09.02.2002

KARRIEREN„Wie in Sizilien“

Seit Jahren versucht der umstrittene Millionär Ulrich Marseille, die Politik für seine Geschäftsinteressen zu nutzen. Jetzt will er mit der rechtspopulistischen Schill-Partei Sachsen-Anhalt aufmischen.
Der Schlaks im Manager-Outfit blinzelte über den Brillenrand in den großen Saal des Hotels Kempinski in Halle. Hunderte Parteifreunde hatten sich erhoben, um dem Heilsbringer für Sachsen-Anhalt zu huldigen - als erstem Vorsitzenden des soeben gegründeten Landesverbandes der rechten Schill-Partei in Sachsen-Anhalt. Ulrich Marseille, millionenschwerer Klinik-Unternehmer aus Hamburg, musste glauben, dass diese Veranstaltung am 2. Februar nicht der Moment für falsche Bescheidenheit ist: "Ich kann mir gut vorstellen, Ministerpräsident zu werden."
Als "unternehmerische Lichtgestalt" pries Parteigründer Ronald Schill seinen Kompagnon, Marseilles "berufliches Wissen könne dem Land ebenso nützen wie seine breiten nationalen und internationalen Kontakte".
Kritiker spotten, es sei wohl eher andersherum gedacht: Das Land könne Marseilles beruflichen Zielen nützen. Sie verhöhnen ihn als "Westentaschen-Berlusconi", denn wie Italiens rechter Regierungschef predigt Marseille immer dann Recht und Gesetz, wenn es andere betrifft - wenn aber Vorschriften der Länder etwa für die Pflege von alten Menschen seinem Gewinnstreben entgegenstehen, werden diese gern ignoriert, was diverse Gerichtsurteile bestätigen. Immer wieder versucht Marseille zudem, Millionenbeträge aus eh arg strapazierten Landeskassen zu bekommen. Kritiker werden mit Prozessen überzogen - bisweilen mit Methoden, die den Staatsanwalt auf den Plan rufen.
"Wenn Marseille in der Politik Erfolg hat", schwant dem Magdeburger Caritas-Manager Hans-Georg Stockhausen, der den Klinik-Unternehmer schon zum Prozessgegner hatte, "dann drohen in Sachsen-Anhalt Verhältnisse wie in Sizilien."
Ein Erfolg der Schill-Partei, der nach Umfragen zumindest nicht ausgeschlossen ist, könnte Marseille ungemein helfen - aber der smarte Unternehmer pflegt auch Kontakte zu anderen Parteien. Über Jahre hat Marseille ein Geflecht aufgebaut, das über großzügige Parteispenden engmaschig gehalten wird.
Im Aufsichtsrat seiner Marseille-Kliniken AG sitzt der umtriebige Rechtsanwalt mit SPD-Parteibuch Peter Danckert, der über enge Kontakte in die Brandenburger Landesregierung verfügt. Zierde des Kontrollgremiums war bis Januar Norbert Blüm, Ex-Bundessozialminister. Als politischer Türöffner fungiert Hans-Hermann Tiedje, Ex-Chef von "Bild" und Berater von Altkanzler Helmut Kohl.
Marseille, ein Bonvivant mit Privat-Jet und einer prachtvollen Villa an der Hamburger Außenalster, begann ganz unscheinbar als Ulrich Hansel. Die Mutter starb früh, der Vater kam bei einem Autounfall ums Leben. Das Waisenkind wuchs bei Pflegeeltern auf, dem Ehepaar Marseille. Mit Pflegevater Theo stieg er 1984 ins Geschäft mit der Altenpflege ein.
Nach dem Fall der Mauer wurde aus dem Newcomer ein Konzernlenker. Reihenweise kaufte Hansel realsozialistische Alteneinrichtungen in Sachsen-Anhalt und Brandenburg und errichtete "Senioren-Wohnparks" und Rehakliniken. 1994 schließlich wandelte er sein Unternehmen in eine Aktiengesellschaft um.
Nun war Hansel, der sich mit über 40 von Ilse Marseille adoptieren ließ, nicht mehr zu bremsen. In seinem Expansionsdrang scherte er sich wenig um Vorgaben der Länder: Er sanierte und baute beispielsweise oft einfach drauflos, waren die Einrichtungen dann eröffnet, forderte er staatliche Subventionen - rückwirkend.
Doch weder die Behörden in Sachsen-Anhalt noch in Brandenburg wollten immer widerstandslos zahlen. Reihenweise überzog er sie also mit Klagen. Bis Ende der neunziger Jahre führte Marseille mehrere Dutzend gerichtliche Auseinandersetzungen.
Einer dieser Vorgänge hat das Aktenzeichen 11 C 1780/97 und kostete Stockhausen reichlich Nerven. Der Caritas-Manager kam Marseille mit einer eigenen Behinderteneinrichtung ins Gehege, die nach Behördenberechnung deutlich günstiger war als Marseilles Anlage. Als Stockhausen das Zahlenwerk öffentlich machte, klagte Marseille auf Unterlassung. Vergebens: Am 26. März 1997 wies das Amtsgericht Magdeburg die Klage in allen Punkten ab, da die Äußerungen des Beklagten "im wesentlichen richtig" waren.
Marseilles Gegenspieler werden schon mal Opfer unfeiner Methoden: Eine kleinen Vorgeschmack auf den Wahlkampf bekam Ende Januar Sachsen-Anhalts Sozialministerin Gerlinde Kuppe (SPD). Als die Politikerin den Marseilleschen Altenwohnpark in Tangerhütte besuchen wollte, wurde sie vom Niederlassungsleiter des Hauses verwiesen, weil der Heimbeirat die Sozialministerin zur "unerwünschten Person" erklärt hatte.
Auch die inzwischen verstorbene Potsdamer SPD-Sozialministerin Regine Hildebrandt sollte in einer regelrechten Kampagne mit Unterschriftenlisten und Rentnerdemonstrationen auf Marseillefreundlicheren Kurs getrimmt werden. Doch erst mit der CDU-Regierungsbeteiligung - den Unionswahlkampf sponserte Marseille mit 165 000 Mark - wendete sich das Blatt für Marseille auf wundersame Weise. Überraschend stimmte das Potsdamer Sozialministerium im vorigen März einem Vergleich zu, der Marseille 86 Millionen Mark frisches Kapital bescherte.
Der zuständige Beamte Gregor Kempkens, der das Schriftstück abgezeichnet hat, hat heute sein Auskommen in Hamburg - als Staatsrat in der von der Schill-Partei geführten Gesundheitsbehörde.
Mit dem ständigen Zukauf neuer Einrichtungen sowie seiner regen Bautätigkeit im Osten hatte Marseille seinen Konzern freilich bereits 1998 hart belastet. Die Eigenkapitalquote lag gerade mal bei 13 Prozent, für einen Konzern dieser Größe eine kritische Marge. Das Unternehmen stand mit rund 434 Millionen Mark bei den Banken in der Kreide. Marseille räumte den Posten des Vorstandschefs.
Doch auch mit seinem Rückzug aus der aktiven Geschäftspolitik blieb er als Mehrheitsaktionär der starke Mann im Konzern. Auch die Risiken blieben. Marseille hatte immer neue Firmen gegründet, von denen viele laut interner Unterlagen zu schlechten Geschäften wurden. Exemplarisch ist das frühere Tochterunternehmen SCS Standard Computersysteme, das Pflegeheime mit Software ausrüstet. Die Marseille-Kliniken AG lieh dem Unternehmen 8,5 Millionen Mark. Im Geschäftsjahr 2000/2001 schrieb sie davon rund sechs Millionen ab.
Als Fass ohne Boden sollte sich das private Immobilienengagement Marseilles herausstellen. Mitte der neunziger Jahre kaufte er 2700 Plattenbauwohnungen in Halle-Neustadt. Doch der 75-Millionen-Mark-Deal erwies sich als Fehlinvestition. DDR-Plattenbauten waren nicht mehr attraktiv, auch Marseille-Wohnungen standen weitgehend leer.
Der hemdsärmelige Geschäftsmann zog alle Register, um aus dem verlustbringenden Deal möglichst schadlos herauszukommen. Erst versuchte er, sich mit der Hallenser Wohnungsbaugesellschaft GWG außergerichtlich zu einigen. Die regierende CDU bekam Spenden von 40 000 Mark. Als die Einigung nicht zu Stande kam, verklagte der Prozess-Profi, der inzwischen eine neu gegründete "Mieter- und Bürgerliste" mit mehreren 100 000 Mark gesponsert hatte, die GWG auf 115 Millionen Mark Schadensersatz. Angeblich habe ihm die GWG Schabenbefall und Leerstand verschwiegen.
Im Streit mit der GWG, so Akten der Hallenser Staatsanwaltschaft, soll Marseille auch auf dubiose Methoden zurückgegriffen haben. So gab ein ehemals enger Vertrauter des Konzerngründers den Staatsanwälten zu Protokoll, Marseille habe sich damit gebrüstet, er lasse Zeugen mit anonymen Schreiben einschüchtern. In der Tat wurde vor Gericht ein Drohschreiben an einen ehemaligen GWG-Mitarbeiter angesprochen. Marseille bestritt, das Schreiben initiiert zu haben. Das Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen des Verdachts der Zeugenbeeinflussung wurde eingestellt. Marseille: "Da stand dann Aussage gegen Aussage." Im August 2000 wies das Oberlandesgericht Naumburg freilich auch Marseilles Klage ab.
Typisch Marseille ist auch ein anderes klotziges Projekt: Im Jahr 2000 durfte der Selfmademan im New Yorker Büro des Immobilientycoons Donald Trump einen Blick auf die Skyline werfen. Im Herzen Berlins wollte Marseille wenig später gemeinsam mit dem US-Milliardär den ersten Trump-Tower Deutschlands hochziehen. Marseille-Berater Tiedje hatte schon den großen Bahnhof bereitet: Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen sollte zur Vorstellung des Plans kommen, das Nobelhotel Adlon war fest für den Event gebucht. Nur der Gast aus den USA kam nicht.
Denn Trump hatte sich aus der Liaison mit dem Gernegroß aus der norddeutschen Provinz verabschiedet: Im März vorigen Jahres verließ Trump den Aufsichtsrat der Trump Deutschland AG. Geld hatte der US-Milliardär Marseille ohnehin nicht anvertraut. Das Grundkapital von 7,8 Millionen Mark hält die Marseille-Kliniken AG allein, wie der Geschäftsbericht ausweist.
Marseille wäre nicht Marseille, hätte nach dem Auszug nicht auch Trump mit einer Klage rechnen müssen. Vollmundig erklärte ein Marseille-Adlatus, man werde Trump und zwei Mitarbeiter wegen Verlassens des Aufsichtsrats auf rund 600 Millionen Mark verklagen. Die Klage hat die Marseille-Truppe inzwischen fallen gelassen. Und der Tower wird nicht in Berlin gebaut, sondern in Stuttgart. Wenn überhaupt. STEFAN BERG, WILFRIED VOIGT,
ANDREAS WASSERMANN, STEFFEN WINTER
Von Stefan Berg, Wilfried Voigt, Andreas Wassermann und Steffen Winter

DER SPIEGEL 7/2002
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