23.01.1952

ISRAELDas Dorf und Gottes Erde

(s. Titel)
"... und will euch aus den Völkern führen und aus den Ländern, dahin ihr verstreut seid, sammeln mit starker Hand, mit ausgestrecktem Arm und mit ausgeschüttetem Grimm."
Hesekiel 20, Vers 34
Schwaden von Tränengas, vermischt mit dem Qualm verbrannten Oels, wälzten sich durch die zerbrochenen Fenster des großen Sitzungssaales. Mal näher, mal ferner hörten die Abgeordneten des "Knesseth" - des israelitischen Parlaments in Neu-Jerusalem - vom Zionplatz her die Kommandos der Polizeioffiziere, dazu das Rasseln der Panzerspähwagen und das Geschrei der zehntausend Demonstranten: "Verräter, Hitler-Erben!"
Der Tumult erreichte seinen Höhepunkt, als 2000 Kommunisten, Nationalisten und pro-kommunistische Mapam-Leute*) das Flammenmeer des von der Polizei entzündeten Petroleums und die aus Fahrzeugen der Wehrmacht und Feuerwehr zusammengefahrene Barrikade durchbrachen. Ein Hagel von Steinen prasselte in den Knesseth-Saal.
Auf der Rednertribüne gestikulierte, von Leidenschaft geschüttelt und überwältigt, Menachim Beigin, ehemals Führer der Terrororganisation Irgun Zwai Leumi, jetzt Vorsitzender der "faschistischen" Cherut-Partei. Mit sich überschlagender Stimme schrie er, zu Ministerpräsident David Ben Gurion gewandt: "Israel wird sich mit den wilden Bestien (den Deutschen) niemals an einen Tisch setzen. Es wird die Absicht der Regierung verhindern. Dies ist ein Kampf auf Leben und Tod. Das Volk wird auf die Barrikaden gehen." Beigin nannte Ben Gurion einen "Banditen" und kündigte mit der Drohung, dies werde seine letzte Rede im Knesseth sein, den Bürgerkrieg an.
Unter den buschigen Augenbrauen Ben Gurions blitzten Trotz und Entschlossenheit. Ein Abgeordneter berichtete hinterher: "Sein weißes Haar stand wie ein heiliges Feuer über seinem Haupt".
Trotz des leidenschaftlichen Widerstandes der Kommunisten, der linksradikalen Mapam-Partei, der rechtsradikalen Splittergruppen und der Allgemeinen Zionisten genehmigte der Knesseth am 9. Januar mit 61:50 Stimmen die Aufnahme von Reparationsverhandlungen mit der westdeutschen Bundesrepublik.
Deutschlands materielle Schuld gegenüber den Juden soll in einem Vertrag festgelegt werden. Israels Forderung: 1,5 Milliarden Dollar (6,3 Milliarden DM). Die menschliche Schuld des deutschen Volkes bleibe unberührt. Die Verhandlungen bedeuten keine Anerkennung der Bundesrepublik.
Der Schlüssel zu Ben Gurions Bereitwilligkeit, "dem deutschen Volk die Ehre anzutun, von ihm Geld zu akzeptieren" (Abgeordneter Rabbiner Mordekai Nurok Iter), sind Israels brennende Wirtschafts- und Finanznöte.
Hinter diese Nöte setzte im vergangenen Dezember der Wettergott Palästinas ein dramatisches Ausrufezeichen. Vierzehn Tage lang rauschte - von eisigem Nordost gepeitscht - ein nahezu pausenloser Regen erbarmungslos auf die 21 000 Zelthütten herab, in denen die zuletzt gekommenen 100 000 Einwanderer Israels notdürftig untergebracht sind. 1500 Zelte
wurden hinweggeweht oder hinweggeschwemmt, der Rest zum größten Teil beschädigt, der Dächer beraubt oder durchnäßt. In manchem der 136 über das Land verstreuten Lager bemächtigte sich der Belegschaften irre Verzweiflung. Sie überfielen passierende Autos, verprügelten die von der Regierung eingesetzten Beamten und marschierten in jämmerlichen Elendszügen vor die Aemter der Jewish Agency, wo sie ihre Rückführung in die Emigrationsländer verlangten.
In Galiläa fielen innerhalb weniger Tage 354 mm Regen (im Dezember des Vorjahres 38 mm). Der Schaden an den Obst-, Apfelsinen- und Zitronenplantagen ist unabsehbar groß. Die von den unbewaldeten Höhen herabstürzenden Wassermassen überspülten eben entsteinten Kulturboden mit neuen Geröllmassen, schwemmten die magere Humuskruste hinweg und entwurzelten zarte Neupflanzungen.
Vor einem Jahr aus Rumänien eingetroffene Neusiedler standen weinend am Rand ihrer bis zur Unkenntlichkeit verwüsteten Aecker. Eine aus dem arabischen Yemen stammende Kleinhändlersfrau, die mit ihrem Mann und ihren Kindern einen heißen Sommer lang auf einem Stück Neuland geschuftet hatte, mußte von den zur Rettung ausgesandten Soldaten mit Gewalt vor dem Wasser, das ihr kleines Anwesen zerstört hatte, gerettet werden.
Schlimmer vielleicht noch als der wirtschaftliche Schaden ist der moralische. Schon seit langem gibt es Anzeichen, daß die zionistische Moral der Israeliten erlahmt*). Die psychischen Nachwirkungen der Regenkatastrophe auf die Masse der Neu-Immigranten sind noch nicht abzuschätzen. Der eifernde Wille der alten zionistischen Garde - an ihrer Spitze der jetzige Staatspräsident Chaim Weizmann, 77, und Ministerpräsident David Ben Gurion - hat aus den rund 700 000 Nachkriegs-Rückwanderern und rund 500 000 Altsiedlern in den vergangenen Jahren ungeheure Leistungen herausgepreßt.
Die umformende und umprägende Leidenschaft dieser beiden, bitter miteinander verfeindeten Männer, umspannt die Nation wie ein eiserner Ring. Aus einem Volk von Händlern soll ein Volk mit normaler
sozialer Struktur - mit einer starken Schicht von Bauern und Arbeitern - werden. Chaim Weizmann: "Die menschliche Kultur ruht mehr auf dem Dorf und auf Gottes Erde als auf der Stadt."
Den Zionisten kam zu Hilfe die Kraft einer sich nach fast zwei Jahrtausenden endlich erfüllenden Verheißung, patriotische Begeisterung und der Schwung eines großartigen Neubeginnens. Amerikanische Zionisten-Organisationen spendeten rund 700 Millionen Dollar.
Seit einiger Zeit aber regt sich bei den Eingessenen der Wunsch, das Gewonnene und Erworbene zu genießen, nimmt von Tag zu Tag die Abneigung gegen neue Kostgänger der sowieso schon knappen Rationen zu. Was der Krieg gegen die Araber nicht vermochte, bewirkt nun der tägliche Kleinkrieg um die Monatszuteilung von rund 115 Gramm Fleisch, 1 Kilogramm Fett und 15 Eiern. Die 180 000 Juden, die im Jahre 1951 hereinströmten, und die 600 000, die (abgesehen von den 2 Millionen Juden hinter dem Eisernen Vorhang) noch auf ihre Aufnahme warten, unterscheiden sich von der Hauptmasse der bereits Eingesessenen durch kulturelle, zivilisatorische und sprachliche Andersart.
Sie kommen zum größten Teil aus verdreckten und verlausten Nestern in Zentralasien, Arabien und Nordafrika. Oft sind sie körperlich verelendet, mit Seuchen, Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten behaftet, zur Landarbeit, wo man sie am dringendsten braucht, weder gewöhnt, noch geeignet, noch gewillt. Moderner Technik und Handfertigkeit, ja auch der in Israel üblichen Sprachen (Hebräisch, Englisch, Jiddisch usw.) unkundig.
Ehe sie zu nützlichen Staatsbürgern geworden sind, ist lange und kostspielige Erziehungsarbeit an ihnen zu leisten. Gegen all diese praktischen Bedenken steht der Daseinsgrund des jungen Staates - eine "öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte aller Juden" zu sein (Kernsatz des Zionistischen Programms von 1897) - und als ihr leidenschaftlichster Verfechter David Ben Gurion.
Israels Tür soll jedem Juden in der Welt offenstehen. Aus diesem Wollen entstand der Staat Israel, aus ihm lebt er, seine Verleugnung oder auch nur Modifizierung würde den Lebensnerv des Staates gefährden.
Die Kraft zur Durchsetzung dieser Grundsätze bezieht Ben Gurion aus tieferen Bewußtseinsschichten als denen der Tagespolitik: aus religiösem und nationalem Erbe, als dessen Vollstrecker er sich empfindet. Seine Gegner nennen das seinen "Messias-Komplex".
1920 war Gurion Mitbegründer der Histadruht - der israelitischen Gewerkschaften. Von 1921 bis 1933, ehe er in die parlamentarische Politik ging, ihr Generalsekretär. Ein Histadruht - Funktionär äußerte über ihn: "Ben Gurion ist ein Führer" und: "Ein Führer ist ein Mann, der die historischen Bedürfnisse seines Volkes in Taten und Gedanken zum Ausdruck bringt, selbst wenn diese Bedürfnisse dem Volke, dargestellt in seinen Parteien, unsichtbar bleiben."
Diese Formulierung definiert zutreffend Ben Gurions Position in der israelitischen Politik. Es ist die eines alttestamentarischen Propheten: zu gleicher Zeit bewundert und gefürchtet, geliebt und verhaßt. Bewundert und geliebt wegen der großen Impulse, die von ihm ausgehen, gefürchtet und verhaßt wegen des Zwanges zu Entbehrungen, Mühsal und Opfern, den er repräsentiert.
David Ben Gurion ist im Oktober 1886 als Sohn eines Rechtsanwalts in dem polnischen Landstädtchen Plonsk in der Nähe von Warschau geboren.
Die Zeit vor der Jahrhundertwende war für das europäische Ostjudentum eine Epoche wachsender geistiger Erregung. Unter dem Einfluß der völkischen Ideen der deutschen Romantik waren die kleineren Völker Osteuropas zu Selbstbewußtsein erwacht. Chaim Weizmann schildert in seinen "Memoiren"*) wie auch im Judentum neben dem Bewußtsein der religiösen Eigenart sich ein Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit und der Wunsch nach eigenem nationalem Boden zu rühren begannen.
Da erschien im Jahre 1896 in Wien das Buch eines Reporters der "Wiener Neuen Freien Presse" - Dr. Theodor Herzl: "Der Judenstaat". Es war entstanden, nachdem Herzl als Berichterstatter an dem Spionageprozeß gegen den jüdisch-stämmigen französischen GeneralstabshauptmannDreyfuß teilgenommen hatte. Der Antisemitismus Frankreichs alarmierte Herzl.
In seiner Schrift vereinigten sich erstmalig
* die 18 Jahrhunderte alte religiöse Vorstellung von der verheißenen Heimkehr des jüdischen Volkes nach Palästina,
* die aus der deutschen Romantik stammenden Ideen der völkischen Zusammengehörigkeit und Verwurzelung in einem heimatlichen Boden,
* ein praktischer Begriff von den Möglichkeiten der modernen Zivilisation,
* die Kenntnis von den politischen Bedingungen eines solchen Riesenunternehmens, wie es die Rückführung des jüdischen Volkes aus der Zerstreuung nach Palästina bedeuten würde.
Herzls Buch schlug wie eine Flamme in trockenes Stroh. Schon ein Jahr nach seinem Erscheinen trat in Basel der erste zionistische Kongreß zusammen. Herzl verhandelte ohne viel Erfolg mit den europäischen Monarchen und dem Sultan über die Rückführung der Juden.
Währenddessen organisierte der aus Motyle in Weißrußland stammende Doktor der Chemie Chaim Weizmann eine breite zionistische Volksbewegung, von deren natürlichem Schwergewicht er sich eine schrittweise, praktische Verwirklichung des zionistischen Zieles versprach. Im Ostjudentum wurde seine "völkische"
Richtung sehr bald die beherrschende. Ohne Rücksicht auf diplomatische Absprachen, vertragliche Zusicherungen und Freibriefe, oft ohne ordentliche Einreise-Pässe, begann insbesondere die Jugend des russischen und polnischen Judentums, nach Palästina einzusickern.
1882 betrug die Zahl der Juden in Palästina 24 000. Vor Ausbruch des ersten Weltkrieges erreichte sie bereits 85 000.
Unter den jugendlichen Begeisterten des Weizmannschen völkischen Zionismus befand sich auch David Ben Gurion. Als 20jähriger war er im Jahre 1906 mit einem Touristen-Paß in Palästina eingewandert. Er arbeitete als Landarbeiter und später als Bauer in der ersten großen jüdischen Neusiedlung im Tale Jesreel in Nordpalästina.
Im Jahre 1917 hatte Weizmann durch langwierige Verhandlungen Großbritanniens berühmte "Balfour-Deklaration" erzielt, die den Juden in Palästina eine "nationale Heimstätte" zusicherte.
Während Weizmann nach dem 1. Weltkrieg die Präsidentschaft der Zionistischen Organisation übernahm - und sie fast ununterbrochen bis 1947 innehatte - , nahm Ben Gurion einen anderen politischen Weg. Für Weizmann wurde der britische Konservativismus immer mehr zum politischen Vorbild, für Ben Gurion der Sozialismus der Labour-Party. 1920 gründete er die Histadruht. Als ihr Generalsekretär von 1921 bis 1933 schuf er die erste moderne Massenorganisation im Orient.
Er erwarb sich den Ruf eines jüdischen John Lewis. Mit dem berühmten Führer
der US - Bergarbeiter - Gewerkschaft hat er auch das äußere Erscheinungsbild gemeinsam. Fast 50 Prozent der israelischen Bevölkerung - rund 250 000 Arbeiter und Angestellte - sind heute, rechnet man die Familienangehörigen der Mitglieder ein, in der Histadruht organisiert.
Im August 1929 wurde in Zürich die Jewish Agency geschaffen. Sie stellte eine Art Weltrepräsentation des Judentums - und nicht nur des zionistischen - dar. Sie war das Werk und ihre Entstehung der Höhepunkt der politischen Laufbahn Chaim Weizmanns.
Die langsame Eroberung Palästinas durch die Juden vollzog sich in ständiger Auseinandersetzung mit der britischen Mandatsmacht und den Arabern. Großbritanniens Politik im Mittleren Osten basiert überlieferungsgemäß auf der Freundschaft mit den Arabern. 1942 sagte Churchill zu Weizmann: "Ich möchte Ibn Saud zum Herrn des Mittleren Ostens machen - zum Boß aller Bosse." Die Rücksicht auf die Araber verpflichtete England zur Eindämmung der jüdischen Einwanderung.
Zwischen 1919 und Anfang 1933 ließen die Engländer nur etwa 135 000 Juden nach Palästina herein. Nach 1933 - und insbesondere nach der Goebbelschen Kristallnacht im Jahre 1938 - blieb ihnen nicht viel anderes übrig, als den Fliehenden ein Asyl zu gewähren. Von 1933 bis zum Kriegsbeginn strömten 220 000 Juden, vorwiegend aus Deutschland und Oesterreich, nach Palästina. Ungefähr 450 000 Menschen zählte 1939 die jüdische Bevölkerung des Mandats.
Das Schwergewicht der jüdischen Politik begann sich nunmehr nach Palästina selbst zu verschieben. Der Palästina-Exekutivausschuß - bis dato nicht viel mehr als ein ausführendes Organ der Präsidentschaft der Jewish Agency - fing an, mit der Präsidentschaft um die Führung der jüdischen Sache zu konkurrieren. Persönlich gestaltete sich diese Entwicklung zu einem Kampf zwischen Ben Gurion und Chaim Weizmann. Ben Gurion ging aus ihm schließlich als Sieger hervor.
1933 hatte er sein Amt als Generalsekretär der Histadruht niedergelegt und war Mitglied des Exekutivausschusses geworden. Zwei Jahre später war er dessen Vorsitzender, also Ministerpräsident der jüdischen Selbstverwaltung im Britischen Mandat Palästina. Gleichzeitig trat er nunmehr als Vorsitzender der Mapai - der sozialdemokratischen Partei Israels - in Erscheinung. Die Mapai lebt mit der Histadruht in ähnlicher Symbiose wie die britische Labour Party zu den Gewerkschaften.
Chaim Weizmanns Führerstellung innerhalb der zionistischen Bewegung und der Jewish Agency zerbrach fast gleichzeitig mit der Ablösung Großbritanniens durch die USA im Orient. Im Herbst 1946 beschloß die Jewish Agency, keinen Präsidenten wiederzuwählen. Das bedeutete die Ausschaltung Weizmanns und zugleich die Erhebung Ben Gurions - als des Vorsitzenden des Exekutivausschusses - zum ersten Mann der zionistischen Bewegung. In seinen Memoiren notierte Weizmann bitter: "Fast die Hälfte der amerikanischen Delegation, von Rabbi Silver geführt, und ein Teil der palästinischen, geführt von Ben Gurion, hatten beschlossen, daß ich zu gehen hätte. Ich verließ den Kongreß sehr niedergeschlagen."
Fast genau ein Jahr später beschloß die UNO unter dem Einschluß der USA und der Sowjetunion die Teilung Palästinas nach Ablauf des britischen Mandats am 15. Mai 1948. Dem Teilungsplan, der Israel das westjordanische Palästina zusprach, stimmten die Juden zu, die Araber lehnten ihn ab.
Der Juden-Staat mußte nun um seine Existenz kämpfen. Aegypten, Transjordanien, Syrien und Libanon standen gegen die aus der Haganah - der jüdischen Heimwehr - hervorgegangene israelische Wehrmacht im Felde. Erst im Frühjahr und Sommer 1949 beendigten nacheinander die Gegner die Feindseligkeiten durch Waffenstillstände.
Die darin festgelegten Demarkationslinien sind noch heute die Grenzen Israels. Die UNO-Friedenskommission hat es in dreijährigen Verhandlungen noch nicht einmal vermocht, Juden und Araber an einen Tisch zu bringen. An einen Friedensvertrag ist nicht zu denken. Der Waffenstillstand beließ Israel ein Gebiet von rund 20 660 qm (etwa die Größe von Rheinland-Pfalz) mit einer Bevölkerung von etwa 0,9 Millionen Menschen, von denen 120 000 Moslems und 50 000 Christen sind. Fast 50 Prozent von ihnen wohnen in den drei Großstädten des Landes Tel Aviv, Jaffa (300 000), Haifa (145 000) und Jerusalem (150 000). Jerusalem gehört Israel nur zum Teil. Die Altstadt - und mit ihr die Heiligen Stätten, darunter auch die berühmte Klagemauer - blieb in der Hand der Araber.*)
Nach der Eliminierung der aktuellen äußeren Gefahren begannen nach und nach die bis dahin latenten inneren Spannungen Israels in Erscheinung zu treten. Ihr empfindlichster Ansatzpunkt: die Immigranten und das Immigrationsproblem.
Die zunächst in Arbeitslagern untergebrachten Neu-Einwanderer bekommen durchschnittlich 4 Dollar pro Tag. Aber viele Arbeitslager-Insassen arbeiten nur drei Tage in der Woche. Den Kleinhändlern aus Marokko, dem Jemen und Irak schmeckt die körperliche Arbeit nicht. Einige sind darauf gekommen, daß man in den Städten leichter und schneller Geld verdienen kann, nämlich durch Schwarzhandel.
Aber die zum Schwarzhandel notwendigen Erfahrungen und amerikanischen Beziehungen besitzen vor allen Dingen die nun schon eingesessenen Juden. Hier zeichnen sich eine soziale Gliederung und zugleich nicht ungefährliche Klassengegensätze ab.
Sie werden verschärft durch religiöse Momente. Gesteuert von ihren Rabbinern, die um den Einfluß auf ihre alten Gemeindemitglieder
fürchten, wehren insbesondere die asiatischen, aber auch kürzlich aus Rumänien eingetroffenen Juden sich gegen die Erziehung ihrer Kinder in modernen Schulen. Ihre Parteien - vereinigt im Religiösen Block - möchten am liebsten das gesamte Erziehungswesen unter klerikale Aufsicht nehmen.
An einer solchen Frage scheiterte im Februar 1951 Ben Gurions erste Regierung. Sein zweites Kabinett kam erst im Herbst 1951 nach langwierigen Verhandlungen zustande. Zwar war seine Partei - die Mapai - in den letzten Wahlen am 30. Juni 1951 mit 47 Sitzen im Knesseth die größte Partei geblieben, aber die absolute Mehrheit hatte sie (bei einer Gesamtzahl von 120 Sitzen) nicht erzielt. Eine Koalition mit den zur zweitgrößten Partei (30 Sitze) aufgestiegenen Allgemeinen Zionisten kam wegen der kapitalistischen Tendenzen dieser Fraktion nicht zustande. So blieb Ben Gurion nur eine Verbindung mit dem Religiösen Block übrig.
Der Schwerpunkt der Einwanderung hat sich im Jahre 1951 von den europäischen auf die afrikanisch-asiatischen Emigrationsländer verlegt. Noch 1948 nahm Zentraleuropa (mit 21 Prozent der Einwanderer) den zweiten Platz hinter Osteuropa mit 46 Prozent ein. Asien und Afrika stellten damals nur 11 Prozent und der Balkan 19 Prozent. 1950 dagegen war Asien-Afrika bereits mit 25 Prozent an die zweite Stelle gerückt, hinter Osteuropa mit 35 Prozent, aber vor den Balkan (20 Prozent) und Zentraleuropa (16 Prozent). Die rund 180 000 Einwanderer des Jahres 1951 aber sind ihrer geographischen Herkunft nach zum bei weitem größten Teil Asiaten und Afrikaner. Den Juden europäischer Zivilisation droht eine langsame "Ueberfremdung" durch die orthodoxen Neu-Einwanderer.
Die Koalition mit dem Religiösen Block bedeutet für Ben Gurion das Aufgeben vieler seiner beabsichtigten Reformen, so unter anderem auch der Vereinheitlichung der zur Zeit bestehenden vier Schulsysteme. Aehnlich sieht es auf dem Gebiet der Rechtsprechung aus, die noch immer zu großen Teilen in den Händen der Rabbiner liegt.
Das ist auf die Dauer mit den zum Teil hypermodernen sozialen Verhältnissen des Landes nicht vereinbar. Die dörflichen Siedlungen des Landes stellen Gemeinschaftsformen dar, die ganz neue rechtliche Begriffe erforderlich machen.
Im Juni 1951 feierte Israel die Gründung seiner 500. Dorfsiedlung. Fast die Hälfte
dieser Siedlungen sind sogenannte "Kibbutzim": Siedlungsgemeinschaften, in denen es nach Kolchosen-Art keinen persönlichen Besitz gibt; selbst außerhalb des Kibbutzim erworbenes Gehalt geht in die gemeinsame Kasse. Daneben gibt es etwa 130 "Moschavim", in denen zwar persönlicher Landbesitz, aber keine Landarbeiter und Angestellten zugelassen sind.
Neuerlich aber verstärken sich selbst in den ältesten Kibbutzim die Tendenzen nach Wiedereinführung des Privatbesitzes. Ein Schritt in dieser Richtung wurde mit der Wiederzulassung von Arbeitern in den Moschavim und Kibbutzim im Herbst 1951 getan. Ueberhaupt zeigt das Anwachsen der kapitalistischen Allgemeinen Zionisten (von 7 auf 30 Knesseth-Sitze) eine allgemeine Richtung in der breiten Masse der Bevölkerung an. Je mehr die patriotische Frühlingsstimmung des Jahres 1948 verraucht, die wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten stärker und ermüdender in Erscheinung treten, desto mehr macht man der Mapai-Regierung den Vorwurf der Knebelung der Privatinitiative oder umgekehrt: man beschuldigt sie einer zu laxen "sozialistischen Moral", wie die Mapam es tut.
Die Erbitterung dieser Auseinandersetzungen hat dazu geführt, daß einzelne Kibbutzim in feindselige Fraktionen zerfallen sind. Wo man bisher an einer gemeinsamen Tafel zu Mittag aß, hat man sich jetzt in zwei oder drei und sogar vier Tische getrennt. Es gibt Schlägereien zwischen den Anhängern der Regierungspartei Mapai und Mapam-Leuten.
Nicht nur die Landwirtschaft ist fast zu 50 Prozent nach sozialistischen Prinzipien organisiert: die Industrie, die Verkehrswirtschaft und der Handel befinden sich zum großen Teil in den Händen der Histadruth. Diese Tatsache machen die Allgemeinen Zionisten dafür verantwortlich, daß die industriellen Möglichkeiten des Landes nicht genügend ausgeschöpft seien. Tatsächlich verfügt Israel zur Zeit nur über eine mangelhafte industrielle Ausstattung: die Oelraffinerie in Haifa, die aber wegen der Unterbrechung der Oelleitung von Mossul durch die Araber seit Jahren stillliegt; einige Baumwollspinnereien, Konserven-, Schokolade- und Marmeladenfabriken und die am Toten Meer stationierte Pottasche- und Bromproduktion.
Es ist allerdings schwer einzusehen, wie Israel bei dem Mangel an Kohle, Erz und anderen Bodenschätzen eine ertragreiche Industrie entwickeln soll. Die größten Möglichkeiten des Landes, seine zur Zeit noch hoffnungslos passive Zahlungsbilanz
auszugleichen, bietet eine hochgezüchtete Landwirtschaft. (Im 1. Halbjahr 1951 importierte Israel für rund 52,5 Millionen Israel-Pfund, sein Export hatte einen Wert von 11,1 Millionen Pfund. Blieb ein Minus von rund 41,4 Millionen Pfund.)
Die Entwicklung eines ertragreichen Kibbutzim aber erfordert
* langfristige Gelder und
* viel aufopfernden Geist.
Palästina ist - vom land- und forstwirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen - fast vollkommen verwahrlost. Die Wälder der Gebirge sind schon im Altertum so gut wie restlos abgeholzt worden. Die Siedlungsarbeit beginnt daher stets mit der Entfernung der Geröllmassen und der Anpflanzung von humusbildenden Pflanzen und schattenspendenden Bäumen. 10 bis 15 Jahre dauert es, bis eine Siedlung sich selbst ernähren kann. In der Wüste Negeb - dem keilartig bis zum Roten Meer vorstoßenden südlichen Landesteil - erfordert die künstliche Erschließung von Wasserquellen oft noch mehr Geld, mehr Entbehrungen und mehr Zeit.
Das Problem der landwirtschaftlichen Entwicklung Israels ist erst seit den Tagen des jüdisch-arabischen Krieges 1948/49 in seinem vollen Umfange erkennbar. Damals verjagte Israel 876 000 arabische Fellachen; etwa 120 000 konnten sich halten. Mit einem Schlage zeigte sich, daß der Siedler-Enthusiasmus der alten Zionisten doch nur einen verhältnismäßig dürftigen, wirtschaftlich und sozial bei weitem nicht ausreichenden Effekt erzielt hatte. Die Statistiken des Jahres 1950 wiesen nach, daß fast 50 Prozent der Einwanderer dem alten Hang zur Großstadt gefolgt waren, daß weitere 30 Prozent sich in den mittleren und kleinen Städten des Landes angesiedelt hatten, während nur 6,3 Prozent in den Kibbutzim und 5 Prozent in den sonstigen dörflichen Siedlungen Unterkunft und Arbeit genommen hatten.
Die Regierung versucht, die durch die arabische Auswanderung bzw. Vertreibung gerissenen Lücken mit den neuen Einwanderern zu stopfen. Sie sind jedoch zur Landarbeit besonders ungeeignet und unwillig. Den Asiaten und Afrikanern fehlt in ihrer Geschichte jegliche Berührung mit den Gedanken der Bodenverwurzelung und der Heimattreue, die den europäischen und Ostjuden einen ideologischen Impuls zur Umstellung auf den bäuerlichen Beruf vermittelt hatten.
1,4 bis 1,5 Millionen Menschen zählt jetzt die Bevölkerung des Staates Israel. Pro Monat wanderten im vergangenen Jahr ungefähr 15 000 Juden in Israel ein. Bei etwa 2 Millionen, hofft man, werde das Immigrationsprogramm abgeschlossen sein. Auf Jahrzehnte hinaus wird Israel von der Philantropie der amerikanischen Juden und der Vereinigten Staaten abhängig bleiben. Ohne deren Hilfe ist an die glückliche Beendigung des säkularen Experiments der Rückführung und der Bodenverwurzelung der Juden nicht zu denken.
Darüber hinaus umdrohen den Judenstaat immer noch außenpolitische Gefahren. Nicht umsonst stellt der Wehrmachtsetat den weitaus größten Posten des israelischen Budgets dar. 7,5 Millionen Israel-Pfunde gaben die Juden 1949/50 für ihre Rüstung aus. Zwei Jahre müssen sie - einschließlich einer neunmonatigen Landwirtschaftsdienstzeit - Soldaten sein. Als nächstgrößte Budgetposten folgen erst mit weitem Abstand die Unterstützung der Kriegsveteranen mit 3,6 Millionen, die
Immigration mit 2,275 Millionen und die Polizei mit 2,55 Millionen Israel-Pfund. (1 Israel-Pfund nominell gleich einem Pfund Sterling. Tatsächlich sehr viel weniger.)
200 000 an der Waffe ausgebildete Männer und Frauen kann Israel im Kriegsfalle aufbringen. Davon dürfte rund die Hälfte wirklich frontverwendungsfähig sein. Mit dieser Truppe stellt Israel neben der Türkei die bedeutendste nationale Kampfkraft im Orient dar. Diese Tatsache hat Israels Außenminister Mosche Scharett erst kürzlich in die Waagschale geworfen, als die Verhandlungen um die Bildung eines gemeinsamen Oberkommandos im Mittleren Orient an der obstinaten Haltung Aegyptens scheiterten. Anfang November erklärte Scharett, daß Israel sich entschlossen habe, eine Neuorientierung seiner Außenpolitik vorzunehmen. An die Stelle der bisher neutralen Haltung ist die Bereitschaft getreten, mit dem Westen zusammenzuarbeiten.
Ein soeben aus Palästina zurückgekehrter jüdischer Professor der Universität Barcelona berichtete: "Israel wird von Washington gedrängt, sich offen für den Westen und für den Beitritt zu dem geplanten Mittelost-Oberkommando zu entscheiden. Die Mehrheit der Israeliten ist dafür, dagegen die starke und ausgezeichnet organisierte Minorität der Mapam. In der zweiten Novemberwoche erklärte der Sowjetbotschafter in Tel Aviv dem Außenminister Mosche Scharett: Wenn Israel dem Mittelost-Oberkommando beitritt, werden wir die zwei Millionen Juden in Rußland als Geiseln betrachten. Sie wissen ja, was Hitler mit den Ostjuden getan hat. Ministerpräsident Gurion besprach sich mit allen Parteien des Knesseth. Niemand wollte es verantworten, daß die Russen ihre unverblümte Drohung wahrmachen. Man hielt dies keineswegs für leere Worte. Andererseits erhofft sich Israel von dem Beitritt zum Mittelost-Oberkommando eine effektive militärische Garantie seiner Grenzen gegen den Haß der Araber."
Der Augenblick für diese außenpolitische Wendung war gut gewählt. Großbritanniens arabische Karte hat durch den Konflikt mit dem Iran und Aegypten erheblich an Wert verloren. Um so mehr zählt der amerikanische Wunsch auf die Schaffung einer wirksamen Verteidigungsorganisation gegen die Sowjets. Israel sieht durchaus Vorteile, hierbei mitzumachen. Auf jeden Fall sichert ihm eine Beteiligung die dringend notwendige amerikanische Sympathie; möglicherweise kann aber auch auf dieser internationalen Ebene endlich eine Regelung mit den arabischen Staaten erzielt werden, die Israel einen dauerhaften Frieden sichert.
Eine schrittweise Befriedung der Beziehung Israels zu den Arabern würde - so hoffen nicht zuletzt die israelitischen Kapitalisten - den Weg für eine neue Staatskonzeption freimachen, die der Natur des jüdischen Volkes mehr entsprechen würde als die Ben Gurions. Seine sozialistische Neigung und mehr noch sein
Drängen auf die Schaffung eines bodenständigen jüdischen Bauerntums erfordern eine zu grundsätzliche und darum kostspielige Umerziehung. Man möchte in den großen Handelsmetropolen Jaffa und Haifa aus Israel gern ein neues "Phönizien" machen: einen Handels- und Industriestaat für den gesamten Orient.
Diese Konzeption schließt die Möglichkeit einer jedenfalls teilweisen Rückführung der 876 000 Araber-Flüchtlinge ein. Man würde den Fellachen das den Israeliten sowieso häufig wesensfremde nationale Arbeitsfeld der Landwirtschaft überlassen können Zugleich wäre damit die für diese Konzeption notwendige Entgiftung des arabisch-israelitischen Verhältnisses gefördert.
Vorläufig jedoch sind dies Gedankengänge, die man im Israel Ben Gurions nicht laut äußern darf.
Immerhin mußte Ben Gurion Anfang Dezember der wachsenden Opposition der Allgemeinen Zionisten eine schmerzliche Konzession machen: die Jewish Agency beschloß, von nun an werde nur noch die Einwanderung von arbeitsfähigen und arbeitswilligen Juden unter 35 Jahren staatlich gefördert. Das neue Auswahl-Immigrationsprogramm rührt an das israelitische Staats-Ethos: "die Heimkehr des Volkes, die Heimkehr aller Juden".
Als Ben Gurion in der Deutschland-Debatte des Knesseth sagte: "Wir müssen versuchen, von den Deutschen so viel Geld als möglich zu bekommen", war das auf die 600 000 Juden im Ausland gemünzt, die Israel in den nächsten vier bis fünf Jahren aufnehmen will. Er zitierte einen Brief Bundeskanzler Adenauers, wonach Westdeutschland bereit ist, seine Schuld in einem mehrjährigen Reparationsprogramm in Gestalt von Warenlieferungen abzutragen.
[Grafiktext]
HEIMKEHR DES VOLKES
Die jüdische Rückwanderung nach Palästina
von der Gründung des Staates Israel
(15. Mai 1948) bis Oktober 1951
DEUTSCHL. 7 680
AMERIKA 8 920
PERSIEN 11 780
UNGARN 12 780
UdSSR 15 480
TSCHECHOSL. 17 900
ÜBR.EUROP. 24 550
BULGARIEN 35 700
YEMEN 45 400
AFRIKA 71 500
ÜBR.ASIEN 73 900
POLEN 102 600
RUMÄN. 114 500
IRAK 120 700
PALÄSTINAS
BEVÖLKERUNG
IN 1000
JUDEN ARABER
1882 24 800
1939 450 900
1951 1400 120

(STAAT ISRAEL)
[GrafiktextEnde]
*) Die Oppositionspartei Mapam ist aus der Regierungspartei Mapai hervorgegangen.
*) Ende November demonstrierte erstmalig eine ganze Immigrationsgruppe (aus Indien) in Tel Aviv mit Transparenten: "Wir wollen heim!"
*) Chaim Weizmann: "Memoiren", erschienen bei J. P. Toth, Hamburg, 699 S., 24, - DM.
*) Jerusalem ist seit 1950 Sitz der Regierung. Nur Außenminister Mosche Scharett blieb in Tel Aviv.

DER SPIEGEL 4/1952
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