überfielen, spendete der inzwischen erfolgreiche Unternehmer Hamid einen Großteil seiner Einkünfte den Mudschahidin. Nach deren Sieg übernahm er 1992 für zwei Jahre das Amt eines Vize-Außenministers.
Entnervt aus der unfähigen Administration ausgeschieden, begrüßte Karzai zunächst den Aufstieg der Taliban: Sie versprachen einen Ausweg aus dem Chaos, den Vergewaltigungen und blutigen Machtkämpfen der verfeindeten Clanchefs.
Schon bald wandelte sich der fast kahlköpfige Mann, der heute einen kurz geschnittenen weiß-grauen Bart trägt, zum offenen Kritiker der Koranschüler: "Sie beherrschen nur das Schießen auf lebende Ziele, und diese Ziele sind die Afghanen. Wir wollen sie weg haben."
1997 gründete er gemeinsam mit seinem Vater und seinem Bruder im pakistanischen Quetta eine Anti-Taliban-Bewegung. Fortan förderte er in Absprache mit dem König im römischen Exil Aufständische mit Geld und Waffen. Der amerikanische Geheimdienst nahm Kontakt auf zu Karzai. Es darf vermutet werden, dass seitdem auch die CIA den Kampf gegen die einst von ihr finanzierten Taliban unterstützte.
1999 fiel Karzais Vater einem Mordanschlag zum Opfer, die beiden Söhne entkamen nur knapp. Nach der Bluttat erbte Hamid den Titel des Khans der 500 000 Popolzai, eines Unterstamms der Durrani, und wurde ein Führer im bewaffneten Widerstand gegen die Koranschüler in Kabul.
Als der alte Bürgerkriegskämpe Abdul Haq im Oktober in seiner paschtunischen Heimat den Taliban in die Falle ging und Stunden später hingerichtet wurde, entschied sich Karzai zum Handeln. In seiner Heimatprovinz Oruzgan hätte ihn beinahe Haqs Schicksal ereilt. Im letzten Moment konnte er den Taliban entkommen - angeblich nur mit US-Hilfe, was er sofort bestritt. Er ahnte wohl: Nur wenn er kein allzu offensichtlicher Protegé der Amerikaner war, stand ihm die große politische Karriere offen, für die er alles mitbrachte: seine paschtunische Herkunft, die Wurzeln in einem der wirklich alten Clans, sein internationales Flair.
Damit konnte er überzeugen: Als die Verhandlungen auf dem Petersberg ins Stocken gerieten, stellte der Uno-Afghanistan-Sonderbeauftragte Lakhdar Brahimi auf Anregung der CIA ein Gespräch mit Karzai direkt von der Front in den Verhandlungssaal durch. Tief beeindruckt lauschten die Delegierten seinen beschwörenden Worten: "Dieses Treffen ist der Weg zur Erlösung. Wir sind eine Nation, haben eine Kultur. Wir glauben alle an den Islam, der eine Religion der Toleranz ist."
Doch noch viel Druck der Uno und des Westens war nötig, damit die Delegierten Karzai schließlich zu jenem Interimsregierungschef beriefen, der vom 22. Dezember an in Kabul amtieren soll. Zunächst für sechs Monate. Danach wird eine Sonder-Loya-Jirga, die traditionelle afghanische Große Ratsversammlung aller wichtiger Persönlichkeiten, zusammentreten.
Ob Karzai wirklich die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllen kann oder ob er Deals in Hinterzimmern mehr verpflichtet ist als westlich-demokratischem Denken, war schon am Tag nach seiner Berufung Gegenstand heftigster Spekulationen. Seine Versöhnung mit den Taliban jedenfalls schockte manchen seiner Protektoren.
Überdies machte sich Unmut breit unter jenen im Lande, die sich bei den Petersberger Beschlüssen übergangen fühlen. Der mächtige Paschtunen-Fürst Ahmed Gailani etwa, der ganz auf den traditionellen Stammesrat setzt. Oder Usbeken-General Raschid Dostam, der die Übergangsverwaltung brüsk ablehnt und Karzais Beamten sogar den Zutritt zum Norden des Landes verwehren will. Dostam will selbst über die Region mit Afghanistans wichtigsten Bodenschätzen - reichen Öl- und Gasvorkommen - bestimmen.
Auch Ismail Khan, der Iran nahe stehende "Löwe von Herat", zeigte sich mit den Ergebnissen der Bonner Verhandlungen äußerst unzufrieden. Irene Salimi, die treue Verwalterin der jahrelang verwaisten deutschen Botschaft in Kabul, urteilt denn auch eher skeptisch: "Die Petersberger Beschlüsse sind eine Chance. Aber mit großer Sorge beobachtet die Bevölkerung das Aufbrechen der alten Fronten. Die Menschen haben einfach Angst."
Die geht auch wieder in Amerika um. Zum wiederholten Mal wurde vergangene Woche Terrorgroßalarm gegeben. Es lägen ernst zu nehmende Hinweise auf neue Anschläge vor, warnte Heimatschutz-Direktor Tom Ridge seine Landsleute.
Zu Grunde lagen angeblich neue Erkenntnisse, nach denen Osama Bin Laden mit dem Bau einer "schmutzigen Bombe" weitergekommen sein soll als befürchtet. Ein solcher Sprengsatz streut radioaktives Material so, dass Landstriche unbewohnbar werden. International, auch in Europa, wurden die Grenzkontrollen verschärft, neue Nukleardetektoren aufgestellt.
Auch der Gesuchte selbst ließ erneut finsterste Drohungen hören. In einem - auf seine Authentizität allerdings schwer überprüfbaren - Interview mit einem ägyptischen Journalisten und Konfidenten soll Bin Laden erklären: "Am Ende des Ramadan werden die Mütter der Märtyrer jubeln, und die Mütter der Angreifer werden weinen."
Der heilige Fastenmonat Ramadan endet am kommenden Samstag.
SIEGESMUND VON ILSEMANN
Von Siegesmund von Ilsemann

DER SPIEGEL 50/2001
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