02.01.1952

KOM(M)ÖDCHENDas Publikum vernichten

Die Premierengäste des Düsseldorfer Kom(m)ödchens klatschten zurückhaltender als sonst. Mit jeder Nummer seines zwölften Programms "Eisen und Stahl leicht anziehend - Tendenz lustlos" stieß Kom(m)ödchen-Chef Kay Lorentz seine Anhänger reihum vor den Kopf. Warum er die bislang geübte versteckte Ironie zugunsten direkter Backpfeifen aufgegeben hat, motivierte Kay Lorentz kabarettistisch: "Man muß auch mal den Mut haben, das eigene Publikum auf seinen Stühlen zu vernichten."
Die wohlwollenden Mäzene aus der Eisen- und Stahlindustrie sahen sich also plötzlich als Zielscheiben boshafter Versuche, das Thema "totale Friedensaufrüstung" ad absurdum zu führen:
(Direktor zu Angestellten:) "Wenn man bedenkt: jahrelang hat man nichts als Kochtöpfe, Badewannen, Gießkannen und Haarklammern hergestellt und nun von einem Tag auf den anderen umstellen auf Friedensproduktion, Panzer, Kanonen, Flugzeuge - nicht einfach, mein lieber Schmitz, gar nicht einfach ... Und doch: für den Frieden zu arbeiten und trotzdem gut verdienen, das ist ein herrliches Gefühl!"
Der blonde Walter Gottschow, der den Buchhandel an den Nagel hängte, um sich beim Kom(m)ödchen als geborener Kabarettist zu entpuppen, unterhöhlt die "zwecks Wehrbeitrag frisch restaurierte Soldatenehre" mit soviel Sarkasmus, daß ihm manchmal selbst angst wird:
General beim Schneider. Schneider (mißt Taille): "106, Herr General." General: "Aeh, machen Sie lieber auf 104, kann dann später immer sagen: Bin in Uniform jepreßt worden!"
Etwaigen Rückversicherungs-Vorwürfen kommen Kay und Lore Lorentz gleich im Eingangs-Chanson zuvor:
Denn wenn man gegen den Herrn Lehr
Und gegen noch ein Schießgewehr
Und gegen jede Rüstung ist,
Ist man noch längst kein Bolschewist!
Den politischen Ton des Kom(m)ödchens bestimmt der rotbärtige Hausherr Kay. Er räumt gewissenhaft und etwas versonnen das zufällige Strandgut der Tagesereignisse zur Seite, um darunter die tiefere Aktualität zu finden, von der sich sein Kabarett nährt. Die Pointen müssen ein Lalbes Jahr frisch bleiben, denn Kom(m)ödchenprogramme haben Seltenheitswert und werden über Monate hinaus geplant, gesiebt, gefeilt, bis Kay Lorentz die Gags mit der Geduld eines Patiencenlegers ineinanderfügt.
Bis jetzt ist es ihm erst einmal passiert, daß seine kabarettistische Aktualität von der Wirklichkeit überholt wurde. Das war bei der Autobahnsteuer. Der Sketch war fertig, aber kurz vor der Premiere wurde in Bonn die Steuer abgeblasen. "Wir hätten dem Schäffer 1000 DM gezahlt, wenn er sie durchgekriegt hätte." Auf der Suche nach einer Ersatzpointe telefonierten die Lorentzens alle Düsseldorfer Redaktionen an und fragten, was Schäffer außerdem noch plane. "Im Augenblick nichts", war die Antwort. "Furchtbar", stöhnte Lorentz, "er plant doch sonst immer was."
Außer dem Hinweis auf 48 bestehende Steuerparagraphen wußte auch das Handelsblatt
nichts zur Rettung des Sketches beizutragen. So zieht sich Lore Lorentz jetzt allabendlich aus der Affäre, indem sie den Verzicht auf die Autobahnsteuer so motiviert: "Ein Finanzminister als Raubritter? Unmöglich, das kann nicht sein, ein Unterschied muß bleiben!"
Lore Lorentz, die dem Kom(m)ödchen-Chef bisher drei Nachkömmlinge schenkte, pflegt ihre Chansons selbst zu schreiben (beim letzten allerdings kam die Geburt des kleinen Kay Sebastian dazwischen), wie zum Beispiel diesen Seitenhieb auf die hannoversche Welfenhochzeit:
Fürstenhochzeit:
Ich bin unglaublich hoch geboren,
Dazwischen scheute ich die Arbeit nicht,
Es ging uns zwar so einiges verloren.
Doch Stand und Name, das verlorn wir nicht.
Da trat ein Erbprinz in mein Leben
Und ich mit ihm an den Altc-,
Was nebenbei, so hat sich's ergeben,
Propagandistisch nicht ganz wertlos war.
Das Volk, es säumte jubelnd unsre Wege,
man hörte Tausende von Stimmen schrein:
Es lebe - hie Welf allewege
Das Haus Rhein-Salm auf Niedernetzelstein!!!
Die Landeskinder waren selig!
Ein Jubel wie im Märchen wars.
Er legte sich erst ganz allmählich
Beim Erscheinen des englischen Hochkommissars.
Und um das Fest noch zu verschönern
Ließen Couleurstudenten in Wichs
Bei Freilichtmensuren die Säbel tönen
Und rissen sich Schmisse, da kannten die nix.
Zwei demokratische Minister,
Die standen, das war'n bißchen dumm.
Unter dem monarchistischen Geflüster
Der Rheinsalme satt am Büfett herum.
Hauskomponist Emil Schuchard, eine Hand auf dem Klavier, die andere auf dem Spinettino, verhilft seiner Schwäche für abstrakte Lautmalerei mit jedem Programm mehr zum Durchbruch. In seinen komplizierten atonalen Chören singen sich die Kom(m)ödchen-Texte viel wirkungsvoller, als wenn man sie nur so dahersagt.
Dreistimmig:
Denn wenn du in der SPD parteilich eingetragen Dann darfst du von der FDP niemals
was gutes sagen
Und wer Herrn Vizekanzler nur bedingt goutiert - denn auch Herr Vizekanzler kann im
Unrecht sein? -
Der muß auf jeden Fall deutschfeindlich orientiert, Ein Amifreund, ein Volksfeind oder
pro-gewerkschaftlich sein.
Von den Politikern im Parkett amüsierte sich Nordrhein-Westfalens ehemaliger SPD-Wirtschaftsminister Professor Erik Nölting am rückhaltlosesten: Bis auf einen kleinen Seitenhieb auf die Gewerkschaften fühlte sich die Opposition auf das herzlichste angesprochen. Besonders in der Schlußnummer, wo das Kom(m)ödchen - Ensemble unter dem Motto "Regiere mit Kopf - du hast nur einen" in Flitterkostümen der Artisten um die Jahrhundertwende die Bundestagsabgeordneten als "Demo-Akrobaten" persifliert.
Ausrufer: "In der ersten Abteilung sehen Sie jetzt Conny und Brenty in dem außenpolitischen Eiertanz nach ihrem sensationellen
Auftreten in Bonn, Paris und kürzlich auch in London."
Musik:
Souveräner Firlefanz
Schuman-Truman-Eiertanz
Industrie und DGB
Köpfchen unter Wasser
Schwänzchen in die Höh.
Mitbestimmung zwar bequemer
Aber gegen Unternehmer
Nazi-Konsulargeschäfte
Doch es sind geschulte Kräfte
Wehrbeitrag trotz Antistimmung
Andrerseits Soldateninnung
Hier ein Nötchen - dort ein Nötchen
Kanzler sein, ein hartes Brötchen.
Das oft diskutierte Geheimnis, warum das Kom(m)ödchen trotz fast fünfjährigen Bestehens immer noch nicht pleite ist, liegt im Grunde an den konservativen Gewohnheiten der Lorentzens. Sie haben nichts an der Primitivität des stets zu engen, zu warmen und zu verrauchten 8X8-m-Kellers im Hinterhaus einer Düsseldorfer Altstadtkneipe geändert. Sie haben immer den gleichen Stil, die gleiche Musik durchgehalten, und Kay Lorentz sorgt durch Gagen von 500 bis 800 DM dafür, daß die Mitglieder seines "Zuban - Ensembles" ("Morgen so gut wie gestern und heute") möglichst selten wechseln.
Für April ist das Kom(m)ödchen zur Wiederholung seines November-Gastspiels für vier Wochen nach London eingeladen. Der Erfolg im Watergate Theatre im Londoner Westend war durchschlagend, obwohl man sich drüben zuerst skeptisch fragte, ob das Kom(m)ödchen auch politisch zuverlässig sei. Kay Lorentz hatte vorher seine gesamten Texte über den Kanal schicken müssen. Sie wurden mit Prädikaten versehen zurückgesandt. Eine Parodie auf Thomas Mann wurde ihm gestrichen.

DER SPIEGEL 1/1952
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KOM(M)ÖDCHEN:
Das Publikum vernichten

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