21.01.2002

LITERATURTraumhafter Trip

Der Titel trifft ins Zentrum. "Mitte" ist sicher der aufregendste Berlin-Roman der letzten Jahre. Gemeint ist jene Gegend um die Hackeschen Höfe, Berlin-Mitte, wo vor kurzem noch Häuser standen, die bis in die Grundmauern hinein von der Geschichte des letzten Jahrhunderts durchdrungen waren.
Dann kamen die Investoren, um mit den verbliebenen Bewohnern auch die Gespenster der Vergangenheit auszutreiben. "Mitte" meint also auch die große Baustelle, die den ganzen ehemaligen Osten umfasst, mit den aufgerissenen Straßen und den abgerissenen Häusern, meint die Spekulanten und Sanierer, die ausgeflippten Kiffer und ihre Dealer, die personellen Altlasten der Wende. Und die Leichen im Keller.
Denn, das lehrt uns dieser Roman, in den alten Gemäuern rumort das Vergangene weiter. Klinger, ein Medienmöppel, bekommt es zu spüren. Er hat am Hackeschen Markt in einem Abbruchhaus eine große, billige Wohnung bezogen, unter der Bedingung, die Einrichtung unangetastet zu lassen. Sein Vormieter, ein gewisser Igor, soll sich umgebracht haben. Auch wenn am Ende Klinger in einem nächtlichen Schauerstück Igors Totenschädel aus dessen Grab holt, die phantastische Realität dieses traumhaften Trips bleibt in der Schwebe, nicht zuletzt in der zwischen Stephen King und Alfred Döblin. Die Toten leben, die Lebenden schweben.
Norman Ohler, 1970 in Zweibrücken geboren, kam über eine Hamburger Journalistenschule und eine New Yorker Galerie nach Berlin. 1995 hat er den weltweit ersten Online-Roman, "Die Quotenmaschine", veröffentlicht. "Mitte" ist sein Meisterstück. Der Roman spielt mit der brutalen Wirklichkeit des abgewickelten Ostens ebenso wie mit den Versatzstücken einer Literaturgeschichte der Großstadt. Ohler hat den altehrwürdigen Expressionismus wieder an die Energiequellen der Gegenwart angeschlossen. Seine Sprache, nervös flirrend, zeichnet eine Geschichte nach, die in keiner Realität aufgeht und deshalb umso genauer die Wirklichkeit dieses Umbruchs trifft.
Norman Ohler: "Mitte". Rowohlt Berlin Verlag; 256 Seiten; 19,90 Euro.

DER SPIEGEL 4/2002
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LITERATUR:
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