29.12.2001

NACHTLEBENAngela soll vor Freude schreien

Die Hauptstadt amüsiert sich nicht so prächtig, wie es ihr Ruf verlangt. Die Ausgehviertel im Osten sind fest in der Hand schwäbischer Touristen und flotter Unternehmertypen. Neue Projekte haben kaum Chancen bei Behörden und Verwaltung. Von Dirk Kurbjuweit
Vielleicht geschieht es ja doch noch. Vielleicht taucht eines Tages am Himmel über Kassel ein Luftschiff auf, das sich von Berlin her nähert. Die Menschen auf den Straßen gucken nach oben, und plötzlich ruft der Mann, der die besten Augen hat: Das Pferd kommt. Bald darauf sehen auch die anderen, dass ein riesiges Pferd an dem Luftschiff hängt, 13 Meter hoch, 13 Meter lang und 4 Meter breit, ein Pferd aus Holz.
Nun bricht große Freude aus unter den Kasselanern. In Scharen eilen sie zu ihrem größten Platz, um das hölzerne Pferd willkommen zu heißen. Das Luftschiff schwebt heran, das Pferd wird heruntergelassen, und schon beginnt die größte und beste Party, die Kassel je erlebt hat.
"Die Massen jubeln", sagt Dimitri Hegemann, 46, der die Geschichte vom hölzernen Pferd schon oft erzählt hat, und wie jedes Mal wanderte sein Blick bald nach halb oben, ins Nichts. Träumerisch sah er wieder aus, als würde er das Pferd wirklich heranschweben sehen, die Freude in den Gesichtern der Kasselaner, die Party, den Jubel. Und wieder hat er so lebhaft erzählt, als wäre das hölzerne Pferd nicht eine Erfindung von ihm, eine Traumgestalt, sondern als gäbe es dieses Pferd wirklich, und Hegemanns Bericht wäre ein Bericht aus der wahren Welt.
Er nimmt einen Schluck Brooklyn Lager, das Bier, für das angeblich einst Al Capone schießen ließ, und sagt: "Das Pferd würde die Stimmung im Land deutlich verbessern, es wäre Berlins Beitrag für eine fröhlichere Bundesrepublik."
In New York hat ihm mal jemand die Geschichte des Brooklyn Lager erzählt und den Namen Al Capone erwähnt. Da hat es Hegemann gleich importiert. Weil er Geschichten mag. Weil er sich seine Träume immer erfüllen will. Nun wird Brooklyn Lager in Hegemanns Berliner Läden verkauft, im Restaurant "Schwarzenraben", in der Kneipe "Markthalle", im Techno-Club "Tresor", in der Musikbar "Trompete". Es gibt kaum einen vergnügungswilligen Berliner und so gut wie keinen Hauptstadt-Touristen, der nicht schon einmal bei Hegemann getrunken, gegessen oder getanzt hat.
Er hat schon viel gemacht. Es ist nicht unmöglich, dass eines Tages am Himmel über Kassel ein hölzernes Pferd auftaucht, um der Provinz etwas vom Berliner "Spirit" zu bringen. Es gibt Baupläne, ein Modell, Kostenrechnungen, einen Briefwechsel mit der Berliner Kulturverwaltung.
Spirit ist eins von zwei Lieblingswörtern Hegemanns. Das andere heißt Vision.
Im Moment gibt es ein Problem mit dem Spirit in Berlin. Die Stadt amüsiert sich nicht so prächtig, wie sie eigentlich müsste, findet Hegemann. Das liege nicht am 11. September. Das liege vielmehr an einer hausgemachten Krise.
Symptome finden sich viele. Der Club "Maria am Ostbahnhof" muss dichtmachen. Das "WMF" musste viermal umziehen. Der "Tresor" ist von der Schließung bedroht. Zur Love Parade kamen in diesem Sommer 500 000 Besucher weniger als im Jahr zuvor.
Die Amüsierviertel Prenzlauer Berg und Mitte, die Berlin in den Jahren nach der Wende neuen Glanz gaben, wirken vor allem an Wochenenden wie Rummelplätze für schwäbische Touristen, ambitionierte Läden wie die "Riva Bar" oder das "Greenwich" verwandeln sich dann in Bierbuden. Die so genannte Szene flieht nach Friedrichshain oder zurück nach Kreuzberg. Zudem ist nicht mehr zu leugnen, dass Berlin die Woche über ziemlich müde wirkt, eher wie eine Stadt der Arbeit als wie eine Stadt des Amüsements. Nach Mitternacht ist kaum noch was los. Berlins schönste Bar, das "Reingold", ist wochentags auch zu früheren Stunden gähnend leer.
"Berlin braucht eine neue Vision", sagt Dimitri Hegemann und liefert sie selbst. Niemand in der Hauptstadt hat so viele Ideen für neue Vergnügungen wie er. Niemand kann so herrlich träumen und so lebendig davon erzählen. Und niemand scheitert so oft und so rührend. Denn der Träumer Dimitri Hegemann und seine Traumstadt Berlin finden so recht nicht zueinander.
Im "Schwarzenraben", seinem Restaurant in Mitte, wirkt er wie der Gast, der eigentlich nicht reinkommen dürfte. Er ist ja nicht schlank und hat nicht viele Haare, und die Jeans fällt etwas beulig, genauso der Pullover, und irgendwie ist ihm auch noch die ostwestfälische Herkunft ins Gesicht geschrieben.
So sieht man im "Schwarzenraben" eigentlich nicht aus. Es kommen eher die jungen Unternehmer mit ihren flotten Frauen und die aufgerüschten Touristinnen, die ihre Männer hier dazu zwingen, einmal nicht Bier zu trinken, sondern Wein. Dann trinken sie teuren Wein und essen teure Lammkoteletts mit Bananeneis, aber nicht nacheinander, sondern miteinander, das Bananeneis als Tunke für die Koteletts. Wenn man Glück hat, ist der Schauspieler Ben Becker da oder der Schriftsteller Maxim Biller, der, lacht mal hysterisch eine Frau, gleich grummelnd sagt: "So lacht man nur in Mitte." Womit er Recht hat.
Mittendrin sitzt Dimitri Hegemann, trinkt als Einziger ein rotblondes Brooklyn Lager und erzählt von seiner Vision "Berlin als Nachtstadt". Von dem halben Dutzend Projekten, die er im Kopf hat, ist ihm neben dem Pferd der Hauptstadt-Club das wichtigste. Nach einem Vorschlag des Modemachers Wolfgang Joop soll er "Rich" heißen, "reich".
So wie Hegemann erzählt, hat man gleich das Theater des Westens vor sich, befreit von den mäßigen Musicals, sparsam und stilvoll eingerichtet, so wie es Hegemann mit seinen Läden immer macht, etwa 3000 Leute im Alter zwischen 35 und 60 essen und trinken hervorragend, dazu "easy Tanz, und auch Frau Merkel hat Spaß". Irgendwo sitzt beiläufig David Bowie rum, und George Michael kommt mal lässig auf die Bühne gesteppt und singt 'ne Nummer. Hegemanns Blick ist wieder halb oben, im Nichts, und dann sagt er: "Alle sind vollkommen aus dem Häuschen, 3000 Leute drehen durch."
Seine Geschichten enden immer so: Die Massen jubeln. Vielleicht hat er das vermisst, als er Bassist bei Leningrad Sandwich war, einer Berliner New-Wave-Band, die Anfang der achtziger Jahre gern neben Imbissbuden auftrat und dabei pro Konzert sechs bis acht Zuschauer hatte. Vielleicht ist für ihn aber auch Jubel der höchste Ausdruck des Glücks, und er möchte Menschen glücklich machen. Beides ist denkbar bei Hegemann.
Mit dem erträumten "Rich" könnte er viele Berliner glücklich machen. Wer zwischen 35 und 60 ist und tanzen will, hat es schwer in dieser Stadt. Zwischen dem Stahlgewitter für die Jugend im "Tresor" und dem "Ball der einsamen Herzen" für die Rentner hat die Stadt wenig zu bieten.
Aber Berlin mag das Theater des Westens nicht hergeben. Dabei will Hegemann, sagt er, selbst kein Geld damit verdienen. Ihm reiche es, Ideenlieferant zu sein. Er schreibt Briefe und bekommt Absagen von der Stadtverwaltung. "Die sind stulle wie Brot", sagt Hegemann. Gemeint ist: ziemlich dumm.
Berlins Stärke, sagt er, sei das Nachtleben, sei die Anziehungskraft für kreative Leute, die gut arbeiten, aber auch gut feiern wollen. Diese Stärke sieht er bedroht. Vor allem der ewige Streit um die Love Parade zeige, wie wenig willkommen die Sub- und Feierkultur bei der Stadtverwaltung sei. Berlin habe jedoch genau von dieser Kultur stark profitiert. Paris ist schöner, in London kann man mehr Geld machen, aber Europas aufregendste Nächte gab es bislang in Berlin.
Wegen der niedrigen Mieten konnten die Leute auch "verrutschte Ideen" umsetzen. Nun sind die Mieten stark gestiegen, vor allem in Mitte. Hegemann selbst leidet darunter. Er musste bald feststellen, dass der "Schwarzenraben" zwar gut besucht ist, dass die Kunden willig hohe Preise zahlen, dass er aber nur Verluste macht. "In Mitte verdient außer den Immo-bilienmaklern niemand Geld", sagt er, wegen der hohen Mieten.
Dazu komme die "Kleingeistigkeit und Provinzialität, die Sturheit der Verwaltung". Im Sommer hatte er eine Menge Ärger, weil die Leute nachts draußen saßen und lauter waren, als die Lärmschutzverordnung erlaubt. "Warum dürfen wir noch nicht einmal lachen?", fragt Hegemann.
Im selben Moment steht Ben Becker auf, der am Nachbartisch gesessen hat. Er geht viel früher als üblich, wofür er Hegemann eine Erklärung zu schulden glaubt. Er kommt kurz vorbei und sagt, dass er noch einen Text lernen müsse. In der Lokalpresse hat er angekündigt, dass er von Mitte nach Kreuzberg ziehen wolle. Zu viel Schickimicki.
Nach Mitternacht schaut ein Kollege von Hegemann herein, der Wirt vom "Zucca", einer großen Bar unterhalb der S-Bahn-Bögen gleich um die Ecke. Hegemann sagt noch einmal, dass er kein Geld verdiene, dass niemand in Mitte Geld verdiene, worauf der Kollege trocken bemerkt: "Wir verdienen Geld, ganz gut sogar." Hegemann nimmt einen Schluck Al-Capone-Bier.
Auch das ist übrigens kein Geschäft für ihn. Er dachte, dass die Raver im "Tresor" Brooklyn Lager cool finden würden, wegen Al Capone und New York. Aber Hegemann musste lernen, dass die jungen Berliner nicht so auf Geschichten stehen wie er selbst. Sie trinken bei ihm weiterhin Beck's, weil die Flasche fünf Mark kostet und Brooklyn Lager sechs Mark, "wegen shipment und so". Macht aber nichts, dann trinkt es Hegemann eben selbst.
Er kann ganz gut mit Niederlagen leben. Das liegt an seinem Gemüt, das sich Aufregung eher selten gestattet, das liegt aber auch an dem Geld, das er mit dem "Tresor" verdient. Denn einmal hatte der Träumer Dimitri Hegemann den richtigen Traum. Das war der Traum von einer neuen Musik für das neue Berlin und einem Tanzraum dafür.
Als er 1989 in Chicago war, hörte er dort eine Band aus Detroit, Final Cut. Ziemlich harte, metallische Beats waren das. "In Detroit", sagt Hegemann, "wollte das keiner hören, in Berlin hatten alle drauf gewartet." Es fehlte nur der Raum, in dem zu dieser Musik getanzt werden konnte. Hegemanns erster Club, das "Ufo", war von der Polizei geschlossen worden.
Aber die Mauer war nun offen, und als Hegemann durch die neue Mitte streifte, fand er an der Leipziger Straße ein leer stehendes Gebäude, das einst ein Kaufhaus war. Am 15. März 1991 eröffnete er dort den Club "Tresor", die Wiege des Techno in Deutschland.
"Das war ein Hype, ein richtiger Thrill", sagt Hegemann, "es krachte sofort los. Der 'Tresor' war keine West-Disco, keine Ost-Disco, wir verständigten uns über Musik." Die Massen jubelten. Das tun sie immer noch. Zehn Jahre sind ein langes Leben für einen Club.
Hegemanns nächster Traum war der "Tresor Tower", ein Haus über dem Club, 100 Meter hoch, in dem "die jungen Haircutter, die jungen Designer, die jungen Suppenköche" ihre Läden haben sollten. Er ließ Pläne zeichnen. Er hatte schon die "Schülergruppen aus Reutlingen" vor Augen, die "sich begeistert zurufen, wir sind alle im 'Tresor Tower' zum Einkaufen".
Aber die erlaubte Traufhöhe in Berlin liegt bei 22 Metern, und niemand in der Stadtverwaltung will Hegemanns Satz folgen, dass "eine große Stadt große Häuser braucht". Und niemand will die Subventionen zahlen, die nötig wären, um den jungen Suppenköchen günstige Mieten anbieten zu können. Stattdessen ging das Grundstück an einen der üblichen Investoren, der eines der üblichen Büro- und Geschäftshäuser bauen wird. Wenn die Bagger kommen, wird Hegemann den "Tresor" schließen müssen. Damit verliert die Stadt den Ort, der sie als Erstes weltweit cool gemacht hat.
Wieder eine Niederlage Hegemanns im Kampf gegen die Provinzialität Berlins. Er führt ihn so ideenreich und vehement, als hätte er ständig Angst, die Hauptstadt könne eines Tages so verschlafen sein wie Büderich in Ostwestfalen, wo er herkommt. Er erinnert sich an "viele Wiesen", ein streng katholisches Gymnasium und die Kneipe "Goldener Hahn", "wo alle nach der Schule hinrannten". Sein Leben spielte sich "in einem Radius von 18 Kilometern ab, man stieß immerzu an Grenzen". Nur die Träume und die Musik holten ihn da stundenweise raus, "Jimi Hendrix und so, ich bin ja Althippie".
Wegen der Musik ging er 1978 nach Berlin, studierte Musikwissenschaft und zog "blinded by the light durch die Nacht". In den "Dschungel", den damals coolsten Club, kam er allerdings meist nicht rein. Berlin, seine Traumstadt, war nicht grenzenlos. Ringsum sah Hegemann Leute, die "nur abhingen und sich was reinknallten. Wir waren einfach nicht glücklich".
Er zog in eine ehemalige Schusterwerkstatt in der Kreuzberger Wrangelstraße, zimmerte ein Rednerpult und lud samstags Leute ein. Daraus wurde das legendäre "Fischbüro", eine "Art Umerziehungslager, vom Konsumenten zum Produzenten". Hegemann forderte seine Gäste auf, Geschichten zu erzählen, und das taten sie dann auch, der eine redete über seine Jacke, der andere las aus seinem privaten Telefonbuch, der Nächste trug Gedichte vor. Manchmal guckte man zusammen Softpornos. Es kamen immer mehr Leute.
Aus dem illegalen "Fischbüro" wurde das legale "Fischlabor", Hegemanns erste Erfahrung mit der Gastronomie. Er machte das Musikfestival "Berlin atonal", wo Bands wie die Einstürzenden Neubauten auftraten, er machte Platten, er machte den Club "Ufo", und er machte Schulden, weil nichts so richtig Geld einbrachte. Der "Tresor" hat ihn finanziell gerettet.
Wegen Dimitri Hegemann gibt es nun auch einen "Goldenen Hahn" in Kreuzberg. Er hat den Laden 1992 in der Pücklerstraße eröffnet, in Erinnerung an die Kneipe, wo er sich die Beschwernisse der Schule weggetrunken hat. Der Kreuzberger "Goldene Hahn" hatte das Konzept, Kneipe, Laden und Poststation zu sein. In einem alten Kolonialwarenregal konnte man für zehn Mark im Jahr eine Postbox mieten. Hegemann fand die Idee toll, dass die Leute sich ihre Briefe in den "Goldenen Hahn" schicken lassen, sie vielleicht dort lesen und darüber erzählen. So sollten sich dort Geschichten sammeln.
Das Konzept ging nicht auf, und Hegemann hat den "Goldenen Hahn" bald abgegeben. Die "Markthalle" gegenüber in der Pücklerstraße gehört ihm noch.
Dort sitzt er jetzt, bei einem zweiten Gespräch, trinkt ein Brooklyn Lager und isst Schnitzel mit Bratkartoffeln. Dazu erzählt er Geschichten vom Schnitzel. Hegemann fällt zu so ziemlich jedem Thema eine Menge ein.
Die "Markthalle" ist mit viel Holz ausgestattet, wirkt aber nicht rustikal, sondern auf eine dezente Art modern. Das ist wahrscheinlich Hegemanns größte Stärke: Das Potenzial von Räumen zu erkennen und sie geschmackvoll einzurichten. Natürlich gehört eine Geschichte dazu, diesmal die von anrüchigen Holzhändlern.
Es ist voll in der "Markthalle", Kreuzberger Publikum. Niemand hat sich schick gemacht, um hier ein Bier zu trinken. Man kommt zum Reden, nicht zum Gucken oder Feiern. Vielleicht ist das ein Grund für den neuen Trend von Mitte nach Kreuzberg: Man will weg von diesen aufgedonnerten Läden, man will weg von den Touristen in ihrer aufgekratzten Sonderlaune, man will etwas ursprünglich Urbanes, das aber nicht trutschig sein darf. Die "Markthalle" ist so ein Ort.
Wenn die Leute nicht jubeln, dann sollen sie miteinander reden, meint Hegemann, und deshalb plant er neben dem Hauptstadtclub "Rich" einen "Club of Berlin". Er hat schon einen Raum für seinen Debattierclub gefunden, wie immer einen sehr schönen, im Schatten der Elisabeth-Kirche in Mitte, von Schinkel entworfen.
Hegemanns Blick wandert nach halb oben, und nun sitzen sie da in den schweren Fauteuils, "die guten, kreativen Leute", rauchen Zigarre, trinken einen Port, und die Zeitungen rascheln. Hier und dort kommen sie zwanglos ins Gespräch miteinander, "der 80-jährige Historiker und der Jungunternehmer", und aus diesen Gesprächen entwickelt sich ein neuer "Spirit, der Berlin wach rüttelt, ein bisschen Dekadenz, ein bisschen Club of Rome. Wir können auch mal die Politik beraten".
Die Realität sieht leider mal wieder völlig anders aus, weil der Gemeinderat der Kirche, "die 80-jährigen strickenden Omas", gegen Hegemanns Pläne gestimmt hat. So ist es ja immer: Die Lärmverordnung, die Traufhöhe, die Omas, Berlin setzt Hegemann eine Menge Grenzen.
Er hat noch eine Musikmesse im Kopf und ein Open-Air-Festival mit mindestens 100 000 jubelnden Leuten, aber von der Stadtverwaltung kommen nur Absagen, Bedenken. Für das hölzerne Pferd will ihm niemand die 237 640 Mark geben, die das Filmstudio Babelsberg für den Bau kalkuliert hat. Dabei hat er selbst schon an eine Wander- und Zeltordnung gedacht, damit sich die Menschen, die dem Pferd folgen werden, gesittet benehmen. Mit 10 000 Pilgern rechnet er, glückliche, jubelnde Menschen, die langsam hinter dem Pferd herziehen, denn "Entschleunigung ist das Thema". Ein Luftschiff für die großen Strecken, sonst Lastwagen oder Menschen, die das Pferd ziehen.
"Ganze Kolonnen setzen über den Rhein", sagt Dimitri Hegemann, und sein Blick ist sehr weit weg. "In den Dörfern schreien die Leute vor Begeisterung." Zwischendurch wird das Pferd "geparkt im Regierungsviertel", damit auch die Politiker etwas abkriegen von dem Spirit. Wäre doch schön, Angela Merkel einmal vor Begeisterung schreien zu hören.
Leider sagt jetzt die Kellnerin von der "Markthalle", dass sie eine zweite Runde Brooklyn Lager nicht bringen kann, weil keins mehr da ist. "Kann nicht sein", sagt Hegemann, er habe gestern noch eine halbe Kiste im Keller gesehen. "Die ist weg", sagt die Kellnerin, weiß aber auch nicht wohin, denn verkauft hat sie nichts.
"The horse sets over the Rhine", sagt Hegemann versonnen, und dann schweigt er eine Weile.
"Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll", sagt er schließlich, "ich komme nicht weiter." Er sieht "so eine Art Angst in Berlin, vor Träumen und Visionen. Die Leute trauen sich einfach nicht, mal was Verrutschtes zu machen". Von der Subkultur ins Kultur-Establishment ist es auch in Berlin ein sehr, sehr weiter Weg.
Hegemanns jüngster Traum ist der eines Kindes. In Amerika hat er alte Kinderbücher entdeckt, Geschichten über den Affen Curious George, der eine Menge Unsinn macht, aber am Ende kommt dann doch etwas Nützliches dabei heraus. Irgendwie hat das Hegemann so gefallen, dass er die Geschichten übersetzen und in Deutschland veröffentlichen ließ. Das hat ihn eine Menge Geld gekostet. Wahrscheinlich wird er es nicht wiedersehen, denn Curious George ist nicht gerade ein Verkaufshit. Aber das macht Hegemann nicht viel. Hauptsache, er hat mal wieder einen Traum verwirklicht.
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 1/2002
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