04.02.2002

OPERWirrwarr um neuen Puccini

Tote Tonsetzer hinterlassen gelegentlich unfertige Partituren und damit Stoff für Zoff. Kaum hatte der krebskranke Komponist Giacomo Puccini (1858 bis 1924) das Zeitliche gesegnet, entbrannte unter Musikologen und Interpreten Streit um "Turandot", seine letzte Oper. Von deren Schluss waren nur Skizzen überliefert, die Puccini-Freund Franco Alfano in einem vollfetten Schluss verbutterte; Note: mangelhaft. Trotzdem spielen die meisten Opernhäuser Alfanos Provisorium bis heute. Nun hat ausgerechnet Luciano Berio, 76, Italiens renommiertester Neutöner, im Auftrag des engagierten "Festival de Música de Canarias" für 50 000 Dollar in drei Monaten eine 59-seitige Neufassung der spätromantischen Unvollendeten vorgelegt und damit die internationale Opernszene neuerlich aufgemischt. Während die konzertante Uraufführung des einfühlsam vervollständigten dritten Akts im "Auditorio Alfredo Kraus" am Strand von Las Palmas unter Leitung des Amsterdamer Concertgebouw-Chefs Riccardo Chailly, 48, vorletzte Woche planmäßig verlief, droht um die szenische Erstgeburt ein globales Gerangel. Ursprünglich hatte der Dirigent Giuseppe Sinopoli das Stück an der Mailänder Scala herausbringen wollen; der Plan zerschlug sich durch Terminprobleme, der Maestro verstarb. Schon war die Oper Amsterdam guter Hoffnung, am 1. Juni 2002 mit der von Nikolaus Lehnhoff inszenierten und abermals von Chailly dirigierten Weltpremiere auf der Bühne auftrumpfen zu können, da drang, zur Verblüffung auch der Niederländer, seltsame Kunde aus den USA: Plötzlich kündigte die Los Angeles Opera mit ihrem Stardirigenten Kent Nagano und dem Regisseur Giancarlo del Monaco den 25. Mai als Welturaufführungstermin an - genau eine Woche vor Amsterdam. "Diese Chance", versicherte Edgar Baitzel, der künstlerische Verwaltungschef der kalifornischen Renommierbühne dem SPIEGEL, "ist uns geradezu in den Schoß gefallen"; die Oper in L. A. müsse dafür weder, wie verschiedentlich kolportiert, "irgendeine nennenswerte Summe außer den üblichen Rechten" zahlen, noch habe der allgegenwärtige Opernnarr Alberto Vilar "bei der Sache seine Hände im Spiel". Mag sein. Und doch spielt der steinreiche Mäzen auch bei Berio-Puccini wieder mit: Durch "seine großzügige finanzielle Unterstützung" können nun auch die Salzburger Festspiele für den 7. August 2002 zur "Turandot"-Gala laden (Dirigent: Walerij Gergijew; Inszenierung: David Pountney). Viel Lärm um einen Klacks: Puccinis "Turandot" dauert gut zwei Stunden, Berios Anteil daran 15 Minuten.

DER SPIEGEL 6/2002
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