27.02.1952

FRIEDENGerade in diesem Moment

Das Geiselgasteiger Kopierwerk muß Nachtschichten einlegen. Mit 60 Kopien schickt der Schorcht-Verleih am 29. Februar, demselben Tag, an dem der Super-Eisrevue-Film "Der bunte Traum" unter großer Reklame anläuft, den ersten Problem-Film der diesjährigen deutschen Filmproduktion zum Massenstart: Harald Brauns "Herz der Welt", einen Film um die Friedenskämpferin und Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner. Aber selbst die hohe Zahl von sechzig Kopien erwies sich schon vor der Uraufführung als ungenügend: Schorcht mußte weitere Kopien nachbestellen.
Dieses unerwartete Interesse für den Film um die "Friedensbertha" überraschte am stärksten seinen Schöpfer Harald Braun. "Man wird mich jetzt vielleicht für einen genialen Massenpsychologen halten, gerade in diesem Moment einen solchen Film herauszubringen. In Wirklichkeit kann ich gar nichts dafür."
Das stimmt. Noch während er im Spätsommer 1950 an seinem "Fallenden Stern" drehte, grübelte der "Nachtwache"-Regisseur und NDF - Produzent Harald Braun darüber nach, wie er sein theologisches Gewissen, das fünfte Gebot ("Du sollst nicht töten") und die gerade einsetzende Wiederbewaffnungs - Debatte filmisch unter einen Hut bringen könne.
Als er seinen Plan, die Verfilmung des Lebens und Wirkens der Bertha von Suttner, in internem Kreis entwickelte, sah er nur skeptische Gesichter. Die Finanzierung kam auch nicht recht voran, das Projekt schleppte sich hin, und die Neue Deutsche Filmgesellschaft beschloß endlich, statt des Friedensfilmes erst einmal ein publikumswirksames Lustspiel zu drehen.
Der also mehr aus Verlegenheit denn aus Ueberzeugung gedrehte Schwank "Fanfaren der Liebe" wurde aber ein Kassenrekordbrecher der Saison. Und die großen Gewinne der "Fanfaren" gaben der Produktion und ihrem Geldgeber, der Bayerischen Staatsbank, neuen Mut zu dem geplanten Problemfilm. Herbst 1951 konnte "Herz der Welt" endlich ins Atelier gehen.
Den verlorenen Monaten, der nur langsam überwundenen Skepsis verdankt es Harald Braun, daß sein Film im psychologisch günstigsten Moment, auf dem Höhepunkt der Debatte über die westdeutsche Aufrüstung, gestartet wird. Obwohl der Film jede Anspielung auf die Gegenwart, jeden Ausblick auf künftige Schrecken - wie sie die DEFA in den "Untertan" hineinschnitt - vermeidet, ist Bundeskanzler Adenauer sein bester, wenn auch höchst unfreiwilliger Werbetrommler.*).
Auch beim "Herz der Welt" hat sich Harald Braun seine philosophische Verdeutlichungssucht nicht verkneifen können. Er rückt die "Friedensbertha" in ein dramatisch wirksames, historisch nicht verbürgtes Figuren- und Konfliktdreieck mit dem Dynamit-Erfinder Alfred Nobel (Mathias Wieman) und dem Waffenzaren Basil Zaharoff (Werner Hinz). Er gibt Hilde Krahl mit der Möglichkeit, ihr Können in Breite und Intensität an fünfzig Jahren des Suttner-Lebens zu beweisen, ihre größte Chance seit dem "Postmeister".
Harald Braun ist diesmal auch nicht in den Fehler aus dem "Fallenden Stern" gefallen, seine Ideen durch konstruierte Filmpersönlichkeiten zu demonstrieren, sondern hat sich in der Suttner eine Persönlichkeit gesucht, die im Film seine Ideen glaubwürdig und unangreifbar vertreten kann. So begnügt er sich damit, die Wandlung des adligen Fräuleins von Kimsky zur Friedenskämpferin in sechs Episoden über fünf Jahrzehnte zu schildern. Sie lebte in einer Zeit, in der Pazifismus noch einen zumindest aufrüttelnden Sinn zu haben schien.
Die entscheidende Frage bleibt jedoch dem Publikum überlassen: ob "Herz der Welt" den Anti-Wehrwillen der westdeutschen Massen im Endeffekt stärkt oder schwächt. Denn Bertha von Suttner, geb. Gräfin von Kimsky, stirbt - in der Wirklichkeit und im Film - verlassen, belächelt und machtlos am Vorabend der Katastrophe, die sie verhindern wollte, am Vorabend des ersten Weltkrieges.
*) Der Bundeskarzler passiert täglich zweimal, auf der Fahrt von und nach Rhöndorf, den Bertha-von-Suttner-Platz in Bonn.

DER SPIEGEL 9/1952
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