14.01.2002

TERRORDer verlorene Said

Täglich wartet Anneliese Bahaji auf den Anruf ihres Sohnes Said, mit ihr warten CIA und BKA: Der Deutsch-Marokkaner, der in Hamburg bei Mohammed Atta wohnte und kurz vor dem Anschlag verschwand, steht ganz oben auf der Fahndungsliste. Von Dominik Cziesche und Alexander Smoltczyk
Eingemauert hinter ihrer Schrankwand im altdeutschen Stil, mit Schmuck-Bierseideln und dem goldgeprägten Meter Buchklub, sitzt Anneliese Bahaji und sagt, dass es nicht so einfach sei mit Multikulti.
Gleich hinter der Schrankwand liegt Meknès, eine der marokkanischen Königsstädte. Weiße Häuser auf einem Hügel, ein Art-déco-Kino, Minarette und in den Gassen der Geruch schwelender Müllhaufen. Eine Stadt mit scharfen Schatten und Greisen, die in Minztees rühren. Aber das ist weit weg, von Anneliese Bahaji getrennt durch eine undurchdringliche Wand aus Butzenscheiben und Gardinenstores, lustigen deutschen Sinnsprüchen und dem ewigen Drehkalender einer Kreissparkasse.
Irgendwo da draußen, jenseits der Stadt, ist jetzt ihr Sohn. Und wenn sie nicht hier in Meknès sitzen müsste, wenn sie doch niemals hierher gezogen wäre, dann steckte der jetzt womöglich nicht so im Schlamassel: ihr verlorener Sohn Said.
"Saidchen", sagt Anneliese Bahaji. "Said Bahaji, im Verdacht des mehrtausendfachen Mordes", sagen die Fahndungsplakate auf den Flughäfen, an den Grenzposten und in den Kommissariaten zwischen Islamabad und Hamburg-Harburg.
Said Bahaji wird gesucht. Von der CIA, vom FBI, vom Bundeskriminalamt, vom pakistanischen Geheimdienst und von den Special Forces um Tora Bora. Und von Anneliese Bahaji.
Sie sucht ihn im Fernsehen, wenn sie Phoenix schaut, sie fragt jeden Besucher und Bekannten nach Neuigkeiten und hofft jedes Mal, wenn sie vom Einkaufen zurückkommt, dass auf dem Anrufbeantworter ein Lebenszeichen sei.
"Sie sagen, er sei an dem, was da in Amerika passiert ist, beteiligt gewesen. Das glaube ich nicht", sagt sie und wartet, dass etwas geantwortet wird. "Und wenn", sagt sie ins Ticken der Uhr hinein, "wenn, dann ist er in etwas hineingezogen worden. Er ist sehr hilfsbereit."
Am 1. Oktober sei Saids Stimme das letzte Mal auf ihrem Anrufbeantworter zu hören gewesen: "Er sagte nur: ,Hallo? Hallo?'' Als ob er Hilfe bräuchte." Aber sie kam zu spät an den Apparat.
Frau Bahaji ist Danzigerin, preußisch und protestantisch. Mit dem letzten Lazarettzug noch raus, 1945, als die Russen kamen. Großvater war Ofenfabrikant, Vater kleiner Parteigenosse, nach Russland verschleppt, dann entnazifiziert in Osnabrück. Deutscher geht es kaum.
"Said ist immer sehr hilfsbereit gewesen." Ihr Haar ist zurückgehalten durch ein Band, das Gesicht ausreichend unter Kontrolle, um Fremden noch im Kinderzimmer von ihrem Saidchen erzählen zu können.
Das Kinderzimmer des weltweit Gesuchten ist ein schmaler Raum mit zwei Betten, eins für ihn, eins für die ältere Schwester, mit einem Schreibtisch und Mickymaus-Bildchen auf der Schranktür. "Ich kenne meinen Sohn. Die Umstände sprechen gegen ihn. Aber für mich hat er nichts damit zu tun."
Die Umstände sagen, dass Said Bahaji mit der Gruppe Mohammed Atta die Wohnung Marienstraße 54 in Hamburg-Harburg angemietet und dort mit dem Attentäter vom 11. September monatelang zusammengelebt hat. Dass auf seiner Hochzeitsfeier 1999 die Harburger Islamistenprominenz komplett versammelt gewesen ist. Dass er acht Tage vor dem Anschlag nach Pakistan abgereist und wenig später in Afghanistan gesehen worden sei, in einem Lager Osama Bin Ladens.
Der Bundesgerichtshof hat Haftbefehl wegen "Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, des mehrtausendfachen Mordes und anderer schwerer Straftaten" erlassen. Saidchen gehört gegenwärtig zu den meistgesuchten Menschen. Er ist einer der wenigen, die über die Hintergründe der Attentate von New York und Washington Bescheid wissen können, wenn er noch am Leben ist.
Und er ist der einzige mutmaßliche al-Qaida-Terrorist mit einem deutschen Pass. Der Einzige, der bei der Bundeswehr gewesen ist. Der Einzige, unter dessen Bild kein arabischer Name als Geburtsort steht, sondern Haselünne.
Haselünne zwischen Hülsen und Groß Bawinkel im Emsland.
Abdallah Bahaji war ein lustiger Mann mit schönen Händen. Jemand, der immer Pläne hatte, Geschichten erzählte, dazu Zigaretten drehte und sich auch sonst das Leben nicht durch zu viel Ehrgeiz vermiesen lassen wollte. Anneliese lernte ihren späteren Mann in Osnabrück kennen, über eine Freundin, die auch mit einem Marokkaner verheiratet war.
Bahaji war 1963 im Kohlenzug über Spanien nach Osnabrück gereist, um einen Freund zu besuchen. Damals wurden Arbeiter gesucht. Abdallah blieb ein paar Monate, schuftete bei Klöckner, und als aus den Monaten Jahre wurden, lernte er bei Karmann Werkzeugmechanik. Er war Fernfahrer, Fleischfahrer, und wenn er darüber redet, dann klingt das so: "Noch einmal hab ich das Arbeit umgewechselt."
1974 heiratete Anneliese ihren Abdallah, und von nun an stand in ihrem Pass ein Name, der einem ganzen Lebensprogramm gleichkam: "Anneliese Bahaji".
Zumal im Emsland. Die Gegend am Rand der Bundesrepublik ist der falsche Ort für Sonderwege. Anneliese Bahaji ist das egal. Als Flüchtlingskind ist man gewohnt, immer am falschen Ort zu sein. Das steht man durch. Gleich nach der Hochzeit wird die Tochter Maryam geboren, ein Jahr später Said, im St. Vinzenz-Hospital in Haselünne.
Anneliese Bahaji ist damals Anfang 40. Als Mode-Direktrice verdient sie genug, um sich eine Kinderfrau zu leisten. Sie reist zu den Schauen nach Düsseldorf und Paris, während ihr Mann Schweinefleisch durchs Emsland fährt. Sollen die Leute reden, sie ist glücklich.
Irgendwann kommen die Putzfrauen der Schule auf sie zu. Sie müssten Maryam vor den anderen in Schutz nehmen. Die haben "Türkenschwein" gerufen und sie zu schlagen versucht. Auch Said wird geärgert.
"Dennoch", sagt Anneliese Bahaji, "haben sich die Kinder mit der Zeit wohl gefühlt." Keiner wollte wirklich weg aus dem Haselünner Land. Aber sie müssen. Abdallah hat früher einem Bekannten abends in dessen Disco ausgeholfen, in Papenburg. Discos waren Ende der Siebziger das große Geschäft. Also ziehen die Bahajis ein Stück nach Westen, bis nach Haren an der Ems, und machen dort eine Discothek auf, die "Zur Sonne" hieß. Abdallah zapft Bier und wartet auf das große Geld.
Es läuft nicht. Vielleicht liegt es an Abdallah, vielleicht daran, dass die Emsländer nicht zum Marokkaner tanzen gehen wollten, vielleicht einfach daran, dass die Torflandschaft westlich von Cloppenburg etwa so dicht bevölkert ist wie die Westsahara.
Anneliese Bahaji kannte Marokko nur aus dem Urlaub. Es hat ihr gefallen, in der Großfamilie herumgereicht zu werden und Verwandte zu haben, die auf selbst geknüpften Teppichen lebten. Sie zahlt die 90 000 Mark Schulden ihres Mannes, und die Familie zieht 1984 nach Meknès, samt Schäferhund und altdeutscher Schrankwand.
Sie hätten nicht weiter entfernt sein können vom Emsland.
Ein paar Dutzend staubige Morgen Land voll Feigenkakteen und Olivenbäumen, die vom letzten Regen zehren. Das war das Erbteil von Abdallah Bahaji. Sein Vater war Großgrundbesitzer. Doch das beste Stück Land hatten die 15 Geschwister längst unter sich aufgeteilt. Selbst schuld, wenn jemand weg war. "Ich habe alles verloren in Deutschland", sagt Abdallah Bahaji, der Vater des Jungen von den Fahndungsplakaten. Er meint: sein Erbteil, seine Discothek, seine Träume. Seinen Sohn zählt er noch nicht dazu.
Bahaji ist immer noch ein Mann, in dessen Gesicht die Falten richtig sitzen. Er trottet über sein Land. Nach all den Jahren ist der Staub derselbe, nur ein paar Weinstöcke, Linsen- und Erbsenbeete und Mandelbäume sind hinzugekommen. Der gelbe Boden ist rissig vor Trockenheit: "Das Land steigt, und das Wasser sinkt."
Ein Freund rief ihn an im September. Da werde ein Terrorist gesucht, der heiße Bahaji: Said, sein Sohn. Er hat bis heute nicht verstanden. Erst dachte er, es müsse ein Missverständnis sein. Genauso wie es ein Missverständnis sein muss, dass es auch dieses Jahr noch nicht geregnet hat oder dass er seit knapp 20 Jahren Staub atmet, ohne ordentlich Geld zu verdienen.
"Said ist zu weich. Landwirtschaft hat ihn nie interessiert. Ein Radiobastler. Der wollte den Fasan nicht essen, den wir erlegt hatten." Außerdem sei sein Sohn Allergiker. Saids Hände entzünden sich, sobald er Metall anfasst. "Das ist kein Bauer und auch kein Terrorist."
Abdallah Bahaji hat Deutschland nie wieder gesehen. Als er seinen Sohn zum letzten Mal traf, im Sommer 1998 in Meknès, fiel ihm nichts Besonderes auf. Nur dass Said ihm Kassetten vorspielte, auf denen ein Mullah erklärte, wie man seine Frau zu erziehen habe. Abdallah sagte damals: "Unser Islam schreibt keinen Schleier vor. Man ist islamisch im Herzen, nicht in den Kleidern." Und: "Du kannst doch zum Supermarkt nicht in solchen Klamotten gehen. Das geht doch nicht." Dann ging er wieder auf sein Feld.
"Ich war damals bisschen zu dumm", sagt Abdallah Bahaji. "Im Glauben hätte ich ihm etwas beibringen können. Aber Said war 3000 Kilometer weg." Und vielleicht schon sehr viel weiter. Denn irgendwo zwischen Haselünne und Meknès muss den Bahajis ihr Sohn Said verloren gegangen sein.
"In Deutschland waren meine Sorgen noch nicht so groß. Aber als ich mit meiner Familie nach Marokko gezogen bin, war mir klar geworden, dass die Welt einen kompetenten Ingenieur braucht." Das steht noch einige Tage nach dem 11. September auf der Internet-Seite von Said Bahaji. Bevor die Uni sie abstellt.
Als Said 1984 nach Meknès kommt, spricht er kein Wort Arabisch und kein Französisch. Er sieht anders aus als seine Mitschüler und trägt Sachen, die ihm seine Mutter nach Schnittmustern aus ihren Modezeitschriften genäht hat. Er hat nur eine einzige Chance. Haselünne vergessen. Sich anpassen. Lernen.
Er paukt von früh bis spät. "Lernen war sein Hobby", sagt Anneliese Bahaji. Nach einem Jahr hat Said die Sprachen so gut gelernt, dass er für seine Mutter dolmetschen kann.
Anneliese Bahaji weigert sich, Arabisch zu lernen. Auch mit der marokkanischen Verwandtschaft kann sie jetzt nichts mehr anfangen. Diese ständigen Familienfeiern, diese Enge, dieser Druck. "Ich würde keinem raten, unbedingt einen Ausländer zu heiraten und das Land zu wechseln", sagt sie einmal, als wäre das ein beiläufiger Satz. "Marokko ist nur schön für die Touristen. Aber ich bin geblieben, wegen der Kinder."
Said muss ein intelligenter, leicht melancholischer Junge gewesen sein, der den Sinn des Lebens irgendwo hinter seinen Lehrbüchern vermutete. Gewiss nicht in Marokko, wo das Licht flackert, weil die Stromversorgung nicht funktioniert, und jeder Behördengang zum Nervenkrieg wird. Ein Land, wo jemand 20 Jahre lang von früh bis spät im Staub kratzt, ohne je vernünftig Geld nach Hause zu bringen.
Zuhause, das ist eine Mutter, die ins innere Exil gegangen ist und wartet, bis der letzte Andenkenkalender an der Wand verblichen ist. Und ein Vater, der auf einen Regen wartet, von dem er weiß, dass er nie kommen wird. Beide im Wartestand, beide ausgestiegen und nirgendwo angekommen. Said paukt Mathe.
Said ist bald der Beste der Klasse. Das "Moulay-Ismail"-Gymnasium in Meknès ist eine Modellschule. Vor allem wird hier das Wunder vollbracht, 2000 Schüler glauben zu lassen, dass in Marokko Paukerei etwas mit späterem Erfolg zu tun haben könnte. Dass die schicken, kalligrafierten Diplome zu mehr taugen als zu bloßem Wandschmuck.
"Wir wollen alle unsere Situation verbessern, verstehen Sie?", sagt Tabar Salah al-Dine. Er raucht heftig. "Verstehen Sie?" Er ist Saids Schulfreund von damals. "Also in die USA gehen oder nach Europa. Für Said war es logisch, nach Deutschland zu gehen."
Tabar ist in Meknès geblieben, wie die meisten. Er arbeitet im "Quick Net"-Café, wo die Jugendlichen des Viertels vor den Computern sitzen, chatten, Bewerbungen ins Netz schicken oder heimlich auf www.playboy.com klicken. Sie träumen von Auslandsschulen und können sich nur die Kleidung dafür leisten, den schönen Schein der Fremde. Sie machen das, was auch Said gemacht hätte, wäre er in Meknès geboren und nicht in Haselünne.
"Der Vater war nie da, die Mutter hatte keine Ahnung von Marokko. Er hat alles von uns lernen müssen. Und er lernte schnell. Said war pünktlich wie ein Deutscher. Deswegen", sagt Tabar, "ist er auch das Ziel der Islamisten geworden: Er war ein verdammt guter Informatiker." Für ihn ist klar, dass sein Freund längst tot ist.
Er sagt, Said sei nie ein Wortführer gewesen, sei immer der Gruppe gefolgt. Einmal habe er die Lichtorgel seines Vaters repariert, und dann hätten sie DJ im Kinderzimmer gespielt, mit den alten Platten aus der Emsland-Disco "Zur Sonne".
"Sonst hat er wenig über Deutschland erzählt. Nur dass er dort eine Tante hätte. Die sei reich und würde ihm helfen."
Barbara Arens ist die Cousine von Anneliese Bahaji. Eine Kommunikations-Designerin, die einen Großteil ihres Lebens in New York und Kalifornien verbracht hat. Sie hat selbst keine Kinder und wusste, wie bescheiden die Bahajis lebten. Als sie ihr Haus in Hollywood verkaufte, legte sie 225 000 Dollar so an, wie es ihr ein ehemaliger Schulfreund empfohlen hatte: Sie gründete einen "Bahaji Trust". Sie wusste nicht, warum der im Fürstentum Liechtenstein eingetragen werden musste. Sie wusste auch nicht, was die "Put-" und "Call-Operations" waren, von denen der Freund redete.
Nach kurzer Zeit jedenfalls war das Geld weg. Die Tante klagte, bekam auch Recht, aber wartet heute noch auf die Rückzahlungen. "Das war Saidchens erste Erfahrung mit dem deutschen Rechtssystem. Er hat nie verstanden, weshalb der Spekulant weiter in seiner Villa wohnen durfte", sagt Arens. Sie war Bahajis Anlaufstelle in den ersten Monaten, als er 1995 wieder nach Deutschland kam und mit einer Baseballkappe durch Lokstedt lief, auf der stand: "New York, New York". Mit seiner Tante redet er über Geld, Liebe, Sex und Elektronik. Sie ist seine Vertraute in der Fremde. Bis er neue Freunde trifft.
Said muss das deutsche Abitur nachmachen. Auf dem Studienkolleg in Hamburg lernt er Vanessa, eine Deutsch-Brasilianerin, kennen. Er gibt ihr Nachhilfe in Mathematik und verliebt sich heillos. "Sie war seine große Liebe", sagt Arens. "Er hatte keine Ahnung von Sex. Einmal rief er an, um zu wissen, wie lang die Periode ausbleiben dürfte."
Die Liebe dauert, bis Vanessas Eltern nach Hamburg kommen, um ihren etwaigen Schwiegersohn zu begutachten. Said
hat keine Chance. Die Tochter wird aufs College in die USA geschickt und jeder weitere Kontakt mit diesem Araber verboten.
Die Zurückweisung sei für ihn das größte Unglück gewesen. Gewiss kein Grund, sogleich in den Untergrund zu gehen, um an der Auslöschung aller Ungläubigen mitzuwirken. Aber manchmal neigen selbstverliebte junge Männer dazu, ihr privates Malheur der ganzen Welt anzukreiden.
Zumal Bahaji dann in ein Wohnheim zieht, in dem die arabischen Mitstudenten seiner Wohngruppe ihm gleich einen Reim auf die Demütigung liefern: "Sie kochten Couscous in der Gemeinschaftsküche", erinnert sich Barbara Arens, "und sagten ihm, er würde als Muslim nie in Deutschland akzeptiert werden. Damals ist er auch zum ersten Mal mit in die Moschee gegangen. Er wollte in Hamburg irgendwo dazugehören."
Sie möchte Said mit dem anderen Zweig der Familie zusammenbringen, mit Cousin Charly, der in Blazer und Porsche durchs Hamburger Gesellschaftsleben gleitet. Einmal kommt Said mit zum Segeln. Er wird nicht wieder eingeladen. Der habe zu viel vom Islam rumerzählt. Statt von Löffelbug und Segelschnitt, trendy Bars und trendy Bräuten.
Irgendwo dazugehören. Meknès war es nicht, Hamburg ist es nicht, und die Harburger Uni sowieso nicht: "Leider sind die Harburger Studenten sehr langweilig, wenn sie nicht betrunken sind, können sie nicht mal den Mund aufmachen", schreibt Bahaji auf seiner Internet-Seite. Da liegt es nahe, sich seine Heimat ganz woanders zu suchen - und sei es in der Kristallwelt eines bedingungslosen Glaubens.
Maryam Bahaji kommt ein Jahr später nach Hamburg. Sie ist eine bildhübsche junge Frau, trägt enge Jeans und kennt sich mit Prada-Accessoires besser aus als mit den mittelalterlichen Kleidervorschriften der Islamisten. "Saids Freunde gefallen mir nicht", sagt sie ihrer Tante. "Der geht andauernd in die Moschee."
Arens wirft ihn zum ersten Mal raus, als er anfängt, ihr Moralvorlesungen zu halten: "Einmal wollte er mir erzählen, dass Nagellack und Alkohol nichts für Frauen seien. Da habe ich ihn rausgeworfen. Er blieb aber ganz gelassen und friedlich." Als habe er damit gerechnet.
Sie treffen sich ein letztes Mal 1998 im "Literaturcafé" an der Außenalster. Tantchen, Cousin Charly, Said und seine Schwester Maryam. Kurz zuvor war Said in die Marienstraße 54 gezogen, zusammen mit Mohammed Atta. "Der Islam wird die Weltherrschaft übernehmen", erklärt Said beim Essen. "Papperlapapp", sagt seine Tante: "Lies erst mal Siddharta, Saidchen."
Unter Saids neuen Freunden sind welche, die Geld haben. Geld ist wichtig, auch in der arabischen Welt. Die Reichen bestimmen, wo es langgeht. Zumal wenn sie den Weg zwischen Gut und Böse so genau kennen wie Mohammed Atta, der Älteste von ihnen. Atta hat schon einiges von der Welt gesehen. Said Bahaji kennt nur Haselünne und seine Straße in Meknès, und er hat außer seinen Technikbüchern nicht viel gelesen.
Er hört auf, sich zu rasieren. Paukt für die Klausuren, wie er immer schon gepaukt hat, jobbt nebenbei und verbringt ansonsten die Zeit mit den Freunden in ihrer neuen Moschee.
Die al-Kuds-Moschee am Hamburger Steindamm ist ein wichtiger Treffpunkt der Islamisten. Auch etliche radikale Muslime kommen zum Beten hierher. Ein Freund von Said wird einmal gehört, wie er ruft: "Die Juden sollen verbrennen, und wir werden auf ihren Gräbern tanzen."
Seine Glaubensstrenge hindert Said nicht, einen dunklen 90-PS-Golf zu fahren und jedes Formel-1-Rennen anzuschauen: "Dann ist Fieber angesagt", wie er es auf seiner Internet-Seite ausdrückt. Und mit Computern kenne er sich sowieso aus, egal "ob Spiele, Programme oder Internet. Hauptsache, ich sitze vor dem Rechner".
Bahaji wohnt schon mit Mohammed Atta in der Marienstraße, als ihn die Bundeswehr holt. Fünf Monate lang dient er beim Panzergrenadierbataillon 72 in Hamburg-Fischbek. Bis er wegen seiner Allergien und seines Asthmas wieder nach Haus geschickt wird.
Dann heiratet er. Gegen den Willen seines Vaters, aber mit dem Segen seiner Harburger Freunde. Nese ist eine 18-jährige Schülerin, deren Stiefvater Lutz S. zum Islam übergetreten ist. Nese verzichtet auf das Abitur, sagt die Tante: In der Schule hätten sie ihr Unislamisches wie Darwin beibringen wollen. Nese ist die Richtige.
Die Hochzeit findet in der al-Kuds-Moschee statt. Die Gästeliste ist ein Manifest. Saids Vater Abdallah ist nicht dabei, dafür die Islamistenprominenz. Niemand von der deutschen Familie ist eingeladen, dafür die Hamburger Terroristen in nahezu vollständiger Besetzung. Trauzeuge ist Mohammed Zammar, ein stämmiger Deutsch-Syrer mit Vollbart, der den Dschihad schon in Bosnien und Afghanistan gekämpft haben soll. Er hat dem Bräutigam ein paar signierte Bücher geschenkt. Wie der Heilige Krieg zu führen sei.
Anneliese Bahaji sitzt in einem Nebenraum bei den Frauen. Sie gehört nicht mehr dazu.
Unter einer kalten Wintersonne liegt Meknès wie immer, mit seinem Modell-Gymnasium, seinen Minaretten und dem Müllgeruch. Nur die Hotels auf dem Hügel sind jetzt nach dem 11. September leerer als früher, und das hat auch mit dem Jungen Said zu tun, der selten etwas von sich preisgab und immer nur lernen und irgendwo dazugehören wollte. Anneliese und Abdallah Bahaji sitzen in ihrem altdeutschen Zimmer unter einer Reproduktion von Vermeers "Das Glas Wein" und warten.
"Alles hat mit dieser Hochzeit angefangen", sagt Abdallah. "Danach hat er sich verändert. Mit 23 Jahren und ohne Diplom heiratet man auch nicht." Seine Schwiegertochter habe er das erste Mal in der Zeitung gesehen, was heißt gesehen: bis zu den Augen verschleiert, ihr Kindchen Omar an sich gedrückt und auf dem Weg zur Polizei.
Im August hat Said noch angerufen. Er habe über die internationale Job-Börse ein Praktikum in Pakistan bekommen: "Papa, ich gehe sechs Wochen nach Karatschi." "Ja, ist gut", sagte Abdallah. Und: "Pass auf, dass Leute dich nicht in etwas reinziehen." Er habe an Alkohol gedacht oder an Frauengeschichten.
"Ich wollte ihm noch Geld mitgeben", sagt Anneliese Bahaji. "Aber er wollte es nicht. Er bekomme das vergütet." Den Namen der Firma habe er nicht gesagt. Auch keine Adresse hinterlassen. Sie will nicht glauben, was ihre Cousine erzählt. Dass in Hamburg die engsten Freunde Bescheid gewusst hätten. Auch Nese hätte gewusst, dass Said weiterreisen wollte nach Afghanistan. Schon gar nicht will sie dem Gerücht Glauben schenken, wonach ihr Sohn den Endkampf von al-Qaida nicht überlebt hat.
"Er ist reingelegt worden", sagt Abdallah. "Die Bundeswehr hätte ihn damals nicht aus dem Studium holen sollen", sagt Anneliese Bahaji, ohne jede Überzeugung. Sie wissen nicht, worauf sie warten. Auf einen Anruf? Auf die Wahrheit? Dass sie sich ihr Leben als Fremde eingerichtet hatten und gar nicht merkten, wie ihnen darüber der eigene Sohn entglitt?
Vor ihnen liegt das Familienalbum. Auf einer Seite fehlt ein Foto. Das Bild hängt jetzt, tausendfach vervielfältigt, auf den Flughäfen und Transitposten der Welt.

* Das Privatfoto zeigt die Kinder beim Nachspielen einer Szeneaus "1001 Nacht".
Von Alexander Smoltczyk und Dominik Cziesche

DER SPIEGEL 3/2002
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