22.12.2001

RUSSLANDWandlung aus der Asche

Vor Weihnachten zeigt sich Präsident Putin als Christ. Geistlichen Beistand leistet ihm ein Klostervorsteher mit KGB-Kontakten.
Das Essen an Bord des neuen Atom-U-Bootes "Gepard", Makkaroni mit Fleischbeilage, war nicht nach seinem Geschmack. Russlands Präsident Wladimir Putin, Anfang Dezember zu Gast bei der Nordflotte, aß nur einige Nudeln und schob den Teller zur Seite.
Den Grund für den gezügelten Appetit des Staatschefs nannte das Enthüllungsblatt "Moskowski komsomolez": Als "tief gläubiger Mensch" beachte er streng die vorweihnachtlichen Fastenregeln und verzichte auf Fleisch.
Auch Vater Tichon, als Archimandrit in Diensten der rechtgläubigen Kirche, kann den Glaubenseifer des KGB-Obersten a. D. Putin bestätigen: Putin sei "wirklich ein rechtgläubiger Christ und nicht nur ein nomineller". Seine "gesamte Familie" bestehe aus "orthodoxen gläubigen Menschen". Der Erzabt des Moskauer Srentenski-Klosters muss es wissen, denn er ist Putins geistlicher Beistand. Die Kunde vom Christen Putin streute er zu dessen Griechenland-Besuch in der Athener Zeitung "I Chora".
Wann die Bekehrung des Kremlherrn stattgefunden hat, verriet der Geistliche nicht. Freunde aus Kindestagen haben den kleinen Wladimir in Leningrad als Gläubigen nicht erlebt. Alexander Matwejew, einem Schulfreund, fiel niemals auf, "dass er an Gott glaubt oder in die Kirche geht".
Putins Kusine Lubow Schelomowa erinnert sich hingegen, "dass Wladimirs Vater überzeugter Kommunist war und auch seine Mutter keine Neigung zur Kirche zeigte". Das sei nicht die ganze Wahrheit, versichert Natalja Timakowa, Vize-Leiterin des Kreml-Pressedienstes. In der engen Leningrader Gemeinschaftswohnung habe eine Rentnerin namens Anja damals Wladimirs Mutter Marija überzeugt, den fünf Monate alten Jungen taufen zu lassen - im März 1953, sofort nach Stalins Tod.
Noch voriges Jahr hatte Putin sich gegenüber dem amerikanischen Talkmaster Larry King geziert, zum Thema Religiosität sich "besonders zu verbreiten". Glaubensfragen sollte "der Mensch lieber in seinem Herzen bewahren".
Für den heimischen Gebrauch gilt solche Zurückhaltung nun nicht mehr. Immer öfter geht der Präsident vor Kameras mit Gattin Ljudmila zu Gottesdiensten und zeigt sich mit dem Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, dem Patriarchen Alexij II. (KGB-Deckname: "Amsel").
In seinem diesjährigen Sommerurlaub wallfahrtete Putin zu Klöstern in der trüben Kühle des hohen Nordens. Auf den Solowezki-Inseln besuchte er an der Seite des Patriarchen das dortige Männerkloster Spasso Preobraschenski. Und er verlor kein einziges Wort darüber, dass Lenins Geheimpolizei Tscheka in diesem Gemäuer einst ihr erstes Konzentrationslager für politisch anders Denkende eingerichtet hatte.
Putin-Gehilfin Timakowa kann jetzt sogar genau angeben, wann die Wandlung des gottlosen Geheimdienstoffiziers zum streng Gläubigen geschah: Am 12. August 1996. Da brannte, unweit von St. Petersburg, dessen Datscha samt Sauna nieder.
Putin rettete seine beiden Töchter Marija und Katja aus den Flammen. In der Asche fand er sein orthodoxes Umhänge-Kreuzchen aus Metall, welches er auf Wunsch der Mutter während einer Dienstreise in Jerusalem hatte weihen lassen.
Solche Geschichten, in denen sich Glaube und Aberglaube wundersam mischen, wirken auf religiöse Russen. Und die Kirchenführung nimmt dankbar zur Kenntnis, wenn ihr glaubensstarker Zar ihren Beitrag "zur patriotischen Erziehung und zur Stärkung des Staates" rühmt.
Beichtvater Tichon, mit bürgerlichem Namen Georgij Schewkunow, absolvierte zu Sowjetzeiten ein Studium am Moskauer Institut für Kinematografie. Dann erst wandte er sich der Kirche zu, offenkundig nicht ohne den Segen der Staatsmacht, gehörte er doch zur Nomenklatura: Sein Onkel Georgij Melnikow war einer der Schöpfer der sowjetischen Raketenwaffen.
Bei Putin führte Tichon der Petersburger Bankier Sergej Pugatschow ein, um dessen Seele sich der Pope auch gekümmert hatte. Pugatschow, mit Zweitwohnsitz an der Côte d'Azur, soll den Mächtigen schon früher gefällig gewesen sein, seine Bank Kreditkarten für die Jelzin-Familie garantiert haben.
Priester Tichon/Schewkunow dagegen tritt stets als strammer Fundamentalist und Mahner wider westliche Einflüsse auf. So protestierte er etwa gegen Auftritte des Zauberers David Copperfield in Moskau, der die Zuschauer "abhängig" mache von "dunklen und zerstörerischen Kräften". Und er plädiert für Zensur als "normales Instrument einer normalen Gesellschaft".
Solche Gedanken brachten Tichon, dessen Kloster nur wenige hundert Meter von der Geheimdienstzentrale Lubjanka entfernt liegt, alten KGB-Kämpfern auch ideologisch näher. Ex-Geheimdienstler meinen, dass Schewkunow schon zu Sowjetzeiten in engem Kontakt zum KGB stand, der damals massiv Kirchenpersonal anwarb.
Zur Redaktion der Zeitschrift "Russki dom" (Russisches Haus), einem Monatsmagazin nationalgesinnter Orthodoxer, gehört neben Kirchenmann Tichon auch Nikolai Leonow, Generalleutnant a. D. des KGB. Der war in den achtziger Jahren Vizechef der für Auslandsspionage zuständigen Ersten KGB-Hauptverwaltung. Zu den Nachwuchskräften gehörte damals der junge KGB-Offizier Putin, welcher sich noch heute bei dem Veteranen gern Rat holt.
Da beruhigt es doch ungemein, von Beichtvater Tichon zu hören, dass im neuen Russland "nicht wenige Militärs, darunter auch Angehörige der Geheimdienste, ein christliches Leben führen". UWE KLUSSMANN
Von Uwe Klussmann

DER SPIEGEL 52/2001
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