14.01.2002

Wirtschaft„Der Kunde ist emanzipiert“

Metro-Chef Hans-Joachim Körber über Rabattaktionen und Wettbewerbshemmnisse im Handel
SPIEGEL: Die umstrittene Rabattaktion der Bekleidungskette C&A zur Einführung des Euro hat für viel Wirbel gesorgt. Hat Sie der Vorstoß überrascht?
Körber: Es ist ein mutiger Vorstoß, und er hat eine Diskussion über die noch bestehenden Wettbewerbsbeschränkungen in Deutschland vorangetrieben.
SPIEGEL: Das geltende Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb (UWG) erlaubt befristete Preisreduzierungen nur unter strengen, genau definierten Voraussetzungen. Ist das noch zeitgemäß?
Körber: Ich halte diese Regelungen des UWG für völlig antiquiert. So enge Beschränkungen gibt es sonst nirgendwo in Europa. Sie sollten ersatzlos gestrichen werden. Es gibt ja eine natürliche Begrenzung, und das ist die Ertragskraft des Unternehmens.
SPIEGEL: Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels befürchtet, die Verbraucher verlieren die Übersicht, wenn das ganze Jahr Schlussverkauf wäre. Teilen Sie die Ansicht?
Körber: Ich halte das, mit Verlaub gesagt, für ein ziemlich schwaches Argument. Der Kunde ist heute emanzipiert. Und wenn wir vom mündigen Bürger reden, dann müssen wir auch dessen Schutzbedürfnisse anders definieren als vor 70 Jahren.
SPIEGEL: Dahinter steckt die Sorge, dass der Handel erst die Preise erhöht, um sie anschließend publikumswirksam zu senken. Am Ende blickt keiner durch.
Körber: Der Verbraucher ist doch nicht so naiv, dass er sich davon blenden ließe. Jeder hat für die meisten Artikel ein natürliches Preisgefühl im Kopf und erkennt Mondpreise sofort. Außerdem haben wir in Deutschland einen knallharten Preiswettbewerb. Dadurch werden sich solche Auswüchse zum Nachteil der Kunden sehr schnell korrigieren.
SPIEGEL: Andere Mahner warnen vor einem Ladensterben im Mittelstand, weil nur große Handelskonzerne einen dauerhaften Preiskampf durchhalten können.
Körber: Der Wettbewerb läuft ja nicht nur über den Preis. Dann müssten ja alle ihre Lebensmittel beim Discounter kaufen. Außerdem gab es die größten Konzentrationswellen, als die Gesetze noch strenger waren. Aber weil es kaum eine Branche gibt, in der man mit einer guten Idee so schnell ein Geschäft machen kann wie im Handel, stirbt der Mittelstand nicht aus.
SPIEGEL: Reicht eine Entschlackung, oder plädieren Sie für die völlige Streichung des UWG?
Körber: Es gibt durchaus sinnvolle Regelungen im UWG, zum Beispiel der Schutz von Kindern und Jugendlichen oder der Schutz vor irreführender Werbung. Auch andere Vorschriften, die eindeutig dem Verbraucherschutz dienen, sollten bestehen bleiben.
SPIEGEL: Vor einem halben Jahr wurden das Rabattgesetz und die Zugabeverordnung gestrichen. Was hat sich dadurch im Handel verändert?
Körber: Der größte Vorteil ist, dass wir heute Rabatte geben können, ohne ständig mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.
SPIEGEL: Metro hatte damals angekündigt, "alle möglichen Spielarten von Preisnachlässen und Zugaben konsequent zu nutzen". Mehr als die auch früher möglichen drei Prozent Rabatt gewähren Sie Ihren Kunden, die bei Real oder Kaufhof mit der Payback-Karte kaufen, aber immer noch nicht.
Körber: Bei den niedrigen Mengen im deutschen Einzelhandel ist ein generelles Einräumen von umfangreichen Rabatten auf Dauer wirtschaftlich nicht zu vertreten.
SPIEGEL: Warum räumen Sie nicht zumindest solchen Kunden höhere Rabatte ein, die für einen bestimmten Betrag im Jahr bei Ihnen einkaufen?
Körber: Das ist eine Möglichkeit, über die wir heute nachdenken können. Aber da stehen wir noch ganz am Anfang und müssen erst lernen, wie der Kunde auf solche Aktionen reagiert. INTERVIEW: KLAUS-PETER KERBUSK
Von Klaus-Peter Kerbusk

DER SPIEGEL 3/2002
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