21.01.2002

WELTANSCHAUUNGTrommler der Empörung

Er ist der Liebling der Globalisierungskritiker, in Deutschland und Frankreich füllt er Säle, in seiner Schweizer Heimat erntet er oft Spott: Der Genfer Soziologieprofessor Jean Ziegler, Sonderberichterstatter der Uno für das Recht auf Nahrung. Von Erwin Koch
Vor der Höhle des Streitbaren. Vierter Stock der Uni Genf. Büro 4226. Ein Triebtäter sei der Mann - so hat man gelesen. Ein Schäumling wider Kapital und Globalisierung, Banken und Mafia. Rambo der Soziologie. Kitschbruder. Eine Dreckschleuder, ein Verräter seines Landes, der schweizerischen Eidgenossenschaft. Lügner. Vollmundig, ungenau, ungezogen. Und vergesslich. Man klopft an die Tür, lauter als zuvor. Doch ein Charmeur sei er auch, von großer menschlicher Wärme, einem Frauenrock selten abhold. Und die Geschichte, irgendwie, habe ihm noch immer Recht gegeben.
Ein heiseres "Oui". Die Finger voller Tinte, der Kragen offen, das schüttere Haupt über Papier gekrümmt: Ziegler, wie er leibt und leidet. "Setz dich", sagt er und schaut nicht auf.
Man weiß: Seinem kosmischen Du entkommt fast keiner.
Prof. Dr. Jean Ziegler, 67, auf dem Höchstpunkt seines schnellen Lebens, ist Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Im September 2000 ereilte ihn der Ruf von Mary Robinson, Hochkommissarin für Menschenrechte der Vereinten Nationen. 15 Monate später legte er der Vollversammlung zu New York seine ersten Ergebnisse aus.
"Ça va?", fragt er, zaust mit dickem Stift ein Manuskript. "Darf ich das hier noch rasch erledigen?"
Die Braustube von Meister Ziegler. Wo so manches gedieh, was ihn berühmt machte - so sehr, dass es heißt, Studenten aus Asien, Afrika und Lateinamerika wallten in die Schweiz, allein um Jean Ziegler zu sehen und höchstens noch Schokolade zu kaufen. Wo entstand, was ihn berüchtigt machte - dermaßen, dass es, zumal im Land der helvetisch Bescheidenen, heißt, der Ziegler lasse, um seinen Ruhm zu mehren, keine Kamera und kein Schimpfwort aus: Kasinokapitalismus, Dschungelkapitalismus, Killerkapitalismus, Raubtierkapitalismus, Bankenbanditismus.
Allende hängt am Brett, Kafka, Guevara, Brecht und Nasser. Kinderzeichnungen, Fotos von Zieglers Sohn. Im Gestell stehen mehrbändig Marx und Hegel. "Lenin in Zürich", "In Search of Enemies", "Tout passe". Auf dem Sims, zehn Zentimeter hoch, die fromme Muttergottes. Ziegler, der Berner Protestant, wechselte einst zum Katholizismus. Und vom Bürgertum zum Sozialismus. Lange her.
Mandarinen liegen auf dem Tisch, Aspirin und ein Rasierapparat, Parfüm, seit Jahrzehnten der gleiche Saft von Guerlain, Taschentücher, Akten. Ordnung behindert.
"Darf ich reden?", fragt er. Und legt los.
"Die Koalition gegen den Terror ist zum Scheitern verurteilt, weil es zur gleichen Zeit keine Koalition gegen den Hunger gibt. Verstehst du? Diesen Satz sprach ich auch auf der Uno-Vollversammlung, letzten November. Schreib das auf."
Ziegler, schnelle Augen, gerät ins Wippen, sein Stuhl ist alt und ächzt.
"Folgendes: 100 000 Menschen sterben täglich am Hunger und seinen unmittelbaren Folgen. 100 000. Im Jahr 2000 verhungerten auf diesem Planeten 36 Millionen, und so weiter, und so weiter. Alle sieben Sekunden stirbt ein Kind. 826 Millionen von 6,2 Milliarden Menschen sind permanent schwerstens unterernährt. Alle sechs Minuten erblindet jemand, weil er zu wenig Vitamin A hat. Und so weiter. Das, das sind die Zahlen des Horrors. Ein Völkermord geschieht. Mehr als eine Milliarde Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, vier Millionen Kinder sterben jährlich an Diarrhö. Erzähl das deinen Leuten. Die Katastrophen passieren nicht nur in New York. Die Erde aber könnte doppelt so viele Menschen ernähren, wie wir heute sind. Problemlos. 2700 Kalorien pro Mensch pro Tag. Der Genozid, mein Lieber, ist menschengemacht. Ist keine Fatalität. Erzähl das deinen Leuten."
Der Stuhl ächzt immer lauter, immer schneller.
"Und dies, obwohl seit zehn Jahren die Globalisierung umgeht. Also freier Kapitalverkehr, weltweiter Einheitsmarkt ohne staatliche Normativität, und so weiter, und so weiter. Das Weltbruttosozialprodukt, also die Summe aller produzierten Güter und Dienstleistungen in dieser Welt, legte im Laufe von zehn Jahren um 40 Prozent zu. Der Energieverbrauch hienieden stieg im gleichen Zeitraum um gut 10 Prozent. Der Welthandel steigerte sich 2000 um 11 Prozent. Folgendes: Die Globalisierung funktioniert. Die Globalisierung schafft unglaublichen Reichtum. Die Neoliberalen haben Recht. Wo möchtest du essen?"
Im Intercontinental.
Ziegler grinst. Alle wollen sie, die auf seine saftigen Sätze lauern, ins Interconti. Journalistenfolklore. Dort tafelte Ziegler einst mit dem, der am obersten Nagel hängt, Ernesto "Ché" Guevara. Sechs Wochen lang, so geht die Legende, chauffierte Jean Ziegler einst den Recken, 1964, als Ché in Genf einer Zuckerkonferenz beisaß. In der letzten Nacht, morgens um vier, eröffnete Ziegler, 30 Jahre zart, dem bärtigen Schönen den Wunsch, ihm in Wald und Kampf zu folgen. Ché aber, hart und weitsichtig, sah aus dem Fenster des Intercontinental, zeigte auf Genf, die hellen Paläste der Banken, Versicherungen, Edelsteinhändler. Und sprach: Siehst du, Juan, dort diese Kavernen des Geldes? Sie sind das Hirn des Monsters. Was willst du mehr? Dein Schlachtfeld sei hier.
Man umarmte sich.
An einem Ständer hängen Pullover und Jacken, Schirme, ein Frotteetuch. An der Wand die Erklärung der Menschenrechte.
"Und gleichzeitig steigt das Maß der Ausgrenzung, der Marginalisation, der exclusion, der Zerstörung des Menschen, verstehst? Die Welt wird reicher, und die Hungerkurve steigt. Eine negative Dynamik, negative Dynamik. Die oligarchische Form der Weltherrschaft wird immer deutlicher, schreib das. Der Welthandel, wertmäßig, belief sich im Jahr 2000 auf 7800 Milliarden Dollar. 7800 Milliarden. Ein Drittel davon fand ausschließlich im Innern transkontinentaler Gesellschaften statt, also innerhalb einer gleichen Firma, die Geld von einem ihrer Profitzentren zu einem anderen ihrer Profitzentren schob. Ein anderes Drittel geschah zwischen verschiedenen transkontinentalen Gesellschaften. Und nur noch ein Drittel ist freier Welthandel. Ein Witz, ein Skandal, eine unglaubliche Monopolisierung. Der Umsatz der 200 größten Buden der Welt entspricht über einem Viertel des Weltbruttosozialprodukts. Erzähl das mal. Posaune es aus."
Er holt Luft.
"Die Massengräber sind menschengemacht."
Holt Luft.
"Menschengemacht."
Das Tonband läuft.
"Aber natürlich ist es schwierig, das historische Subjekt analytisch zu identifizieren, verstehst? Als Intellektueller ist dies meine Aufgabe - und deine übrigens auch. Die transkontinentalen Machtgebilde, diese unsterblichen, unsichtbaren Personen, die sich weltweit niederlassen, haben kein Gesicht, keine Sprache, keinen Fingerabdruck, keine Urinspur. Aber sie beherrschen uns total."
Jean, man nennt dich einen Übertreiber.
Ziegler lacht nicht. "Journalisten schreiben Journalisten ab. Ja klar, man muss, um gehört zu werden, laut sein. Man muss, wenn man bewegen will, beweglich sein. Meine Feinde sind die Krämer des Details. Details sind die Kanonen, die sich auf mich richten. Da halte ich es mit Karl Kraus. Der sagte: Er schießt oft über das Ziel hinaus, aber selten daneben. Und jetzt gehen wir essen. Aber nicht ins Intercontinental. Das gehört mittlerweile einem arabischen Halun ..."
Darf man das so schreiben?
"Warum nicht?"
Weil du dann vielleicht schon wieder einen Prozess am Hals hast?
"Meinst du?"
Sein Wortgut ist Zieglers Falle und Untergang.
Er steckt den Filzstift, ohne den er kein Haus verlässt, in den Kittel, sagt in bestem Berner Deutsch: "Aber säg. Wiä geits de deer?" Wie geht's dir denn?
Jean Ziegler heuchelt selten.
Jean begann als Hans. Am 19. April 1934. In Thun, einem Garnisonsstädtchen im Berner Oberland. Der Vater war Richter, Oberst im Generalstab, Direktor der Militärversicherung. Die Mutter Hausfrau und gütig. Eine jüngere Schwester. Hans wurde Flügelstürmer, Hauptmann der Knabenkadetten, Busenfreund von Winnetou. Im Dezember 1943, im Alter von fast zehn Jahren, widerfuhr ihm angeblich jenes Ereignis, das Ziegler in seinem 14. Buch wiedergibt, früheste Kindheitserinnerung überhaupt: Die Entgleisung eines Güterzugs der Deutschen Reichsbahn während eines Schneesturms im Bahnhof zu Thun, in der Herzkammer des angeblich so neutralen Schweizerlandes. Platanen knickten am Kai, der Himmel war pechschwarz und die Luft vom Geruch mehrerer Brände erfüllt. Tote Schwäne und vor Schreck gelähmte Enten strandeten am Seeufer. Dutzende von Waggons stürzten wie tödlich getroffene Tiere um. Gleich Leichen auf einem Schlachtfeld lagen Flugabwehrkanonen, Panzertürme, Lkw mit zerbrochenen Scheiben und schwere Maschinengewehre verstreut auf den Geleisen. So schreibt Jean. Und Hansli, unschuldiger Augenzeuge, erkannte die Lüge von der lokalen Neutralität: Nazi-Waffen auf Schweizer Reise.
Jean Ziegler, du bist der Einzige, der von diesem Unglück weiß, der Einzige, der je deutsche Weltkriegswaffen auf Schweizer Boden sah, es gibt nichts Schriftliches darüber, nicht bei der Bahn, nicht bei der Wetteranstalt, nicht bei der Feuerwehr, nicht in den Archiven der Stadt und der Kirche, die damals, wie du schreibst, den rostigen Hahn vom Dach verlor. Ziegler, sogar deine Schwester meint, du habest dies alles erfunden. He, Jean?
Man sitzt nun, statt im historischen Intercontinental, im nahen "Le petit Lyonnais", bestellt zweimal Plat du jour, Schaf, Kartoffeln, und Jean Ziegler schaut vom Tischtuch hoch. "Mon cher", sagt er, "was ist Genauigkeit, was Wirklichkeit? Wem dient sie? Was verhindert sie? Ich stehe zu meiner Erinnerung. Niemand kann sie mir nehmen. Und denke im Übrigen mit André Breton, der sagte: Alles spricht dafür, dass der Geist zu einem gewissen Punkt kommt, wo Leben und Tod, Wirklichkeit und Einbildung, Vergangenheit und Zukunft, Sagbares und Unsagbares nicht länger als Gegensätze wahrgenommen werden. Verstehst? Hast du Kinder?"
Hans lief bei der Studentenverbindung "Zofingia" mit. Vernahm plötzlich, was er später die Trommel der Auflehnung nennt. Ständig lärmte sie in seinem Kopf. Die Eltern wussten sich keinen Rat, schickten den Rohling nach Bern ans Freie Gymnasium. Wo fremde Mädchen waren. Alle Feuer des Universums loderten in Hansens Körper. Er stöhnte, wie er zugibt, unter dem Joch der Begierde. Und doch fasste er, wie er schreibt, "diese goldblonden Locken, diese zarten Brüste und Hüften niemals an". Hans schaffte die Matura, zog nach Paris, sechstes Arrondissement, studierte die Rechte, er war schüchtern, verwirrt, begeistert, las Marx, Luxemburg, Plechanow, nannte sich fortan Jean. Jean Ziegler traf Sartre und de Beauvoir. Schrieb Aufsätze, zeitgemäß empört. Ziegler Hans aber sollte, wie jeder Schweizer, in die Schweizer Armee, am zwölften Tag der Rekrutenschule streute er Flugblätter klaren Gehalts, kam drei Monate in Haft, wurde ausgemustert. Eilte von Liebe zu Liebe, hingerissen von einem Gefühl kosmischer Weite und absoluten Seins. Weiterstudium in Genf. Bekehrung zur Soziologie. Soziologie ist eine Befreiungsbewegung, eine Waffe in der Hand der Unterdrückten. Er beging Schelmereien zu Gunsten der algerischen Nationalen Befreiungsfront FLN. Schnitt Zuckerrohr auf Kuba. Jean war endgültig kein Hans mehr.
"Der Wirt hier", haucht Ziegler über den Mittagstisch, "war früher Bankier. Entlassen. Und manchmal sitzt er mit ehemaligen Kollegen zusammen. Dann sagen die mir: Es ist richtig, Ziegler, was du in deinen Büchern schreibst."
Ziegler schaut sich um, dreht den Kopf nach allen Seiten, rutscht ins Flüstern: "Verschteisch?" Verstehst?
Er schaut auf die Uhr.
"Pass auf", sagt er. "Jede Minute kommen 260 Menschen auf die Welt, 234 davon in den so genannten Entwicklungsländern, dort, wo die Massengräber am tiefsten sind. Und immer noch, bei der Uno, in der Kirche, an den Universitäten, immer noch geht der malthusianische Wahn um - Malthus, Thomas Robert, englischer Pastor und Sozialphilosoph, 18./19. Jahrhundert -, dieser Wahn, der besagt, der Hunger sei zwar bedauerlich, aber Gott richte dies so ein, um ein noch größeres Unglück zu verhindern, nämlich das einer überbevölkerten Welt. Denn dann hätte gar niemand mehr zu essen, trinken, atmen. Das ist, mon cher, eine Nazi-Theorie. Eine Nazi-Theorie. Der Malthusianismus ist objektiv falsch, schreib das auf. Weil die Produktionskräfte so unglaublich gewachsen sind, dass der Planet ohne Schwierigkeit ... und da irrte sich übrigens auch Marx, als er behauptete, die Struktur der Weltherrschaft sei nicht menschengemacht, sondern für alle Zeiten auf dem objektiven Mangel begründet, das verdammte Paar des Herrn und des Sklaven, und so weiter, verstehst ..."
Ziegler schaut sich um, klopft die Tintenfinger auf den Tisch.
"... emm, schreib deinen Leuten Folgendes: Der Planet ist fähig, ohne Schwierigkeit zwölf Milliarden Menschen zu ernähren. Dies ist eine Frage der Verteilung und des Zugangs. Steh auf, wir müssen."
Im September 1961, 27-jährig und vom Land seiner Eltern erschöpft, erreichte Jean Ziegler den Kongo. War Assistent eines Sonderbeauftragten der Uno. Fand in Afrika Krieg und Horden hungernder Kinder. Und seine Bestimmung. "Mit weit geöffneten Augen blieben die Kinder liegen. Andere warfen sich gegen den Stacheldraht und blieben darin hängen; wieder andere fielen mit ausgestreckten Armen zurück auf die Straße und starben. Bis an mein Lebensende werde ich den Blick ihrer starren Augen nicht vergessen. In diesem Augenblick habe ich mir geschworen, nie mehr - nicht einmal rein zufällig - auf der Seite der Henker zu stehen."
1963 Rückkehr in die Schweiz, 1964 Begegnung mit Ché Guevara, der ihn zurückwies, 1965 Heirat mit einer Ägypterin, Ziegler wurde Vater und Assistent für Soziologie an der Universität Genf. 1968 reiste er erstmals nach Brasilien, mischte sich unter die Armen, "mein Herz schlägt im Rhythmus der Trommeln, ich vergesse alles um mich herum".
Brasilien ließ ihn nicht mehr los. Jahre später ging Ziegler in sich, schrieb in seinem Buch "Wie herrlich, Schweizer zu sein": "Jahr für Jahr besteige ich in Genf das Flugzeug, das mich nach Salvador, Recife oder Rio de Janeiro bringt. Ich sehe, ich verstehe, ich empfinde Mitleid - und ich fliege wieder zurück, als sei nichts geschehen. Meine Bücher, meine Vorlesungen, mein vergänglicher wissenschaftlicher Ruf und mein gelegentlicher Medienruhm erwachsen aus dem Blut, den Tränen und der Not der Kinder Brasiliens. Ich komme mir manchmal wie ein Vampir vor, dessen Verhalten durch nichts, nicht einmal durch die Scham, zu entschuldigen ist."
Man spaziert am berühmten See der reichen Stadt, vorbei an teuren Hotels und weißen Jachten, Professor Ziegler, die Schritte schon kurz, zeigt hinüber ans andere Ende des Wassers. "Dort wohnen die arabischen Emire, die Scheiche und die ganze verdammte Mafia."
Ziegler schaut auf die Uhr.
Die Vereinten Nationen stellen ihm zwei kleine Räume zur Verfügung, im Schatten des Palais Wilson, wo einst der Völkerbund tagte, Rue Rothschild 24. Den Spruch, der hier aus dem Stein gehauen ist, kennt er auswendig: Die Freiheit des Schwachen ist der Ruhm des Starken.
Eine junge Frau, ein junger Mann tippen in Computer, was Ziegler vordenkt. Ziegler blättert durch die Post, eine Einladung nach Panama, eine nach Pakistan. Keine Zeit. Allende hängt, die ewige tote chilenische Hoffnung. Die Welthungerkarte.
"Alors, wir müssen", sagt er, greift nach seinen Kladden.
Jean Ziegler hatte schon fünf Bücher hinter sich, als er 1976 zu Papier brachte, was ihn auffällig machte, "Eine Schweiz - über jeden Verdacht erhaben". Ein Pamphlet, eine Tirade, ein Bestseller. Millionenfach verkauft, übersetzt in 20 Sprachen. Die mehreren hundert Millionen Dollar, die alljährlich aus Zaire, aus Brasilien und aus so vielen anderen Ländern der Dritten Welt abfließen und die, in Schweizer Franken umgetauscht, in den Ali-Baba-Höhlen unter der Zürcher Bahnhofstrasse lagern, sind das Blut der Armen.
Das hatte noch keiner so blumig zu sagen gewagt im Land der Ewigverschonten. Man drohte dem Professor mit Mord, beschmierte sein Haus.
Die Mächtigen heulten auf, wiesen Ziegler Dutzende von Irrtümern nach, Halb- und Unwahrheiten. Die ihn liebten, warnten davor, den Soziologen zum Statistiker zu machen, erinnerten vielmehr die großen Wahrheiten, die Ziegler ans Licht riss. Doch nur einer rang sich zu einer Klage durch: Der chilenische Schächer Pinochet. Dessen Junta Ziegler faschistisch hieß. Der Feinfühlige aus Santiago tippte auf üble Nachrede. Bekam von der Genfer Justiz Recht. Und 2000 Schweizer Franken.
1977 Berufung zum ordentlichen Professor.
1979 Wahl in den Nationalrat, Bundesparlament, Mitglied der sozialdemokratischen Fraktion. Ziegler wurde Volksgut, stieg empor zu Dürrenmatt und Frisch in die erste Schublade der Heimatdeuter.
1980 "Retournez les fusils", Schießt zurück!, ein Handbuch der Oppositionssoziologie.
Im Jahr 1983 wurde Ziegler aus dem Bundeshaus gewählt. Ziegler litt. Tröstete sich mit einer Berufung an die berühmte Sorbonne zu Paris, 95 Doktoranden saßen im Saal, als der Schweizer die erste Vorlesung hielt, "Staatenbildung in der Dritten Welt".
"Letzter Punkt, nachher fahren wir zum Palais des Nations", schnattert Ziegler nun aufs Band, "letzter Punkt: Die Bipolarität der Weltordnung ist nicht mehr. Brach im August 1991 zusammen. Solange es Kommunisten gab - die waren ja so kommunistisch, wie wir beide buddhistisch sind -, solange konnten sich die Grundvektoren des kapitalistischen Produktionssystems nicht frei entwickeln, Multilateralität der Weltherrschaft, Deterritorialität, totale Loslösung von irgendeinem normativen Gebiet, und so weiter. Kurz gesagt, nachher rasen wir zur Uno, es ist schon vier Uhr, kurz: Solange es Kommunisten gab, gab es keine Globalisierung. Wegen der Alchemistenfunktion, verschteisch? Bis 1991 funktionierten die westlichen Gewerkschaften und Sozialdemokraten wie mittelalterliche Alchimisten. Was heißt, dass sie die Kommunistenangst der Herrschenden für ihre Klientel, die Arbeitermasse, einsetzten und so den Arbeitsmarkt stabilisierten und den Abbau der Sozialleistungen verhinderten. Und heute? Es gibt keine Sozialdemokraten mehr. Nenn mir einen. Es gibt nur noch Machertypen wie diesen deutschen Schröder, der nicht mehr als ein Etikett ist, eine Hülse. Zwischen Brandt und Schröder, mon cher, sind Lichtjahre. Wie zwischen Neolithikum und Cyberspace, verstehst? Und so weiter."
Ziegler hustet vor Erregung.
"Und die EU ist eine reine kapitalistische Rationalisierungsfabrik. Ohne Außenpolitik."
Er klopft sich auf die Brust, Dampf dringt aus der Jacke.
"Also bleibt heute als transnationales Subjekt, das so etwas wie eine volonté générale belebt, nur die Uno. Und dorthin gehen wir jetzt. Die Uno vertritt die Kollektivinteressen des Planeten. Punkt. Schluss. Schon zehn nach vier."
Man eilt zu Zieglers Wagen, der am Ufer des Genfer Sees steht. Nissan Maxima QX. Auf Abzahlung, geleast.
"Weißt du", keucht er, "der Ruf der Uno, mein Job als Sonderberichterstatter, war wie eine Himmelserscheinung, eine Erleuchtung, Erlösung. Ein Geschenk. Endlich kommt alles zusammen. Alles, was ich bisher in meinem Leben tat, macht jetzt Sinn: Meine Kritik am Kapitalismus, meine Beschäftigung mit der Dritten Welt, meine Schreie, meine Tränen, verstehst du? Und außerdem wagt nun die ,Neue Zürcher Zeitung', diese Augenbinde der Oligarchen, nicht mehr zu spotten."
1987 standen wieder Nationalratswahlen an, Jean Ziegler, inzwischen 53, kandidierte erneut, bekannte sich, um sämtliche Splitter seines Publikums zu begrüßen, kurzfristig zum Vegetarismus. Ziegler wurde gewählt und musste, weil die Bundesverfassung es so will, der französischen Auszeichnung zum Ritter der Künste und der Literatur abschwören. Ziegler tat es, holte zum zweiten Rundschlag aus, "Die Schweiz wäscht weißer", 1990. Die Schweiz, wies Jean Ziegler nach, hortet das Geld der Drogenbarone. Ist eine Brutstätte für Schurken aller Couleur. Ziegler schonte nicht, nannte Namen und Firmen. Die Schweiz ist zum Hehler des Bösen geworden, eine Insel des Verbrechens, sie braucht keine Gewehre zum Töten, sondern Telex.
In Frankreich wurde der neuste Ziegler in wenigen Wochen 100 000fach gekauft, Ziegler eilte von Kamera zu Kamera, "Le Figaro" schrieb vom "Geld des Todes". Ziegler bekam eine Medaille der Sandinistischen Befreiungsfront. Fühlte sich von der CIA verfolgt. Ließ es sich im November 1990, einen Reporter der "Schweizer Illustrierten" im Gepäck, nicht nehmen, zu Saddam nach Bagdad zu reisen, Operation Kalif, auf dass der Diktator einige Schweizer freilasse, die er sich als Geiseln genommen hatte. Saddam zeigte Gnade.
Doch des Professors patriotischer Ritt ins Reich des Bösen schützte ihn nicht vor der Nachstellung seiner Mitvolksvertreter. Auf Begehren eines Genfer Financiers, den Ziegler "Immobilienspekulanten" und "Baumwoll- und Erdölschieber" genannt hatte, hoben sie Zieglers parlamentarische Immunität auf, seinen Schutz vor Strafverfolgung. Die "Neue Zürcher Zeitung" schrieb von einer "notwendigen und überfälligen Lektion". Klagen brachen los, sogar der Gatte einer ehemaligen Justizministerin sah sich verleumdet, und Jean Ziegler zappelte endlich in sieben Prozessen, sollte, ginge es nach den Klägern, fast sieben Millionen Schweizer Franken Schadensersatz leisten. Bis heute sind erst drei Verfahren beendet, Ziegler verlor, wurde verurteilt. Und hatte kein Geld. Die Gerichtsvollzieher standen ins Haus, holten, was zu holen war, auch den alten Wagen, Lohnpfändung, Professor Ziegler besitzt seither nur noch wenig, und was er hat, gehört seiner Frau oder ist, Köpfchen, geleast.
Mit Vorsicht fährt er seinen Sechszylinder vom Platz am See, fährt zum Palais des Nations, dem Genfer Sitz der Vereinten Nationen.
"Gegen die Uno kannst du sagen, was du willst, klar, sie ist eine Krake, ein nebulöses Ding, eine Galaxie mit 29 Spezialorganisationen, aber sie vertritt, immerhin, die Interessen des gesamten Planeten. Und ich, Jean, bin der Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Wurde dazu berufen von der Menschenrechtskommission. Die im April 2000, eine Revolution, beschloss, die zivilen Menschenrechte zu komplettieren durch soziale, ökonomische, kulturelle, verstehst? Der Menschenrechtskatalog soll ergänzt werden. Resolution 2000/10 vom 17. April 2000. Der Mensch hienieden hat nicht nur das Recht auf Würde und Unversehrtheit und Asyl, und so weiter, und so weiter, sondern auch das Recht auf Nahrung. Punkt. Schluss. Wahlzettel fressen macht nicht satt."
Und was schlägst du vor?
"Ein einklagbares Recht auf Nahrung. Das Recht, Nahrung selber herzustellen. Oder das Recht, zu Nahrung Zugang zu haben."
Ziegler schweigt, er fährt sich durchs Haar, sagt dann plötzlich: "Eine Utopie - das ist es doch, was du denkst?"
Man sucht eine Antwort. Ziegler fährt dazwischen: "Einklagbarkeit, mon cher, ist keine Utopie. Man muss nur den Mut dazu haben. Genauso, wie es einst Phantasie und Mut brauchte, ein Recht auf Asyl festzuschreiben, verschteisch? Und das machen wir jetzt. Es gibt, verdammt noch mal, kein Zurück. Punkt. Schluss."
1992 "Marx, wir brauchen Dich".
1993 "Wie herrlich, Schweizer zu sein", Zieglers Autobiografie. Die "Neue Zürcher" hielt sie für "bestenfalls ambitionierte Arbeiterkampfprosa", die "Frankfurter Allgemeine" für ein "erfreulich differenziertes und selbstkritisches Bild eines engagierten Zeitgenossen".
Seinen Gegnern im Nationalrat, die ihn den Klagen der Reichen und Mächtigen auslieferten, schenkte er Werk um Werk, versah sie mit netten Worten: "Meinem liebsten und interessantesten Feinde". Wer immer mit Ziegler zu tun hat, ist schnell einzigartig. Ziegler umarmt gern, und wenn, den ganzen Planeten.
Ein Wachoffizier in Uniform und mit ledernen Handschuhen steht vor dem Palais des Nations, Ziegler zeigt seinen Ausweis, der Soldat, Kanadier, schaut dem Professor ins Gesicht, sagt: "Ich habe Sie im Fernsehen gesehen. Als Sie gegen die Bomben in Afghanistan schimpften. Ich danke Ihnen. Wir brauchen Sie."
Ziegler lächelt. Gibt Gas.
"Hesch jetz ghört?", haucht der Professor.
Dann stellt er den Wagen vor den Palast, öffnet den Kofferraum, darin eine Reisetasche, er zieht eine schwarze Weste an, eine gelbe Krawatte, zwängt sich wieder ins Auto, betrachtet sich im Rückspiegel, kämmt sich schnell und heftig, schmiert das Haar, schüttet Parfüm in den Kragen.
"Kann man so unter Diplomaten?", fragt er.
Hohe Räume, glänzender Granit. Ziegler tauscht Nettigkeiten mit dem burundischen Außenminister, nickt, lächelt in Gesichter, die er von irgendwo kennt.
Seit Monaten, Woche für Woche, setzt sich der Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung in einen Saal der Uno, hört sich den Kulturvortrag eines Landes an, vorige Woche die Chilenen über ihren Dichter Neruda, diese Woche die Finnen über den Architekten Aalto, nächste Woche die Franzosen über den Komponisten Milhaud, "Dialog zwischen den Zivilisationen" heißt die Uno-Sause.
"Verstehst?", sagt Jean Ziegler, "irgendwann bin ich auf die Stimmen all dieser Länder angewiesen. Also nimmt man ein bisschen Langeweile und ... in Kauf, aber das darfst du nicht schreiben."
Artig schüttelt er dem Gesandten Finnlands die Hand, lobt das Fest, bevor es begonnen hat. Setzt sich in die hinterste Reihe und kann nichts dafür, dass es im Saal so wohlig dunkel ist und die Ventilation so lullig säuselt. Schließlich ist Ziegler, wie jeden Tag, seit sechs Uhr wach, schrieb heute Morgen schon an seinem neusten Buch, die fünfte Version.
1996 "Das Gold von Maniema". Ein Roman. Eine wandelnde Göttin der Freiheit hat nicht enden wollende Beine.
1997 "Die Schweiz, das Gold und die Toten". In fünf Monaten hingeschrieben. Im Auftrag von Bertelsmann. 100 000 Exemplare allein in Deutschland. Lizenzausgaben in zwölf Ländern. Hitler war der Traum jedes Schweizer Bankiers. Die Schweizer Banken haben den Krieg verlängert. Wieder Morddrohungen. Ziegler sei nicht ernst zu nehmen, verbreiten seine Gegner. Ziegler, als Beispiel, schreibe in seinem Buch vom Arbeitgeberverband, meine aber den Handels- und Industrieverein. Ziegler, in seinem Buch, lasse den eigenen Vater im granitenen Beatenberg Militärdienst leisten, wo es sich dort um Kalkstein handele. Ein ehemaliger Bundesrat heiße nicht Pierre-André, sondern Georges-André. Eine Waffenfabrik heiße nicht Bührle-Oerlikon, sondern Oerlikon-Bührle.
1998 "Die Barbaren kommen". Ziegler warnte vor Mafia und Apokalypse.
Eine Schweizer Zeitung rechnete vor, dass im Nationalrat keiner so oft fehle wie Jean Ziegler.
16 Landsleute reichten gegen den Professor Klage ein: Ziegler habe, unter anderem mit seinen ehrenrührigen Erfindungen und Verleumdungen, die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft und die Sicherheit der Schweiz angegriffen. Ziegler der Landesverräter. Die 16 Patrioten waren Aktionäre der größten Bank im Land, Union Bank of Switzerland, UBS. Deren Aktienkurs stark gefallen war. Seit jüdische Nazi-Opfer ihr Geld zurückverlangten, das Schweizer Banken versteckten.
"Schluss mit dem Kesseltreiben um Jean Ziegler", verlangte eine Schar österreichischer Künstler, Jelinek, Turrini, Blaha. Im deutschen Bundestag unterschrieben 45 Abgeordnete eine Depesche an die Schweizer Regierung: Meinungsfreiheit und die Einhaltung der Menschenrechte seien unabdingbare Güter. Ziegler im Glück: Seine Immunität, diesmal, hielt stand.
Und als im Jahr 1999 wieder Wahlen waren, durfte der Mann, inzwischen 65, nicht mehr auf die Liste seines Wahlkreises. Denn die Genfer Sozialdemokraten pflegen ihre Genossen höchstens zwölf Jahre lang nach Bern zu schicken. Ziegler, Schlaumeier, bot sich in Zürich den Jungsozialisten an. Die lupften ihn auf ihre Liste, Ziegler, vor allem scharf auf den Schutz vor Strafverfolgung, nannte sich auf den Plakaten Bruder Courage. Damit unser Land nicht zum Albanien der Alpen verkommt. Die ihn hassten, lachten. Die ihn liebten, lächelten. Ziegler verlor.
Artig schüttelt er nun die Hand des finnischen Gesandten, bedankt sich für die Schönheit des Abends.
"Komm, wir müssen."
Er lockert die Krawatte, das Parfüm dampft.
Jean Ziegler steuert seinen Wagen, der nicht ihm gehört, durch die frühe Nacht, vorbei an der Botschaft der USA, einer Festung aus Stacheldraht und Licht.
"Darf ich noch etwas sagen?", fragt der Prof.
"Die Koalition gegen den Terror ist zum Scheitern verurteilt, weil es gleichzeitig keine Koalition gegen den Hunger gibt. Oder hab ich das schon gesagt?"
Jetzt hält er am Rand der Stadt, Château de Penthes, er schaut auf die Uhr, zurrt die Halsbinde eng, trabt los. Empfängt dann, unter einem Ölgemälde selig grinsend, den Preis der Vereinigung der Auslandpresse in der Schweiz und Liechtenstein. Eine Schachtel Schokolade und gerolltes Pergament. Auf dem zu lesen steht: Jean Ziegler, beliebteste Schweizer Persönlichkeit bei ausländischen Journalisten.
Andächtig sitzt der Sonderberichterstatter auf einem Stuhl, die Hand vor dem Mund, und lauscht dem Gesang des Redners, ehemaligen Kassenwarts der argentinischen Kleinkrieger Montoneros.
Und der spricht: "Jean Ziegler, Freund der Freunde, lebt die Formel Lenins: Ein Revolutionär sei ein Opportunist. Aber einer mit Prinzipien."
Man umarmt sich.
Von Erwin Koch

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