05.03.1952

Hohlspiegel

IN ZIEGENHAIN (Hessen) wurden eine "Gemeinschaft deutscher Ritterkreuzträger" (GdR) und das "Hilfswerk Ritterkreuz" gegründet. Präsident Adolf Dickfeld, ehemaliger Kommodore des Jagdgeschwaders "Richthofen" und Träger des Ritterkreuzes mit Eichenlaub, gab das Leitmotiv: Ritterkreuzträger helfen sich selbst. Ein Fernziel, erklärte Dickfeld, sei die Erreichung eines Ehrensoldes für alle Ritterkreuzträger.
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BEI SEINEM EMPFANG in Ottawa (Kanada) hörten Journalisten Winston Churchill durch ein nicht abgestelltes Mikrofon vertrauliche Worte mit Premierminister St. Laurent wechseln. Jetzt erst sikkerte durch, was Churchill damals sagte: Truman sei ein Grammophon, das die Platten spiele, die seine Beamten auflegten. "Für die Welt wäre es entschieden besser gewesen, wenn er sich mehr mit der Kontrolle der Waschmaschinen in seinem Heimatort als mit Politik befaßt hätte."
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EIN LANDBÜRGERMEISTER in Franken verfaßte an das "hochverehrte Kreisjugendamt" in Weißenburg folgenden Brief: "Es mach sein, daß ich 1946 die Geburt dieses Kindes die Anmeldung an das Kreisjugend vergessen habe. Die Sache ist nicht nachteiliges. Der Vater oder Erzeuger dieses Kindes ist... Die beiden wohnen beisammen, sie essen beisammen, sie schlafen beisammen alles in Ordnung nur nicht verheiratet. Solche Fälle habe ich in der Gemeinde viele, Flüchtling und Bürger, die Sache ist Sport."
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IN DER TRAUERWOCHE für König Georg VI. übertrug die Britisch Broadcasting Corporation nur ernste Musik. Deshalb mußte aus Vaughan Williams Fünfter Symphonie das Scherzo herausgeschnitten werden.
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IN DIE TRÜBEN AUSBLICKE auf die bislang vergeblichen Bemühungen, die Arbeit der drei US-Wehrmachtsteile wirkungsvoll zu koordinieren, drang jetzt hoffnungerregendes Licht: der erste Teil des 1949 im Rahmen der Koordinierungsbestrebungen in Auftrag gegebenen Verkaufskatalogs aller von den drei Wehrmachtsteilen benutzten und benötigten Ausrüstungsgegenstände wurde termingemäß herausgebracht. Einige der 1 500 000 von Heer, Marine und Luftwaffe gebrauchten Gegenstände: 200 000 verschiedene Bauholzbearbeitungswerkzeuge; 12 000 Typen von Fenstervorhängen und Jalousien, etwa 800 Sorten von Schraubenziehern sowie Pferdeyeschirr und Kanonenkugeln aus dem Bürgerkrieg (1861-65). Kosten des Katalogs: bis jetzt 100 Millionen Dollar.
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TROTZ der steigenden Zahl von Autounfällen in Frankreich konnte sich die Akademie für Medizin bis jetzt noch nicht entschließen, grundsätzlich die Unfall-Blutprobe einzuführen. Akademie-Professor Piédelière räumte zwar ein, daß der Alkohol zu einem großen Prozentsatz an der hohen Unfallziffer schuld habe, eine gesetzlich angeordnete Blutprobe sei aber - juristisch gesehen - sinnlos, da jeder Franzose durchschnittlich einen Liter Wein am Tag konsumiert und ergo nie kraftfahren dürfe.
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OBWOHL das argentinische Parlament nach seiner Neuwahl erst nach dem 30. April zusammentritt, wird das Kongreßgebäude in Buenos Aires bereits von zahlreichen frischgebackenen Volksvertretern besucht, die sich "mit den Einrichtungen des Hauses vertraut machen wollen". Großen Zuspruchs erfreut sich der Parlamentsfriseur. Er bedient die Abgeordneten kostenlos.
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10 000 AUFRUFE zur Teilnahme an einer Hetz-Kundgebung gegen die Remilitarisierung verteilten Kommunisten im Fischereihafen von Bremerhaven. An der Protestkundgebung nahmen 20 Zuhörer teil. Es waren die Flugblattverteiler.
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DAS PROBLEM der "Ami-Bräute" im besonderen und der sittlichen Verwahrlosung vieler halbwüchsiger Mädchen im allgemeinen wurde von der Wiener Psychiatrischen Klinik eingehend untersucht. Das Fazit der Freud-psychologischen Reihenuntersuchung zweitausend jugendlicher Soldatenbräute: Der Vater ist meist arbeitsscheu, gewalttätig und trunksüchtig und hat seine Familie längst vergessen. Die Mädchen hängen zwar an ihrem Vater, verabscheuen ihn aber gleichzeitig, weil er seine Familie im Stich gelassen hat. Seelisch vereinsamt, werfen sie sich dem nächst greifbaren Mann an den Hals. Dieser "verdrängte Vaterkomplex" und nicht etwa die erotische Potenz der Besatzer sei die Ursache für die Ami-Anhänglichkeit der Mädchen.

DER SPIEGEL 10/1952
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