21.01.2002

Serie (3) | DAS EUROPA DES GEISTESVerschieden, doch versöhnt

Das finstere Mittelalter gilt als die Zeit von Kreuzzügen und Ketzerwahn. Doch Europa verdankt der von der Kirche dominierten Epoche auch die Neuentdeckung von Bildung und Wissenschaft, ja selbst von Recht und Freiheit. / VON RICHARD SCHRÖDER
In der Mitte zu stehen ist angenehm, mittelalterlich genannt zu werden nicht. Wie kam das Mittelalter zu seinem Namen? Aus dem überlegenen Rückblick. "Ad fontes", zurück zu den Quellen, hieß der Schlachtruf der Humanisten in der Renaissance. Sie pflegten das klassische Latein Ciceros und machten sich lustig über das Mönchslatein der "Dunkelmänner". Den mittelalterlichen Baustil nannten die Späteren verächtlich Gotik - nach den Goten, die 410 Rom geplündert hatten. Mittelalter, das war die finstere Zeit, die sich zwischen die herrliche Antike und ihre Wiedergeburt, die Renaissance, geschoben hatte.
Doch was wir heute als mittelalterlich verabscheuen, war meist jünger. Die Hexenverfolgungen hatten im 16. und 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt, ebenso die Religionskriege. Die großen Massenverbrennungen von Ketzern durch die spanische Inquisition gehören ins 16. Jahrhundert.
Andere Teile der Welt kennen gar überhaupt keine Epoche namens Mittelalter - weder China, noch Amerika, Afrika, Indien oder die islamischen Länder. Mittelalter, das gab es nur bei uns; deshalb ist es für uns interessant. Denn damals wurde Europa geboren, der Kulturraum des lateinischen Alphabets.
Wie hat sich diese Epoche selbst verstanden? Als finsteres Mittelalter ja bestimmt nicht. Aber wie dann? Ich sage: halb als Antike und halb als Renaissance.
Im Jahre 800 wurde Karl, König der Franken, in Rom vom Papst zum Kaiser gekrönt. Das war aufs Erste ein Anachronismus. Denn Kaiser, das heißt Caesar auf Griechisch. Vor über 300 Jahren war jedoch der letzte Teil der weströmischen Provinz Gallien gefallen. Was also soll das: Kaiser ohne Reich? Nun, es gab da noch eine letzte Institution aus römischen Zeiten, die den Völkersturm überstanden hatte, das Papsttum, den Bischof von Rom.
Indem er Karl zum Kaiser macht, verpflichtet er ihn zum Schutz Roms. Den hat die ruinierte Stadt bitter nötig. Also bloß ein eigennütziger Trick des Papstes mit einem leeren Titel? Keineswegs. Karl tritt bewusst die Erbschaft an. Das ist zugleich eine Provokation. Denn indem dieser Herrscher über Analphabeten, Ruinen und Wälder sich zu Caesars Nachfolger krönen lässt, fordert er Weltgeltung ein und Ebenbürtigkeit mit dem Kaiser von Ostrom, der nicht nur den Titel führt, sondern in einer intakten Spätantike lebt.
Das Reich, sagt Karl, sei nun an die Franken übergegangen und also erneuert. 162 Jahre später hat der deutsche König Otto I. das wiederholt. "Das Reich", das war eine Aufgabe, ein Anspruch, der erst noch einzulösen war: die Aneignung der lateinischen Kultur.
Kein Eroberer hat den Stammesgesellschaften nördlich der Alpen diese Kultur aufgedrängt. Sie haben sie sich in Freiheit erworben und deshalb wohl produktiv verwandeln können. So also fing das Mittelalter an.
Sein Ende fand es, als es seine Horizonte durchbrach: Europas Schiffe erkunden die Welt. Kolumbus will nach Indien und entdeckt aus Versehen Amerika. Vasco da Gama umsegelt Afrika, um nach Indien zu gelangen.
Und noch ein Datum markiert das Ende des Mittelalters: Luthers Thesen gegen den Ablasshandel von 1517 lösen die Reformation aus, die konfessionelle Einheit des Mittelalters zerbricht.
Wer hat die mittelalterliche Kultivierungsleistung zu Stande gebracht? Die romanischen und germanischen Völker - so die Legendenbildung im Zeitalter des Nationalismus. Unsinn. Zwar beginnt die Nationenbildung im Mittelalter durch das Entstehen von Königreichen wie Frankreich, England, Spanien oder Dänemark und Schweden. Doch was ist mit Polen, Böhmen, Ungarn? Die unterschlug die deutsche Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts lieber, denn Polen, einst ein Königreich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, war da schon aufgeteilt, Böhmen und Ungarn von Habsburg kassiert.
Und dass die Deutschen sich im 19. Jahrhundert ethnisch als Germanen definierten, war auch Blödsinn. Bis 1919 herrschte in Deutschland auch ein slawisches Fürstengeschlecht, die Mecklenburger Herzöge. Slawen siedelten im Mittelalter bis Regensburg und mainaufwärts - und im Wendland und östlich der Elbe ohnehin.
Deutsch ist nicht der Name einer Rasse, sondern einer Sprache. Und die konnte man schon immer lernen, egal woher man kam. Deutsch kommt von diot, das Volk, und bezeichnet die Volkssprache. Weil hier "das gemeine Volk" die romanischen Sprachen nicht verstand, redete es von den "Welschen", die Kauderwelsch sprechen. Weiter östlich geht es den Deutschsprachigen genauso. Sie werden Niemecki genannt: Die man nicht versteht.
Das alles spielte aber für Europas Eliten keine Rolle, denn die sprachen Latein, das nirgends mehr Volkssprache war. Sie
benutzten Latein nicht nur für hehre Zwecke der Religion, der Wissenschaft und der Urkunden, sondern auch für frisch-fröhliche bis frivole Lieder, wie die Carmina Burana belegen. Die mittelalterliche Kultur konnte interethnisch sein, weil sie lateinisch war.
Erst als zu den "romanisch-germanischen Völkern" um das Jahr 1000 die Polen und die Ungarn hinzukamen, sich der römischen Kirche zuwandten und Königreiche bildeten, waren die Völker beisammen, welche die mittelalterliche Kultur getragen haben. Alles wäre anders gekommen, wenn sich Böhmen, Polen oder Ungarn Byzanz angeschlossen hätten. Sie waren von dort umworben.
Die Vorstellung von ethnischen Kontinuitäten über Jahrhunderte, gar die von der Reinheit des Blutes, ist ein moderner Mythos. Diese halb sesshaften Stämme haben sich munter geteilt und vermischt und bekriegt und verbündet. Schwaben hat es bis nach Portugal verschlagen und die Vandalen nach Nordafrika. Sind die Bayern Germanen? Der Abstammung nach sind sie ebenso gut Kelten und die heutigen Sachsen mindestens zur Hälfte Slawen.
Das hat aber im Mittelalter nicht interessiert, denn da waren andere Unterschiede von Bedeutung: die der Religion und die des Standes. Adel heiratet Adel, egal welcher ethnischen Zugehörigkeit. Wer sich fragt, wie eine so strukturarme Landmasse ohne politische Zentralgewalt, ohne gemeinsame Verwaltung und ohne ein römisches Straßennetz ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln konnte, der muss auch die politischen Ehen quer durch Europa bedenken. Sie waren immer auch Kulturtransfer.
Da kam ja ein Gefolge mit, Ritter, Künstler, Handwerker. Und das ergab ein diplomatisches Beziehungsnetz. Als Otto II. die byzantinische Prinzessin Theophanu heiratete, brachte sie ein seltsames Ding mit, das man Orgel nannte. Es entstand eine gesamteuropäische höfische Kultur von zivilisierender Kraft, wie die Wörter Höflichkeit, Kavalier (Rit-
ter) und nobel (nobilitas, Adel) noch belegen.
Nein, ethnische Herkunft war im Mittelalter bedeutungslos. Zwar pflegte der Adel seine Genealogien, vorchristlich bis zu den Göttern, danach gern bis zu Homers Helden. Als die Karolinger, weil Christen geworden, sich nicht mehr auf Götter zurückführen konnten, erfanden sie als Ersatz: Dei gratia, von Gottes Gnaden.
Wer herrschen wollte, musste edler Herkunft sein - nicht aber die Beherrschten. Herrschaft war im Mittelalter nämlich Herrschaft über Personenverbände sowie über den Boden und jene, die darauf wohnten, nicht aber über Territorien und Nationen. Nicht Herkunft war das Band der Herrschaft, sondern Treue und Recht.
Finster erschien das Mittelalter aus dem Rückblick. Noch finsterer aber war sein Anfang. Denn Europa nördlich der Alpen um das Jahr 1000, das war viel Wald, wenige Siedlungen aus Holzhäusern, kaum Städte, viele Fluchtburgen (daher "Bürger"), keine Universitäten, fast nur Analphabeten. Nur die Juden, die seit römischen Zeiten im Westen Gemeinden hatten, konnten durchweg schreiben, lesen und rechnen und waren deshalb sehr begehrt - bis zum Beginn der Kreuzzüge.
Es gab jede Menge Warlords (Herzöge und Könige) und einen Kaiser (der deutsche König führte diesen Titel), der ständig auf Achse war, um sich durch Gegenwart Respekt zu verschaffen, und ständig im Streit lag mit inneren Gegnern und beutegierigen Fremdstämmen. Kurz: Es war der rückständigste Teil der Welt rund ums Mittelmeer, das damals enger verband als die beschwerlichen Landwege.
Es war der wilde Norden. Als Karl der Große das Aachener Münster bauen ließ, schlachtete er antike Ruinen Italiens aus, um zu Säulen und Kapitellen zu kommen. Technologisch, organisatorisch und wissenschaftlich (nicht unbedingt militärisch) waren Ostrom und Islam unseren hinterwäldlerischen Vorfahren damals haushoch überlegen. Sie hatten das antike Erbe präsent, von dem es östlich des Rheins gar nichts und westlich des Rheins vor allem Trümmer gab.
Dann aber passierte das mittelalterliche Wunder. Europa wurde ein Kontinent lernender Völker. Ausgelöst wurde dieser Lernprozess durch die christliche Kirche. Sie verbreitete das überlieferte Wissen der Antike und gab die Anleitung zu vernünftigem, praktischem Handeln im Alltag. Schließlich brachte die Kirche aber eine Welle von Grausamkeit und Gewalt über den Kontinent.
Doch in ihren Anfängen kam die neue Religion sanft über Europa - ganz gegen das gängige Mittelalter-Klischee von massenhaften Zwangstaufen. Im frühen Mittelalter gab es nämlich gar niemanden, der für solchen Zwang die Macht gehabt hätte, am allerwenigsten der Papst. Reguläre Zwangstaufen, also die Forderung "Taufe oder Tod", hat es selten gegeben.
Aber Formen des indirekten Zwangs, die Rechtfertigung der politischen Unterwerfung von Heiden, auch der Vertreibung von Heiden, das hat es sehr wohl gegeben, nicht aber einen Konsens über den Heidenkrieg. Denn mittelalterliche Grundüberzeugung war, dass die Taufe freiwillig sein muss.
Man unterschied zwischen Heiden, Juden und Ketzern. "Heiden durch Schicksal" sollten nicht verfolgt werden, war die überwiegende Meinung. Juden wurden religiös toleriert und durften nach eigenem Recht und eigenen Sitten leben (aber es fanden sich andere Verfolgungsvorwände). Häresie aber galt seit der Spätantike als strafbar, weil unterstellt wurde, dass Ketzer wissentlich und willentlich die erkannte Wahrheit verleugnen ("Heiden aus Schuld") - wie übrigens bis heute in der islamischen Welt der Abfall vom Islam als Verbrechen gilt.
Dass jede Gesellschaft eines Grundkonsenses bedarf, kann man nicht bestreiten. Dass dieser als gemeinsame Religion verstanden wird, ist weltgeschichtlich eher der Normalfall, dass Abweichler bekämpft werden auch. Das kann es auch unter atheistischem Vorzeichen geben, wie die Kommunisten bewiesen haben. Die stalinistischen "Säuberungen" waren ja nichts anderes als Ketzerverfolgungen. Aber ein Übel darf nicht das andere rechtfertigen.
Kurz bevor das Christentum Staatsreligion wurde, kam es zur ersten Hinrichtung wegen Irrlehre: 385 in Trier. Damals kündigten die Bischöfe Martin von Tours und Ambrosius von Mailand den am Verfahren beteiligten Bischöfen die Kirchengemeinschaft auf. Das änderte sich aber, je enger die Verbindung von Thron und Altar wurde. Augustin hat bereits staatliche Gewalt gegen Häretiker befürwortet, wenn auch nicht blutige. Erst im Hochmittelalter wurde der Kampf gegen Ketzer blutig.
Warum? Weil die Kirche eine europaweite hierarchisch organisierte Machtinstitution geworden war, die sich in ihrem Bestand bedroht sah, als die Katharer (Albigenser) in Südfrankreich eine eigene Kirche mit eigener Hierarchie bildeten. In den Albigenserkriegen (1209 bis 1229) wurden sie auf das Brutalste vernichtet. Das 4. Laterankonzil beschloss 1215, dass die Folter, die im römischen Recht vorgesehen, aber außer Gebrauch gekommen war, gegen Ketzer eingesetzt werden dürfe.
Der Verfolgungswahn der Ketzerjäger ist also erst in der Spätzeit des "finsteren" Mittelalters richtig in Schwung gekommen. In den ersten Jahrhunderten nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches ver-
breitete sich dagegen das Christentum tatsächlich weithin als eine "frohe Botschaft". Die germanischen Stämme haben sich zum Teil selbst missioniert, nachdem Bischof Wulfila bei den Goten war. Im keltischen Irland, das nie zum Römischen Reich gehört hat, entstand eine autochthone Mönchskirche mit Ausstrahlungen nach England und auf den Kontinent.
Die Geschichten vom "Heliand" Christ und seinen Mannen, den zwölf Aposteln, faszinierten, weil er kein wilder Kämpe war wie die Helden der nordischen Sagen. Der barmherzige Gott, der die Welt für uns Menschen geschaffen hat, gewann die Herzen leichter als die drohenden Götter der Stammesreligionen mit ihren blutigen Ritualen.
Wir dürfen uns solche Bekehrungen nicht als Resultate tiefer Gewissensentscheidungen Einzelner vorstellen, sondern als einen Herrschaftswechsel: sich einem freundlicheren Herrn unterstellen als den bisherigen Göttern. Und als Einbürgerung von Großfamilien und Stämmen in die bestehende christliche Welt, die Ebenbürtigkeit verschaffte und deshalb auch politisch interessant war. Wenn da jemand bei der Taufe das Vaterunser kannte, war das schon viel. Ehe das Christentum Volksreligion wurde, vergingen Jahrhunderte.
Im Römischen Reich war das Christentum eine Religion der hellenistischen Stadtkultur, deren Literatur (Patristik) sich intensiv mit dieser Welt auseinander setzte, die Philosophie inbegriffen. Das war höchst befremdlich für jene simplen Stammeskulturen jenseits des Limes. Aber nun trat eine Institution auf den Plan, die typisch war für die weströmische Christenheit: das Kloster.
Benedikt von Nursia legt mit seiner Regel den Grund für das abendländische Mönchtum. Er fordert neben Armut, Keuschheit, Gehorsam: "stabilitas loci" (Schluss mit dem Umherstreifen), "ora et labora" (Handarbeit als Askese - Schluss mit dem Betteln). Bald kam die Schreibarbeit dazu und die Klosterbibliothek, schließlich die Klosterschulen. Und die Klosterwirtschaft wurde für ganz Europa zum landwirtschaftlichen Lehrbetrieb. Es war nicht viel, was sich in den Klosterbibliotheken erhalten hatte, zunächst bloß das spätantike Abiturwissen, die artes liberales. Aber das genügte, um Appetit nach mehr auszulösen. Es war wohl ein Glücksfall der mittelalterlichen Welt, dass sie sich das antike Bildungsgut mühsam wieder beschaffen musste - wie in der DDR die wenigen Westbücher viel gründlicher gelesen wurden als im Westen, wo man immer alles lesen konnte.
In Byzanz verwaltete man die Schätze bloß. Und in den islamischen Ländern kam es im 13. Jahrhundert unter dem Druck der Orthodoxie zu einem Abbruch der Philosophie und der argumentierenden Theologie. Das Abendland dagegen hielt die Spannung von Glauben und Wissen, Theologie und Philosophie durch. Über Spanien wurden Aristoteles und die arabische Auslegungsliteratur bekannt, Westliteratur sozusagen.
Just in dieser Zeit entstand im christlichen Europa die originellste mittelalterliche Institution: die Universität. Bologna, Paris und Oxford sind die ältesten. Diese Lehrstätten ohne Vorbild in der Geschichte standen unter dem Schutz von Kaiser und Papst, waren so dem Zugriff der örtlichen Mächte entzogen und von Anfang an europäisch. Abschlüsse wurden wechselseitig anerkannt - das waren noch Zeiten! -, und in Paris waren einige Lehrstühle ausdrücklich Nichtfranzosen vorbehalten. Die Studenten kamen aus allen Ländern Europas und waren nach "Nationen" organisiert.
Völlig selbstverständlich bildeten die Gelehrten und ihre Schüler eine europäische Gemeinschaft, kreuzten quer durch den Kontinent und sorgten so für die Verbreitung des Wissens und für eine gemeinsame Kultur des Denkens und Fühlens. Thomas von Aquin, in Mittelitalien geboren, studierte in Neapel und Köln, lehrte in Paris und ging dann nach Neapel zurück. Sämtliche Theologen, Juristen, Ärzte der Siebenbürger Sachsen studierten an den europäischen Universitäten und mussten jeder mindestens ein Buch für die einheimischen Bibliotheken mitbringen.
Die Universitäten entprivilegieren das Wissen. Es ist weder einer Priesterkaste vorbehalten wie im alten Ägypten noch einer Beamtenkaste wie in China. Bald folgen in den Städten Bürgerschulen. Schule kommt vom griechischen scholé, Muße, weil bei den Griechen Bildung Sache der Muße war. Jetzt wird Bildung Arbeit. Studium heißt Eifer.
Über diese mittelalterliche Scholastik hat man viel gespottet, doch auf Umwegen wurde sie zu einer Grundlage modernen europäischen Denkens. Eine Aufklärung gab es nämlich nur dort, wo es zuvor eine Scholastik gegeben hatte, und deshalb weder im Islam noch im östlichen, orthodoxen Christentum. Russland leidet bis heute darunter und wurde wohl auch deshalb anfällig für eine versteinerte Marxismus-Orthodoxie, die im freien Europa keine Chance hatte.
Autoritätsgläubig soll die Scholastik gewesen sein. Irrtum. "Wir sind Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen, daher sehen wir mehr und weiter als sie", hat Bernhard von Chartres gesagt. Die Scholastiker wussten, dass die Alten mehr wussten als sie: Also erst einmal Lesung und Vorlesung, dann Kommentar.
Doch die Autoritäten widersprachen sich, man hatte zu viele, um autoritätsgläubig zu werden. Also musste man über sie zu Gericht sitzen, die Streitfragen (Quaestiones) entscheiden, natürlich mit Gründen - und so sah man mehr und weiter als sie. Der Ort des Streitgesprächs war die Disputatio: Vormittags verteidigen zwei qualifizierte Studenten gegeneinander These und Antithese und
führen ihre Autoritäten ins Feld. Nachmittags trägt der Magister die Entscheidung der Streitfrage vor.
Spitzfindig ist die Scholastik dabei allerdings geworden, denn das wichtigste Instrument zur Klärung von Streitfragen war die Distinctio, die Unterscheidung. Damit kann man es übertreiben, aber angemessen unterscheiden zu können ist bis heute die wichtigste Gabe bei der Entwirrung von Verwirrtem.
Und spitzfindige Fragen hat man allerdings diskutiert. Angeblich auch, ob Gott einen Kasten schaffen kann, von dem er nicht weiß, was drin ist. Das war gar nicht so dumm. Denn so kam die Frage auf den Punkt, wie sich Gottes Allwissenheit zu seiner Allmacht verhält.
Diese Spitzfindigkeiten sind Gedankenexperimente. Sie bereiten die experimentierende Naturwissenschaft vor, die der Neuzeit und mit ihren technischen Anwendungen auch der Moderne ihren Stempel aufgeprägt hat. Denn bei diesen Experimenten geht es ja nicht um reine Beobachtung, sondern um künstliche Erfahrung, die eine Hypothese überprüft.
Diese Art der offenen Erkenntnisgewinnung war einmalig auf der Welt - entstanden aus europäischem Geist und Voraussetzung für den Siegeszug des technisch überlegenen Europas im Rest der Welt. Dass der über diese Art der Eroberung nicht regelmäßig erfreut war, ist eine andere Sache.
Die Ursprünge dieses Herangehens an die Phänomene der Natur waren dennoch auch die Grundlage für eine neue Freiheit. Gedankenexperimente haben Freiräume des Denkens eröffnet. Ob Gott auch eine Welt schaffen könnte, in der sich die Erde um die Sonne dreht? Die Frage wird bejaht, denn diese Welt ist widerspruchsfrei denkbar. Man hat nicht daran gedacht, dass es tatsächlich so sei, aber Möglichkeiten auf Widerspruchsfreiheit überprüft.
Die größte philosophische Auseinandersetzung des Mittelalters war der Universalienstreit: Ob die Gattungen ursprünglicher sind als die Individuen oder umgekehrt (universalia ante rem, post rem, in re). Der siegende Nominalismus erklärt: Allgemeine Gattungsbegriffe sind nur Namen, die Welt aber besteht aus Individuen. Eines der Argumente: Gott liebt nicht den Menschen, sondern Einzelne wie Petrus oder Paulus.
Mit dieser scheinbar abstrakten Frage entscheidet sich eine Grundfrage des europäischen Menschenbildes: der Vorrang des Individuellen vor dem Allgemeinen. "Du bist nichts, dein Volk ist alles", gilt nicht.
Diesem Heilsindividualismus korrespondiert ein Verantwortungsindividualismus, der dem Wort Verantwortung erst seine heutige Bedeutung gegeben hat und der auch das Handeln der Politiker in der Demokratie bestimmen sollte. Christen erwarten wie Juden und Muslime das Jüngste Gericht. Die Darstellungen folgen Matthäus 25. Jesus erzählt: Wenn der Menschensohn richten wird, wird er die Böcke von den Schafen sondern. Den einen wird er sagen: Kommt her zu mir, denn ich bin durstig gewesen und ihr habt mich getränkt, ich war gefangen und ihr habt mich besucht. Wann denn?, fragen sie. Die Antwort: "Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan."
Daraus entwickelt das Mittelalter die Lehre von den sieben Werken der Barmherzigkeit und stellt ihnen die sieben Todsünden gegenüber. Sie prägen das christliche Ethos des Mittelalters. In der Hölle übrigens kann man auf solchen Bildern auch Päpste, Könige und Mönche sehen. Das hat gewiss kein Propagandaminister angeordnet.
Rationalisierung der Überlieferung hat die Scholastik betrieben. Doch zugleich passierte auch etwas ganz anderes, Irrationales: Das Christentum wurde heidnisch. Das krasseste Beispiel ist der Hexenglaube. Er ist weltweit verbreitet und derzeit zumal in Afrika grausig im Aufwind.
Die Kirche hat den Hexenglauben zunächst bekämpft. Der Canon Episcopi des Regino von Prüm (906) gebot, das Volk über die Nichtigkeit des Hexenwahns zu belehren. Denjenigen, die behaupten, durch die Luft fliegen zu können, sei zu erklären, dass sie das nur träumen. Denn es sei ein Irrtum und ein Abfall vom christlichen Glauben, anzunehmen, "dass es außer dem einen Gott noch etwas Göttliches und Übermenschliches gebe". Dieser Canon blieb auch in der Verfolgungszeit geltendes Kirchenrecht.
Im Hochmittelalter aber wird der Hexenglauben in die scholastische Theologie integriert, und zwar über die Dämonologie. Die Theorien von Teufelsbund und Teufelsbuhlschaft werden entwickelt und die Hexen als geheime Sekte gedeutet, welche die Christenheit verderben wolle. Damit wird das zuvor verschärfte Inventar der Ketzerverfolgung einschließlich der Folter auf Hexen anwendbar.
Die Hexenjagd steht in einer Reihe mit den christlichen Verfolgungen des Hochmittelalters. Sie beginnt mit den Kreuzzügen, als sei da eine Büchse der Pandora geöffnet worden: zuerst Juden, dann Ketzer, schließlich die Hexen.
Ausgelöst wurden die Kreuzzüge durch einen Aufruf des oströmischen Kaisers, der Hilfe gegen die vorrückenden Muslime und für die Befreiung des Heiligen Grabes in Jerusalem suchte. Wäre daraufhin ein Ritterkontingent nach Byzanz geschickt worden, wäre das wohl eine Episode geblieben. Aber es ging um das "Heilige Grab" im "Heiligen Land", dem Mekka der Christen, dem Ziel friedlicher Pilger, denen nun der Weg versperrt war.
Heiligkeit war für das Mittelalter nicht nur etwas Ethisches, sondern etwas Physisches, wie der Reliquienkult belegt. Palästina war eben nicht nur der ferne Ursprungsort des Christentums, sondern ein geheiligtes Land, nun von den Ungläubigen entweiht. Als Papst Urban II. 1095 auf dem Konzil zu Clermont die Ritter zur "Wallfahrt" nach Jerusalem aufruft, löst er damit wohl ungewollt eine Bewegung aus, die sich jeder vernünftigen Organisation und Kontrolle entzieht.
Eine ungeahnte religiöse Erregung, die sich mit Endzeiterwartungen verbindet, ergreift die Massen. Was als militärische Aktion gedacht war, wird zur Volksbewegung und führt prompt ins Desaster. Massen von unorganisierten und kaum ausgerüsteten Kreuzzüglern werden einfach niedergemacht. Und als 1099 Kreuzritter Jerusalem erobern, verfallen sie geradezu in einen Blutrausch.
Bald kam es auch nach mittelalterlichen Maßstäben zur Instrumentalisierung der Kreuzzugsidee. Da wurden Kreuzzugsheere nach Spanien umgeleitet, um unterwegs die Reconquista, die Rückeroberung der islamischen Landesteile, zu befördern - zum Leidwesen des spanischen Königs. Denn der wollte sein Herrschaftsgebiet um muslimische Städte und Steuerzahler erweitern, nicht um Ruinen und Leichen. Die Kreuzzügler aber schlugen alles kurz und klein.
Der Kreuzzugsgedanke hat den Gedanken der Wallfahrt und der Pilgerreise militarisiert und in Gestalt der Ritterorden das gewaltfreie christliche Mönchtum um eine militärische Variante erweitert - und beschädigt. Zunächst haben diese Ritterorden im Heiligen Land Hospitäler für Pilger unterhalten wie die Johanniter, später Malteser genannt. Doch bald kam der Kampf gegen die Heiden hinzu, ähnlich dem Dschihad im Islam und vielleicht eine Analogiebildung.
Der Kreuzzugsgedanke erwies sich als langlebig. Aber es gab in der Scholastik auch eine gegenläufige Tendenz. Im Anschluss an Cicero und Augustin hatte man die Lehre vom gerechten Krieg entwickelt, als Kriegsbegrenzungstheorie, indem sie die Kriegsberechtigung, die Kriegsgründe und -mittel dem Kriterium des Rechts unterwarf. Das war gerichtet gegen jenes archaische Kriegerethos, dem jeder Kampf gerade recht ist für Ehre, Ruhm und Beute.
Die spanische Spätscholastik hat nun das Verdienst, die Aporien dieser Lehre gründlich diskutiert zu haben: Wenn nun beide Seiten meinen, im Recht zu sein? Der niederländische Rechtsgelehrte Hugo Grotius (1583 bis 1645), Erbe dieser Tradition, zieht daraus die Konsequenz, den Krieg durch Regeln der Kriegführung zu begrenzen. Und daraus entwickelte sich das Völkerrecht, zunächst als Kriegsrecht zwischen den christlichen Staaten.
Da aber naturrechtlich argumentiert wird, also nicht nur für alle Christen, sondern für alle Menschen - Grotius sagt: "als wenn es Gott nicht geben würde" -, konnten diese Argumente auch auf Nichtchristen angewendet werden.
Gegen die schamlose Unterdrückung der Indios in Amerika argumentiert schon Las Casas vor Karl V.: Das sind doch auch Menschen. Die können doch auch Gründe für einen gerechten Krieg haben, wenn sie angegriffen werden. Ein Völkerrecht, das internationalen Rechtsfrieden schafft, diese Aufgabe wurde damals gestellt. Noch immer arbeiten wir daran.
Dieses verkannte Mittelalter leistete noch einen anderen Beitrag zur Zukunft einer europäischen Völkergemeinschaft: Auch die Freiheit des Bürgers hat hier ihre Anfänge, nicht erst in den Zeiten
der bürgerlichen Aufklärung und Revolution.
Die mittelalterliche Gesellschaft war eine Ständegesellschaft, in der die Geburt den gesellschaftlichen Ort definierte. Aber es gab zwei Ausnahmen: das Kloster und die Stadt, die zweite originale Schöpfung des Mittelalters. "Stadtluft macht frei": Ein entlaufener Höriger, der ein Jahr unbehelligt in einer Stadt weilte, war der Hörigkeit ledig.
"Freiheit" war kein Losungswort des Mittelalters, aber der Plural: "Freiheiten", lateinisch Privilegien. Grundherren und Bischöfe gründeten Städte, um Händler und Handwerker zu gewinnen und privilegierten sie. Auch die Errichtung von jüdischen Ghettos mit eigenem Recht war ursprünglich ein Privileg. In Verfolgungszeiten allerdings wurden sie zur Falle.
Noch größer war die Freiheit durch die Reichsunmittelbarkeit der Reichsstädte. Indem sie nur dem Kaiser unterstanden, waren sie frei gegenüber den Lokalherrschaften. Im mittelalterlichen Stadtbürger ist der Staatsbürger vorbereitet. Und mit den Städten holt das Mittelalter technologisch und künstlerisch mächtig auf. Die gotischen Kirchen sind mit ihren Gewölben auch statisch Wunderwerke ohne Vorbild. Die Bauhütten arbeiten international. Und diese Kirchen sind Gesamtkunstwerke.
Im Islam beschränkt das Bilderverbot die Kunst. Sie weicht ins Ornament aus. In Byzanz ist die religiöse Plastik untersagt und die Ikonografie der religiösen Bilder streng reglementiert. In Europa ist die Kunst von diesen Beschränkungen frei.
Freiheit war nicht durch Gesetze zur Gewaltenteilung garantiert, wie sie später Montesquieu forderte. Doch faktisch gab es die Trennung der Gewalten schon, in der Zweiteilung: die Hierarchie der Lehnsordnung und daneben die Städte und Städtebünde, die Hierarchie der Kirche und daneben die der bischöflichen Gewalt entzogenen Orden.
Und dann der Dualismus ganz oben: Kaiser und Papst. Die Bibel erzählt die Geschichte vom Zinsgroschen. Jesus wird gefragt, ob man dem römischen Kaiser Steuern zahlen soll. Das ist eine Falle. Sagt er Ja, ist er ein schlechter Jude, sagt er Nein, ist er ein Aufrührer gegen die Besatzungsmacht. Seine Antwort: Zeigt mir mal eine Münze. Wessen Abbild ist drauf? Das des Kaisers. Also: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist."
Dieser kleine Satz hat ungeheure Wirkung entfaltet. Er ist antiabsolutistisch: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen." Er ist aber auch eine Absage an die Theokratie. Und das unterscheidet die christliche Welt von der islamischen, in der eine entsprechende Unterscheidung nicht vorgegeben ist. Die Umma des Islams ist die Gemeinde im europäischen Doppelsinn des Wortes.
Zu Beginn des christlichen Europas stehen sich Sacerdotium und Imperium gegenüber, nicht als Kirche und Staat, sondern als zwei sakrale Mächte. Unter Karl und Otto I. dominiert das Imperium de facto. Die Päpste sind von ihm abhängig und Bischöfe seit Otto zugleich Reichsbeamte. In Ostrom übrigens und in Russland bleibt es bei der Vorherrschaft des Kaisers über die Kirche.
In Europa aber wendet sich die klösterliche Reformbewegung von Cluny im Namen der "Freiheit der Kirche" dagegen, dass weltliche Herrscher Bischöfe einsetzen. Es kommt zum großen Kampf zwischen Sacerdotium und Imperium im Investiturstreit.
Heinrich IV. muss den Canossagang (1077) antreten. Der Papst hat scheinbar gesiegt. Das ist der Griff nach der Theokratie.
Als aber Bonifaz VIII. mit dem französischen König Philipp IV. 1302 ebenso verfahren wollte, setzt dieser den Papst kurzerhand gefangen. Und als Papst Johannes XXII. 1323 den deutschen König Ludwig den Bayern absetzte, kümmerte sich niemand mehr darum. Im Gegenzug erklärt der Kurverein zu Rense 1338, dass jeder, den die Kurfürsten wählen, rechtmäßig König ist, auch ohne Zustimmung des Papstes.
Die königliche Macht wird mit der Volkssouveränität begründet, wobei das Volk durch die (nicht gewählten) Kurfürsten vertreten ist. Aber auch der königliche Absolutismus ist verhindert. Der deutsche König bleibt abhängig vom Reichstag, in dem hohe Geistlichkeit, Adel und Reichsstädte vertreten sind, ein Bundesrat sozusagen.
Die Lehrzeit der Völker Europas unter der Ägide der Kirche ist am Ende des Mittelalters vorbei. Eine die Völkergemeinschaft einende Führung unter dem Papsttum ist vollends zur Illusion geworden. Gewonnen sind neue Rechte und Freiheiten. So rudimentär sie noch erscheinen, wächst aus ihnen die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben. Doch bis es so weit ist, vergehen noch blutige Jahrhunderte in Europa.
Was bleibt vom Mittelalter? Dass es europäischer war als das 19. und 20. Jahrhundert. Dass es eine Europa-Idee geprägt hat, die weiter trägt: Concordia discors oder Discordia concors, versöhnte Verschiedenheit. Dunkle Seiten hat es allerdings. Leider blieb es dem 20. Jahrhundert vorbehalten, diese in den Schatten zu stellen. Der Schlaf der Vernunft gebar Gespenster, wie sie Francisco Goya zeichnete. Aber es war auch das Mittelalter, das uns Maßstäbe geliefert hat, seine Skandale zu identifizieren.
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Die Klöster
* Im mittelitalienischen Monte Cassino betrieb der Prediger Benedikt von Nursia Anfang des sechsten Jahrhunderts für seine Anhänger eine "Schule, in der man dem Herrn dient" - durch "Beten und Arbeiten". Benedikts Gründung war eines der ersten bedeutenden Klöster in Europa, sein Motto "ora et labora" der Schlüsselbegriff für die wichtigsten kulturellen Entwicklungen. Mönche schulten den Kirchennachwuchs, sie verfassten zeitgeschichtliche Chroniken und bauten Bibliotheken auf, die auch der weltlichen Allgemeinheit Wissen, Schrift und Sprache vermittelten. Als Gottesmänner kümmerten sich Ordensleute um die Wohlfahrt, und da sie meist auch Grundherren waren, trieben sie Gesellschaft, Ackerbau wie Handwerk voran. Klöster hielten vielfach sogar die örtliche Macht in Schranken, und sie bildeten über alle Ländergrenzen hinweg ein europäisches Netzwerk.
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PETRUS WALDES Der vermögende Ketzer - wahrscheinlich 1140 bis 1206
Der reiche Mann soll durch einen Bänkelsang bekehrt worden sein. Angerührt durch die Ballade vom frommen Alexius, der sein Vermögen verschenkte und unerkannt als Bettler starb, beschloss der Kaufherr aus Lyon, dem Heiligen nachzueifern. Als "Petrus Waldes" wurde er zur Legende einer Bewegung, ein Wohltäter und Aufrührer, der mit guten Werken die selbstgerechte Kirchenobrigkeit bloßstellte - der Erste in der langen Reihe europäischer Sozialrevolutionäre.
Waldes schickte planmäßig Volksevangelisten über Land, "Waldenser", die den Weg der Armut und die Erneuerung des christlichen Lebens propagierten. Den aufgeschreckten Klerus beschwichtigte er durch Lippenbekenntnisse zum Papst, doch seine Bußprediger ließ er unbeirrt weiter das neue Denken einfordern.
Als die Kirche die Waldenser schließlich exkommunizierte, war es zu spät: Im Untergrund verstärkten sie nur das neue Dissidententum, das von Südfrankreich aus in weiten Teilen Europas gegen Roms dekadente Kirchenautorität aufstand. Man nannte sie Ketzer - nach der militanten Katharersekte, die ihren reinen (griechisch: "katharos") Glauben im Namen führte. Es war der erste Massenaufstand gegen päpstliche Macht, und er begann mit blutigen Niederlagen. Als die Abtrünnigen eigene Bistümer gründeten, schlugen Staat und Kirche zurück. Gegen das Ketzerzentrum der Albigenser - im Umkreis der Stadt Albi - führte Frankreichs Krone von 1209 bis 1229 grausam Krieg. Die Bevölkerung ganzer Orte wurde ermordet, darunter sämtliche 20 000 Bewohner von Béziers: "Schlagt sie alle tot, der Herr erkennt die Seinen", feierte ein Zisterzienserabt namens Arnold den Pauschalmord, der Auftakt zur Inquisition wurde. Unter den Ketzern, die der Verfolgung entgingen, waren viele Waldenser. Ihre Nachfolger praktizieren die Armutsidee in Italien und Südamerika bis heute.
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Die Universitäten
* Sie waren eine Erfindung des Mittelalters - und die einzige, die bis heute nahezu in ihrer Originalform überdauerte. Universitas magistrorum et scholarium, so der Name einer der ersten, der im 12. Jahrhundert in Paris entstandenen Universität - das bedeutete zunächst nur "Gelehrten- und Studentenzunft": Die in der Fremde Studierenden schlossen sich zu Körperschaften zusammen, die eigene Rechte erhielten. Der päpstliche Kanzler in Paris (1213) und Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) für Bologna (1158) räumten den aus Dom- und Rechtsschulen hervorgegangenen Instituten Privilegien ein - der Anfang der bis heute geltenden Hochschulautonomie und Forschungsfreiheit. Damit die Scholaren nicht ins ferne Frankreich oder Italien reisen mussten, gründete Karl IV. 1348 in Prag die erste deutsche Universität.
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ERASMUS VON ROTTERDAM Der europäische Humanist - um 1466 bis 1536
Mit seinem Kampf gegen Machtmissbrauch und Dogmatismus der Kirche war er Mitstreiter Martin Luthers - dessen kleinmütige Leugnung des freien menschlichen Willens freilich führte zum Bruch zwischen den beiden Großreformatoren: Erasmus Desiderius aus Rotterdam zog gegen die geistige Gängelung viel radikaler zu Felde als der deutsche Kollege. Konsequenter als Luther attackierte er das Establishment seiner Zeit - ob Kaufleute, Kriegsherren oder Sorbonne-Professoren.
Erasmus trat für christliche Ethik ein, warb für Geistesfreiheit, für Frieden und den Anspruch auf Bildung. Eines seiner Plädoyers, Menschlichkeit über scholastische Begriffsspielerei zu setzen, überschrieb er - ironisch - mit "Lob der Torheit". So wurde er zum frühen Vorläufer der europäischen Aufklärung. Erasmus - der als illegitimer Priestersohn geboren wurde und eigentlich Geert Geerts hieß - war in ganz Europa zu Hause. Nach der Klosterausbildung in Holland studierte er in Paris, promovierte in Turin, lehrte in Cambridge. Seine kritische Bibeledition, auf eine große, selbst angelegte Handschriftensammlung gestützt und 1516 in griechischer Sprache veröffentlicht, wurde für 300 Jahre Standardgrundlage zur Auslegung des Neuen Testaments.
Durch philosophische Werke über Antike, Theologie und Humanismus bekam der allseitig interessierte Niederländer mit dem später latinisierten Namen den Rang eines viel gefragten Bildungsfürsten. Mit dem englischen Philosophen Thomas Morus war er persönlich befreundet, Herrscher wie Heinrich VII. von England oder Kaiser Karl V. wetteiferten um seine Besuche am Hof.
Als Erasmus seine Lehrtätigkeit in Basel beendete und nach Deutschland wechselte, bot ihm sogar der Handelsmagnat Anton Fugger Aufenthalt in Augsburg an (vergebens, der Eingeladene zog, sechs Jahre lang, ein kaiserliches Domizil in Freiburg vor). Erasmus hielt den beginnenden Konfessionskonflikten die Humanismus-Traditionen des Altertums und des Mittelalters entgegen: Er war die zentrale Figur des kulturellen Europas im 16. Jahrhundert.
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Der Reichstag
* Um über Recht, Politik oder Frieden zu beraten, holten schon die Karolinger-Kaiser die Großen ihres Reiches zusammen - der "Hoftag" wurde um seine Meinung gebeten. Die hoch gestellten Ratgeber - Fürsten, Kleriker und Städtevertreter - entwickelten daraus freilich bald einen Mitwirkungsanspruch, den sie allmählich zum systematisch arbeitenden Kontrollapparat ausbauten. Das Gremium tagte reihum in den Reichsstädten und beschnitt die Alleinzuständigkeiten der Kaiser - die mussten jahrhundertelang die meisten ihrer Amtsgeschäfte vom Hoftag bewilligen lassen. Kurfürsten bestimmten ihre Nachfolger, Reichsstädte über die Finanzierung ihrer Vorhaben. Es kam sogar vor, dass die Versammlung Krieg beschloss, ohne den Kaiser zu fragen. Das Gremium der Mächtigen - seit dem 15. Jahrhundert "Reichstag" genannt - war die Vorform der parlamentarischen Regierungskontrolle in modernen europäischen Gesellschaften.
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DANTE ALIGHIERI Dichter und Politiker - 1265 bis 1321
Er wurde geächtet, verfolgt und zweimal zum Tode verurteilt; da er jahrelang untergetaucht war, verbrannten sie wenigstens seine Texte: Dante Alighieri hatte einen unnachsichtigen Gegner - die Kirche. Der Literat aus der Florentiner Künstlerszene, Freund von Musikern und Malern wie Casella und Giotto, eckte mit der Obrigkeit erstmals als junger Kommunalpolitiker an: In seinen Schriften stritt er für eine scharfe Trennung von Kirche und Staat.
Als Ratsvertreter in Florenz kämpfte er in der Vatikan-kritischen Fraktion der Guelfen gegen den Einfluss Roms auf die Stadt - sogar die obligatorische Waffenhilfe wollten die Guelfen dem Papst verweigern. Die Opposition wurde 1302 aus Florenz verbannt, die Leitung in Abwesenheit verurteilt.
Mit seiner Beschwörung der antiken Römerkultur focht Dante gegen klerikale Übermacht und politische Auflösung. Damit wurde er auch über sein Land hinaus zur bedeutenden europäischen Figur. Sein thematisch breites Werk - philosophische Schriften, Liebesgedichte, Sprachtheorie - verfasste er an verschiedenen Exilorten. In den letzten sieben Lebensjahren, die der Flüchtling in Lucca und Ravenna verbrachte, schrieb er das wichtigste Werk der Renaissance, die "Göttliche Komödie". Das Großopus in 100 "Gesängen" und 14 230 Versen beschreibt die Wanderung Dantes durch die Reiche des Jenseits: Geleitet vom Dichter Vergil, disputiert er in den Stationen Hölle, Purgatorium und Paradies mit den Geistern berühmter Toter über Theologie, Philosophie und Staat. Die in toskanischer Mundart verfasste "Göttliche Komödie" gilt als eines der genialsten Dichtwerke seit der Antike. Schon die Zeitgenossen erkannten das - bereits 50 Jahre nach Dantes Tod gab es an der Universität Florenz einen Dante-Lehrstuhl.
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* Links: Sorbonne in Paris, Buchmalerei aus dem 15. Jahrhundert; oben: F. Murray Abraham in "Der Name der Rose" (1986). * Papst Urban II. auf dem Konzil von Clermont (Holzschnitt um 1480). * Links: Buchmalerei aus dem 15. Jahrhundert; rechts: Gemälde aus dem Museo de Arte in Lima. * Buchmalerei aus dem 15. Jahrhundert. * Oben: Weinmarkt in Brügge auf einem Monatsbild aus dem Kalender von Simon Bening (um 1530); unten: Klerus, Adel und Bauern in einem Initial in "Li Livres du Santé" (um 1300). * Stahlstich nach einem Gemälde von Pierre Révoil (um 1830). * Links: Holzstich nach einer Zeichnung von Félix Philippoteaux (1894); rechts: Ingrid Bergmann in "Joan of Arc" (1948).
Von Richard Schröder

DER SPIEGEL 4/2002
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