09.01.1952

WIRTHNach langem Untertauchen

Ein 72jähriger Greis aus Freiburg im Breisgau lag mit gichtigen Fingern, gebrochenem Bein und leichten Knie- und Armprellungen im Appartement 314 des Ostberliner Staatshotels "Johannishof" im Bett (gegenüber dem Zirkus Barley mit Blick auf Weidendamm und Spree) und symbolisierte, daß Sowjetrußlands Taktik, durch vierzonale Wahlen Westdeutschland aus dem atlantischen Potential herauszuhalten, auch 1952 aktuell bleibt.
Und so ist der Wunsch des alten Mannes, des Reichskanzlers a. D. Joseph Wirth, endlich in Erfüllung gegangen: er ist wieder ins politische Gespräch gekommen, was er seit Oktober 1948 vergeblich erhoffte, als er aus seinem Schweizer Nazizeit-Exil erstmals nach Frankfurt zum damaligen Wirtschaftsrat fuhr und erklärte, mit diesem Besuch habe er die ersten Schritte zur Rückkehr ins politische Leben in Deutschland gemacht.
Eigentlich wollte Joseph Wirth, der schon seit Mitte Dezember 1951, ohne daß es bekannt wurde, in Ostberlin wohnte, Weihnachten wieder zu Hause in Freiburg im Breisgau sein. Aber zu allem Ungemach bekam der alte Herr noch einen Herzkollaps und mußte sich fünf Tage vor dem Fest ins Bett legen.
Erst um die Jahreswende wurde sein Ostberliner Besuch in der Oeffentlichkeit ruchbar. Joseph Wirths ursprüngliche Absicht, sich um Silvester mit dem Westberliner Bundesbeauftragten, dem schwarzbemonokelten Dr. Heinrich Vockel von der CDU, zu unterhalten, fiel daraufhin ins Wasser.
Ernst Lemmer dagegen, Fraktionschef der CDU im Westberliner Abgeordnetenhaus, wurde am zweiten Weihnachtsfeiertag nachmittags von Wirth angerufen und traf sich am 27. Dezember im Hotel "Johannishof" mit ihm. Das Wiedersehen der beiden, die sich achtzehn Jahre nicht gesehen hatten, dauerte aber nur genau zwanzig Minuten. Dr. Wirth lag im Bett. Dann brach Lemmer plötzlich eilig auf: als nächster Besuch am Bett war Otto Nuschke angekündigt.
Weil Karlshorst und seine deutschen Trabanten sich liebend gern mit den wenigen westlichen Besuchern, die keine Kommunisten sind, gesamtdeutsch unterhalten, konnte Joseph Wirth mit Pieck, Grotewohl, Nuschke, General Tschuikow, dem Vorsitzenden der sowjetischen Kontrollkommission, und dessen politischem Berater, Botschafter Semjonow, zusammentreffen und die "Voraussetzungen für die Einheit Deutschlands" studieren.
Aber: "Es gab keine Unterhaltung, bei der ich nicht die Frage der politischen Gefangenen in der DDR angeschnitten hätte", sagt Dr. Wirth. Auf einer Liste von politischen Gefangenen, die er Semjonow übergab, damit sie freigelassen würden, steht an prominenter Stelle Werner Pünder, der Bruder des ehemaligen bizonalen Oberdirektors und Kölner Oberbürgermeisters MdB Hermann Pünder, den die Amerikaner 1946 den Russen auslieferten, die ihn ins sächsische Zuchthaus Waldheim setzten.
Des alten Joseph Wirths Einladung zu seinem Besuch in Ostberlin geht schon auf Fühlungnahmen nach Otto Grotewohls erster gesamtdeutscher Initiative im November 1950 zurück. Am 27. Juli 1951 witterte Joseph Wirth eine Chance für ein politisches come-back und schrieb einen Brief an den gesamtdeutschen Minister
Jakob Kaiser. Er, Wirth, beschäftige sich seit geraumer Zeit mit einer Reise nach Berlin, und um etwaigen Mißdeutungen vorzubeugen, wolle er vorher nach Bonn kommen.
Gleichzeitig bat er um Auskunft über die Möglichkeiten, ein soziales Hilfswerk für die Sowjetzone einzurichten. Dieses Schreiben eines ehemaligen Reichskanzlers der deutschen Republik wurde Minister Jakob Kaiser nicht vorgelegt, sondern von seinem Staatssekretär Franz Thedieck beantwortet. Thedieck gab zwar ausführlich Auskunft zur Frage des Hilfswerks, auf Wirths Berliner Reise-Pläne ging er aber nicht ein. Wirth ist heute dadurch noch stark verstimmt und sieht hierin eine Rechtfertigung dafür, daß er die Verantwortung für seine Reise nun selbst übernommen hat.
Daß Wirths Juli-Brief an Kaiser diese Antwort bekam, ist nicht der einzige Aerger, den der Alt-Reichskanzler in der westdeutschen Nachkriegspolitik hatte. 1933 war er vorsorglich ins Schweizer Exil gegangen, hatte dort die Vereinigung "Demokratisches Deutschland" mitbegründet und war erst im Oktober 1948 vom Vierwaldstädter See in seine Heimatstadt Freiburg zurückgekehrt.
Dort war er 1879 als Sohn des Maschinenmeisters Karl Wirth geboren, dort hatte er studiert und dann vor dem ersten Weltkrieg über ein Jahrzehnt mit vierschrötigem Gesicht und weitausladendem strähnigem Schnurrbart als Mathematikprofessor auf dem Katheder des Realgymnasiums und als Zentrumsmann auf der Tribüne des Stadtparlaments gestanden.
Am 10. Mai 1921 wurde Joseph Wirth Reichskanzler (1920 bis 1921: Reichsfinanzminister), und schon hier wurde der badische Katholik den Sowjets sympathisch. Am 16. April 1922 unterzeichnete Außenminister Walther Rathenau unter seiner Reichskanzlerschaft den Rapallo-Vertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion, mit dem die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten wieder aufgenommen wurden und beide auf Forderungen aus dem Kriege verzichteten. Allen Ernstes wurde damals sogar behauptet, "die deutsche Regierung (Wirth) habe im Jahre 1922 einen Krieg an der Seite Rußlands gegen die früheren Feinde erwogen. Der Plan sei aber am Einspruch Eberts gescheitert ... (Das) beweist ... die Bedeutung, die den deutsch-russischen Beziehungen beigemessen wurde."*)
Als 1922 Walther Rathenau ermordet worden war, sagte der Zentrums-Reichskanzler Wirth, was auch einem Marxisten nicht schlecht angestanden hätte und Schlagwort wurde: "Der Feind steht da, wo Mephisto sein Gift in die Wunde eines Volkes träufelt, der Feind steht rechts!" Und bei der nächsten Revolution werde er, Wirth, auf der Seite der Arbeiter stehen.
Je mehr das Zentrum in seiner Koalitionspolitik nach rechts neigte, desto schärfer wurden Wirths Konflikte mit seiner Partei. Austritt, Versöhnung, Parteirüge und abermalige Einigung gestalteten das Verhältnis höchst wechselvoll. Als einziger Zentrumsmann stimmte Joseph Wirth einmal mit der gesamten Linken des Reichstages gegen seinen eigenen Parteivorsitzenden, den damaligen Reichskanzler Dr. Marx.
In die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg hat er, während der Schweizer Emigration 16 Jahre älter geworden, nicht viel mehr als seine Querköpfigkeit und seinen pathetischen, fast apokalyptischen Schreib- und Redestil hinübergerettet.
Zuerst versuchte er im Oktober 1948 in Stuttgart eine "Union der Mitte" zu gründen, zusammen mit Nordrhein-Westfalens Zentrumsminister a. D. Dr. Spiecker.
Dann wollte er sich von der südbadischen CDU für den Bundestag nominieren lassen, was seiner Ansicht nach durch Konrad Adenauers persönliches Eingreifen verhindert worden sei.
Nach seinem Zerwürfnis mit der CDU versuchte er über das katholische Männerwerk in Südbaden die Zentrumspartei wieder ins Leben zu rufen. Aber die katholischen Männer zeigten ihm die kalte Schulter.
Im November 1949 trat er der Arbeitsgemeinschaft der Badener bei, die Leo Wohlebs Fahne eines selbständigen Baden gegen die Idee des Südweststaates hochhielt.
Die Altbadener machten Joseph Wirth in der ersten Zeit zum Paradepferd. Seine Propagandareden in Nord- und Südbaden waren indessen polterig und teilweise recht unlogisch. Selbst die Tatsache, daß Wirth immer wieder seine Erfahrungen als Politiker und weitgereister Mann in den Vordergrund stellte, konnte nicht verhindern, daß sogar die Altbadener ihn bald wieder in den Hintergrund schoben. Ein Gaudi waren immer die Verse, die er in seine politischen Reden einstreute. Der markanteste Spruch des altgewordenen Reichskanzlers gegen den Südweststaat:
"Wacht auf, Ihr müden Schläfer,
sonst kommen die Schwabenkäfer!"
Gerade, als Joseph Wirth mit seinem politischen Ehrgeiz wieder so völlig gescheitert war, kam Dr. Kurt Freund, Hauptabteilungsleiter im Förderungsausschuß für
Wissenschaften der DDR, zusammen mit dem blonden Stuttgarter Interzonenkaufmann Scheible zu Wirth und überbrachte eine sowjetzonale Einladung. Der Greis fuhr in einem oststaatseigenen Pkw. von Freibung nach Berlin.
Auf der Fahrt gab es einen leichten Unfall, bei dem Joseph Wirth sich Knie und Arm verletzte. Ursprünglich wollte er in der Westberliner Pension "Astrid" wohnen, aber Ostberlins Oberbürgermeister Fritz Ebert schlug vor, doch lieber in ein Haus mit Fahrstuhl zu ziehen, des gebrochenen Beines wegen. Und so landete dann der alte Herr im Appartement 314 des "Johannishofes".
Kaufmann Scheible managte den Joseph Wirth in Ostberlin, nahm Telephonanrufe entgegen und setzte Termine für Besuche fest. Er empfing die Gäste in der Hotelhalle und geleitete sie in das bescheiden eingerichtete Wirth-Zimmer. Täglich erschien Wilhelm Koenen, Alt-Kommunist und Generalsekretär der "Nationalen Front", im "Johannishof" und erkundigte sich nach Wirths Wohlbefinden. Er kennt ihn noch aus alten Reichstagen.
Von Berlin aus schickte Wirth vervielfältigte Briefe an den Bundestag, warnte im Geist von Rapallo vor der Ratifizierung des Schumanplans, äußerte sich grantig über Konrad Adenauer, behauptete, er verfüge in Bern über Dokumente, die, falls er sie veröffentlichte, den sofortigen Sturz des Bonner Kanzlers hervorrufen würden, und verhüllte kaum seinen Neid auf den reüssierten Altersgenossen (Adenauer ist drei Jahre älter als Wirth, aber noch rüstiger): "Eine Wiedervereinigungspolitik zwischen Osten und Westen ist nur ohne Adenauers Person durchzuführen."
Wenn man ihn auf die Gründe für seine Berlin-Reise anspricht, sagt Joseph Wirth ehrlich: "Ich wollte mal wissen, ob man nach so langem Untertauchen noch eine Stimme hat."
Und der stellvertretende politische Sowjetberater Iljitschow versicherte vor SED-Funktionären: "Wirths Anwesenheit in Ostberlin wird auf die bürgerlichen Kreise in Westdeutschland starker Eindruck machen."
*) Ferdinand Friedensburg: "Die Weimarer Republik"; Berlin 1946, Carl Habel Verlagsbuchhandlung.

DER SPIEGEL 2/1952
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