21.01.2002

„Laborbabys werden mehr geliebt“

Der Chemiker und Schriftsteller Carl Djerassi über den Erfolg der Anti-Baby-Pille, die Trennung von Sex und Fortpflanzung und die Zukunft des Kinderkriegens
Djerassi, 78, hat vor fast genau 50 Jahren ein Hormon zur Empfängnisverhütung chemisch hergestellt und daraus die Anti-Baby-Pille entwickelt. Seit 1985 widmet er sich einer anderen Leidenschaft: dem Schreiben. In seinen zahlreichen Romanen und Theaterstücken blieb Djerassi stets seinen Lebensthemen treu: Wissenschaft, Sex und Fortpflanzung. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Professor Djerassi, einst haben Sie die Anti-Baby-Pille entwickelt, heute beschäftigen Sie sich in Romanen und Theaterstücken mit der künstlichen Befruchtung. Worin besteht der Zusammenhang?
Djerassi: In der Trennung von Sex und Fortpflanzung natürlich. Millionen von Menschen haben sich daran gewöhnt, Sex aus Spaß und Liebe zu haben, ohne dass dabei ein Kind entsteht. Deshalb fällt es ihnen jetzt so leicht, auch das Gegenteil zu akzeptieren: Leben erschaffen ohne Sex.
SPIEGEL: Verändert die moderne Reproduktionsmedizin die Welt ebenso stark wie einst die Pille?
Djerassi: Zumindest in Zukunft könnte sie das durchaus - wobei mich übrigens der enorme Erfolg der Pille damals sehr überrascht hat. Sie war ein ganz normales Medikament, und plötzlich war Verhütung das beliebteste aller Gesprächsthemen auf Dinner-Partys ...
SPIEGEL: ... immerhin löste Ihre Entdeckung die sexuelle Revolution aus.
Djerassi: Das sehe ich anders. Ich bin fast sicher, dass wir diese Revolution auch ohne die Pille gehabt hätten. Der Rock''n''Roll, die Hippiekultur, die Drogen, die Frauenbewegung - all das hat in den sechziger Jahren eine Rolle gespielt. Die Pille hat die ganze Revolte nur erleichtert - und natürlich angenehmer gemacht.
SPIEGEL: Und wieso glauben Sie, dass der Retortenzeugung eine ähnlich große Rolle zukommen könnte?
Djerassi: Der Wunsch der Eltern, das bestmögliche Kind zu haben, wird die Fortpflanzung der Zukunft dominieren. Und genau das wird die Fortpflanzung im Labor bieten.
SPIEGEL: Finden Sie nicht, dass der Geschlechtsverkehr mit dem Ziel, ein Kind zu zeugen, etwas Besonderes, etwas Mythisches ist?
Djerassi: Natürlich, und das wird in drei Vierteln der Welt in den nächsten paar Jahrhunderten auch weiter so sein. Ich spreche über das, was in den Wohlstandsländern bei den reichen Leuten passieren wird. Diese Paare wollen im Bett kein Kind mit einem Morbus Down zeugen ...
SPIEGEL: ... sondern im Labor die genetischen Eigenschaften ihres Nachwuchses aussuchen?
Djerassi: Warum denn nicht? Das ist ja nicht Genmanipulation, sondern Auswahl. Eigentlich steckt dahinter ein Gedanke, der bereits jetzt ununterbrochen verfolgt wird: Wir versuchen, unsere Kinder in die beste Schule zu schicken, ihnen alles zu schenken, was ihre Zukunftsaussichten verbessern könnte. Die Präimplantationsdiagnostik eröffnet nun die Chance, zwischen sechs oder acht Embryonen den genetisch besten Nachfahren auszuwählen. Das ist doch sehr praktisch, wenn auch nicht angenehm.
SPIEGEL: Manchen graust es davor.
Djerassi: Solches Grausen kann ich verstehen, aber logisch ist es nicht. Mehr und mehr Frauen vertagen das Kinderkriegen auf ihre späten dreißiger oder sogar frühen vierziger Jahre, ein Alter also, in dem es viel gefährlicher ist, ein Kind zu haben. Fast alle diese Frauen lassen eine Fruchtwasseruntersuchung über sich ergehen, um genau zu wissen, ob das Kind eine Krankheit haben wird - und zwar zu einem Zeitpunkt, wo sie bereits seit drei Monaten schwanger sind. Und wenn der Befund positiv ist, treiben die meisten das Kind ab. Ist es da nicht viel besser, den Test vorher zu machen?
SPIEGEL: Die In-Vitro-Befruchtung soll also zum Standard, der Embryonen-Check serienmäßig werden?
Djerassi: Oh, nicht nur das. Ich gehe sogar noch weiter. Ich behaupte, dass am Ende Verhütungsmittel total unnötig sein werden. Die Menschen werden ihre Spermien und Eier in einer Bank auf Eis legen können und lassen sich anschließend sterilisieren.
SPIEGEL: Also als junge Erwachsene?
Djerassi: Genau. Bei Frauen hätte das sogar einen medizinischen Vorteil: Junge Eier sind viel besser als ältere Eier.
SPIEGEL: Aber verschweigen Sie in diesem Szenario nicht, wie belastend es für die Frau ist, sich die Eier entnehmen zu lassen?
Djerassi: Ich bestreite ja nicht: Die Probleme sind für die Frauen derzeit viel größer als für die Männer - wobei ich übrigens fest damit rechne, dass die Entnahme der Eier noch vereinfacht werden kann. Aber wiegen Sie die Nachteile einmal gegen die Vorteile auf: Frauen hätten einen Vorrat an gefrorenen Eiern und könnten diese genau dann befruchten lassen, wenn es ihre Karriere zulässt. Auf diese Weise könnten Frauen die biologische Uhr austricksen und das Kinderkriegen um fünf oder zehn Jahre verschieben - unter Umständen sogar, bis sie fast 50 sind.
SPIEGEL: Hätten Sie als Kind gern Eltern im Rentenalter gehabt?
Djerassi: Vergessen Sie nicht: Eine Frau, die heute mit 45 Jahren Mutter wird, verbringt bis zu ihrem Tod mit ihrem Kind viel mehr Zeit als jene, die vor 100 Jahren ihr Kind mit 20 Jahren bekommen hat. Es gibt natürlich Schattenseiten: Alte Eltern können zum Beispiel nicht mehr so einfach Fußball mit ihrem Kind spielen. Andererseits sind sie oft gescheiter und weiser.
SPIEGEL: Haben Eltern also ein Recht auf ein Baby um jeden Preis?
Djerassi: Entscheidend scheint mir nicht der Standpunkt der Eltern, sondern der des Kindes. Wenn das unter technischen Umständen produziert wird, bei denen dem Kind Gefahr droht, dann ist die Zwangsvorstellung vom Baby um jeden Preis falsch.
SPIEGEL: Würden Sie aus diesem Grund das Klonen eines Menschen ausschließen?
Djerassi: Ja, momentan schon. Dennoch bin ich nicht absolut gegen das Klonen. Ich teile nicht die weit verbreitete Angst, dass ein vom Größenwahn getriebener Idiot sich tausendfach klonen würde. Wenn erst einmal das Risiko von Fehlbildungen beherrschbar wäre, könnte das Klonen eine Alternative für jene Paare sein, denen die klassische Reagenzglasbefruchtung nicht helfen kann.
SPIEGEL: Nicht jeder Embryo, der künstlich gezeugt wird, darf auf die Welt kommen. Abertausende liegen auf Eis. Hunderte wurden getötet, weil man embryonale Stammzellen aus ihnen gewinnen wollte.
Djerassi: Für mich steht fest: Embryos mit vier oder acht Zellen sind noch keine Menschen. Im Übrigen: Die Leute werfen uns immer vor, wir spielten Gott, wenn wir so über ungeborenes Leben reden und urteilen. Aber spielen wir nicht schon seit
Jahrzehnten, ja seit Jahrhunderten Gott -
beispielsweise wenn wir unser durchschnittliches Lebensalter dank medizinischem Fortschritt verdoppelt haben?
SPIEGEL: In Ihren Theaterstücken und Romanen haben Sie die Trennung von Fortpflanzung und Sex als einer der Ersten prophezeit. Haben Sie erwartet, dass die neuen Reproduktionstechniken so rasch die Welt erobern?
Djerassi: Nicht so schnell, nein. Nehmen Sie das so genannte ICSI-Verfahren, bei dem ein Spermium in die Eizelle gespritzt wird. Niemand hätte bei der Geburt des ersten ICSI-Babys 1991 in Belgien gedacht, dass heute schon etwa 100 000 von ihnen die Welt bevölkern.
SPIEGEL: Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für den verblüffend schnellen Siegeszug neuer Reproduktionstechniken in Deutschland und mehr noch in anderen Industriestaaten?
Djerassi: Das hängt maßgeblich mit dem Rückgang der Bevölkerungszahlen zusammen. Der Wert eines der wenigen Kinder in einer geriatrischen Welt wird viel, viel größer, und die Eltern werden älter. Die Reagenzglasbefruchtung ist aus dieser Welt nicht mehr wegzudenken.
SPIEGEL: Und alle sozialen Verwerfungen, die das mit sich bringt, muss man eben in Kauf nehmen?
Djerassi: Ich weiß, viele Leute glauben, dass alle diese Tendenzen die traditionelle Familie abwerten und zerstören. Ich aber begegne den abschreckenden Schöne-Neue-Welt-Szenarien mit dem Gegenargument: Die im Labor entstandenen Kinder sind stets gewünscht: Sie werden deshalb mehr geliebt als natürlich gezeugte Kinder, was die Familie auch sehr stärken könnte.
SPIEGEL: Sind die Kritiker der neuen Fortpflanzungswelt also alles hoffnungslose Romantiker?
Djerassi: Vor allem sind sie Pessimisten. Und sie übersehen, wie schnell und grundlegend sich die Art unseres Zusammenlebens ständig verändert.
INTERVIEW: JÖRG BLECH, GERALD TRAUFETTER
*"Unbefleckt" in einer Inszenierung aus San Francisco (1999).
Von Jörg Blech und Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 4/2002
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