30.01.1952

MUSIK / PHÄNOMENLady mit Trick-Kehle

(s. Titel)
Die Schallplattenleute der deutsch-englischen Teldec rechnen sich für ihre zweite, im März in Deutschland erscheinende Aufnahme mit der Indianerin Yma Sumac reelle Bestseller-Chancen aus. Die beiden Schallplattenseiten mit "Najalas Klage" und "Vögel" werden wahrscheinlich wieder dasselbe unglaubige Staunen bei den Musiksachbearbeitern der Rundfunksender und beim Publikum hervorrufen wie schon die erste deutsche Sumac-Platte. Daß die instrumental anmutenden Spitzentöne der Sumac, die in Augenblicksschnelle aus Wolkenkratzerhöhe über ein ungestuftes Glissando in die Kellerregion des menschlichen Stimmumfangs rutschen, ein- und derselben Singstimme angehörten, daß sie überhaupt von einem Kehlkopf produziert wurden, erschien unglaublich.
Die Hollywooder Schallplattenfirma Capitol mußte Yma Sumacs wegen sogar einen Prozeß führen. Man warf der Firma böswillige Täuschung der amerikanischen Musikfreunde vor. Capitol so hieß es spreche nur aus Reklamegründen von einer einzigen Sängerin In Wirklichkeit müsse es sich um mindestens drei verschiedene Stimmen handeln: um eine männliche, eine tiefe und eine hohe weibliche Stimme.
Der Capitol-Anwalt brachte Yma Sumac mit in den Gerichtssaal. Nach einem einzigen Riesen-Glissando, einer blitzschnellen Verwandlung vom Bariton zum Koloratursopran, erübrigte sich das Verlesen seiner Verteidigungsschrift. "Yma", so heißt es in dem Prozeßbericht, "begann dunkel brodelnd wie eine Tigerin. Noch nicht eine Minute später war daraus das helle Zwitschern einer Lerche geworden."
Die singende Indianerin Sumac wirft alle Vorstellungen von der menschlichen Gesangsstimme mit ihren verschiedenen Lagen - der männlichen Tiefe von Baß und Tenor und der weiblichen Höhe von Alt und Sopran - über den Haufen. Sie beherrscht einen Tonumfang von über vier Oktaven: von den tiefen, baritonalen Lagen bis hinauf in die höchsten Sopran-Höhen.
Yma Sumacs Auftreten in New York wurde als das größte musikalische Ereignis in der Geschichte dieser Stadt bezeichnet. Und der Musikkritiker der berühmten antifaschistischen Zeitung "La Prensa" in Buenos Aires fügte kurz vor Perons Verbot seiner Zeitung hinzu: "... in der Geschichte unserer Zeit."
Der "Hollywood Reporter", die "Times" der Unterhaltungspresse, kommentierte: "Miß Sumacs Stimme ist einzig. Es hat nie dergleichen gegeben und wird höchstwahrscheinlich nie mehr so etwas geben. Sie kann knurren wie eine beutegierige Bulldogge und zwitschern wie eine nachtmahlhungrige Nachtigall. Jede Note, vom Kontra-Alt zum Koloratursopran durch vier volle Oktaven, ist fest, genau und glockenrein"
Das Unterhaltungsblatt "Variety" spricht von der "mühelosen Virtuosität der peruanischen Drossel, die als aufregende, roteingehüllte Legendengestalt auftritt und nur tut, was man von ihr erwartet - nämlich singen." Einige Zeilen später beschreibt der "Variety"-Mann die Vieroktaven-Sängerin als "Lady mit der Trick-Kehle".
In Buenos Aires wurde Yma von mehreren Universitätsprofessoren untersucht, die zur Aufklärung des Stimmphänomens über 300 Photos von ihrer Kehlkopfapparatur anfertigten Es ergab sich, daß Ymas Kehlkopf "überdurchschnittlich groß und in Kanäle aufgeteilt ist".
Sogar im heimatlichen Khechuadorf hoch in den peruanischen Anden argwöhnte man daß es in Ymas Stimmapparat nicht mit rechten Dingen zugehe, und der Dorfmedizinmann beschäftigte sich mit der Austreibung der "bösen Jaguarund Nachtigallengeister" aus ihrer Kehle. Doch das unheimliche Stimmphänomen widerstand allen Beschwörungsformeln.
Bereits vor Yma Sumac hat es Vieroktavenstimmen gegeben, u. a die Feuerwerks-Stimme von Erna Sack. Doch kein Kenner kann sich erinnern, daß irgendeine andere Stimme Ymas Ausgeglichenheit in allen Tonlagen, ihre stupende Tonreinheit und fließende Uebergangstechnik gehabt hat.
Dem amerikanischen Musiktheoretiker Hollace E. Arment von der Auburn University erscheint Ymas Stimme als "ein Guckloch in die Vergangenheit". Dr. Arment meint, daß vor der Geburt der Mehrstimmigkeit (etwa im 10 Jahrhundert) die menschliche Stimme einen viel größeren Tonumfang aufwies als heute.
Ymas exotische Abkunft macht sie natürlich zur Idealgestalt jedes Broadway-Presseagenten. Sie hat die Phantasie der "Aufbausch-Leute" so angeregt, daß man sie nacheinander als "Goldene Jungfrau des Sonnengottes" und "Letzte Inkaprinzessin" ausgegeben hat. Die Abreise der "Auserwählten Maid" aus dem heimatlichen Khechuadorf soll 30 000 Indianer zu einem wilden Massenaufstand provoziert haben.
Diesen absurden Legenden folgte schließlich das Gegengerücht, Yma sei von A bis Z von den Reklameagenten erfunden worden. In Wirklichkeit sei sie aus Brooklyn gebürtig, heiße Amy Camus und sei auf exotisch aufgebügelt worden, indem man ihren Namen herumdrehte.
Dabei ist Ymas Vorgeschichte wirklich phantastisch genug. Sie reicht in ein 3600 m hoch gelegenes Indianerdorf in den peruanischen Anden zurück, in dem Yma vor 24 Jahren als Tochter einer Vollblutindianerin und eines Mestizen geboren wurde.
Der peruanische Generalkonsul in New York hat offiziell bestätigt, daß sie in der Tat von mütterlicher Seite aus von dem letzten Inka-Kaiser Atahualpa abstammt.
Yma, 1927 geboren, war das Nesthäkchen unter sechs Geschwistern. Darauf legt sie heute größten Wert: das jüngste Kind ist nach Inka-Tradition der eigentliche Träger des königlichen Blutes.
Deshalb galt Yma Sumac unter den nur noch wenige Häupter zählenden Mitgliedern ihres Stammes schon als heilig, bevor sie zu singen begann. Mit acht Jahren wurde sie auf Stammesbeschluß zur ersten Sängerin im Inka-Tempel von Ichocan ernannt. Wenige Monate später war Yma Sumac für alle heute noch lebenden Inkas ein Begriff. Sie galt als "Xtabay". Das bedeutet: Die Auserwählte unter den Weibern. In dieser Bedeutung kommt das Wort Xtabay auch in der Inka-Bibel vor.
Schon mit acht Jahren sang Yma religiöse Festlieder vor 25 000 Sonnenanbetern. Mit 13 Jahren wurde sie von einem Regierungsbeamten bei den Feiern des Sonnenfestes entdeckt. Das Unterrichtsministerium in Lima entsandte eine Delegation in das 16 Tagereisen entfernte Bergdorf, um Yma zum Auftreten in der peruanischen Hauptstadt zu bewegen.
Der junge Komponist Moises Vivanco, der kurz vor Ymas erstem Konzert die aus 46 Indianern bestehende Compañia Peruana de Arte gegründet hatte, überredete Yma, seiner Gesellschaft beizutreten. Der Widerstand der Mutter wurde durch eine Molieresche Intrigue umgangen: Yma entwickelte plötzlich unstillbaren Appetit für die in den Limaer Abendschulen verabreichte Bildung. Mutter Sumac fiel es nicht weiter auf, daß Ymas Hausaufgaben ausschließlich aus Gesangsübungen bestanden.
Nach Ymas erfolgreichem Radiodebut in Lima erhielt sie einen Kontrakt von dem argentinischen Sender Belgrano. Ungefähr zur gleichen Zeit, im Sommer 1942, unterzeichnete die damals 14jährige Yma den Ehekontrakt mit Monitor Moises Vivanco, der bis heute noch nicht ausgemacht hat, ob er sich "zuerst in die Stimme oder zuerst in die Person verliebte".
Südamerika wurde von Yma im Sturm erobert. Sie trat in den größten Kasinos von Rio de Janeiro und Buenos Aires auf, sang in mexikanischen Schallplattenstudios und chilenischen Konzerthallen, spielte in einem argentinischen Film. Doch die südamerikanischen Honorare hielten nicht mit der südamerikanischen Kunstbegeisterung Schritt. Wie so viele Künstler vor ihr, widerstand auch Yma nicht der Anziehungskraft des Dollarmagneten USA.
Die USA zeigten sich zunächst gegenüber Yma nicht sehr spendabel. Das aus Yma, Vivanco und Ymas Cousine Cholita Rivero bestehende "Inca Taky Trio", zu dem Moises seine Compañia Peruana vor dem USA-Start kondensiert hatte, arbeitete in den ersten vier USA-Jahren (von 1946 bis 1949) nur insgesamt etwa 70 Wochen. Die drei traten als Gesangs- und Tanzeinlage bei Frauenabenden. Geschäftskonventionen, Wohltätigkeitsveranstaltungen auf Schon bald mußten sie die anfangs bezogene Zimmerflucht im Waldorf Astoria Hotel mit einem Winkelappartement in dem Bohèmeviertel Greenwich vertauschen. Die Dinge entwickelten sich vorübergehend so schlecht, daß Vivanco sich
von der Kunst auf den Import von peruanischem Thunfisch verlegte.
Auch nachdem Yma bereits Erfolge bei einem panamerikanischen Konzert in Washington und einem Volksliedfest in der New Yorker Carnegie Hall gebucht hatte, mußte sie mehrere Male "wiederentdeckt" werden, bevor sie richtig einschlug. Der Schallplattengewaltige Walter Rivers von Capitol Records hörte sie 1949 in einem Nachtlokal im Ferienort South Fallsburg, dem "St. Moritz des Staates New York".
Er gab ihr einen Kontrakt, obwohl er keine Ahnung hatte, wie er die unverständlichen Inka-Lieder kommerziell auswerten könne. Yma wollte nur in ihrer khechuanischen Muttersprache singen, obwohl sie passabel englisch spricht. Doch beim letzten Auftreten in Los Angeles sang sie erstmalig einen amerikanischen Song.
1950 ließ Schallplattenkönig Rivers Ymas Kontrakt mit Capitol zunächst verfallen, doch auf Zureden eines eifrigen Impresarios gab er schließlich die Erlaubnis, das Schallplatten-Album "Voice of the Xtabay" aufzunehmen. Das Album blieb zunächst liegen.
Im August 1950 trat Yma auf der Freilichtbühne des riesigen Hollywood-Bowl auf. Nach Ymas brillanter "Hymne an die Sonne" brachen die 6000 Zuhörer in einen nicht endenwollenden Beifallssturm aus.
Am nächsten Morgen belagerten Filmproduzenten, Fernsehprogrammleute, Theaterdirektoren, Konzertagenten Ymas Hotelzimmer. Capitol warf das "Voice of the Xtabay"-Album mit dramatischem Deckblattphoto und kurzer Edelbiographie auf den Markt. Durch spontane Mund-zu-Mund-Reklame wurde das Album über Nacht zum Bestseller.
Die Capitol-Leute haben sich heute noch nicht ganz von dem Schock erholt. Sagt Capitol-Vizepräsident Livingston: "Es war die sensationellste Sache, die unsere Gesellschaft jemals herausbrachte, alle Menschen flogen darauf. Dabei ist die Sumac keine etablierte Persönlichkeit, nur wenige Leute haben sie jemals gesehen. Und wir haben keine Reklame gemacht, mit Ausnahme einer 7-cm-Annonce in einer Wochenschrift."
Seither ist Yma Sumac im New Yorker "Roxy"-Theater in einem Programm mit dem Starkomiker Danny Kaye und in mehreren Fernsehprogrammen aufgetreten. Hollywood überschlug sich mit Yma-Sumac-Filmprojekten, die exotische Inka-Kulisse lockte. Ein Hollywood-Produzent äußerte den Wunsch, sich "selber mit Füßen zu treten", weil er Yma vor einigen Jahren als "zu unpittoresk" für eine Indianerrolle ablehnte.
Schon nach Ymas ersten USA-Erfolgen verkündete ein hoher Inka-Priester: Yma Sumac habe das alte Inka-Königtum erneuert. Es lägen ihr mehr Menschen zu Füßen als dem Urvater ihrer Familie vor Hunderten von Jahren zur Zeit seiner größten Macht. Das aber wolle viel heißen, denn die Inkas seien der mächtigste Indianerstamm beider Amerika gewesen. Nur zu ihrer Zeit habe es in Amerika Kultur gegeben.
Trotzdem steht Yma Sumac nicht mehr auf gutem Fuße mit den Inkas. Für die Schallplattenfirma Capitol sang sie heilige Tempellieder auf Schallplatten. Das hatte vor ihr schon einmal der kubanische Schlagzeuger Chano Pozo getan. Eines Tages fand man ihn, durchlöchert von den Schüssen einer Maschinenpistole, in einer Bar in Harlem. Der Mordfall wurde nie aufgeklärt. Aber die Gerüchte verstummten nicht, daß Chano Pozo von seinem Glaubensgenossen ermordet worden sei, weil er heilige Gesänge in die Oeffentlichkeit getragen und damit entweiht habe.
Dieses Schicksal fürchtete man nun auch für Yma Sumac. Zwar war Chano Pozo Neger,
während Yma Sumac Indianerin ist, aber die Inkas Perus gelten seit je als die temperamentvollsten unter den in Lethargie gefallenen amerikanischen Indianern. Sie geben sich nach außen hin als Katholiken, pflegen aber trotzdem im geheimen die jahrhundertealten Bräuche ihrer Inka-Religion mit sektenhaftem Fanatismus. Darum wird Yma Sumac von einem Schwarm ausgewählter Detektive bei Tag und Nacht bewacht.
Die Titel der Lieder, die Yma Sumac in Hollywood für Capitol sang, sprechen für sich selbst: "Lied der erwählten Jungfrauen", "Heiliges Erdbeben", "Tanz auf dem Fest des Mondgottes", "Junge Frau, die dem Sonnengott gehört" und ähnlich heißen sie.
Einige dieser alten Inka-Lieder sang Yma ohne jede Begleitung. Der Hollywooder Arrangeur und Dirigent Les Baxter komponierte erst nachträglich die Instrumentalbegleitung dazu, die durch einen technischen Prozeß mit den Magnetophonbandaufnahmen von Yma Sumac synchronisiert wurde. So hören sich die Schallplatten an, als würde Yma Sumac in der üblichen Weise von einem Orchester begleitet.
Ymas Schallplatten werden von Capitol als "die beste finanzielle Investition der letzten Jahre" bezeichnet. Mehr als 100 000 Platten-Alben wurden bereits verkauft. Als vor einiger Zeit ein weiteres Schallplatten-Album mit 15 Titeln aufgenommen werden sollte, mußte New Yorks "Roxy", wo die Sumac auftrat, seinen Spielplan ändern. Die komplizierten Schallplattenaufnahmen von Ymas übermenschlicher Stimme konnten nur in den mit allen Raffinessen ausgestatteten Hollywooder Studios von Capitol erfolgen.
Yma hat sich bisher ziemlich wenig amerikanisiert. Die stolze, temperamentvolle Schönheit mit dem indianischen Gesichtsschnitt und den leicht verschleierten Danielle-Darrieux-Augen ist frei von der Vulgarität der Nachtlokal-Chansonette und von der manierierten Vornehmheit der Konzertdiva.
Ohne spezielles Operntraining sang sie in Südamerika Sopranpartien in "Rigoletto", "Traviata", die halsbrecherischen Koloraturen der Königin der Nacht in der "Zauberflöte". Trotzdem hat sich Rudolf Bing, der Manager der New Yorker Metropolitan Oper, bisher noch nicht entschließen können, den peruanischen Broadway-Star frisch vom Unterhaltungstheater weg an die berühmteste Oper der Welt zu verpflichten. Ein amerikanischer Kritiker fragte nach ihrem ersten Washingtoner Konzert: "Schläft die Met?"

DER SPIEGEL 5/1952
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